Bleiben – auch wenn ein normales Leben unmöglich gemacht wird

Seam zone im äußersten Süden der Westbank mit dem palästinensischen Dorf A Seefer und den israelischen Siedlungen Metzadot Yehuda und Nof Nesher sowie dem Beit Yatir Checkpoint; Karte © UNOCHA-OPT, Ausschnitt aus „West Bank Access Restrictions June 2020“

Wir besuchen die Familie von Ahmed* und Yasmin*. Sie leben mit ihren Kindern in dem kleinen Dorf A Seefer, das von der Siedlung Metzadot Yehuda und dem Außenposten Nof Nesher umgeben ist.

A Seefer und die Siedlungen liegen in der sogenannten seam zone[1], dem Teil der Westbank, der zwischen der sogenannten Grünen Linie (der Waffenstillstandslinie von 1949) und der seit 2002 in Bau befindlichen israelischen Sperranlage liegt, die zu etwa 65% fertiggestellt ist. Die Sperranlage verläuft zu etwa 85% auf palästinensischem Gebiet, weshalb nach UN-Angaben heute etwa 11.000 Palästinenser:innen in der seam zone leben[2], dafür jedoch spezielle Genehmigungen benötigen. Palästinenser:innen aus weiteren 150 Gemeinden besitzen Land in der seam zone, das sie, wenn überhaupt, nur noch eingeschränkt und nur mit gültigem Passierschein erreichen können.[3]

Der Internationale Gerichtshof hat in einem Gutachten 2004 erklärt, dass Israel das Recht und die Pflicht habe, seine Bevölkerung zu schützen, dass jedoch jener Teil der Sperranlage, der – abweichend von der Grünen Linie – innerhalb der Westbank gebaut wurde, gegen internationales Recht verstoße und die Sperranlage dort abgebaut werden solle.[4]

Ahmed berichtet uns von der allgemein sehr schwierigen Lebenssituation in der seam zone: Immer, wenn er die seam zone verlässt, um in einen anderen Teil der Westbank zu gelangen, muss er bei seiner Rückkehr diese Prozedur am Checkpoint durchlaufen: Ausweis zeigen, Taschen durchsuchen lassen, Körperscan, Kleidungsstücke wie Jacke, Gürtel, Schuhe ausziehen. Es ist, als würde er aus der Westbank nach Israel einreisen wollen, dabei ist es der Weg von einem Teil der Westbank in einen anderen. Die Empörung ist ihm deutlich anzusehen, als er die Absurdität deutlich macht: „Wenn ich die seam zone verlasse und in Sichtweite der Soldaten stehenbleibe und wieder hinein möchte, muss ich dieselbe Prozedur über mich ergehen lassen.“ Als ich ihm zuhöre bekomme ich das Gefühl, dass es nicht nur um die Prozedur an sich geht, sondern um die ständige Wiederholung und die damit verknüpfte permanente Unterstellung, eine Gefahr darzustellen. Das ist zermürbend.

Zeugin struktureller Ungerechtigkeit und Repressalien in der seam zone wurde ich auch schon vor drei Jahren. Damals hatte ich die Familie von Anas* in A Seefer besucht. Auch Anas hatte uns von den Problemen in der seam zone erzählt: Den fehlenden Baugenehmigungen; den Problemen der Kinder, sicher zur Schule zu gelangen; der Isolation der Dorfbewohner:innen von Verwandten und Freunden, die in der übrigen Westbank leben, dem Verbot, größere Mengen Futter für seine Schafe in die seam zone zu transportieren.

Palästinensische Gemeinden in der seam zone. A Seefer ist mit der Nummer 19 markiert; © UNOCHA-OPT https://www.ochaopt.org/content/16-years-after-international-court-justice-advisory-opinion-some-11000-palestinians-are

Letzteres war mir besonders in Erinnerung geblieben: Anas erzählte uns damals, dass ursprünglich geplant war, die Sperranlage vom Checkpoint aus auch durch die Wüste weiterzubauen. Aber es habe Bedenken von Umweltschutzgruppen und dem Umweltministerium gegeben, u. a. weil Tiere durch den Bau der Sperranlage Schwierigkeiten bekommen hätten, ihre Wasserstellen zu erreichen. Ob dies der entscheidende Grund war oder es andere Gründe gab, jedenfalls wurde der Bau der Sperranlage hinter dem Beit Yatir Checkpoint bisher nicht fortgesetzt. Eine Erleichterung bringt dies den Menschen aus A Seefer jedoch nicht, denn sie dürfen die seam zone nur über den Checkpoint betreten und verlassen, nicht etwa über die Berge gehen oder fahren, wo die Sperranlage nicht gebaut wurde. Im Gegensatz dazu sind die Siedler:innen, die in der unmittelbaren Nachbarschaft von A Seefer leben, kaum bis gar nicht in ihrer Bewegungsfreiheit eingeschränkt: Am südlichen Ende der seam zone, wo die Grüne Linie verläuft, gibt es keinerlei physische Barriere zum Staatsgebiet Israels. Die Siedler:innen können ohne jegliche Beschränkung zwischen Israel und der seam zone pendeln, die Palästinenser:innen aus A Seefer dürfen trotz der Prozedur am Checkpoint nicht nach Israel weiterreisen. Und auch den Checkpoint in die Westbank überqueren die Siedler:innen ganz offensichtlich ohne große Verzögerungen.

Das Grundstück von Anas grenzt unmittelbar an die Siedlung; © WCC-EAPPI/Christiane

Als ich jetzt erneut Anas treffe, berichtet er uns, dass zwei seiner Töchter geheiratet haben und in Yatta leben. Beide haben keine Genehmigung bekommen, ihre Familie in der seam zone zu besuchen. Anas sagt, er sei müde von all den Repressalien. Alle vier Jahre muss die Genehmigung, die er seit dem Bau der Sperranlage braucht, um auf seinem Land zu leben, erneuert werden. Ganz aktuell steht die Erneuerung dieser Genehmigung wieder einmal an. Er erzählt uns, was dazu notwendig ist: Unter anderem verlangen die Behörden Nachweise darüber, dass das Haus, in dem er lebt, legal gebaut wurde und ihm sein Land rechtmäßig gehört. Die Genehmigungen liegen den Behörden, so Anas, seit Jahrzehnten vor, müssen aber alle vier Jahre erneut präsentiert werden. Außerdem muss er eine Stromrechnung vorweisen. Das kann er nicht, da er von den israelischen Behörden, die in diesem Gebiet zuständig sind, nicht mit Strom versorgt wird. Damit die Familie dennoch Strom bekommt, hat die israelisch-palästinensische Organisation CometMe Solarpanele auf seinem Grundstück installiert. Nun haben sie Strom, aber keine Stromrechnung.

Ein anderes Problem ist der Transport des Futters für Anas‘ 120 Schafe. Er darf nur kleine Mengen (bis zu 150 kg) in die seam zone einführen. Seine Schafe fressen am Tag das Doppelte. Deshalb muss er zweimal täglich Futter in die seam zone bringen. Zur Zeit bestellt er sein Land. Bislang konnte die Familie die Arbeit bewältigen. In diesem Jahr, so berichtet er uns, kamen Siedler, Soldaten und Polizei, als die Familie gemeinsam Anas‘ Land pflügen wollte. Die Familienmitglieder durften mit ihren Traktoren nicht helfen und mussten das Land verlassen. Nur er selbst durfte mit seinem Traktor dort arbeiten. Er erzählt, dass immer wieder Drohnen über seinem Grundstück fliegen, um ihn zu filmen.

Anas meint, es ginge mit all diesen bürokratischen Repressalien letztlich nur darum, das Leben in der seam zone härter zu machen, damit die Bewohner:innen die Region eines Tages verlassen. Am Ende unseres Besuches betont er jedoch: „Es ist mein Land. Ich gehe hier nicht weg.“

Zurück zu Ahmed und seiner Familie. Mit Repressalien umzugehen, so sagt er, sei mittlerweile Alltag für die Palästinenser:innen in der seam zone. Aber in den letzten Jahren habe auch die unmittelbare Gewalt stark zugenommen. Er zeigt uns Fotos von Übergriffen und erzählt, dass es in den vergangenen Wochen verstärkt zu Gewalt von Soldaten gekommen sei. Diese kämen sowohl tagsüber als auch nachts mit Militärfahrzeugen in ihr Dorf. Fahrzeuge der Bewohner:innen seien mit der Begründung durchsucht worden, illegale Autos sicherstellen zu wollen. Außerdem drangen Soldaten auch in die Häuser der Familien ein. Yasmin sagt, dass die Soldaten mit ihren Gewehren auf die Kinder und Erwachsenen gezielt hätten. Sie macht sich große Sorgen um die psychische Gesundheit ihrer Kinder. Ihre fünfjährige Tochter macht nachts vor Angst ihr Bett nass. Ich frage mich, was in den Köpfen der Kinder vorgeht, die erleben müssen, dass ihre Eltern keine Handhabe gegen das Eindringen der Soldaten haben. Kinder sollten die Erfahrung machen, dass ihre Eltern sie schützen können.

Als wir am späten Nachmittag zum Checkpoint zurückgehen, sehen wir Soldaten und Siedler in einer der Siedlungen gemeinsam um ein Feuer sitzen. Ich denke an Yasmins Worte: „Sie (die Soldaten) kommen spät in der Nacht zu uns. Sie machen uns Angst: Meinen Kindern, meinem Mann und mir.“

Dennoch: Wegzugehen ist auch für Ahmed keine Option. Die Familie hat Dokumente aus der osmanischen Zeit, mit denen sie ihren Besitzanspruch auf ihr Land vor Gericht nachweisen konnten. Ahmed erzählt, man habe ihm hohe Summen für das Land angeboten, aber er betont, dass er niemals verkaufen würde: „Ich kann diesen Ort nicht verlassen. Er ist in meinem Herzen. Mein Vater, mein Großvater, mein Urgroßvater, meine ganze Familie hat immer schon hier gelebt.“

Christiane, im Dezember 2022

* Namen geändert

Ich nehme für pax christi – Deutsche Sektion am Ökumenischen Begleitprogramm in Palästina und Israel (EAPPI) des Ökumenischen Rates der Kirchen teil. Diese Stellungnahme gibt nur meine persönlichen Ansichten wieder, die nicht unbedingt die von pax christi oder des Ökumenischen Rates der Kirchen sind.

[1] https://www.ochaopt.org/content/humanitarian-impact-20-years-barrier-december-2022

[2] ebd.

[3] ebd.

[4] „Israel und die Mauer“ Karin Oellers-Frahm in Zeitschrift Vereinte Nationen 2005_03 https://zeitschrift-vereinte-nationen.de/publications/PDFs/Zeitschrift_VN/VN_2005/Heft_3_2005/Bericht_Oellers-Frahm_VN_3_05.pdf

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