Frische Trümmer

„Vor zwei Wochen haben wir die Fenster und Türen eingesetzt und den Bau damit fertiggestellt“, erzählt ein Handwerker, der wie wir kurzfristig von der Hauszerstörung gehört hat. Jetzt ist alles nur noch ein Trümmerhaufen. Als wir ankommen, sind die Bulldozer gerade fertig mit ihrem Zerstörungswerk. Sie haben den Zugang zum Grundstück mit Flatterband abgesperrt – es liegt mitten im Ost-Jerusalemer Stadtteil Beit Hanina, in direkter Nähe zur Hauptstraße, die vom Qalandia Checkpoint ins Stadtzentrum führt.

Trümmer in Beit Hanina, Foto EAPPI
Trümmer in Beit Hanina, Foto EAPPI

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„Meine Heimat ist kein Koffer…“

An einer Wand im Jerusalemer Stadtteil „Silwan“ habe ich diesen Satz gelesen, auf Englisch: „My homeland is not a suitcase and I am not a traveller“ stand dort geschrieben, wo aufgrund von Ausgrabungen auf dem Gebiet des ersten, des kanaanitischen Jerusalems viele palästinensische Häuser abgerissen werden sollen.

Graffiti in Silwan
Graffiti in Silwan

Aus dem Koffer können und wollen auch die Beduinen nicht leben, die nach 1948 von dem neu gegründeten Staat Israel aus dem Negev vertrieben wurden oder flohen, und im Osten von Jerusalem neue Weideplätze fanden. Inzwischen sind aber israelische Siedler in diese Gegend gekommen, haben die Bergspitzen besiedelt und sie zu ganzen Städten ausgebaut – illegal, weil ohne völkerrechtliche Grundlage auf palästinensischem Gebiet. Ost-Jerusalem wurde 1980 von Israel annektiert, die Annexion blieb ohne internationale Anerkennung. Nun beansprucht die israelische Führung ein weiteres großes Gebiet mitten in der Westbank, zwischen Jerusalem und Jericho, ebenfalls für das eigene Land. Noch mehr Siedlungen sollen gebaut werden – die Planungen laufen unter dem Kürzel „E1“. Darum sollen die Beduinen noch einmal umgesiedelt werden, wogegen sie sich heftig wehren.

Wir haben jetzt schon zwei Dörfer der Beduinen vom Stamm der Jahalin besucht. Über gut ausgebaute Straßen, die zu den Siedlungen führen, kommen wir mit dem Taxi in die kahle und karge Bergregion in das eine, Khan al Ahmar genannt – die Straße müssen wir verlassen, indem wir über die Leitplanken klettern, dann stehen wir vor dem Dorf. Es besteht aus Hütten, die aus Wellblech und Plastikplanen gebaut sind. Als wir in eine der Hütten eingeladen werden sehen wir auch ihre Konstruktion aus Holzbalken. Der Winter ist hier in 800 m Höhe recht kalt – Abu Khamis, der Leiter der Gemeinschaft, der uns empfängt und Tee anbietet, erzählt, dass er mit Holz heizt.

Aber wichtiger ist ihm, dass er hier überhaupt ein Zuhause haben kann – das ist nicht sicher, weil die Hütten nicht genehmigt sind. Es werden in dieser Gegend auch keine Genehmigungen durch die israelischen Behörden erteilt – und die palästinensische Verwaltung ist in diesem, nach den Oslo- Verträgen als „C-Gebiet“  ausgewiesenen Bereich, nicht zuständig. Deshalb nimmt sich die israelische Seite das Recht, Bulldozer zu schicken und Hütten wie Häuser abzureißen.

Die Beduinen leben also in ständiger Angst vor den Bulldozern. Sie haben in Khan al Ahmar eine Schule gebaut, mit Autoreifen und Erde als Baumaterial – die Idee dazu kam aus Südamerika, erzählt Abu Khamis – in seiner prekären Situation hat er internationale Unterstützung erleben können. Hier werden über 150 Schülerinnen und Schüler aus fünf Beduinendörfern betreut. Aber auch sie hat eine „Demolition-Order“, eine Zerstörungsaufforderung. Insbesondere in den langen Sommerferien – von Juni bis September, wenn die Schule nicht genutzt wird, sei sie bedroht. Deshalb hat er versucht, Summer-school- Projekte, bei uns würde man vielleicht „Ferienspiele“ dazu sagen, anzuregen. Die UN – Organisation für humanitäre Angelegenheiten (UN OCHA) hat zwei Wochen übernommen, und die Al-Quds- Universität will vom 15. bis 25. Juli einige Studenten schicken.

Abu Khamis, der Dorfvorsteher von Khan al Ahmar
Abu Khamis, der Dorfvorsteher von Khan al Ahmar

Abu Khamis erzählt, dass ihnen Wohncontainer angeboten worden wären – als Geschenk, um die alten Hütten verlassen zu können. Sein Dorf habe das abgelehnt. Das Nachbardorf sei darauf eingegangen, was sie jetzt sehr bedauerten: Denn auch die Wohncontainer waren trotz EU-Finanzierung nicht genehmigungsfähig und wurden von den israelischen Behörden zerstört. Das Wiederaufbauen der alten Hütten war dann aber auch nicht mehr möglich – sie wurden als illegale Neubauten sofort zerstört. Die Menschen dort wären jetzt obdachlos, müssten in selbstgebauten Zelten ausharren.

Abu Khamis erzählt auch, dass immer wieder Siedler aus den Siedlungen herabkommen, um Angst zu verbreiten. Neulich seien sie nachts mit Autos in das Dorf gefahren, hätten dort eine Stunde gewartet, aber als alle in ihren Hütten blieben, seien sie wieder gefahren. Früher seien sie vor allem an Samstagen, ihrem freien Tag, gekommen – seit die Teams von EAPPI regelmäßig an den Samstagen zu Besuch gekommen wären, hätte das aufgehört. Er bittet uns, doch diese schützende Präsenz aufrecht zu erhalten.

Ermutigender ist der Besuch bei den Jabal al Baba- Beduinen. Wir fahren spätabends dorthin, weil sie über Tag wegen des Ramadanfastens keinen Besuch empfangen wollen. Hier sitzen wir in einem garagenähnlichen Gebäude aus Beton. Die kleine Gemeinschaft besteht aus gut 300 Menschen in 55 Häusern. Der jordanische König hatte 1964 dem damaligen Papst Paul VI. bei einem Besuch ein Stück Land auf diesem Hügel als Willkommensgeschenkt übertragen. Deshalb heißt der Berg auch „Dschebel al Baba“, Hügel des Papstes. Der Dorfälteste plant auf einer Europareise auch einen Besuch beim Papst. Das aber hindert die israelischen Behörden nicht, Hauszerstörungen anzudrohen und umzusetzen. Die Beduinen bauen die Häuser jedoch wieder auf, immer wieder.

In ihrem Widerstand sind sie kreativ, aber gewaltfrei: So haben sie z.B. viele tausende von Steinen ihres Berges zusammengesucht und zu einem riesigen Schriftzug gelegt: „Wir bleiben hier“ – Der war für die auf dem gegenüberliegenden Berg liegende israelische Siedlung gut zu lesen. Deshalb kamen Soldaten – es mussten 200 sein, um die vielen Steine wieder auseinander zu ziehen.  Die Beduinen haben die Steine noch einmal zusammengelegt, und einen zweiten (friedlichen) Militäreinsatz provoziert, dann hatten sie zunächst einmal genug öffentliche Wirkung erreicht.

Jüngst haben sie mit der Unterstützung der amerikanischen Internetkampagnenorganisation „Avaaz“ eine Unterschriftenaktion[1] gestartet. Fast 900.000 Unterstützer aus der ganzen Welt haben gegen ihre Vertreibung unterzeichnet – jetzt haben sie die Namen nach Ländern geordnet und wollen die jeweiligen Nationalfarben an die Häuser kleben, und die Flaggen darauf hissen. Ein internationales Beduinendorf, das sich so gegen die Hauszerstörung wehrt. Ich freue mich schon auf die Fotos, die ich hoffentlich machen kann.

Es ist schwer, sich vorzustellen, mit der Angst vor der Hauszerstörung leben zu müssen. Aber die Beduinen haben schon viel erlitten – ihre Weidegebiete wurden durch die Siedlungen, ihre Straßen und durch neue Grenzen immer weiter eingeschränkt. Das Dorf auf dem Papstberg ist von der Trennmauer fast rundherum eingekreist – nur am Dorfeingang wurde sie noch nicht fertig gestellt. Wenn das geschieht, können die Kinder nicht mehr in die Schule in der nahen Stadt Al- Eizariya gehen. Auch das ist eine ständige Bedrohung, mit der die Beduinen schon länger leben. Sie geben nicht auf, weil sie ihre Heimat eben nicht in einen Koffer packen können.

Berthold, Juni 2017

[1] https://secure.avaaz.org/en/stop_the_bulldozers_loc/

Jerusalem – Stadt der Gegensätze

Blick über die Altstadt von Jerusalem zum Ölberg
Blick über die Altstadt von Jerusalem zum Ölberg

Drei Monate in Jerusalem zu sein, zu leben, Menschen in ihrem Alltag zu begleiten, das muss doch ein Traum sein. Oder eher eine große Herausforderung? Jerusalem, Al-Quds, Yerushalayim – wohl kaum eine Stadt ist von solch einer Aura umgeben, aber auch so umstritten, ja umkämpft im wahrsten Sinne des Wortes. Jerusalem – Stadt der Gegensätze weiterlesen

Das einsame Dorf

„Ich kann euch nicht in dieses Dorf gehen lassen, das ist gefährlich. Das ist ein muslimisches Dorf. Die Einwohner werfen Steine auf Fremde und schießen sogar manchmal auf sie“, sagte der Soldat an dem Checkpoint zu uns.

Wir waren auf dem Weg in das Dorf „An Nu´man“. Wir mussten den Checkpoint, an dem wir nun standen, nicht passieren, sondern wurden von den Soldaten zu ihm gerufen. Die Straße, die nach An Nu´man führt, ist mit einer Schranke verschlossen, der Fußgänger Checkpoint nicht besetzt. Das einsame Dorf weiterlesen

Doch, sie ist noch da, meine Sympathie für dieses Land!

Friedenstaube an der Mauer
Friedenstaube an der Mauer

Neben der „eigentlichen“ Arbeit, habe ich es mir inzwischen zur Hauptaufgabe gemacht, nach möglichst vielen, vor allem positiven Facetten in diesem Land zu suchen. Bei allem, was ich höre und erlebe, will ich dieses Land nicht bitter verlassen! Es gibt hier viele Wahrheiten – die auch ganz gegensätzlich nebeneinander stehen können: mittags schlucke ich an meinen Tränen, nachdem wir einen Palästinenser besuchen, dessen Neubau gerade abgerissen wurde – und abends gehe ich inspiriert von einem Vortrag eines Israeli und eines Palästinensers nach Hause. Der Israeli sagte „Vielleicht geht es auf einer spirituellen Ebene darum, Zusammensein und Trennung zu leben.“ Das erlebe auch ich als Herausforderung. Es ist so leicht, das was wir kennen, als die volle Wahrheit anzunehmen. Dagegen hilft nur: offen sein für das, was ganz unerwartet auch da ist. Doch, sie ist noch da, meine Sympathie für dieses Land! weiterlesen

Erzwungene Umsiedlung

Kinder in Abu Nwar
Kinder in Abu Nwar

Wadi Nwar und Khan al Ahmar gehören zu einer Gruppe von Beduinen- und Hirtengemeinden, die laut Vereinter Nationen besonders gefährdet sind, gegen ihren Willen umgesiedelt zu werden. 2014 veröffentlichten die israelischen Behörden den sogenannten Nuweimah-Plan, der die Umsiedlung mehrerer Tausend Menschen aus ihren derzeitigen Dörfern in drei Beduinen-Townships vorsieht. In diesen Städten könnten die Beduinen und Hirten ihre traditionelle Lebensweise nicht weiterführen und müssten aufgrund des Mangels an Weideflächen große Teile ihrer Tierhaltung aufgeben, die heute für viele die Hauptlebensgrundlage darstellt (weitere Infos unter: http://www.ochaopt.org /content/bedouin-communities-risk-forcible-transfer-september-2014, Karte siehe unten).

Abriss eines Klassenraums in Abu Nwar

Die Beduinengemeinde Abu Nwar, im Hintergrund die jüdische Siedlung Maale Adumim
Die Beduinengemeinde Abu Nwar, im Hintergrund die jüdische Siedlung Maale Adumim

Dahud Jalin Abu Hamad, das Oberhaupt der Beduinengemeinde Abu Nwar, berichtete uns von dem, was heute Morgen passiert ist. Bereits um 05:00 Uhr kamen zehn Autos von der israelischen Zivilverwaltung, der Polizei und dem Militär – mit ihnen ein Bulldozer. Ihren Weg schlugen sie ein in Richtung Schule.

Dort entfernten sie Möbel aus einem der Klassenzimmer (ein eigenständiges Gebäude) und zerstörten es anschließend. Die Zerstörung dauerte nur 30 Minuten. Der Raum war ganz neu, er war erst am 25. August dieses Jahres eröffnet wurden. Die dritte Klasse der kleinen Schule, die überhaupt nur Kinder der ersten bis dritten Klasse unterrichtet und zusätzlichen einen kleinen Kindergarten beherbergt, hat nun keinen Unterrichtsraum mehr. 10 Kinder und ihre Lehrerin müssen nun provisorisch unterkommen, bevor ein vom palästinensischen Bildungsministerium zugesichertes Zelt geliefert wird. Außerdem wurde eine etwa 150 m² große betonierte Fläche zerstört, die als Untergrund für das Klassenzimmer und als Schulhof diente. Die zerstörten Strukturen waren mit Hilfsgeldern der EU finanziert worden.

Zerstörter Klassenraum in Abu Nwar
Zerstörter Klassenraum in Abu Nwar

Abriss eines Wohngebäudes in Khan Al Ahmar

Um 05:00 Uhr kam auch in Khan al Ahmer die israelischen Zivilverwaltung mit einem Bulldozer an. Ohne Verzögerung wurden ein Wohngebäude und ein mit Hilfsgeldern finanziertes Toilettengebäude in nur wenigen Minuten abgerissen. Das Wohngebäude war Teil des Zuhauses einer Familie mit zwei Erwachsenen und sechs Kindern unter 18 Jahren.

Abu Khamis, der Leiter der Gemeinde, berichtete uns zu diesem Ereignis: Sechs Autos von der Zivilverwaltung und einer privaten Sicherheitsfirma kamen nach Khan Al Ahmar. Dort fragten sie Abu Khamis, woher das Dorf Wasser und Energie beziehen würde. Danach gingen sie in die Häuser und durchsuchten diese.

Abu Khamis wurde zurückgehalten, während sie in die Schule gingen. In der Schule machten sie Aufnahmen von alten und neuen Sachen. Ebenso wurden Fotos hinter der Schule gemacht, um den Abstand zur Hauptstraße zu überprüfen. Währenddessen war es Abu Khamis nicht möglich, andere Organisationen anzurufen. Nach etwa zwei Stunden verließen sie das Dorf wieder. Zurück blieb ein apathischer Abu Khamis in einer verzweifelten Beduinengemeinde.

UNOCHA: Karte der von den Umsiedlungsplänen betroffenen Gemeinden
UNOCHA: Karte der von den Umsiedlungsplänen betroffenen Gemeinden

Als Besatzungsmacht ist Israel verpflichtet, die besetzte Bevölkerung zu schützen und für das Wohlergehen der Menschen in den besetzten Gebieten zu sorgen. Die erzwungene Umsiedlung einer besetzten Bevölkerung, aktiv oder durch sekundäre Faktoren wie Hauszerstörungen, Einschränkung z.B. des Zugangs zu Wasser oder zu medizinischer Versorgung, ist nach internationalem Recht verboten.

Monika, September 2016

Unrecht per Gesetz

Eine Hauszerstörung in Jerusalem

Wenn Iman den Reißverschluss ihres Zimmers aufzieht und ihren Kopf durch den Stoffspalt steckt, dann erblickt sie einen Berg aus Schutt. Irgendwo darin liegt auch ihre Tür. Vor knapp zwei Monaten hatte ihr Zimmer noch eine. Doch seit das Haus der Familie Kastero in Trümmern liegt, wohnt die 18-Jährige in einem Zelt. Unrecht per Gesetz weiterlesen

Jerusalem

Jerusalem, die wichtige Stadt der drei abrahamitischen Weltreligionen, ist ein Zankapfel in allen Friedensgesprächen. Sowohl Israel als auch die Palästinenser betrachten Jerusalem als ihre Hauptstadt. Der Westteil der Stadt ist mehrheitlich von jüdischen Israelis bewohnt; der von Israel annektierte Ostteil der Stadt wird mehrheitlich von PalästinenserInnen bewohnt, wobei die israelische Politik durch Bau von Siedlungen, Entziehung von Aufenthaltsgenehmigungen für PalästinenserInnen und den Bau der Mauer darauf abzielt, auch in Ostjerusalem eine jüdische Mehrheit herzustellen.

Zu den Aufgaben des Teams in Jerusalem gehören:

  • Zusammenarbeit mit und Unterstützung für israelische Friedensgruppen, z. B. Anwesenheit bei Hauszerstörungen gemeinsam mit dem Israe
    Mahnwache der Frauen in Schwarz gegen die israelische Besatzung
    Mahnwache der Frauen in Schwarz gegen die israelische Besatzung

    lischen Komitee gegen Hauszerstörungen oder Teilnahme an der Mahnwache der Frauen in Schwarz gegen die Besatzung

  • Kontakt zu palästinensischen christlichen Gemeinden, z. B. durch Anwesenheit in Gottesdiensten
  • Präsenzzeigen innerhalb der palästinensischen Umgebung, insbesondere an Checkpoints
  • Begleitung des Krankenhausbusses des palästinensischen Auguste-Victoria-Krankenhauses durch Checkpoints in der Umgebung