Begleitung im Jordantal

Mahyoub mit seinen Schafen; ©EAPPI
Mahyoub mit seinen Schafen; ©EAPPI

Obwohl ich erst seit knapp zwei Wochen in Jericho bin, kommt es mir schon viel länger vor. Ich habe das Gefühl, das Jordantal von Jericho im Süden bis Bardala im Norden mit seinen Menschen und deren Geschichten langsam zu kennen. Besonders die Besuche bei Mahyoub sind inzwischen so, als würden wir zu einem alten Freund kommen.

Mahyoub ist ein Beduine aus Khirbet Samra, einer kleinen Gemeinde im Norden der Westbank. Er besitzt ungefähr zweihundert Schafe und Ziegen und die Familie lebt vom Verkauf des Käses. Wir von EAPPI kommen zweimal pro Woche, um ihn mit seinen Schafen in die Berge zu begleiten. Futter zu kaufen ist sehr teuer für Mahyoub, weshalb er lieber mit den Schafen tagsüber in umliegende Gebiete geht, wo es genug Pflanzen zum Fressen gibt.

Khirbet Samra ist umgeben von militärischem Sperrgebiet (schwarz gepunktet), Siedlungen (lila Flächen) und Naturreservaten (lila gestrichelt); Karte ©UNOCHA
Khirbet Samra ist umgeben von militärischem Sperrgebiet (schwarz gepunktet), Siedlungen (lila Flächen) und Naturreservaten (lila gestrichelt); Karte ©UNOCHA

Die Ländereien sind im Besitz seiner Familie, die entsprechenden Papiere sind vorhanden. Sein Zelt und das seiner Cousins liegen in einem Tal zwischen den Bergen. Auf dem gegenüberliegenden Hügel befinden sich ein israelischer Militärstützpunkt und ein Siedlungsaußenposten[1], der im Dezember 2016 errichtet wurde. Davor war sein Leben als Schäfer im Jordantal zwar schwierig, seitdem der Außenposten errichtet wurde wird das Leben in Khirbet Samra jedoch zunehmend unerträglich. Mahyoub traut sich alleine nur noch auf die eine Seite des Tals direkt hinter seinen Zelten, da er Angst vor den Siedlern hat. Aber dort gibt es inzwischen nicht mehr genug Futter für die Tiere, weshalb EAPPI Mahyoub und seine zwei Cousins seit ein paar Monaten begleitet, wenn sie mit den Schafen auf die andere Seite des Tals gehen, in Richtung Außenposten.

Das nennen wir „protective presence“. Durch unsere Anwesenheit kann Mahyoub die Schafe an einen grünen Fleck bringen und hat weniger Angst vor gewalttätigen Auseinandersetzungen mit Siedlern oder dem israelischen Militär, da diese nach den langjährigen Erfahrungen unseres Programms weniger bereit zu Konfrontationen sind, wenn internationale Beobachter*innen anwesend sind.

Begleitung der Schäfer, auf dem gegenüberliegenden Hügel ist der Siedlungsaußenposten zu erkennen. ©EAPPI
Begleitung der Schäfer, auf dem gegenüberliegenden Hügel ist der Siedlungsaußenposten zu erkennen. ©EAPPI

Obwohl wir viel lachen, Tee trinken und Mahyoub begeistert mit seinem Geschichtswissen über Deutschland prahlt, hat man doch ein angespanntes Gefühl. Der Außenposten steht prominent auf dem Berg und Uri, der Siedler der dort wohnt, kommt oft mit seinem weißen Jeep und fährt die Straße um das Gebiet, in dem wir mit den Schafen sind, sehr langsam hoch und runter. Er beobachtet uns mit dem Fernglas, fotografiert und macht so die Schäfer nervös. Manchmal ruft er das Militär. Einmal haben wir einen Militärjeep gesehen, wie er zum Außenposten gefahren ist und die Soldaten dort offensichtlich mit Uri gesprochen haben, bevor sie uns langsam auf der Straße gefolgt sind und beobachtet haben.

Mahyoub und ein Vertreter von Ta‘ayush im Gespräch mit dem Militär. ©EAPPI
Mahyoub und ein Vertreter von Ta‘ayush im Gespräch mit dem Militär. ©EAPPI

Einmal sind die Soldaten ausgestiegen und sind auf uns zugekommen, als wir gerade eine Pause gemacht und Tee getrunken haben. An diesem Tag waren auch israelische Vertreter der Gruppe „Ta’ayush“ in Khirbet Samra anwesend. Auch sie begleiten Menschen unter Besatzung in ihrem Alltag. Wir tauschen uns gern mit ihnen aus und besprechen unsere möglichen Einsatzzeiten, um uns effektiv aufzuteilen. Von den Soldaten wurde uns an diesem Tag gesagt, dass das hier Uris Land sei. Teile des Gebiets sind offiziell als Naturreservat markiert, Teile gehören zu einem militärischen Übungsgelände, aber laut Mahyoubs Dokumenten gehört das Land seiner Familie. Wir werden aufgefordert, „Uris Land“ zu verlassen und auf die andere Straßenseite zu gehen, in den Bereich, der als militärische Sperrzone gilt. Dort ist es angeblich in Ordnung, Schafe zu hüten. Jedes Mal wird Mahyoub etwas anderes gesagt.

Die Siedler des Außenpostens kommen auch ab und zu nachts zur Familie und fahren mit dem Jeep um die Zelte und die Schafe herum, um der Familie Angst zu machen und sie einzuschüchtern. Mahyoubs Mutter berichtet uns davon, wie sie sich gefühlt hat, als sie einmal nachts alleine im Zelt lag und den Jeep gehört hat: „Es war schrecklich, ich konnte mich vor Angst kaum bewegen und wusste nicht, was ich machen soll“.

Bei diesen Lebensgeschichten ist es manchmal schwer, noch Hoffnung auf ein Ende der Besatzung und die Versöhnung zwischen Palästinensern und Israeli und den gerechten Frieden zu sehen. Aber unsere Hoffnung liegt auf der neuen Generation, den Kindern. Wenn wir bei Mahyoub sind nehme ich mir immer die Zeit, zu den Frauen zu gehen und versuche, mit meinem gebrochenen Arabisch mit ihnen zu reden. Vor allem die Mädchen freuen sich unglaublich, wenn ich ihnen Luftballons aufpuste und wir damit spielen. Letzte Woche kamen sie auf die Idee, die Ballons mit Wasser und Spülmittel zu befüllen, was zu einem gegenseitigen Bewerfen mit Wasserbomben geführt hat. Als ein Ballon dann auf mir zerplatzt ist und ich voller Wasser und Spülmittel war, konnten wir nicht mehr aufhören zu lachen.

Durch unsere Anwesenheit konnten die Mädchen einfach Kinder sein und sich für eine halbe Stunde von ihrem schweren Leben unter Besatzung ablenken. Das Lachen der Kinder ist meine Bestätigung, dass wir weitermachen müssen und wir die Hoffnung nicht aus den Augen verlieren dürfen.

Vanessa, Dezember 2017

 

[1] Israelische Siedlungen und Außenposten in den besetzten palästinensischen Gebieten sind nach internationalem Recht illegal und werden oft als eine der zentralen Behinderungen des Friedensprozesses zwischen Palästinensern und Israelis gesehen. Das israelische Recht unterschied bis Anfang 2017 zwischen einer legalen Siedlung und einem illegalen Außenposten. Außenposten werden häufig auf privatem palästinensischem Land errichtet und sind im Vergleich zu den Siedlungen eher kleine Ansammlungen von Containern und Wohnwagen. Durch die Verabschiedung eines neuen Gesetzes ist es den israelischen Behörden seit Februar 2017 möglich, illegal errichtete Außenposten rückwirkend zu legalisieren, auch wenn diese auf privatem palästinensischem Land gebaut sind.