„Wir wollen einfach nur unser Land bewirtschaften. Wo liegt das Problem?“

Zerstörungen, Konfiszierung und Landwirtschaftsverbot im Jordantal

Zerstörter Wassertank nahe der Stadt Tubas; Foto © EAPPI
Zerstörter Wassertank nahe der Stadt Tubas; Foto © EAPPI

Als wir Mahyoub an diesem Tag in seinem Haus am Stadtrand von Tubas treffen, erzählt er uns, dass er eigentlich nicht in der Stimmung ist, zu seinen Gewächshäusern zu gehen. Es gibt kein Wasser. Er ist niedergeschlagen. Am Vortag wurden zwei Wasserspeicher nahe Tubas von den israelischen Behörden zerstört. Der eine war nach der letzten Zerstörung im Oktober wieder aufgebaut worden und in Betrieb, der andere war fast fertiggestellt. Bei letzterem handelte sich um ein gemeinsames Projekt der Hilfsorganisation Oxfam und dem Verband der Landwirte vor Ort, finanziert von SIDA, der staatlichen schwedischen Agentur für Internationale Entwicklungszusammenarbeit[1].

Im November berichtete ich bereits über Mahyoub[2], der aus der Hirtengemeinde Khirbet Samra weggezogen ist, um nicht mehr von Militär und Siedler*innen belästigt, schikaniert und eingeschüchtert zu werden. Nun wurde die Wasserversorgung zu seinen Gewächshäusern und damit seine Erwerbsgrundlage zerstört. Mahyoubs Familie ist eine von 200, die von den jüngsten Zerstörungen betroffen sind. Wir fahren mit ihm gemeinsam zum Ort des Geschehens und treffen dort auf weitere Landwirte, die sich das Ausmaß der Zerstörung ansehen. Die Männer wirken geschockt und sprachlos im Anbetracht der gewaltigen Schneise der Zerstörung, die der Bulldozer am Vortag zurückgelassen hat.

Nach der ersten Zerstörung im Oktober 2019; Foto © EAPPI (Cassie)
Nach der ersten Zerstörung im Oktober 2019; Foto © EAPPI (Cassie)

Die israelischen Behörden kamen am frühen Morgen und zerstörten zunächst den Wassertank, der bereits im Oktober an gleicher Stelle zerstört und wieder aufgebaut worden war. Die Zerstörung wurde von einem betroffenen Landwirt gefilmt. Er wurde daraufhin festgenommen und für die Zeit der Abrissarbeiten festgehalten. Dieser Wasserspeicher versorgte laut Oxfam die umliegenden palästinensischen Landwirte mit Wasser sowie fünf Hirtengemeinden mit Trinkwasser. Da die Wasserversorgung in dieser Gegend nicht ausreichend ist, startete Oxfam mit finanzieller Unterstützung von SIDA den Bau eines weiteren Wassertanks, der kurz vor der Fertigstellung war. Dieser Wassertank sollte 120 Hektar bewässern und über 200 Familien mit Wasser versorgen. Von der Zerstörung sind außerdem 30 Hirten sowie 14 landwirtschaftliche Betriebe betroffen. Fast alle Bewohner*innen der Stadt Tubas und der umliegenden Gemeinden leben von der Landwirtschaft. Da es kaum Industrie gibt, ist die Landwirtschaft für viele die einzige Erwerbsmöglichkeit.

Auch die Wasserleitungen wurden zerstört; Foto © EAPPI
Auch die Wasserleitungen wurden zerstört; Foto © EAPPI

Einer der Männer, die wir vor Ort antreffen, erzählt uns, dass die Menschen in Tubas und den umliegenden Dörfern viel Hoffnung in den Bau des neuen Wassertanks gesetzt haben. Sie hatten erwartet, günstiger Wasser erwerben zu können und eine zuverlässigere Versorgung zu erhalten, um ihre Felder bewässern zu können. Die internationale humanitäre Unterstützung von Oxfam und SIDA  hat zum Ziel, Armut zu verhindern bzw. zu lindern. Im Angesicht der Wassertanktrümmer fragt uns ein Mann, wie ein Wassertank dem israelischen Staat schaden könne? Wie es möglich sei, dass ein Wassertank, der durch internationale humanitäre Hilfe finanziert wurde, von Soldat*innen, die mit Waffen und schweren Maschinen kamen, zerstört wird. Uns wird berichtet, dass etwa 30 Soldat*innen vor Ort waren, sowie drei Militärjeeps, zwei Jeeps der Zivilverwaltung und zwei Bulldozer. Sie erklärten das Gelände zur militärischen Sperrzone und verweigerten den Zutritt. Vertreter der Gemeinde fragten, ob sie Zeit bekämen, den Wassertank selbst abzubauen. Sie wollten das wertvolle Baummaterial retten. Dies wurde ihnen jedoch verwehrt. Uns wird auch berichtet, dass die betroffenen Landwirte nach Erhalt der Abrissanordnung juristische Schritte eingeleitet hatten.  Das Gericht hatte noch keine Entscheidung in diesem Fall getroffen. Nach dem Abriss der Wassertanks machten sich die israelischen Behörden auf den Weg nach Ras Al Ahmer und konfiszierten dort einen Traktor.

In den letzten Wochen hat sich die Lage für die Menschen, die im Jordantal von der Landwirtschaft leben, enorm zugespitzt. Wir dokumentieren wöchentlich Traktorbeschlagnahmen, Festnahmen von Traktorfahrern sowie die Kappung der Wasserversorgung und die Einschüchterungen der Bevölkerung. So berichtete uns beispielsweise die Hirtin Reema, dass sechs Soldat*innen am Abend eine Razzia auf ihrem Gelände, im Schafstall und in ihren Wohnzelten durchführten. Sie durfte während der Razzia nicht zu ihren Kindern in das Wohnzelt und musste mit ihrem einjährigen erkrankten Kleinkind in der Kälte ausharren. Die Soldat*innen prüften, ob der Traktor kürzlich benutzt wurde, wollten die Papiere sehen und teilten Reema mit, dass es ihr und ihrem Mann nicht erlaubt sei, ihre Felder, die sich direkt vor ihren Wohnzelten befinden, zu bewirtschaften.

Land- und Viehwirtschaft unter erschwerten Bedingungen: Aufgrund des israelischen Restriktionen hinsichtlich des Zugangs zu Wasser müssen die palästinensischen Bauern im Jordantal Wasser zu stark erhöhten Preisen über Tankwagen beziehen; Foto © EAPPI (Cassie)
Land- und Viehwirtschaft unter erschwerten Bedingungen: Aufgrund des israelischen Restriktionen hinsichtlich des Zugangs zu Wasser müssen die palästinensischen Bauern im Jordantal Wasser zu stark erhöhten Preisen über Tankwagen beziehen; Foto © EAPPI (Cassie)

Im Dorf Al Aqaba, wo Anfang des Jahres fünf Traktoren konfisziert wurden, fasst einer der Landwirte die Situation so zusammen: „Wir sind hier, um unsere Felder zu bestellen, nicht, um in den Krieg zu ziehen. Wir sind keine Kriminellen, wir sind einfache Bauern. Seit letztem Jahr hat sich unsere Situation massiv verschlechtert, es wird viel mehr Druck auf uns ausgeübt. Vorher war es auch schon schwierig, hier zu leben, aber wenigstens konnten wir noch unser Land bearbeiten. Wir brauchen viel mehr internationalen Druck, um diese Situation zu beenden.“

Inzwischen hat es im Jordantal zu regnen begonnen. Es ist für die Landwirte die Zeit, ihre Felder zu bestellen. Wenn ihnen das verwehrt wird, werden sie im Sommer nichts ernten können.

Friederike, im Januar 2020

Ich nehme für pax christi – Deutsche Sektion am Ökumenischen Begleitprogramm in Palästina und Israel (EAPPI) des Ökumenischen Rates der Kirchen teil. Diese Stellungnahme gibt nur meine persönlichen Ansichten wieder, die nicht unbedingt die von Pax Christi oder des Ökumenischen Rates der Kirchen sind.

[1] https://www.oxfam.org/en/press-releases/oxfams-reaction-israeli-forces-destroying-palestinian-water-reservoir

[2] http://www.eappi-netzwerk.de/lebensrealitaeten-jordantal/

Strukturelle und physische Gewalt im Jordantal

Die Schafe blöken laut und aufgeregt, die Hühner gackern, der Hahn kräht. Es ist heiß, der Kaffee in dem kleinen Becher in meiner Hand ist sehr stark. Heute empfinde ich die Geräusche der Tiere nicht als idyllisch. Es ist laut. Es mutet fast an, als ob die Tiere versuchen würden, ihren Hirten übertönen zu wollen. Heute sind wir im Jordantal unterwegs, um Übergriffe von Siedlern zu dokumentieren, die sich in der letzten Woche ereignet hatten, während wir uns auf unserem Zwischenseminar befanden.

Eine Gruppe Siedler bedrängt Schäfer und Schafe im Jordantal; Foto © EAPPI
Eine Gruppe Siedler bedrängt Schäfer und Schafe im Jordantal; Foto © EAPPI

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Lebensrealitäten zwischen Bergidylle, Siedlungen und Militärtrainings – Von der Standhaftigkeit der Menschen im Jordantal

Es ist heiß, trocken, die Schafe, Ziegen und der Esel mampfen bedächtig trockene Grashalme. Auf den wenigen schattigen Plätzen haben sich die Hütehunde ausgestreckt und faulenzen. Mein Blick schweift in die Ferne. Eine faszinierende Hügellandschaft erstreckt sich vor mir. Weite, Steinwüste, grüne Tupfer hier und dort: Das Jordantal.

Plötzlich beginnen die Schafe wie wild zu blöken und versammeln sich. Ein Zicklein wurde soeben geboren. Der Hirte Fawzi ist verwundert. Er hat es noch nie erlebt, dass sich alle Tiere bei einer Geburt versammeln. Dieses Zicklein scheint etwas Besonderes auszustrahlen.

EAs begleiten einen Schäfer und seine Herde im Jordantal; Foto © EAPPI
EAs begleiten einen Schäfer und seine Herde im Jordantal; Foto © EAPPI

Langsam beruhigen sich die Schafe und Ziegen wieder und wenden sich der Suche nach etwas Essbarem zu. Das Zicklein macht seine ersten Aufsteh- und Gehversuche. Die Szenerie wirkt friedlich- doch die Idylle täuscht: In der Ferne donnern Schiessgeräusche. Wir sind in allen Richtungen von Militärzonen, einer Siedlung sowie zwei Siedlungsaußenposten umgeben. Lebensrealitäten zwischen Bergidylle, Siedlungen und Militärtrainings – Von der Standhaftigkeit der Menschen im Jordantal weiterlesen

Demolition

Eine unserer Aufgaben während des Einsatzes ist die Dokumentation von Menschenrechtsverstößen. Wenn wir nicht gerade zufällig vor Ort sind, sind wir auf Anrufe Betroffener angewiesen. Viele solcher Vorfälle während meines Einsatzes hatten mit Übergriffen von Siedlern zu tun, doch einmal wurden wir auch zu einer Demolition, einer Hauszerstörung gerufen.

Das Fundament ist alles, was an die zerstörten und konfiszierten Gebäude in Qusra erinnert. Foto © EAPPI
Das Fundament ist alles, was an die zerstörten und konfiszierten Gebäude in Qusra erinnert. Foto © EAPPI

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Keine besonderen Zwischenfälle – nur Machtgefälle

Die  Provinzstadt Qalqiliya liegt im Nordwesten der Westbank direkt an der sogenannten Grünen Linie, der international anerkannten Grenze nach Israel, und wird von der in dieser Region wie wild mäandernden Mauer nahezu komplett eingeschlossen. Irgendeine ökonomische Entwicklung in diesem durch die Mauer zur Enklave mutierten Ort ist kaum möglich.

Karte UNOCHA / Humanitarian Atlas 2019; die landwirtschaftlichen Tore in der Trennbarriere sind mit grünen Kreuzen markiert, die palästi-nensischen Orte braun und die Siedlungen lila dargestellt.
Karte UNOCHA / Humanitarian Atlas 2019; die landwirtschaftlichen Tore in der Trennbarriere sind mit grünen Kreuzen markiert, die palästi-nensischen Orte braun und die Siedlungen lila dargestellt.

Eine der besonderen Aufgaben des EAPPI-Teams ist hier das „monitoring der agricultural gates.“ Diese landwirtschaftlichen Tore in der Mauer – die hier in den ländlichen Gebieten als Sicherheitszaun mit Patrouillenstraße und Graben ausgebaut ist – wurden eingerichtet, weil sich viele der Äcker, Gewächshäuser oder Olivenhaine der Bauern hiesiger palästinensischer Dörfer nach dem Mauerbau auf der anderen, von Israel vereinnahmten Seite befinden. Keine besonderen Zwischenfälle – nur Machtgefälle weiterlesen

Das Gewächshaus von An-Nahla

Gelebter Widerstand gegen Verdrängung und Siedlungsausbau

Es hat geregnet in der vergangenen Nacht, aber jetzt herrscht ein strahlend blauer Himmel. Die frühen Sonnenstrahlen lassen auf den Hängen der Judäischen Berge südlich von Bethlehem das üppige Grün der Vegetation glitzern. In wenigen Wochen wird wieder karges Braun die steinigen Höhen dominieren. Wir sind auf dem Weg zu Abu Ahmad in Khirbet An Nahla[1]. Nachdem wir das Dorf durchfahren haben, gräbt sich der Jeep die letzten Kilometer auf dem verschlammten Feldweg langsam und schlingernd seinen Weg; auf den Hügeln ringsum schmucke Häuschen mit roten Ziegeldächern und moderne, weiß getünchte Mietblocks – die jüdischen Siedlungen: Efrat, Givat Hadagan, Neve Daniel. Ein Fußpfad führt uns die letzten Meter am Rande eines Feldes zu dem in einem Bergsattel gelegenen Gewächshaus, nicht weit dahinter auf der felsigen Hügelkuppe sind ein aus Brettern gezimmerter wachturmähnlicher Verschlag, ein Wohncontainer, ein paar Bretterhütten, ein Bulldozer und viele israelische Flaggen zu sehen: Der outpost (Außenposten) Givat Eitam[2].

Abu Ahmads Gewächshaus, auf dem Hügel der Außenposten Givat Eitam; Foto © EAPPI
Abu Ahmads Gewächshaus, auf dem Hügel der Außenposten Givat Eitam; Foto © EAPPI

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„Der letzte Tag der Besatzung ist der erste Tag des Friedens“

An einem kühlen Novemberabend sitzen wir zusammen mit dem Dorfvorsteher Rashed und seiner Familie um ein knisterndes, wärmendes Feuer. Der obere Teil des kleinen Ortes Yanoun liegt beschaulich in einem Tal nahe Nablus. Olivenhaine, Schafweiden und Felder prägen das hügelige Landschaftsbild, die nächste größere Ortschaft ist 5 Kilometer entfernt. Als es dunkel wird gehen auf dem gegenüberliegenden Hügel die Scheinwerfer an, die für den Rest der Nacht auf Yanoun gerichtet sein werden. „Der letzte Tag der Besatzung ist der erste Tag des Friedens“ weiterlesen

Die letzten Schäfer des Jordantals

Hayell Mahmoud in seinem Zuhause in Humsa; © EAPPI
Hayell Mahmoud in seinem Zuhause in Humsa; © EAPPI

Bereits am zweiten Tag meines Einsatzes als Ökumenische Begleiterin für das EAPPI-Programm des Weltkirchenrats lerne ich „Tornado“ kennen. Wir haben den Schäfer in der Gemeinde Humsa im Jordantal besucht, wo er seit 45 Jahren lebt. „Tornado“ heißt eigentlich Hayell Mahmoud, aber weil er so lebhaft ist wird er von allen als Wirbelwind bezeichnet. Ich treffe einen unglaublich freundlichen Mann, der unablässig lächelt und lacht. Und das, obwohl seine Lebensumstände und die seiner Familie alles andere als einfach sind.

Hayell Mahmoud ist 73 Jahre alt, hat zwölf Kinder und unzählige Enkelkinder. Seine Familie hat über Jahrzehnte die Auswirkungen der Besatzung auf unterschiedliche Art und Weise selbst erleben müssen. Für seine Familie hat Mahmoud auf seinem Land in Humsa vor über 20 Jahren  ein Haus gebaut und war seit dem wiederkehrenden Hauszerstörungen ausgesetzt. Die letzten Schäfer des Jordantals weiterlesen

Keine leichte Ernte

Frisch geerntete Oliven in Yanoun; © EAPPI
Frisch geerntete Oliven in Yanoun; © EAPPI

Die letzten Wochen waren an vielen Orten in unserer Umgebung von der Olivenernte geprägt. Schon in meinen ersten Tagen hier sind mir bei unseren Fahrten in der Gegend die zahlreichen Olivenbäume aufgefallen, die für viele palästinensische Familien eine besondere Bedeutung haben und eine wichtige Einkommensquelle darstellen. Laut einem aktuellen Bericht von UNOCHA-OPT[1] werden etwa 10 Millionen Olivenbäume in Palästina bewirtschaftet. Leider ist die Zeit der Olivenernte auch eine Zeit, in der die Auswirkungen der Besatzung besonders sichtbar werden, zum Beispiel in Form von Zugangsbeschränkungen oder gewaltsamen Übergriffen. Auch in diesem Jahr ist die Ernte für die Menschen hier nicht immer leicht. Keine leichte Ernte weiterlesen

Mit Schafen und Ziegen unterwegs

Burhan mit Esel und Hütehund, auf dem Hügel im Hintergrund die Siedlung Chemdat; Foto © EAPPI
Burhan mit Esel und Hütehund, auf dem Hügel im Hintergrund die Siedlung Chemdat; Foto © EAPPI

Während unseres Aufenthaltes im Rahmen des EAPPI – Programms können wir auch Teams in anderen Placements besuchen. So habe ich Mitte Oktober das Team in Jericho besucht. Inzwischen kenne ich mich ein bisschen aus: wo kommt mein Minibus von Tulkarem in Ramallah an und wo fährt der Minibus nach Jericho ab. Die Verständigung funktioniert mit ein paar arabischen Wörtern und Körpersprache. Mit Schafen und Ziegen unterwegs weiterlesen