Zwischen Leben retten und Überleben – Klinikalltag im Jordantal

Tatütataaa – tatüüütataaa.

Diese Sirene kennen wir alle. Und seit wir klein sind, wissen wir, was es bedeutet: Platz machen. Ein Krankenwagen muss durch. Vielleicht geht es um Leben und Tod!

Autos weichen aus, Rettungsgassen bilden sich. Sekunden zählen. Krankenwagen und Notärzt:innen dürfen über rote Ampeln fahren, im Halteverbot stehen, ja eigentlich überall durch. Alles, damit Hilfe so schnell wie möglich ankommt.

Im nördlichen Jordantal sieht die Realität anders aus.

Ende 2025 besuchen wir die Gesundheitsklinik in Ein al Beida, einer kleinen Gemeinde im nördlichen Jordantal. Als wir durch die Türen der mintgrün gestrichenen Klinik treten, kommt uns ein junger Mann mit Brille entgegen und fragt, ob wir Englisch sprechen. Sein Name ist Mosab. Er ist Radiograph und arbeitet seit zwei Jahren hier in Ein al Beida. Er kocht Kaffee für uns, wenig später sitzen wir im offenen Foyer der Klinik, während im Hintergrund Patient:innen ein- und ausgehen, und kommen ins Gespräch. Mosab wirkt eigentlich wie ein optimistischer Mensch, eine richtige Frohnatur. Doch als wir ihn fragen, wie die Besatzung sich auf die Arbeitssituation für medizinisches Personal auswirkt, wird er ernst: „Als Palästinenser im Jordantal aufzuwachsen bedeutet, früh zu lernen, was Grenzen wirklich bedeuten – nicht die der Identität, sondern die der eigenen Bewegungsfreiheit: wohin man gehen darf und wohin nicht.”

Unberechenbare Wege

Checkpoints bestimmen im nördlichen Jordantal den Alltag – auch für medizinisches Personal. Offiziell haben sie feste Öffnungszeiten. In der Praxis weichen diese jedoch häufig davon ab, und niemand weiß genau, wann sie tatsächlich geöffnet sind oder wie lange die Durchfahrt dauert. Selbst Krankenwagen werden immer wieder angehalten und durchsucht, das haben wir bei unseren Fahrten durchs Jordantal beobachten können.

Ein Krankwagen wartet an einem Checkpoint im nördlichen Jordantal; Foto © WCC-EAPP/Madita
Ein Krankwagen wartet an einem Checkpoint im nördlichen Jordantal; Foto © WCC-EAPP/Madita

Oft sei dies Absicht, vermutet Mosab. Wenn er mit seinen Kolleg:innen unterwegs ist und ein Checkpoint geschlossen ist, bitten sie die israelischen Soldat:innen um freie Durchfahrt. Die Reaktion darauf sei meist dieselbe: Das Team wird kontrolliert und teils über längere Zeit festgehalten – in manchen Fällen auch aggressiv behandelt und gedemütigt. Neulich habe ihn ein israelischer Soldat gefragt, wo im Krankenwagen die Waffen seien, die sie angeblich transportieren. „Ein absurder Vorwurf. Wir sind unabhängige und neutrale Rettungskräfte. Natürlich haben wir keine Waffen“, sagt Mosab. Zeit spielt bei solchen Kontrollen für die Soldat:innen offenbar keine Rolle – selbst dann nicht, wenn Menschen dringend auf medizinische Hilfe warten.

Um die nächstgelegene Stadt Tubas zu erreichen, müssen die meisten Palästinenser:innen aus dem nördlichen Jordantal einen der beiden Checkpoints den Tayasir oder Hamra passieren. Letzterer wurde kürzlich nach Westen in Richtung des Dorfes Ein Shibli verlegt[1] – mit spürbaren Folgen: Die Wege sind länger geworden, vor allem für die palästinensische Bevölkerung, während Straßen, die für Siedler: innen relevant sind, davon unberührt bleiben. Was unter normalen Umständen eine Fahrt von 15 bis 20 Minuten wäre, kann sich so auf mehrere Stunden ausdehnen. „Wenn wir es in 30 Minuten in die Klinik schaffen, ist das schon ein erfolgreicher Tag – du kannst dir gar nicht vorstellen, wie glücklich wir dann sind“, sagt Mosab.

Raum für gynäkologische Untersuchungen in der Klinik von Ein al Beida; Foto © WCC-EAPP/Madita
Raum für gynäkologische Untersuchungen in der Klinik von Ein al Beida; Foto © WCC-EAPP/Madita

Für die Klinik hat die stark eingeschränkte Bewegungsfreiheit konkrete Auswirkungen auf die medizinische Versorgung. In Tubas befindet sich das nächstgelegene Krankenhaus und ist zugleich die Stadt, aus der die Klinik ihre Medikamente bezieht. In Ein al Beida selbst gibt es nur ein einziges Bett für die Aufnahme kranker oder verletzter Menschen, viele Patient:innen müssen daher ohnehin überwiesen werden. Doch durch die Unberechenbarkeit der Checkpoints ist die Fahrt nach Tubas oft nicht verlässlich möglich. Stattdessen wird häufig auf das Krankenhaus in der Stadt Jericho ausgewichen: eine Strecke von etwa einer Stunde, wenn es keine Verzögerungen gibt.

Auch das Personal der Klinik in Ein al Beida ist betroffen. Alle Mitarbeiter:innen kommen aus Tubas oder Nablus und müssen täglich Checkpoints passieren. Manche kommen verspätet an, andere schaffen es gar nicht zur Schicht. Immer wieder berichten sie von Schikanen und entwürdigenden Kontrollen. Für Patient:innen sind die Auswirkungen ebenso gravierend. Der Zugang zu medizinischer Versorgung wird erschwert, Diagnosen verzögern sich, Behandlungen beginnen später als nötig. In Notfällen kann das lebensbedrohlich werden.

Arbeiten unter Druck

Die Klinik arbeitet derzeit mit zwei Teams à fünf Personen: Arzt bzw. Ärztin, Pflegekraft, Sanitäter:in, Labortechniker:in und Radiograph:in. Sie wechseln sich alle 48 Stunden ab. Doch dieses System ist unter den aktuellen Bedingungen kaum stabil aufrechtzuerhalten. Wenn das nächste Team den Checkpoint nicht rechtzeitig passiert, bleiben Kolleg:innen länger im Dienst – manchmal weit über die geplanten 48 Stunden hinaus. Es kommt vor, erzählt Mosab, dass nur eine einzige Person in der Klinik ist. Die Belastung ist enorm: physisch wie psychisch.

Ein Angestellter läuft durch die Klinik von Ein al Beida; Foto © WCC-EAPP/Madita
Ein Angestellter läuft durch die Klinik von Ein al Beida; Foto © WCC-EAPP/Madita

Gleichzeitig fehlen Ressourcen. Medizinische Geräte sind veraltet, Medikamente, die aus Tubas geliefert werden sollen, bleiben immer wieder an Checkpoints hängen. Auch grundlegende Dinge wie die Essensversorgung des Personals während der Schichten werden schwieriger. Einige der Mitarbeiter:innen haben kleine Kinder zu Hause und müssen im Fall längerer Arbeitszeiten erst jemanden finden, der sich um sie kümmert.

Mosab versucht, das Beste aus der Situation zu machen. Während seiner 48-Stunden-Schichten schläft er in der Klinik und nutzt kurze Ruhepausen, um sich auszuruhen – oder um Englisch zu lernen. Auf verschiedenen Apps spricht er mit Menschen aus der ganzen Welt, um seine Sprachkenntnisse zu verbessern. Er zwinkert uns zu: „If you don’t use it, you lose it.“

Siedlergewalt als wachsendes Risiko

Laut Mosab ist eines der größten Probleme derzeit die Gewalt durch Siedler. Fast täglich wird das Klinikpersonal zu Notfalleinsätzen gerufen, nachdem palästinensische Menschen angegriffen wurden – mit stark steigender Tendenz. Im Krankenwagen fahren die Teams zu Verletzten im nördlichen Jordantal. Unter ihnen ältere Menschen, Frauen, Kinder. Die Bandbreite der Verletzungen reicht von Prellungen und Knochenbrüchen bis hin zu Schusswunden.

In diesem Raum werden Menschen mit Verletzungen oder Herz-Kreislauf-Problemen behandelt; Foto © WCC-EAPP/Madita
In diesem Raum werden Menschen mit Verletzungen oder Herz-Kreislauf-Problemen behandelt; Foto © WCC-EAPP/Madita

„Wenn wir zu einem Einsatz wegen Siedlerangriffen gerufen werden, haben wir keine Ahnung, was uns erwartet, ob die Siedler noch da sind oder schon wieder weg. Oft denke ich: 50 Prozent, dass ich sterbe, 50 Prozent, dass ich überlebe“, sagt Mosab.

Im Team findet er einen Raum, diese Sorgen zu teilen. Sie sind eingespielt und machen sich gegenseitig Mut und versuchen, sich zu unterstützen. Sie alle seien schon in Situationen gewesen, in denen sie daran gehindert wurden, Verletzte zu versorgen. Mosab erzählt, dass einige Kolleg:innen bereits von Siedlern bedroht wurden mit der Warnung, auf sie zu schießen, sollten sie sich den Verletzten nähern. Auch das israelische Militär greift immer wieder ein und untersagt medizinischem Personal Behandlungen. 

Zwischen Erschöpfung und Verantwortung

Wenig Personal, viele Patient:innen, große Risiken: Die Klinik in Ein al Beida steht exemplarisch für ein Gesundheitssystem, das nicht an medizinischen Fähigkeiten scheitert – sondern an politischen und militärischen Barrieren.

Und trotzdem kommen sie jeden Tag zur Arbeit. Warum?

„Weil ich helfen will“, sagt Mosab. „Vielleicht kann ich der Grund sein, warum jemand weiterlebt.“

„Ich mache oft Röntgenbilder von Menschen, die von Siedlern angegriffen wurden“, erzählt Mosab. „Ich versuche, sie zu beruhigen. Ich sage ihnen: Du bist hier sicher. Das, was dir passiert, passiert uns allen. Du bist nicht allein. Und dann versuche ich, sie irgendwie zum Lachen zu bringen.“ Humor wird so zu einer Überlebensstrategie.

Das kann Mosab. Bevor er vor zwei Jahren als Radiograph in der Klinik anfing, war er in der Palestinian Circus School aktiv. Dort organisierte er soziale Jugendprojekte rund um Zirkusaktivitäten und reiste sogar mit einem Zirkusprogramm nach Deutschland, um sich dort mit anderen Artist:innen auszutauschen. Als er uns von dieser Zeit erzählt, kommt er ins Schwärmen. Er zuckt mit den Schultern. „Das war eine so schöne Zeit. Jetzt ist alles anders, schwieriger. Aber es liegt nicht in unserer Hand. „Was bleibt uns anderes übrig, als zu lachen?“

Ein System am Limit

Nach der Führung durch die Klinik endet unser Rundgang im Labor. Auf einem Tisch liegt ein aufgeblasener medizinischer Handschuh, aus dem die Laborfachkraft eine kleine Figur gebastelt hat. In der Hand hält sie eine Blutkanüle, eine medizinische Maske ist ihr wie ein Hijab umgebunden. Eine kleine Figur wie ein Sinnbild für eine Realität zwischen Improvisation, Erschöpfung und dem Versuch, dem Alltag etwas Leichtigkeit abzuringen.

Trotz des schwierigen Alltags: Momente der Leichtigkeit in der Klinik; Foto © WCC-EAPP/Madita
Trotz des schwierigen Alltags: Momente der Leichtigkeit in der Klinik; Foto © WCC-EAPP/Madita

Bei der Verabschiedung fragen wir, was sich ändern müsste? Mosab überlegt nicht lange.

Eigentlich, sagt er, müsste sich alles ändern. Die Besatzung müsse aufhören. „Auch ich möchte auf lange Sicht meinen Teil zum Frieden beitragen.“

Doch selbst ein kleiner Schritt könnte bereits einen Unterschied machen: freier Zugang für medizinisches Personal an den Checkpoints.

“Es wäre das Mindeste und schon das könnte einen riesigen Unterschied machen“.

Madita, im April 2026[2]

Ich habe für pax christi – Deutsche Sektion am Ökumenischen Begleitprogramm in Palästina und Israel (EAPPI) des Ökumenischen Rates der Kirchen teilgenommen. Diese Stellungnahme gibt nur meine persönlichen Ansichten wieder, die nicht unbedingt die von pax christi oder des Ökumenischen Rates der Kirchen sind.


[1]https://www.eappi-netzwerk.de/im-dreieck-der-besatzung/

[2] Seit unserer Begegnung im Dezember halten wir den Kontakt mit Mosab. Die Situation verschlechtert sich weiter. Nach Beginn des Krieges haben sich die Wartezeiten an Checkpoints nochmals verlängert. Gleichzeitig nehmen Siedlergewalt und Einschränkungen der Bewegungsfreiheit zu. Für die Klinik bedeutet das: weniger Personal, mehr Patient:innen, größere Risiken.