Ackerbau, Viehzucht und Olivenanbau werden palästinensischen Bäuerinnen und Bauern zunehmend erschwert. Besonders in den C-Gebieten unter vollständiger israelischer Kontrolle ist die Situation oft existenzgefährdent. Siedler zerstören die Ernten, die Militärverwaltung verbietet viele landwirtschaftliche Aktivitäten und Baumaßnahmen.
Die Wassernutzung in den palästinensischen Gebieten ist der israelischen Militärverwaltung unterstellt. Die Wassersituation hat enorme Auswirkungen auf die Bäuer:innen und Hirt:innen. Während in den B-Gebieten die Wasserversorgung zwar teuer, aber recht zuverlässig ist, müssen Bäuer:innen in den C-Gebieten das Wasser oftmals in Tanks mit Traktoren zu ihren Gehöften transportieren.
Ende April 2023 besuchten Mitarbeiter:innen diplomatischer Vertretungen aus zwölf Ländern, darunter auch Deutschlands, eine kleine Schule östlich von Bethlehem. Doch auch dieses Zeichen der Solidarität konnte den Abriss der Schule nicht verhindern.
„Ökumenisches Begleitprogramm in Palästina und Israel“ – dafür steht die Abkürzung EAPPI. Schon in der Vorbereitung auf unsere Zeit im Land ist uns als wichtiger Gedanke mitgegeben worden: „Denkt immer daran, dass es ganz unterschiedliche Perspektiven auf eine Region, ein Land, einen Konflikt gibt.“ Ich denke, das war ein guter Rat und ich versuchte, ihn mir jeden Tag neu ins Gedächtnis zu rufen.
Palästinensische Bauern in den South Hebron Hills fürchten um ihre Existenz
Nadim*, auch nach seinem erstgeborenen Sohn Abu Achmad genannt, hat seinen kleinen Bauernhof im Osten des palästinensischen Dorfs Mantiqat Shi’B al Butum. Es ist ein für die Gegend typischer Mischbetrieb: Schafe, Ziegen, ein paar Gänse, Kaninchen, ein Bauerngarten mit Gemüse, ein paar Olivenbäume und in den Talauen Getreidefelder für Futtergerste und Weizen.
Früher hatte Nadim noch zwei Nachbarn. Doch die sind längst weggezogen, sie haben dem Druck der Siedler und deren gewalttätigen Übergriffen nicht mehr standgehalten. Bisher lebte der Bauer hier mit seiner Frau und der 16jährigen Tochter. Die vier Söhne sind verheiratet und aus dem Haus. Sie arbeiten in Yatta, Ramallah oder als Arbeitsmigranten in Israel, und kommen an den Wochenenden zur Unterstützung. Vor einiger Zeit hat Nadim seine Frau und seine Tochter zu Verwandten geschickt – die Lage ist ihm unheimlich geworden. Eines Nachts erschienen Soldaten, um die Ausweise der Familie zu kontrollieren. Er und seine Familie haben hier seit Generationen ihren Sitz, das sei den Behörden einschlägig bekannt, berichtet er uns. Wozu also eine solche Kontrolle? Er fühlt sich unter Druck gesetzt, seiner Frau und der Tochter möchte er diesen Zustand nicht zumuten.
Nahezu täglich wird Nadim von Siedlern des benachbarten Siedlungsaußenpostens Avigayil bedrängt und bedroht. Es ist Frühling, seine Gersten- und Weizenfelder würden gedeihen, wären da nicht die Schafe und Ziegen der Siedler, die sich – geführt von jungen Siedlern – über seine Felder und die der anderen Gehöfte des Dorfes hermachen. Auch eine Strafanzeige von Nadim bei der israelischen Polizei hat bisher nichts an dieser Situation geändert. „Die Anzeigen liegen auf dem Polizeiposten in der Siedlung Kiryat Arba in der „Ablage“, so der verzweifelte Bauer.
„Wer Bäume pflanzt, hat noch Hoffnung für die Zukunft. Wer Bäume pflanzt, leistet gewaltlosen Widerstand. Wer Bäume pflanzt, sichert das Land. Wer Bäume pflanzt, wird aktiv.“ Aus dem Mund von Daoud Nassar, Mitglied der evangelisch-lutherischen Weihnachtskirche in Bethlehem, sind diese Worte nicht selbstverständlich, denn manch eine:r hätte nach einem jahrzehntelangen Kampf um das eigene Land sicherlich schon längst aufgegeben.
1991 erklärten die israelischen Behörden den Hof der Familie Nassar und das umliegende Gebiet zum „Staatsland“, obwohl die Familie im Besitz aller ursprünglichen Grundbucheintragungen aus den Jahren 1924/1925 ist und das Land bis heute kontinuierlich bewirtschaftet hat. Fünf israelische Siedlungen wachsen seit Jahrzehnten auf den Hügeln rund um die Farm. Seit den 90ern müssen die Nassars ihr Land vor israelischen (Militär)Gerichten verteidigen, sei es gegen den Abriss von landwirtschaftlichen Gebäuden, Wasserzisternen und Zelten oder gegen die vollständige Enteignung.
Im Jahr 2007 entschied der Oberste Gerichtshof Israels, dass die Nassars mit der von Israel geforderten Neuregistrierung ihres Landes beginnen können. In den folgenden fast 16 Jahren musste dieser Prozess mehrfach neu gestartet werden, zum Teil wegen verschwundener Unterlagen bei den Behörden oder wegen nicht vor Gericht erschienener Staatsanwälte und Zeugen.
Right to movement – unter diesem Titel hat sich im Jahr 2013 auf Initiative von jungen Palästinenser:innen und Dän:innen in Bethlehem eine Graswurzelbewegung gegründet, die es inzwischen an verschiedenen Orten im Westjordanland mit einem umfangreichen sportlichen Angebot gibt. Zugleich organisierte die Gruppe im selben Jahr auch den ersten Palästina-Marathon mit ca. 650 Teilnehmenden, der in den Folgejahren auf über 10.000 Teilnehmende anwuchs und mittlerweile von einem Gremium der palästinensischen Autonomiebehörde – dem Palestinian Higher Council for Youth and Sports – durchgeführt wird. In diesem Jahr fand die Veranstaltung am 10. März statt.
Die Wahl des Namens deutet schon auf das Anliegen hin. Das Recht darauf, sich frei bewegen zu können (im Deutschen etwas umständlich „Freizügigkeit“ genannt), wird sowohl im humanitären Völkerecht als auch in den Menschenrechten garantiert. In Fällen einer Besatzung wie in den palästinensischen Gebieten hat die Besatzungsmacht die Pflicht, den Menschen in den besetzten Gebieten diese Freiheit zu ermöglichen. Einschränkungen sind nach internationalem Recht u.a. aus Gründen der Sicherheit möglich, müssen aber unbedingt nötig und angemessen sein und dürfen niemanden diskriminieren.
25.Januar 2023, die Bewohner:innen des Dorfes Khashem al-Karem sind in angespannter Aufregung. Der palästinensische Bildungsminister und zahlreiche Vertreter:innen des diplomatische Korps haben sich zu einer Solidaritätskundgebung für die im Ort neu gebaute Schule eingefunden, unter ihnen auch ein Repräsentant des Deutschen Vertretungsbüros in Ramallah. Ende 2022 hat die Schule eine Abrissverfügung erhalten. Der Vorwurf: Sie wurde ohne Genehmigung der israelischen Behörden errichtet. Als Ökumenische Begleiter:innen des EAPPI Programms sind auch wir zu viert vor Ort, um Solidarität zu zeigen. Eine Jeepbesatzung des israelischen Militärs beobachtet die Szene aus der Ferne.
Bei Khashem al-Karem handelt es sich um ein palästinensisches Dorf von rund 500 Einwohner:innen, die von der Viehhaltung leben. Das Dorf liegt im äußersten Südosten der Westbank. Vor drei Monaten wurde hier mit Unterstützung einer Reihe europäischer Staaten, unter diesen auch die Bundesrepublik Deutschland, eine Grundschule mit angeschlossenem Kindergarten gebaut. Wie auf einem Schild am Gebäude zu lesen ist, möchten die finanzierenden Partner mit diesem Schulbau Palästinenser:innen unterstützen, die von erzwungener Umsiedlung bedroht sind. Doch was genau heißt das?
An der Sperranlage[1], die Israel und die Westbank trennt, sieht man viele Graffitis. Seit der Errichtung der Mauer sind sie, wie hier in Bethlehem, künstlerischer Ausdruck des Widerstandes und der politischen Meinungs-äußerung. Manche der Graffitis drücken Verzweiflung aus, andere Schmerz und wieder andere Hoffnung.
Zu letzteren zählt auch eine Ikone von Maria, die seit 2010 zu sehen ist und von dem Künstler Ian Knowles geschaffen wurde. Inspiriert wurde sie durch eine Rede des damaligen Papstes Benedikt auf einer Sonderversammlung der Bischofssynode für den Nahen Osten im selben Jahr. Als Bild für die Christ:innen in der Region gebrauchte er ein Bild aus dem biblischen Buch der Offenbarung, in dem eine durch die Sonne bekleidete Frau unter Schmerzen ein Kind gebiert.
Knowles hat zu verschiedenen Gelegenheiten berichtet, was ihm an seiner Ikone wichtig ist: Maria fasst sich mit der Hand an die Stirn, als ob sie in großem Schmerz ist. Für den Künstler ist dieser Schmerz das Leiden der Christ:innen vor Ort unter der Besatzung.
Eine der Hauptaufgaben der EAPPI-Teams in Bethlehem besteht in der schützenden Präsenz auf Schulwegen und an Schulen und der Dokumentation von Zwischenfällen, die sich dort ereignen. Dafür fahren die Ökumenischen Begleiter:innen regelmäßig in die Orte Tuqu’ und Al Minya, südlich von Bethlehem. Für drei Monate war die Schulwegbegleitung auch Teil meiner Aufgaben.
In Tuqu’ waren wir an zwei Schulkomplexen präsent: Zum einen an den unmittelbar nebeneinander liegenden Schulen Aljurmagh and Alkansa, zum anderen an der Tuqu’ Secondary Boys School. Beide befinden sich auf halber Höhe zweier sich gegenüberliegender Hügel etwa 300 m Luftlinie voneinander entfernt. Dazwischen liegt eine stark befahrene Straße, an der fast alle Schüler:innen entlanggehen müssen, sowie ein Olivenhain, durch den ein Weg zur Boys School führt. Knapp 1.000 Mädchen und Jungen besuchen die Schulen in Tuqu‘. Ca. 5 km südlich befindet sich die Schule von Al Minya, die von etwa 220 Jungen und Mädchen im Alter von 7–14 Jahren besucht wird.
Der Schulbesuch ist für die Kinder dieser Schulen aus verschiedenen Gründen besonders schwierig: Der Schulweg führt an der enorm befahrenen Straße 356 entlang, auf der auch viele Busse und LKW unterwegs sind, deren Fahrer – so meine Wahrnehmung – häufig keine Rücksicht auf die am Straßenrand entlanglaufenden Schüler:innen nehmen. Hinzu kommt, dass viele Siedler:innen aus den Siedlungen Tekoa, Ma’ale Amos und Ibei Hanahal die Straße nutzen. Wiederholt erleben wir, dass Siedler versuchen, Kinder, Schulpersonal oder uns EAs zu schikanieren oder einzuschüchtern. Am schwersten wiegt aber sicherlich die außergewöhnlich starke israelische Militärpräsenz.