„Stärker als die Kugeln in euren Waffen“

Fröhliches Lachen liegt in der Luft, als wir für einen Besuch an der Grundschule im Dorf Ibziq ankommen. Mit neugierigen Blicken empfangen uns die Kinder, von Direktor und Lehrkräften werden wir sehr freundlich begrüßt. Für einen Moment lässt die Fröhlichkeit uns vergessen, dass der Grund unseres Besuchs wenig erfreulich ist. Auf dem Schulgelände fehlt der Anbau, der erst im August 2018 errichtet worden war. Bereits im Oktober wurde er von den israelischen Behörden abgerissen, wie fast immer in solchen Fällen aufgrund der fehlenden Baugenehmigung, die in der Realität nicht zu bekommen ist.

© UNOCHA-OPT
© UNOCHA-OPT

Ibziq liegt im Verwaltungsbezirk der Stadt Tubas, im von Israel kontrollierten C-Gebiet.  Für Kinder, die in den C-Gebieten leben, gibt es aufgrund der Weigerung der israelischen Behörden, Baugenehmigungen auszustellen, oft keine Grundschule am Wohnort. Viele Schulkinder müssen daher lange Wege zu Fuß in Kauf nehmen, um zur Schule zu gelangen. Einige Familien, die wir in den letzten Wochen in ihren Dörfern besuchten, haben uns berichtet, dass ihre Kinder nur ungern zur Schule gehen, weil sie von den Strapazen des Schulwegs ständig erschöpft sind. Oft sind die Strassen nicht ausgebaut und die Kinder müssen in den Wintermonaten schlammige Wege passieren und im Sommer bei sehr heissen Temperaturen mehrere Kilometer laufen. Erschwerend kommt hinzu, dass sie auf dem Schulweg häufig Belästigungen durch Siedler ausgesetzt sind oder Militärkontrollpunkte passieren müssen.

Erst im Dezember veröffentlichte UNOCHA einen Bericht[1] zu den zunehmenden Schwierigkeiten in Hinblick auf Zugang zu Bildung in den besetzten Gebieten. Auch die Zerstörung der Klassenräume in Ibziq wird darin thematisiert. Insgesamt sind derzeit mindestens 48 Schulen in der Westbank und Ostjerusalem akut von vollständigem oder teilweisem Abriss bedroht.

Schulleiter Firas (rechts) mit einem der Lehrer © EAPPI
Schulleiter Firas (rechts) mit einem der Lehrer © EAPPI

Die Kinder der um Ibziq liegenden Gemeinden mussten vor der Eröffnung der Grundschule fast 12 Kilometer zurücklegen, um zur nächsten Schule zu kommen, erzählt uns Firas Daraghma, der Schulleiter. Er freut sich sehr über unseren Besuch und stellt uns erst einmal die anderen Lehrkräfte vor. Die Schule hat 22 Schüler*innen, die von zwei Lehrern und drei Lehrerinnen unterrichtet werden. Wir lernen auch die Jungen und Mädchen kennen, die hier zur Schule gehen, sie haben gerade Pause. Mir gefällt, wie bunt bemalt der Schulhof ist. An einem der Wände entdecke ich ein Graffiti in arabischer Schrift. Ich lasse es mir übersetzen. Es bedeutet: ,,Das Graphit in unseren Bleistiften ist stärker als die Kugeln in euren Waffen.’’

Eine Weile sitzen wir für ein Gespräch mit den Schüler*innen und Lehrer*innen zusammen. Anschliessend zeigt uns Firas die Räumlichkeiten. Er erklärt uns, dass ein Teil der Schule in einem Gebäude aus der Zeit des osmanischen Reiches untergebracht ist. Gebäude, die vor Beginn der Besatzung 1967 erbaut wurden, dürfen auch nach israelischem Recht nicht abgerissen werden. Das alte Gebäude bot jedoch nicht genug Platz für alle Schüler*innen und Lehrer*innen. Obwohl ein Anbau dringend notwendig war, um eine Schule in Ibzig zu eröffnen und so den Zugang zu Bildung für die Kinder der umliegenden Gemeinden zu erleichtern, wurde für den Ausbau des vorhandenen Gebäudes keine Genehmigung von den israelischen Behörden erteilt.

Überreste des Klassenraums nach dem Abriss © EAPPI
Überreste des Klassenraums nach dem Abriss © EAPPI

Mit finanzieller Unterstützung der palästinensischen Autonomiebehörde hat die Schule dennoch eine Art Caravan aus Blech, errichten lassen, der als Klassenraum und Büro für die Lehrkräfte dienen sollte. Sechs Wochen nach der Gründung der Schule,  am 23.Oktober 2018, wurde der Caravan aber bereits durch das israelische Militär abgerissen und konfisziert. Firas zeigt uns die Stelle, an der der Caravan stand. Er erzählt uns, dass auch die provisorischen Zelte, die danach als Klassenraumersatz durch eine Hilfsorganisation gespendet wurden, zwei Wochen später wieder durch das israelische Militär konfisziert wurden. Die Grundschule wurde an diesem Tag vorübergehend zu einem militärischen Sperrgebiet erklärt, berichtet er uns. Den Schüler*innen sei der Zutritt zur Schule verwehrt worden und ihn und den Fahrer des Schulbusses habe man für die Dauer des Militäreinsatzes in einem der Räume eingesperrt. Erst am nächsten Tag durften die Kinder die Schule wieder betreten, so Firas.

Schülerinnen in der Grundschule von Ibziq © EAPPI
Schülerinnen in der Grundschule von Ibziq © EAPPI

Nach Angaben der EU kam es im Westjordanland bis zum Ende des Jahres 2018 in  fünf Fällen zu einem Abriss oder der Konfiszierung von Schul- und Kindergartenstrukturen durch israelische Behörden.[2] Die EU spricht von insgesamt 50 Schulen, die in den C-Gebieten und in Ostjerusalem eine konkrete Abrissverfügung- oder eine Anordnung zur Einstellung von Baumassnahmen erhalten haben.[3] Obwohl Staaten nach internationalem Recht die Verpflichtung haben, einen Zugang zu Bildung zu gewährleisten[4], sind mehr als 5.000 palästinensische Schüler von diesen Einschränkungen betroffen.[5]

Umso wichtiger ist es, dass es Menschen wie Firas gibt, die sich unermüdlich für ein Recht auf Bildung einsetzen. Der Schulleiter strahlt Entschlossenheit aus, obwohl die Schule in Ibziq seit ihrer Gründung noch mit weiteren Problemen konfrontiert ist. Sie verfügt über keinen Zugang zu Strom und fließend Wasser, da auch dafür eine Genehmigung notwendig wäre. Bisher kann der Unterricht nur im Tageslicht erfolgen. Das ist vor allem im Hinblick auf die Wintermonate problematisch. Firas erklärt uns, dass er versuchen wird, Solarzellen anzuschaffen, um die Schule zukünftig mit Licht ausstatten zu können.

Melanie, Dezember 2018

 

Ich nehme für das Berliner Missionswerk (BMW) am Ökumenischen Begleitprogramm in Palästina und Israel (EAPPI) des Ökumenischen Rates der Kirchen teil. Diese Stellungnahme gibt nur meine persönlichen Ansichten wieder, die nicht unbedingt die des BMW oder des Ökumenischen Rates der Kirchen sind.

 

[1] https://www.ochaopt.org/content/rise-incidents-disrupting-schooling-across-west-bank

[2]https://eeas.europa.eu/delegations/palestine-occupied-palestinian-territory-west-bank-and-gaza-strip/55768/eu-local-statement-dismantling-palestinian-school-simiya_en

[3] Ebd.

[4] Convention on the Rights of the Child Artikel 28 (https://www.ohchr.org/en/professionalinterest/pages/crc.aspx)

[5]  https://eeas.europa.eu/delegations/palestine-occupied-palestinian-territory-west-bank-and-gaza-strip/55768/eu-local-statement-dismantling-palestinian-school-simiya_en

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Familien beim Drachenfestival in Burin © TRDA

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