Verzweiflung im Jordantal

An einem Samstagvormittag im April besuchen wir eine kleine, aus mehreren verstreut liegenden Behausungsgruppen bestehende Hirtengemeinde im nördlichen Jordantal[1]. Seit vielen Jahren leben die Bewohner:innen in einer prekären Situation: Als palästinensische Gemeinde im vollständig von Israel kontrollierten C-Gebiet des Westjordanlands sind sie weder an das Wasser- noch an das Stromnetz angeschlossen. Die Menschen hier haben keine Chance, Baugenehmigungen von den israelischen Besatzungsbehörden zu erhalten, weshalb viele der Unterkünfte und Stallungen des Ortes in den Augen der israelischen Verwaltung als „illegal“ errichtet gelten und mit einem Abrissbefehl versehen sind. Zahlreiche Abrisse haben in den letzten Jahren stattgefunden, dutzende Menschen verloren so ihr Zuhause. Am stärksten betroffen aber sind die Gemeinden derzeit von der Gewalt radikaler Siedler:innen, die sich im Schatten des Gazakriegs deutlich verschärft hat.[2]

Bei einem Siedlerangriff zerstörte Solarpaneele; @ WCC-EAPPI/Britta
Bei einem Siedlerangriff zerstörte Solarpaneele; @ WCC-EAPPI/Britta

Bei unserem Besuch in der Gemeinde treffen wir Farid*. Wir wollen mehr über einen Übergriff von Siedlern auf seine Familie erfahren, nachdem uns sein Verwandter zuvor darüber informiert hatte. Farid berichtet, dass zwei Wochen zuvor während der Nacht circa 25 Siedler zum Grundstück der Familie kamen und dort randalierten. Sie zerstörten die Solarpaneele, versuchten ein Zelt in Brand zu setzen, beschädigten den Kühlschrank und vermischten Salz, Zucker und andere Nahrungsmittel. Außerdem wurde der Traktor Ziel des Angriffs. Das Getriebe wurde zerstört und Steine in den Benzintank gegeben. Er erzählt uns, dass die israelische Armee und Polizei den Vorfall beobachteten, ohne einzugreifen. Vor dem 7. Oktober sei es zumindest manchmal noch möglich gewesen mit der Armee zu sprechen, führt Farid weiter aus. Jetzt sei ein Großteil der Soldat:innen für den Krieg in Gaza abgezogen und ihre Positionen im Westjordanland von Reservisten aus den Siedlungen bekleidet. Uns wird erzählt, dass die Siedler, die schon vorher die Palästinenser:innen bedrängt haben, nun in Militäruniform sozusagen mit der vollen Autorität des Staates vor ihnen stehen. Das schüchtert die Menschen zusätzlich ein.

Die Familien, die wir im Jordantal treffen, leben hauptsächlich von Landwirtschaft. Sie halten Kuh-, Schaf- und Ziegenherden und bauen Getreide und Gemüse an. Um ihre Tiere zu versorgen, nutzen sie Flächen rund um ihre Wohnorte zum Weiden. Dieser Lebensstil wird ihnen jedoch zunehmend genommen. Ihr Weideland verringert sich stetig durch die Ausweitung von Siedlungen, die Ausweisung von militärischen Sperrgebieten und Naturreservaten oder durch Verbote, ihre Herden in der Nähe der Siedlungen grasen zu lassen. Insbesondere in den letzten Jahren nutzen Siedler:innen eigene Tierherden, um palästinensische Weideflächen zu übernehmen und mit relativ einfachen Mitteln mehr und mehr Land unter ihre Kontrolle zu bringen, so etwa beschrieben in einem Bericht der israelischen Organisationen Kerem Navot von Mai 2022.[3]

Palästinensische Hirtengemeinden im nördlichen Jordantal liegen nicht nur im vollständig von Israel kontrollierten C-Gebiet des Westjordanlands (blau), sie sind umgeben von militärischen Sperrgebieten (grau), Siedlungen und Siedlungsaußenposten (lila) und deren landwirtschaftlichen Flächen (orange) sowie von israelisch-deklarierten Naturschutzgebieten (rot-schraffiert). Ihre Entwicklungsmöglichkeiten, der Erhalt ihrer Landwirtschaft bis hin zum Erhalt der Dörfer selbst sind durch diese strukturellen Einschränkungen und die zunehmende Gewalt radikaler Siedler:innen stark beeinträchtigt. Karte: Ausschnitt UNOCHA-OPT West Bank Restrictions May 2023.
Palästinensische Hirtengemeinden im nördlichen Jordantal liegen nicht nur im vollständig von Israel kontrollierten C-Gebiet des Westjordanlands (blau), sie sind umgeben von militärischen Sperrgebieten (grau), Siedlungen und Siedlungsaußenposten (lila) und deren landwirtschaftlichen Flächen (orange) sowie von israelisch-deklarierten Naturschutzgebieten (rot-schraffiert). Ihre Entwicklungsmöglichkeiten, der Erhalt ihrer Landwirtschaft bis hin zum Erhalt der Dörfer selbst sind durch diese strukturellen Einschränkungen und die zunehmende Gewalt radikaler Siedler:innen stark beeinträchtigt. Karte: Ausschnitt UNOCHA-OPT West Bank Restrictions May 2023.

Während wir mit Farid zusammensitzen, kommt von einem Hügel auf der gegenüberliegenden Straßenseite die Kuhherde der Familie zurück, die dort zum Weiden war. Plötzlich fährt ein junger Siedler, bewaffnet mit einem Maschinengewehr, auf einem Quad vor und steuert auf die Herde zu. Farid bittet uns mit ihm zur Straße zu gehen und den Vorfall zu filmen, in der Hoffnung, dass unsere internationale Präsenz den Siedler davon abhält, die Familie zu bedrohen. Wir gehen zur Straße und werden Zeug:innen wie der Siedler mitten durch die Herde rast, um die Tiere aufzuscheuchen. Anschließend fährt er den Hügel wieder herunter und verlässt zunächst die Gegend.

Farid bittet uns, ihn mit den Tieren zu einer Quelle zu begleiten, die direkt neben dem Dorf liegt. Die Kühe sollen hier getränkt werden, so wie die Bewohner:innen der Ortschaft es seit jeher gehandhabt haben. Letztes Jahr hatten Siedler ihnen verboten die Quelle weiterhin zu nutzen, sodass die Hirt:innen dies nur noch heimlich machen konnten, bis ihnen Anfang April der Zugang von bewaffneten Siedlern verwehrt wurde, so berichtet uns Farid. Während wir mit den Tieren am Wasser sind, kommt der Siedler mit seinem Quad auf der oberhalb der Quelle liegenden Straße zurück. Als er an uns vorbeifährt, richtet er den Blick auf uns, schreit uns etwas entgegen und fährt davon. Wir sehen ihn während unseres Besuches nicht wieder. Farid ist dankbar, dass wir vor Ort waren, ihn begleiten konnten und miterlebt haben, was sie nur allzu oft ertragen müssen. Später erfahren wir von einem anderen Familienmitglied, dass der Siedler eine Kuh aus einer anderen Herde angefahren hat, nachdem er zuvor versucht habe, den Hirten auf seinem Esel anzufahren.

Wir sprechen mit Farid noch über die israelische Flagge, die an der Einfahrt zum Grundstück der Familie steht. Er erzählt uns, dass Siedler die Flagge zu Beginn des Krieges dort aufgestellt und vor einer Woche durch eine neue Flagge ersetzt haben. Hierbei drohten sie, so Farid, das Haus mit der Familie im Inneren zu zerstören, sollte die Flagge entfernt werden.

Israelische Flagge in der Einfahrt der palästinensischen Familie; © WCC-EAPPI/Britta
Israelische Flagge in der Einfahrt der palästinensischen Familie; © WCC-EAPPI/Britta

Ein paar Tage zuvor hatten wir Karim* besucht, einen Verwandten von Farid, der mit seiner Familie auf der gegenüberliegenden Straßenseite wohnt. Auch ihre Einfahrt ist mit israelischen Flaggen bestückt, die kürzlich durch neue ersetzt wurden. Sie erhielten eine ähnliche Drohung, sodass die Familie nun jemanden abstellt, der auf die Flaggen aufpasst. Sie befürchten, dass vorbeifahrende Palästinenser:innen die Flaggen entfernen könnten.

Während unseres Treffens erzählt uns Karim, dass ein Teil seiner Kuhherde von Siedlern gestohlen und einer lokalen israelischen Siedlungsbehörde übergeben wurde. Die Behörde konfiszierte die Tiere und verlangte von der Familie 49.000 Schekel (etwa 12.200 €) zur Herausgabe. Die Familie sah keine andere Alternative ihren Lebensunterhalt zu sichern und zahlte mit Hilfe von israelischen Aktivist:innen die Summe. Zwei Wochen später wurden jedoch erneut fast 50 Kühe der Familie konfisziert und eine exorbitant hohe Summe für deren Herausgabe gefordert. Im März legten die Familie und weitere Betroffene mit Unterstützung der israelischen Menschenrechtsorganisation Yesh Din Beschwerde beim Obersten Gerichtshof Israels gegen die Konfiszierung ein.[4] Zum Zeitpunkt unseres Besuchs waren die Tiere weiterhin beschlagnahmt.

Uns wird deutlich, unter welchem Druck die Familien leiden. Sie berichten, dass seit Oktober sechs Familien aufgrund der ständigen Gefahr von Siedlerübergriffen den Ort verlassen haben. Nun sind noch vier Familien übrig. Laut der israelischen Menschenrechtsorganisation B’Tselem waren in den vergangenen Monaten über 1.000 Menschen aus palästinensischen Dörfern im Westjordanland gezwungen, ihre Dörfer und damit ihr Zuhause aufzugeben.[5]

Karim sagt, dass sie die Situation auch nicht mehr lange aushalten und kaum noch Hoffnung auf Besserung haben. Obwohl sie seit 20 Jahren von internationalen Organisationen besucht werden, die ihre Lage dokumentieren, seien ihre Lebensumstände immer schlimmer geworden. Meistens sind nur noch die Männer der Familien vor Ort, während die Frauen und Kinder in einem anderen Dorf leben. Beide Familien erzählen, dass sie besonders nachts Angst haben. Sie sind seit einiger Zeit in Kontakt mit israelischen Aktivist:innen, die oft bei ihnen übernachten, in der Hoffnung, dass diese nächtliche Präsenz sie vor den Übergriffen von Siedlern schützt.

Karim fragt während unseres Besuchs: „Wo sind die Menschenrechte? Was für ein Leben haben wir, wenn bewaffnete Siedler mit uns machen können, was sie wollen? Wo auf der Welt werden Kühe derart konfisziert? Was haben wir getan? Wir sind alle müde. Wir sehen keinen Unterschied zwischen Juden, Muslimen und Christen. Wir wollen einfach nur in Frieden zusammenleben.“ Mehrfach schon hätten Siedler ihnen gesagt, dass sie die Gegend verlassen und nach Jordanien gehen sollen.

Zum Ende versichert Karim uns, dass unser Besuch gut für ihn ist, weil er sich seine Verzweiflung von der Seele reden kann und das etwas von dem Druck nimmt, unter dem er steht. Er lädt uns ein wiederzukommen. Und beide Familien bitten uns mehrfach, auf unsere Regierungen einzuwirken, damit diese sich für die Rechte der von Gewalt und Vertreibung bedrohten Menschen im Jordantal einsetzen.

Britta, im Mai 2024

* Alle Namen wurden geändert

Ich habe für das Berliner Missionswerk am Ökumenischen Begleitprogramm in Palästina und Israel (EAPPI) des Ökumenischen Rates der Kirchen teilgenommen. Diese Stellungnahme gibt nur meine persönlichen Ansichten wieder, die nicht unbedingt die des Berliner Missionswerks oder des Ökumenischen Rates der Kirchen sind.


[1] Das Jordantal macht fast 30 % des Westjordanlands aus und ist der östliche Landstrich an der Grenze zu Jordanien. Hier leben ungefähr 65.000 Palästinenser:innen sowie 11.000 Israelis in völkerrechtswidrigen Siedlungen. Fast 90 % des Jordantals liegen in den sogenannten C-Gebieten, die unter vollständiger israelischer Kontrolle stehen. Weitere Infos unter https://www.btselem.org/jordan_valley.

[2] https://www.tagesschau.de/ausland/asien/israel-westjordanland-122.html

[3] https://www.keremnavot.org/thewildwest

[4] https://www.yesh-din.org/en/hcj-petition-jordan-valley-regional-council-is-acting-without-authority-and-is-confiscating-palestinians-livestock/

[5] https://www.btselem.org/settler_violence/20231019_forcible_transfer_of_isolated_communities_and_families_in_area_c_under_the_cover_of_gaza_fighting

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