Von Schafen, Ziegen und Siedlern im Frühling 2026

‚Der Herr ist mein Hirte, mir wird nichts mangeln… er weidet mich auf grüner Aue und führet mich zum frischen Wasser…‘ ruft der Psalmbeter

Schafe sind wunderbare Tiere. Schafe sind genügsam, sie sind belastbar, sie leben in einer Herde mit dem Wissen, dass sich die Welt nicht um sie dreht, sie hören aufeinander und schützen sich als Kollektiv. Sie finden auch im kargen Land noch etwas zu fressen, das konnte ich im Winter in der Westbank sehen, wie auf dem Bild, das vor wenigen Wochen in der Nähe von Khan al-Ahmar, einer kleinen Beduinengemeinde zwischen Jericho und Jerusalem, entstand.

Aufgrund des erneuten Krieges mussten wir unseren Einsatz Anfang März vorzeitig beenden. Doch ich verfolge die Situation in der Westbank weiter, in der Presse, in Berichten von israelischen und palästinensischen Menschenrechtsorganisationen und durch Berichte unserer Gesprächspartner:innen selber. Seit April gibt es eine Gruppe ehemaliger Ökumenischer Begleiter:innen, die in einem Modellprojekt Gemeinden im Westjordanland virtuell begleiten. So können wir uns weiterhin mit den Menschen verbinden und Rechtsverletzungen dokumentieren. 

Ich mag Schafe und ich mag dieses Bild, das einen freudig stimmen könnte, wäre es nicht unter schwierigen Bedingungen entstanden. Denn dieses Bild zeigt leider nur einen der wenigen kurzen Momente, in denen das Weiden der Schafe auf den umliegenden Hügeln des Dorfes heutzutage überhaupt noch möglich ist.

Schafe und Ziegen da, wo sie hingehören, dort, wo sie grasen können; © WCC-EAPPI/Dorothee
Schafe und Ziegen da, wo sie hingehören, dort, wo sie grasen können; © WCC-EAPPI/Dorothee

Schafe, von ihrer Natur her sehr friedliche und gemeinschaftsorientierte Tiere, werden in diesen Tagen nicht nur in Khan al-Ahmar ungewollt und unverschuldet Objekte und Teil des Konflikts: Hirt:innen fühlen sich aufgrund der immer weiter eskalierenden Siedlergewalt nicht mehr sicher, die Tiere draußen in den Bergen grasen zu lassen. Dadurch muss Futter zugekauft werden und so verschärfte sich die ohnehin prekäre finanzielle Situation der Menschen. Und erst recht, wenn die Eigentümer:innen letztlich einige oder alle Tiere verkaufen müssen, weil sie den Zukauf von Futter nicht mehr finanzieren können, und damit ihrem traditionellen Lebensstil gezwungenermaßen selbst ein Ende setzen müssen. Diese Eskalationsstufen, die auf Dauer existenzgefährdend sind für die zahlreichen Hirten- und Beduinengemeinden, habe ich bei meinen Besuchen zu Beginn des Jahres in verschiedenen Orten in der Westbank miterlebt:

Schafe in Khan al-Ahmar

Khan al-Ahmar liegt im Siedlungsausbaugebiet E1 zwischen Jerusalem und Jericho. Die Umsetzung der Besiedlungspläne würde die Westbank in zwei Teile spalten. Am 19. Mai ordnete der israelische Finanzminister Smotrich die schon seit Jahren geplante Zwangsumsiedlung der hiesigen Beduinengemeinschaften an[1]. Einige Tage später äußerten sich die Regierungschefs mehrerer Länder, einschließlich Deutschlands, deutlich in Hinblick auf die sich erheblich verschlechternde Situation im Westjordanland, vor allem im E1-Gebiet[2]: „Wir stellen uns entschieden denjenigen entgegen, einschließlich Mitgliedern der israelischen Regierung, die sich für eine Annexion des Westjordanlandes sowie die gewaltsame Vertreibung der palästinensischen Bevölkerung aussprechen.“

Schafe und Ziegen grasen nur noch selten und in der unmittelbaren Umgebung des Stalls; © WCC-EAPPI/Dorothee
Schafe und Ziegen grasen nur noch selten und in der unmittelbaren Umgebung des Stalls; © WCC-EAPPI/Dorothee

Wie eingangs beschrieben leben die Schafe hier meistens im Stall ganz in der Nähe ihrer Besitzer:innen. Wir sind gerade zu Besuch, als eine Hirtin mit den Schafen wieder zurückkehrt nach dem erfolglosen Versuch, einen Weideplatz zu finden. Siedler waren von ihrem Außenposten heruntergekommen, hatten die Frau bedroht und versucht, die Schafe abzudrängen, aber Verwandte kamen ihr zur Hilfe und schützen sie und die Schafe, sodass die Siedler keine Chance hatten… noch mal gut gegangen.

Wir hören, dass die Hirtin mittlerweile lieber auf die dem Dorf gegenüberliegende Straßenseite zieht, dorthin, wo das Weideland zum militärischen Sperrgebiet erklärt wurde. Dort zu weiden sei bis vor kurzem ein absolutes Tabu gewesen, da die israelische Armee hohe Strafen verhängen kann, wenn man dieses Gebiet verbotenerweise betritt. Da aber, so berichten uns die Bewohner:innen von Khan al-Ahmar, die Belästigung und Bedrohung der Siedler, die unmittelbar oberhalb des Dorfes einen Außenposten platziert haben, so stark zugenommen hat, einschließlich der Gefahr, dass Schafe gestohlen werden, halten die Menschen in Khan al-Ahmar mittlerweile das militärische Sperrgebiet für weniger gefährlich, als die Nähe zu den gewaltbereiten Siedlern – das soll was heißen.

Schafe im Jordantal

Wir fahren von Jericho aus die Straße 90 an der jordanischen Grenze entlang in den Norden der Westbank, vorbei an Palmen und kleinen Schaf- und Ziegenherden, die (noch) am Straßenrand grasen dürfen. Der Frühling zeigt seine Kraft und bringt die Hügel zum Blühen und beschert frisches Gras und Blätter. Kurz vor dem Checkpoint Hamra biegen wir auf einen Schotterweg und besuchen Achmad* und seine Familie. Seit mehreren Generationen lebt die Hirtenfamilie hier zwischen den sanften Hügeln und Bergen, in einer kargen Landschaft, die nur für das Weiden von Schafen geeignet ist. Die Schafe blöken laut, sie sind eng eingepfercht, sie sehen das Gras wachsen und machen deutlich, dass sie raus wollen. Wir setzten uns mit Tee in einen stallähnlichen Raum, reden und blicken auf mehrere Stapel gefüllter Säcke. Ein neugieriges Schaf steckt seine Schnauze durch die Tür, es scheint zu merken, dass es hier Futter gibt.

Der Zukauf von Futter für Schafe und Ziegen führt nicht selten zum finanziellen Ruin; © WCC-EAPPI/Dorothee
Der Zukauf von Futter für Schafe und Ziegen führt nicht selten zum finanziellen Ruin; © WCC-EAPPI/Dorothee

Wir hören von Achmad, dass er seit langem säckeweise Ergänzungsfutter für seine Schafe und Ziegen kaufen muss, um sie zu sättigen. In seiner direkten Nachbarschaft hat sich ein besonders brutaler Siedler niedergelassen. Durch laute Drohungen und martialische Auftritte mit seinem Geländewagen hindert der neue Nachbar ihn regelmäßig daran, seine Schafe zu weiden. Achmad erzählt, dass es früher unter den Landbesitzern klare Absprachen gab, wo die Schafe weiden gehen konnten, und auch, dass er früher tagelang auf den umliegenden Hügeln mit seinen Herden sicher unterwegs war.

Daran ist heute kein Denken mehr. Wenn es ihm gelingt, für wenige Stunden mit den Tieren zu weiden, ist er froh. Das macht die Schafe aber nicht satt. Er berichtet, dass das kein Dauerzustand sein kann und finanziell nicht mehr lange gut geht. Er wisse nicht, wie lange er seine Schafe noch halten könne. Und dann zählt er auf, wer in seiner Nachbarschaft aus diesem Grund seine Herde schon verkaufen musste und dass diese Nachbarn aufgrund ihrer Notsituation keine guten Preise für ihre Tiere bekommen haben. Aber schlimmer noch, so Achmad, ist für die Menschen der Verlust der Tiere selber, denn sie gehören untrennbar zum Leben in den Hirten- und Beduinengemeinden und zum traditionellen Selbstverständnis dazu. „Wir sind es gewohnt und lieben es, in direkter Nähe zu den Tieren zu leben, ohne sie fühlen wir uns nicht vollständig“, sagt er mit einer traurigen Aussichtslosigkeit in seinem Gesichtsausdruck, die sich auf uns überträgt, weil wir wissen, dass die Siedler für ihr rechtloses Verhalten nicht bestraft werden. Das ist auch Achmads Erfahrung und der Grund, warum er nicht mehr die mehrtägige Runde über die Hügel nimmt, sondern höchstens einmal um den Hof geht, obwohl der Frühling mit Macht kommt und die Hügel ergrünen lässt. So viele frische Blätter und Gras wären gerade jetzt in diesen Frühlingstagen zum Fressen geeignet, bevor die Sommerdürre wieder zum Engpass wird.

Mehr als eine kleine Runde um die Wohnzelte herum ist mittlerweile nicht mehr möglich; © WCC-EAPPI/Dorothee
Mehr als eine kleine Runde um die Wohnzelte herum ist mittlerweile nicht mehr möglich; © WCC-EAPPI/Dorothee

Am 7.4. berichtet David Shulman, langjähriger israelischer Aktivist und Professor an der Hebräischen Universität Jerusalem, der regelmäßig zur ‚protective presence‘ – schützenden Präsenz – in die Westbank fährt, in der Frankfurter Rundschau[3] aus At-Tawil bei Nablus:

„Mittags dringen drei Siedler in einem der Traktor-Ranger-Fahrzeuge ein, die Ben Gvir allen Außenposten zur Verfügung gestellt hat. (Jedes dieser Fahrzeuge kostet 100.000 Schekel; sie werden von unseren Steuergeldern finanziert.) Diese kleinen Fahrzeuge richten enormen Schaden an. Nidal, unser Gastgeber in At-Tawil, ruft uns in Panik an. Sein Haus und seine Schafställe liegen auf dem Hügelkamm, von wo er alles genau beobachten kann. Wir versuchen, den Ranger über die schlammigen Straßen zu verfolgen; die Siedler umkreisen die Häuser, auf und ab, von einem Anwesen zum nächsten. Sie tun das, um Angst und Schrecken zu verbreiten. Sie drohen und führen uns dabei vor, dass sie ultimative, tödliche Macht haben über jede lebende Seele in Palästina.“

Ziegen sind wunderbar neugierige Tiere. Sie wollen in Freiheit laufen, hinter jeder Mauer hervorschauen und selber Futter finden, nicht aber über lange Zeit in großer Enge eingepfercht sein; © WCC-EAPPI/Dorothee
Ziegen sind wunderbar neugierige Tiere. Sie wollen in Freiheit laufen, hinter jeder Mauer hervorschauen und selber Futter finden, nicht aber über lange Zeit in großer Enge eingepfercht sein; © WCC-EAPPI/Dorothee

In einem aktuellen Überblick[4] gibt das UN-Büro für die Koordination humanitärer Angelegenheiten in den besetzten palästinensischen Gebieten bekannt, dass seit 2023 fast 6.000 Menschen in der Westbank aufgrund von Siedlergewalt und Zugangsbeschränkungen vertrieben wurden. Allein im April 2026 zählte die UN 211 Übergriffe von Siedlern, bei denen Palästinenser:innen und/oder ihr Eigentum zu Schaden kamen. Nach UN-Angaben starben seit Beginn des Jahres mindestens 13 Palästinenser:innen durch Gewalt von Siedlern[5].

Die New York Times berichtet[6] am 18.3. von dem unfassbar brutalen und entgrenzten Überfall von jungen Siedlern im Dorf Khirbet Humsa, bei dem es zu unvorstellbarer Demütigung und Gewalt gegenüber Suhaib Abualkebash kam. Suhaib ist Familienvater und Hirte von 400 Schafen. Er wurde während seiner Nachtwache zum Schutz seiner Familie und seiner Schafe gewalttätig und lebensbedrohlich drangsaliert und gedemütigt, während gleichzeitig seine 400 Schafe gestohlen wurden.

Der Herr ist mein Hirte, mir wird nichts mangeln… er weidet mich auf grüner Aue und führet mich zum frischen Wasser….

Damit dieser berühmte Satz aus Psalm 23 mit Blick auf die Situation im Westjordanland nicht zu reinem Zynismus verkommt, sondern wieder Wirklichkeit wird, müssen wir uns alle dafür einsetzen, dass die internationale Gemeinschaft, einschließlich der Bundesregierung, das Leid der Menschen in den Hirten- und Beduinengemeinden wahr- und ernstnimmt und wirksame Konsequenzen gegenüber der israelischen Regierung zieht, damit diese ihrer Pflicht als Besatzungsmacht zum Schutz der besetzten Bevölkerung endlich nachkommt. Wir alle können unsere Bundestagsabgeordneten darauf hinweisen und sie zum Handeln auffordern.

Dorothee, im Juni 2026

Ich habe für das Berliner Missionswerk am Ökumenischen Begleitprogramm in Palästina und Israel (EAPPI) des Ökumenischen Rates der Kirchen teilgenommen. Dieser Bericht gibt nur meine persönlichen Ansichten wieder, die nicht unbedingt die des Berliner Missionswerkes oder des Ökumenischen Rates der Kirchen sind.


[1] https://peacenow.org.il/en/minister-smotrich-the-evacuation-of-khan-al-ahmare1

[2] https://www.bundesregierung.de/breg-de/aktuelles/joint-statement-from-the-leaders-of-the-united-kingdom-italy-france-germany-canada-australia-new-zealand-norway-netherlands-spain-belgium-and-the-eu-high-representative-for-foreign-affairs-and-security-policy-on-the-situation-in-the-west-bank-2432270

[3] https://www.fr.de/kultur/gesellschaft/siedler-terrorisieren-das-palaestinensische-dorf-at-tawil-94251646.html

[4] https://www.ochaopt.org/content/west-bank-monthly-snapshot-casualties-property-damage-and-displacement-april-2026

[5] https://www.ochaopt.org/data/casualties

[6] https://www.nytimes.com/2026/03/18/world/middleeast/west-bank-sexual-assault-israel-settlers.html