Schulbesuch in Al Khadr

Ein täglicher Balanceakt zwischen Hoffnung und Hindernissen

Januar 2026: Früh morgens machen wir uns auf den Weg nach Al Khadr. Unsere Aufgabe dort als ökumenische Begleiter:innen: Den Schulweg beobachten und Vorfälle dokumentieren. Denn in Al Khadr nahe Bethlehem gibt es mehrere Schulen, an denen es immer wieder zu Vorfällen mit der israelischen Armee kommt, von einschüchternder Präsenz schwerbewaffneter Soldat:innen bis zum Einsatz von Tränengas und der Verhaftung von Minderjährigen.

Al Khadr grenzt im Südwesten an Bethlehem; © WCC-EAPPI/Lee
Al Khadr grenzt im Südwesten an Bethlehem; © WCC-EAPPI/Lee

Im April wurde berichtet, wie israelische Sicherheitskräfte Schulkinder in der Region Masafer Yatta mit Tränengas beschossen. Die Kinder sollten zum ersten Mal seit Beginn des Krieges zwischen Israel/USA und dem Iran wieder in die Schule gehen, doch Siedler hatten den Schulweg mit Stacheldraht versperrt, woraufhin die Kinder und einige Erwachsene eine Art improvisierte Schulstunde an der Sperre abhielten und den Zugang zu ihrer Schule fordert.

Die Schulwegbegleitung ist seit mehr als 20 Jahren Bestandteil der Aufgaben von Ökumenischen Begleiter:innen, denn Übergriffe auf Schüler:innen und Lehrkräfte seitens israelischer Sicherheitskräfte oder Siedler:innen sind leider keine Einzelfälle. Ein Bericht der Independent International Commission of Inquiry on the Occupied Palestinian Territory, including East Jerusalem, and Israel von Mai 2025, der sich u.a. mit Übergriffen auf Bildungseinrichtungen, Schüler:innen und Lehrkräfte beschäftigte, stellte für den Zeitraum zwischen dem 7. Oktober 2023 und dem 25. März 2025 fest[1]:

  • 141 Schulen im Westjordanland wurden von israelischen Sicherheitskräften angegriffen und beschädigt
  • Gesperrte Schulwege und militärische Durchsuchungen haben zu vielfachen Ausfällen von Unterricht geführt
  • Siedlerangriffe auf Schulen haben zugenommen
  • In verschiedenen Zusammenhängen wurden im genannten Zeitraum 96 Schüler:innen und vier Lehrkräfte getötet, 611 Schüler :innen und 21 Lehrkräfte verletzt und 327 Schüler:innen sowie mehr als 172 Lehrkräfte verhaftet

Erschwerend kommt der aktuelle Lehrer:innenstreik im Westjordanland hinzu, aufgrund dessen der Unterricht derzeit nur von Montag bis Mittwoch und auch nur verkürzt stattfindet. Grund hierfür ist die anhaltende Finanzkrise der Palästinensischen Autonomiebehörde (PA) durch das Zurückhalten von palästinensischen Steuergeldern, die von israelischen Behörden eingenommen werden[2]. Die PA kann somit u.a. die Gehälter für Beschäftigte im öffentlichen Dienst, darunter auch Lehrkräfte, nicht mehr vollständig zahlen. Der Unterrichtsausfall beeinträchtigt zusätzlich die Qualität der Bildung. Die Auswirkungen, von denen wir hören: Verlorene Unterrichtsinhalte, sinkende Leistungen (insbesondere im Lesen und Schreiben), weniger Motivation und Engagement unter den Schüler:innen und mentaler Stress, der zum alltäglichen Druck eines Lebens unter Besatzung hinzukommt.

Der Schulalltag in Al Khadr

Al Khadr liegt, wie viele der Orte, in denen wir unterwegs sind, mehrheitlich (ca. 85,5%[3]) in der vollständig von Israel kontrollierten Zone C des Westjordanlands. Für die hier lebenden Palästinenser:innen gehören Begegnungen mit israelischen Soldat:innen zum Alltag. So ist auch die Wahrscheinlichkeit groß, dass Schüler:innen auf dem Weg zur Schule auf einige dieser schwer bewaffneten Soldat:innen stoßen. Eine Begegnung, die für viele der Kinder angsteinflößend oder gar traumatisierend sein kann.

Dabei ist der erste Eindruck, den wir von dieser Gegend haben, nicht der einer Gefahrenzone, sondern im Gegenteil ein sehr schöner: Kurze Zeit nachdem wir das städtische und belebte Bethlehem verlassen, fahren wir entlang von Weinfeldern und kleineren Olivenhainen, deren Erträge einen großen Teil der hiesigen Wirtschaft ausmachen. Nicht ohne Grund heißt dieser Ort übersetzt „Der Grüne“. Und die Kinder, denen wir hier begegnen, grüßen uns stets freundlich.

Am Rande von Al Khadr liegt ein großer Schulcampus direkt neben der Road 60, die vor allem von Siedler:innen für Fahrten zwischen Jerusalem und der südlichen Westbank genutzt wird. Die Schulen auf dem Campus sind immer wieder Übergriffen der israelischen Armee ausgesetzt. So berichtete UNOCHA bereits Ende 2018: „Der Al-Khader-Schulkomplex im Bezirk Bethlehem umfasst acht Schulen und drei Kindergärten. Die regelmäßige Präsenz des Militärs führt häufig zu Auseinandersetzungen, dem Einsatz von Tränengas und dem Verlust von Unterrichtszeit.“[4] Begründet wird das Vorgehen in der Regel mit Sicherheitsinteressen: Die Armee suche nach Schüler:innen, die Steine geworfen haben, größere Ansammlungen von Schüler:innen werden als Provokation bzw. Gefahr betrachtet.

Soldat:innen in der Nähe des Schulwegs in Al Khadr; © WCC-EAPPI/Lee
Soldat:innen in der Nähe des Schulwegs in Al Khadr; © WCC-EAPPI/Lee

Insgesamt gehen ca. 2.200 Schüler:innen auf diese Schulen, die hier dicht beieinanderliegen, sodass wir eine nach der anderen binnen Minuten erreichen können. Bei unseren sogenannten „school runs“ fahren nur 2 Teammitglieder mit, erklärt unser Fahrer, um im Fall der Fälle (bspw. bei Einsatz von Tränengas) Platz für Kinder zu haben, die wir in unserem Fahrzeug in Sicherheit bringen können. Auf Videos zeigt er uns, wie bereits unsere Vorgänger:innen Kinder mit ins Auto nahmen, nachdem sie mit Tränengaskanistern beworfen wurden und schreiend vor Angst vor den Soldat:innen wegliefen.

Nachdem wir in Al Khadr ankommen, bleiben wir am Kreisel stehen, an dem sich die meisten Schüler:innen treffen und von dort aus in ihre jeweilige Schule gehen. Dort unterhalten wir uns mit dem Besitzer eines Kiosks, während wir bei ihm Kaffee trinken. Er erzählt uns, wie erst am Tag zuvor zwei Jeeps durch das Dorf fuhren und Tränengas auf Schüler:innen warfen: Dabei sei es auch zu einer Auseinandersetzung gekommen, nachdem ein Kind auf den Angriff hin mit einem Stein nach den Soldat:innen geworfen habe.

Während wir die Schüler:innen beobachten und ihnen hinterherschauen, fallen mir sofort die Golf-Buggys auf, die hin- und herfahren, um Kinder zu ihren Schulen zu fahren. „Coole Schulbusse!“ denke ich zunächst, bis uns erzählt wird, dass es sich hierbei um Mitarbeiter einer benachbarten Fabrik handelt, die mit ihren Fahrzeugen jeden Morgen dafür sorgen, dass die Kinder sicher zur Schule gelangen. Die Fahrer sehen sehr nervös aus, zunächst verstehe ich nicht, wieso. Bis wir selbst plötzlich bemerken, dass sich auf einem entfernten Hügel Soldat:innen befinden.

Nicht nur wir bemerken sie – auch die Kinder werden sichtbar nervös: Der Schulleiter sowie weitere Angestellte der Gemeindeverwaltung, die wie wir an diesem Morgen Präsenz am Kreisel zeigen, rufen den Kindern zu, dass sie sich beeilen sollen.

Auch Angestellt der Gemeinde beobachten den Schulweg in Al Khadr; © WCC-EAPPI/Lee
Auch Angestellt der Gemeinde beobachten den Schulweg in Al Khadr; © WCC-EAPPI/Lee

Als die Soldat:innen sich langsam auf den Weg zum Kreisel machen, fordert uns unser Fahrer auf, wieder ins Auto einzusteigen – sodann fahren wir eine Schule nach der anderen ab und versuchen den Kindern ruhig und ohne Besorgnis zu sagen, dass sie sich beeilen sollen. Manche Kinder fragen vorahnend nach, ob Soldat:innen unterwegs sind.

Militärpräsenz im Alltag der Schulkinder

So bedrohlich der Schulweg für die Kinder sein mag, so wichtig ist es dennoch, dass sie weiterhin zur Schule gehen, um einen größeren Lernverlust zu hindern. Für uns als ökumenische Begleiter:innen gehört es dazu, durch unsere Präsenz einerseits den Soldat:innen zu vermitteln, dass internationale Beobachter:innen vor Ort sind, und so möglichst Übergriffen vorzubeugen, und den Kindern etwas mehr Sicherheit zu geben: Wir folgen ihnen bis zum Schuleingang und hoffen so dazu beizutragen, dass sie ohne Probleme in der Schule ankommen.

Nach dem Schulbeginn gegen kurz vor 8 Uhr fahren wir erneut zu dem Kreisel, an dem nun der Militärjeep steht. Die Soldat:innen steigen aus, jeder von ihnen trägt ein Maschinengewehr bei sich. Obwohl sie nur einige Meter vom Schulleiter und den Gemeindeangestellten stehen, reden sie nicht miteinander. Stattdessen bleiben sie am Jeep stehen, schauen sich um – und wirken allein durch ihre Präsenz abschreckend.

Noch immer sind einige Nachzügler unterwegs – schnell werden diese Kinder von den Arbeitern mit ihren Golf-Buggies aufgesammelt und zum Schuleingang gefahren.

Nach einigen Minuten fahren die Soldat:innen wieder ab – doch ihre Präsenz hat spürbaren Eindruck bei den Kindern hinterlassen. Als wir nach Schulschluss noch einmal zur Schule fahren, sehen wir keine Soldat:innen. Stattdessen erkennen einige der Kinder unser Fahrzeug und fragen unseren Fahrer ängstlich nach den Soldat:innen: „Sind sie noch da?“

Schulkinder passieren einen Checkpoint in der Region Bethlehem, die Soldat:innen befinden sich im Jeep hinter den Betonklötzen; © WCC-EAPPI/Lee
Schulkinder passieren einen Checkpoint in der Region Bethlehem, die Soldat:innen befinden sich im Jeep hinter den Betonklötzen; © WCC-EAPPI/Lee

Während unserer Zeit in Bethlehem beobachten wir, wie in kürzester Zeit Sperren und Checkpoints in unmittelbarer Nähe zu Schulen aufgebaut werden. Manchmal sind diese Checkpoints bemannt, manchmal auch nicht. Soldat:innen können Schüler:innen hier grundlos anhalten, sodass diese teilweise verspätet (und verängstigt) zum Unterricht ankommen oder stundenlang am Checkpoint warten müssen. Wir hören, dass Kinder Angst haben, an einem solchen Checkpoint festgenommen zu werden.

Belastung des fragilen Bildungssystems

Neben einschüchternder Präsenz von Sicherheitskräften, Übergriffen und Einschränkungen der Bewegungsfreiheit bedrohen auch strukturelle Maßnahmen den Zugang zu Bildung. Immer wieder werden Schulen im Westjordanland mit Abrissbefehlen belegt. UNOCHA berichtete im Juni 2025, dass 84 Schulen im Westjordanland ganz oder teilweise von Zerstörung bedroht sind. Fast 13.000 Schüler:innen und über 1.000 Lehrkräfte wären von diesen Zerstörungen betroffen.[5] Begründet wird dies mit fehlenden Baugenehmigungen, die jedoch in Zone C von den israelischen Behörden für palästinensische Bauprojekte so gut wie nie vergeben werden. Wird dennoch gebaut, folgt die Abrissverfügung rasch, selbst bei Schulen, die mit internationalen Geldern finanziert wurden.

Bildung im Westjordanland ist kein rein pädagogisches Thema, sondern ein Spiegel des politischen Konflikts, der das Leben der Menschen bis in die Klassenzimmer hinein prägt. Israel trägt als Besatzungsmacht Verantwortung dafür, dass grundlegende Rechte wie Bildung gewährleistet werden.

Der Sprecher von UNICEF, James Elder, sagte bei einer Pressekonferenz[6] am 12. Mai 2026 zur Situation von Schulen im Westjordanland: „Für Tausende von Kindern im gesamten Westjordanland ist der tägliche Schulweg zu einem Gang durch die Angst geworden. […] Schulen, die eigentlich Orte der Sicherheit und Geborgenheit sein sollten, werden zunehmend zu Orten der Angst. Angriffe auf Schulen und die Verweigerung des Zugangs zu Bildung für Kinder stellen schwerwiegende Verletzungen der Kinderrechte dar, die langfristige Folgen für ihre Sicherheit, ihr Wohlergehen und ihre Zukunft haben.“

Für die Kinder in Bethlehem, Al Khadr und den umliegenden Dörfern bedeutet das: Sie wachsen in einem Umfeld auf, in dem Bildung kein selbstverständliches Recht ist, sondern ein tägliches Ringen um Zugang angesichts bewaffneter Soldat:innen und Checkpoints auf dem Schulweg, von Tränengas und von politischen Entscheidungen, die weit entfernt von ihren Klassenzimmern getroffen werden.

Lee, im Mai 2026

Ich habe für pax christi – Deutsche Sektion am Ökumenischen Begleitprogramm in Palästina und Israel (EAPPI) des Ökumenischen Rates der Kirchen teilgenommen. Diese Stellungnahme gibt nur meine persönlichen Ansichten wieder, die nicht unbedingt die von pax christi oder des Ökumenischen Rates der Kirchen sind.


[1] https://docs.un.org/en/A/HRC/59/26

[2] https://progressive.org/latest/west-bank-children-forced-from-classrooms-as-israel-weaponizes-tax-revenue-hillel-20260422/

[3] https://en.wikipedia.org/wiki/Al-Khadr

[4] https://www.ochaopt.org/content/rise-incidents-disrupting-schooling-across-west-bank Übersetzung d.A.

[5] https://www.ochaopt.org/content/humanitarian-situation-update-299-west-bank

[6] https://www.unicef.ch/en/current/news/2026-05-12/westjordanland-die-zerstorung-von-wohnhausern-schulen-und-kindheitcopy  Übersetzung d.A.