Konflikte kennen keine Quarantäne

Zur Situation in der Westbank

Geschrieben Anfang Mai 2020

Friederike: Ich bin wütend. Der Konflikt macht auch trotz Pandemie keine Pause. Weiterhin blinkt alle paar Minuten mein Handy auf und berichtet entweder, um wie viel die Zahl der Covid- 19 Infizierten in Gaza, der Westbank und Israel gestiegen ist oder an welchen Orten in den C-Gebieten der Westbank, trotz Corona, weiterhin Häuser zerstört werden, Menschen ihr Obdach verlieren, Materialien im Kampf gegen Corona von den israelischen Behörden konfisziert werden oder Siedler gewaltvoll auftreten[1].

EAs begleiten Schäfer bei ihrem Weidegang im Jordantal; Foto EAPPI

Seit drei Monaten bin ich zurück aus meinem Einsatz im Jordantal. Eigentlich wollte ich meinen letzten Blogartikel Hauszerstörungen und Konfiszierungen in Ras Ein Al Auja Anfang Januar widmen. Es war der gewalttätigste Vorfall, den ich in meinen drei Monaten als EA im Jordantal miterlebt habe. Es wurden neun Wohngebäude zerstört, Baumaterialien konfisziert und ein Dorfbewohner schwer verletzt. Dies geschah in meiner letzten Woche als EA. Am nächsten Tag hatten mein Team und ich Zeit, uns von den Menschen, die wir während unseres dreimonatigen Einsatzes kennen- und schätzen- gelernt und begleitet hatten, zu verabschieden. Nach uns folgte ein neues Team im Jordantal und an den fünf weiteren Einsatzstellen in der Westbank. Von Mitte Januar bis Mitte März sollte das Team in der Westbank Menschen in ihrem Alltag begleiten und Menschenrechtsverletzungen dokumentieren. Aufgrund der Corona Pandemie musste ihr Einsatz jedoch frühzeitig beendet werden. Während die Ereignisse in der Westbank sich zu überschlagen begannen stand ich in engen Kontakt mit Charlotte, der zu diesem Zeitpunkt in Bethlehem eingesetzten deutschen EA.

Charlotte: Wie alles begann. Am 4 März 2020 beschloss die israelische Regierung, dass Menschen, die sich zuvor in Deutschland, Österreich, Frankreich oder der Schweiz aufgehalten hatten, nach der Einreise in Israel zwei Wochen in häuslicher Quarantäne verbringen müssen. Ein erster Vorbote für das, was uns noch erwarten sollte. Bereits am 5. März wurde bekannt, dass vier Menschen aus einem Hotel in Bethlehem positiv auf Covid-19 getestet wurden. Palästina rief darauf den Katastrophenfall für die Westbank aus und Israel verkündete die Schließung aller Checkpoints nach Bethlehem ab dem 6. März um 06:00 Uhr morgens. Die Mitglieder des Bethlehem Teams wurden noch in der Nacht nach Jerusalem evakuiert. Am nächsten Tag folgten alle Teilnehmer*innen der Gruppe. Gegen 17:00 Uhr befanden wir uns alle – viel früher als erwartet – wieder zusammen im Büro an genau der gleichen Stelle, an der 2,5 Monate zuvor unsere Reise begonnen hatte. Schnell wurde klar, dass es für mich keine Chance mehr geben würde, meine Zeit in Bethlehem wie geplant zu Ende zu bringen. Kurze Zeit später fand ich mich in einem Flugzeug zurück nach Deutschland wieder. Im Gepäck ein gebrochenes Herz, hastige Abschiede, das Gefühl, die wunderbaren Menschen in der Westbank im Stich zu lassen und eine unfassbar große Ungläubigkeit über all die Ereignisse, die sich in den Tagen davor schier überschlagen hatten.

Besatzung, Menschenrechtsverletzungen und Gewalt sind leider nicht mit ausgereist.

Wie die Situation sich danach entwickelte. In der Westbank galt seit dem 22.03.2020 eine generelle Ausgangssperre[2]. Anders als bei uns finden in der Westbank oft keine Hamsterkäufe statt, da die Bevölkerung zum einen kein Geld, zum anderen keinen Platz aufgrund der meist beengten Wohnsituation hat[3].

Auf die ca. 2.9 Mio. Bewohnenden der Westbank kommen ungefähr 30 Intensivbetten und 205 Beatmungsgeräte, also nur ein Bruchteil dessen, was benötigt ist, um dieser Pandemie auch nur im Entferntesten angemessen entgegentreten zu können[4]. Hinzukommt, dass sich die beiden größten palästinensischen Krankenhäuser in Ost-Jerusalem befinden. Durch die Schließung der Checkpoints ist es für Menschen aus der Westbank nun noch viel schwieriger, zur Behandlung nach Ost-Jerusalem zu reisen[5].

Trotz der Pandemie kommt es nach wie vor zu Menschenrechtsverletzungen durch das israelische Militär und Siedler an der palästinensischen Bevölkerung. Viele unserer lokalen Kontakte berichten uns, dass Hauszerstörungen, nächtliche Razzien, Beschlagnahmung von Eigentum und Festnahmen nach wie vor fast täglich stattfinden. In der Zeitspanne vom 01.03.-04.05.2020 wurden nach UN OCHA Angaben 78 Zerstörungen und Konfiszierungen durchgeführt, 26 Menschen wurden dadurch obdachlos und 260 Menschen sind davon im weiteren Sinne betroffen[6]. Auch wird weiter an den nach internationalem Recht illegalen Siedlungen gebaut, die Vorbereitungen für die Umsetzung des Trump Plans werden vorangetrieben und die Annexion von Teilen der Westbank weiter vorbereitet[7]. Nicht nur die Hauszerstörungen und der Siedlungsbau gehen während der Corona Pandemie und der deshalb herrschenden Ausgangssperre weiter, sondern auch die gewaltvollen Übergriffe von Siedlern auf Palästinenser *innen. Laut der Menschenrechtsorganisation B’Tselem kam es allein im März zu 21 Zwischenfällen in der Westbank, bei denen Siedler palästinensische Hirten und Dorfbewohner*innen angegriffen, sowie deren Eigentum zerstört wurde[8].

Viel und oft denke ich dieser Tage an all die Menschen, die ich während meiner Zeit als EA kennenlernen durfte und frage mich, wie diese wohl gerade ihr Leben bestreiten. Dabei kommen mir immer wieder die vielen 1000 Arbeiter, welche meist das Familieneinkommen auf einer Baustelle in Israel verdienen, in den Sinn. Mehrmals die Woche haben wir am Checkpoint 300/Rachels Tomb Crossing in Bethlehem gestanden und dokumentiert, ob genau diese Arbeiter den ‘Grenzübertritt’ ohne Probleme vollziehen können und nun haben sie alle keinen Job und kein Einkommen mehr.

Ein Morgen am CP 300 in Bethlehem vor der Corona-Krise; Foto EAPPI
CP 300 in Bethlehem während der Corona-Krise; Foto M.Asakra

 

 

 

 

 

 

Die letzten 34.000 Arbeiter wurden vom palästinensischen Premierminister dazu aufgerufen in die Westbank zurückzukehren. Zwischenzeitlich war es zu verstörenden Vorfällen mit möglicherweise infizierten Arbeitern seitens der israelischen Behörden gekommen.[9] Aufgrund der schlechten finanziellen Lage der palästinensischen Autonomiebehörde und aus Platzmangel wurde aber keiner der Arbeiter in Quarantäne genommen, sondern alle zu ihren Familien geschickt. Isolation oder das nun viel beworbene ‘social-distancing’ ist ein Privileg und in vielen palästinensischen Familien durch beengten Wohnraum schlichtweg nicht umsetzbar. Einige unserer Kontakte in Bethlehem haben auch auf die eine oder andere Weise ihr Geld mit Touristen oder Ausländern verdient. Da ist zum Beispiel die Familie unseres Fahrers. Er, sein Vater und viele seiner Cousins haben in einem Hotel in Bethlehem gearbeitet. Nun nicht mehr, da alle Hotels geschlossen haben, somit sind alle arbeitslos. Arbeitslosengeld oder ähnliches gibt es nicht.

Jordantal. Mein Team und ich stehen weiterhin in Verbindung mit Kontaktpersonen im Jordantal. Fassungslos haben wir von Kontaktpersonen von Zerstörungen und Konfiszierungen im Norden des Jordantals im Dorf Khirbet Ibzig am 26. März erfahren. Hier wurden Materialien, die für den Bau einer Corona-Klinik vorgesehen waren, sowie Material für Notbehausungen teilweise zerstört und konfisziert. Am gleichen Tag zerstörten die israelischen Behörden in einem Vorort von Jericho drei Behausungen von Bauern, die dort saisonweise leben[10].

Exemplarisch: EA dokumentiert eine Hauszerstörung in der Nähe von Jericho; Foto EAPPI

Laut unserem lokalen Kontakt kam es in den vergangen zwei Wochen zu mindestens fünf gravierenden Zwischenfällen im Jordantal. So erhielt die Moschee in dem kleinem Dorf Kardala eine Zerstörungsanordnung. Außerdem sollen Anhänger der militanten Siedlerbewegung Hilltop Youth mehrere palästinensische Autos in der Nähe des Toten Meers angezündet haben. Andere Siedler hissten eine israelische Flagge am Eingang des palästinensischen Dorfs Ein el Beida.  Besonders hart traf es Tornado. Über ihn und seine Familie wurde schon im Blog berichtet[11]. Unbekannte setzten die Felder um sein Haus in Brand. Auch er lebt mit seiner Familie von der Schafszucht und ist auf diese Felder angewiesen.

Was nun? Die Hilfs- und Menschenrechtsorganisation Medico International titelte auf ihrem Jubiläumsplakat zum 50jährigen Bestehen: “DREHT SICH DIE WELT WIRKLICH UM ALLE?”.  Die Antwort auf dem Plakat lautet: “Sie dreht sich vor allem um die, die Geld, Güter und Glück haben.” Die letzten Wochen haben gezeigt, dass wir hier in Deutschland uns vor allem um uns selbst drehen. Tipps und Tricks für die Zeit zu Hause füllen jegliche Medien. Von Sportprogrammen, angeleitet von ALBA Basketball Profis für Kinder, dem #wirbleibenzuhause Festival, bis zu Quarantäne Unterhaltungstipps der Zeit online für Filme, Serien, Bücher und Musik und vielem mehr ist in diesen Zeiten gesorgt. Sicherlich wichtig für die eigene Psyche und das Wohlbefinden in dieser merkwürdigen Zeit. Dennoch geraten dabei viele Menschen und ihre bedrohlichen Lebenssituationen in den Hintergrund. In dieser Zeit erscheint es wichtiger denn je, auf die Situation der gesellschaftlich marginalisierten hinzuweisen, hier und überall auf der Welt. Das sind die Wohnungslosen im Bahnhofsviertel in Frankfurt genauso wie die Menschen in der Westbank und Gaza, die der Besatzungssituation ausgeliefert sind, aber auch die Menschen in der Ostukraine, die unter dem gewaltvollen Konflikt leiden, die Geflüchteten, die auf den griechischen Inseln ausharren. Die Krisen der Welt, die es schon vor der Corona-Krise gab, geraten in den Hintergrund. Der Virus Covid-19 hat das gesellschaftliche Leben in vielen Bereichen lahmgelegt, aber wie Thaer aus dem Jordantal auf den Punkt gebracht hat: “Corona-Virus does not stop the occupation. “/ “Das Corona-Virus beendet nicht die Besatzung.” Viel mehr verschärft es die Situation. Dies gilt es anzumahnen, den Entscheidungsträgern weltweit zu spiegeln, dass es nicht ungesehen und ungehört bleibt, was jetzt im Schatten der Corona-Krise passiert.

Für Palästinenser*innen sind Ausgangssperren und die eingeschränkte Bewegungsfreiheit nichts neues. Zum einen ist es für die Mehrheit der Bevölkerung in Gaza und der Westbank nicht möglich, selbstbestimmt andere Länder zu bereisen. Zum anderen sind Ausgangssperren ein allzu bekanntes Mittel, mit dem die israelischen Behörden die palästinensische Bevölkerung kontrollieren können. In Deutschland sind diese Einschränkungen der Grundrechte für solch einen langen Zeitraum etwas neues. Es ist jedoch im Vergleich zur Situation in der Westbank und Gaza nur ein winziger Eindruck, wie beschnitten das Leben alltäglich sein kann.

Am 24. März rief der Generalsekretär der Vereinten Nationen Antonio Guterres zum weltweiten Waffenstillstand auf, dem wir uns anschließen wollen:

“End the sickness of war and fight the disease that is ravaging our world. It starts by stopping the fighting everywhere. Now. That is what our human family needs, now more than ever.”[12]

Friederike und Charlotte, im Mai 2020

Wir haben für pax christi – Deutsche Sektion am Ökumenischen Begleitprogramm in Palästina und Israel (EAPPI) des Ökumenischen Rates der Kirchen teilgenommen. Dieser Bericht gibt nur unsere persönlichen Ansichten wieder, die nicht unbedingt die von Pax Christi oder des Ökumenischen Rates der Kirchen sind.

[1]https://www.btselem.org/press_release/20200326_israel_confiscates_clinic_tents_during_coronavirus_crisis

[2] Marks: https://www.youtube.com/watch?v=7umKBP7GlsU -> Al Sharaq Reise, Bettina Marks, Heinrich Böll Stiftung Palästina und Jordanien

[3] Marks, H. Böll Stiftung, 2020: https://www.youtube.com/watch?v=7umKBP7GlsU

[4] UN OCHA, Humanitarian Atlas 2019: https://www.ochaopt.org/atlas2019/allmenu.html

[5] Marks, H. Böll Stiftung, 2020: https://www.youtube.com/watch?v=7umKBP7GlsU

[6] Protection of Civilians Report | 17 – 30 March 2020, UN OCHA

[7] Marks, H. Böll Stiftung, 2020: https://www.youtube.com/watch?v=7umKBP7GlsU

[8] https://www.btselem.org/video/20200412_spike_in_settler_violence_during_pandemic#full

[9] https://www.timesofisrael.com/pa-accuses-israel-of-abandoning-sick-palestinian-worker-at-west-bank-checkpoint/

[10]https://www.btselem.org/press_release/20200326_israel_confiscates_clinic_tents_during_coronavirus_crisis

[11] http://www.eappi-netzwerk.de/die-letzten-schaefer-des-jordantals/

[12] https://news.un.org/en/story/2020/03/1059972

Die Zerstörung der Lebensgrundlage

Wir waren gerade von der morgendlichen Begleitung von Kindern auf ihren Schulwegen zurückgekehrt und hatten begonnen, unseren Bericht darüber zu schreiben. Da klingelte mein Handy und uns wurde mitgeteilt, dass in einem Dorf außerhalb Bethlehems in der vergangenen Nacht zwei Straßen durch das israelische Militär zerstört worden waren. Einige Nachrichten und Anrufe später erfuhren wir, dass in der letzten Nacht insgesamt sogar drei Zerstörungen stattgefunden hatten. Nachdem wir die Zerstörung der beiden Straßen dokumentiert hatten machten uns auf den Weg zu einer Familie, deren Tierhaltung vollständig zerstört worden war.

Mohammed, der älteste Sohn der Familie, erzählt mir was letzte Nacht geschehen ist; Foto © EAPPI
Mohammed, der älteste Sohn der Familie, erzählt mir, was letzte Nacht geschehen ist; Foto © EAPPI

Direkt nach unserer Ankunft berichten uns die Familienmitglieder: In der vergangenen Nacht gegen 03:30 Uhr kam das israelische Militär mit zwei Bulldozern auf das Land der Familie. Die Bulldozer zerstörten das Zelt, in dem die Hühner gehalten wurden, den Taubenschlag, einen Überseecontainer, in dem das Futter der Tiere lagerte und mehrere Futter- und Wassertröge für die Schafe. Das Wohnhaus blieb unversehrt. Die Zerstörung der Lebensgrundlage weiterlesen

Ramadan Kareem

Vom 5. Mai bis zum 3. Juni war Ramadan und die muslimische Bevölkerung des Westjordanlands fastete. Das öffentliche Leben war verlangsamt, kein Restaurant hatte auf und die Läden öffneten erst nachmittags. Die Menschen gingen später zur Arbeit und ruhten sich tagsüber, bei Temperaturen über 30 °C, so viel wie möglich aus. Auch die Gastfreundschaft war anders: Mit der gleichen Selbstverständlichkeit, mit der im Rest des Jahres bei jeder Gelegenheit Kaffee oder Tee angeboten wird, fiel dies nun weg. Auch für uns EAs bedeutet Ramadan, aus Respekt tagsüber im öffentlichen Raum weder zu trinken, noch zu essen oder auch zu rauchen.

Die hitze- und fastenbedingte Trägheit wurde einmal in der Woche unterbrochen. An den Freitagen machten sich Zehntausende auf, zu den Checkpoints[1] nach Jerusalem, um in der Al-Aqsa-Moschee zu beten.

Frauen auf dem Weg zum Checkpoint 300 in Bethlehem; Foto © EAPPI
Frauen auf dem Weg zum Checkpoint 300 in Bethlehem; Foto © EAPPI

Ramadan Kareem weiterlesen

Keine besonderen Zwischenfälle – nur Machtgefälle

Die  Provinzstadt Qalqiliya liegt im Nordwesten der Westbank direkt an der sogenannten Grünen Linie, der international anerkannten Grenze nach Israel, und wird von der in dieser Region wie wild mäandernden Mauer nahezu komplett eingeschlossen. Irgendeine ökonomische Entwicklung in diesem durch die Mauer zur Enklave mutierten Ort ist kaum möglich.

Karte UNOCHA / Humanitarian Atlas 2019; die landwirtschaftlichen Tore in der Trennbarriere sind mit grünen Kreuzen markiert, die palästi-nensischen Orte braun und die Siedlungen lila dargestellt.
Karte UNOCHA / Humanitarian Atlas 2019; die landwirtschaftlichen Tore in der Trennbarriere sind mit grünen Kreuzen markiert, die palästi-nensischen Orte braun und die Siedlungen lila dargestellt.

Eine der besonderen Aufgaben des EAPPI-Teams ist hier das „monitoring der agricultural gates.“ Diese landwirtschaftlichen Tore in der Mauer – die hier in den ländlichen Gebieten als Sicherheitszaun mit Patrouillenstraße und Graben ausgebaut ist – wurden eingerichtet, weil sich viele der Äcker, Gewächshäuser oder Olivenhaine der Bauern hiesiger palästinensischer Dörfer nach dem Mauerbau auf der anderen, von Israel vereinnahmten Seite befinden. Keine besonderen Zwischenfälle – nur Machtgefälle weiterlesen

„Palästina steh auf“

(Sliman Mansour)

Wenn man in Palästina unterwegs ist, stößt man immer wieder auf die Sperranlage, die Israel und die Westbank voneinander trennt[1]. In Beit Jala, in der Nähe von Betlehem, ist das eine Mauer. Beim Fotografieren der Mauer treffe ich Mohammed (12) und seine Schwester Nadja (16). Die Geschwister führen mich in den Garten der Familie und zeigen mir stolz, was dort alles wächst. Der Garten wird durchschnitten von der Sperrmauer, der beim Bau auch uralte Olivenbäume, die sich seit Generationen im Besitz der Familie befanden, weichen mussten.

Garten der Familie in Beit Jala, im Vordergrund der verwaiste Pferdestall; Foto © EAPPI
Garten der Familie in Beit Jala, im Vordergrund der verwaiste Pferdestall; Foto © EAPPI

Mohammed zeigt mir einen massiven Olivenbaum, der noch immer gefällt unmittelbar neben der Mauer liegt. Im Haus befindet sich ein Haufen bereits zerkleinertes Olivenholz, das von weiteren Bäumen stammt. Mohammed nimmt ein Stück Holz und macht mich auf die feine Maserung aufmerksam. Die Geschwister erzählen, dass die Familie früher ein Pferd besaß, das im Garten weidete. Sie zeigen mir den Pferdestall, neben ihrem Haus. Als die Mauer errichtet wurde, hätten sie auch das Pferd nicht behalten können, es befände sich bei neuen Besitzern auf der anderen Seite der Mauer. Den Geschwistern ist die Empörung deutlich anzumerken. „Palästina steh auf“ weiterlesen

Checkpoint 300

Checkpoint 300, auch Gilo Checkpoint – benannt nach der benachbarten jüdischen Siedlung, trennt Bethlehem von Ost-Jerusalem. Der Checkpoint befindet sich auf der 1967 von Israel unilateral erweiterten Verwaltungsgrenze Jerusalems, etwa zwei Kilometer entfernt von der Grünen Linie. Karte ©UNOCHA-OPT
Checkpoint 300, auch Gilo Checkpoint – benannt nach der benachbarten jüdischen Siedlung, trennt Bethlehem von Ost-Jerusalem. Der Checkpoint befindet sich auf der 1967 von Israel unilateral erweiterten Verwaltungsgrenze Jerusalems, etwa zwei Kilometer entfernt von der Grünen Linie. Karte ©UNOCHA-OPT

Niemand macht wohl gerne Dienst um 4 Uhr morgens, erst recht nicht an einem checkpoint und dann auch noch an einem berüchtigten wie dem checkpoint 300[1] zwischen Bethlehem und Jerusalem, gleich neben Rahels Grab[2], wo die Mauer wie wild mäandert. Aber der Wecker meldet sich gnadenlos um 3.30 Uhr, Zeit genug für eine flüchtige Morgenwäsche, Zähneputzen und eine heiße Tasse Tee. Warme Schuhe und Socken sind angesagt, denn im Winter kann es im checkpoint in Bethlehem (800 m) kalt werden. Die Straße vor unserem Haus ist dunkel und menschenleer, doch um die Ecke, auf der Zufahrtsstraße zum checkpoint herrscht schon hektisches Treiben. Ein Taxi nach dem anderen spuckt dunkel gekleidete Männer aus, die zum Eingang des checkpoints eilen, vorbei an den Ständen der Straßenhändler, die im grellen Lichtkegel weniger Arbeitslampen Zigaretten und Kaffee, Fladenbrot und Hummusdosen, Müsliriegel und harte Eier, Süßigkeiten, Früchte oder Tomaten verkaufen. Auch Socken und Ladekabel sind im Angebot. Daneben werden in einem riesigen Kessel Falafelbällchen frittiert. Viele der Männer kommen aus dem Süden der besetzten Gebiete und haben schon eine Stunde Fahrt zum checkpoint hinter sich. Checkpoint 300 weiterlesen

Das Gewächshaus von An-Nahla

Gelebter Widerstand gegen Verdrängung und Siedlungsausbau

Es hat geregnet in der vergangenen Nacht, aber jetzt herrscht ein strahlend blauer Himmel. Die frühen Sonnenstrahlen lassen auf den Hängen der Judäischen Berge südlich von Bethlehem das üppige Grün der Vegetation glitzern. In wenigen Wochen wird wieder karges Braun die steinigen Höhen dominieren. Wir sind auf dem Weg zu Abu Ahmad in Khirbet An Nahla[1]. Nachdem wir das Dorf durchfahren haben, gräbt sich der Jeep die letzten Kilometer auf dem verschlammten Feldweg langsam und schlingernd seinen Weg; auf den Hügeln ringsum schmucke Häuschen mit roten Ziegeldächern und moderne, weiß getünchte Mietblocks – die jüdischen Siedlungen: Efrat, Givat Hadagan, Neve Daniel. Ein Fußpfad führt uns die letzten Meter am Rande eines Feldes zu dem in einem Bergsattel gelegenen Gewächshaus, nicht weit dahinter auf der felsigen Hügelkuppe sind ein aus Brettern gezimmerter wachturmähnlicher Verschlag, ein Wohncontainer, ein paar Bretterhütten, ein Bulldozer und viele israelische Flaggen zu sehen: Der outpost (Außenposten) Givat Eitam[2].

Abu Ahmads Gewächshaus, auf dem Hügel der Außenposten Givat Eitam; Foto © EAPPI
Abu Ahmads Gewächshaus, auf dem Hügel der Außenposten Givat Eitam; Foto © EAPPI

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Unangenehme Begegnung

Die Übergriffe durch Siedler nehmen in der Westbank zu

Ökumenische Begleiterin beobachtet den Schulweg der Kinder in Tuqu‘, südlich von Bethlehem; Foto © EAPPI
Ökumenische Begleiterin beobachtet den Schulweg der Kinder in Tuqu‘, südlich von Bethlehem; Foto © EAPPI

Zwei israelische Soldaten haben sich auf Felsen am Hang postiert und beobachten gelangweilt die Schulkinder, die sich auf dem steinigen Pfad bergauf zu ihrer Schule bewegen; der dritte Soldat ist im Jeep am Straßenrand sitzen geblieben. Ein zweiter Jeep steht oben auf dem Parkplatz der Grundschule. Es ist ein kühler Wintermorgen und der vorhergesagte sonnige Tag lässt sich durch die feuchten Nebelfetzen nur erahnen. Wir stehen auf der anderen Straßenseite und haben die Wege im Blick, die zur Jungenschule auf der einen Hangseite und zur Mädchenschule und gemischten Grundschule auf der anderen Hangseite führen. In kleinen Gruppen kommen die Kinder aus verschiedenen Richtungen: Kleine Mädchen passieren uns schwatzend und kichernd, winken schüchtern zum Gruß, einige rufen uns ein verschmitztes „Sabach ilcher“ (Guten Morgen) zu und amüsieren sich über unsere (noch) nicht ganz akzentfreie Antwort. Die männlichen Teenies – zumeist mit modischer Undercut-Frisur – schlendern betont lässig an uns vorbei und stellen mit einem fließenden „Good Morning“ ihre Weltläufigkeit unter Beweis, die weiblichen – zumeist in Schuluniform und mit Kopftuch – unterstreichen ihre sprachliche Kompetenz mit der kühnen Frage „How are you?“. Der eine oder andere Lehrer bleibt für ein Schwätzchen stehen und bedankt sich für unsere Anwesenheit. Unangenehme Begegnung weiterlesen

Dem Erdboden gleichgemacht

Sechs Tage sind vergangen, seit die Jerusalemer Stadtverwaltung, das israelische Militär und die Zivilverwaltung des israelischen Militärs mit drei Bulldozern anrückten und das Haus von Raed Salameh Mahmoud Abu Tarboushs Familie und der seines Bruders zerstörten. Wir hörten davon durch eine Benachrichtigung von UNOCHA und machen uns auf den Weg, um den Familien mit einem Besuch unsere Solidarität zu zeigen. Dem Erdboden gleichgemacht weiterlesen