Rückkehr nach Iqrit – Der Traum einer christlichen Gemeinde im Norden Israels

Ganz im Norden von Israel, nur wenige Kilometer entfernt von der Grenze zum Libanon, wandern wir durch die Ruinen des christlichen Dorfs Iqrit. Iqrit wurde 1951 vom israelischen Militär zerstört, nur die Kirche und der Friedhof blieben erhalten. Bis heute wird die Kirche nicht nur als Gebetshaus genutzt, sondern auch als Versammlungsort und Unterkunft für die Nachfahren der palästinensisch-christlichen Gemeinde, die den Ort einst verlassen musste. Diese jungen Menschen planen nun die Rückkehr nach Iqrit. Rückkehr nach Iqrit – Der Traum einer christlichen Gemeinde im Norden Israels weiterlesen

„Stärker als die Kugeln in euren Waffen“

Fröhliches Lachen liegt in der Luft, als wir für einen Besuch an der Grundschule im Dorf Ibziq ankommen. Mit neugierigen Blicken empfangen uns die Kinder, von Direktor und Lehrkräften werden wir sehr freundlich begrüßt. Für einen Moment lässt die Fröhlichkeit uns vergessen, dass der Grund unseres Besuchs wenig erfreulich ist. Auf dem Schulgelände fehlt der Anbau, der erst im August 2018 errichtet worden war. Bereits im Oktober wurde er von den israelischen Behörden abgerissen, wie fast immer in solchen Fällen aufgrund der fehlenden Baugenehmigung, die in der Realität nicht zu bekommen ist.

© UNOCHA-OPT
© UNOCHA-OPT

Ibziq liegt im Verwaltungsbezirk der Stadt Tubas, im von Israel kontrollierten C-Gebiet.  Für Kinder, die in den C-Gebieten leben, gibt es aufgrund der Weigerung der israelischen Behörden, Baugenehmigungen auszustellen, oft keine Grundschule am Wohnort. Viele Schulkinder müssen daher lange Wege zu Fuß in Kauf nehmen, um zur Schule zu gelangen. Einige Familien, die wir in den letzten Wochen in ihren Dörfern besuchten, haben uns berichtet, dass ihre Kinder nur ungern zur Schule gehen, weil sie von den Strapazen des Schulwegs ständig erschöpft sind. Oft sind die Strassen nicht ausgebaut und die Kinder müssen in den Wintermonaten schlammige Wege passieren und im Sommer bei sehr heissen Temperaturen mehrere Kilometer laufen. Erschwerend kommt hinzu, dass sie auf dem Schulweg häufig Belästigungen durch Siedler ausgesetzt sind oder Militärkontrollpunkte passieren müssen.

Erst im Dezember veröffentlichte UNOCHA einen Bericht[1] zu den zunehmenden Schwierigkeiten in Hinblick auf Zugang zu Bildung in den besetzten Gebieten. Auch die Zerstörung der Klassenräume in Ibziq wird darin thematisiert. Insgesamt sind derzeit mindestens 48 Schulen in der Westbank und Ostjerusalem akut von vollständigem oder teilweisem Abriss bedroht.

Schulleiter Firas (rechts) mit einem der Lehrer © EAPPI
Schulleiter Firas (rechts) mit einem der Lehrer © EAPPI

Die Kinder der um Ibziq liegenden Gemeinden mussten vor der Eröffnung der Grundschule fast 12 Kilometer zurücklegen, um zur nächsten Schule zu kommen, erzählt uns Firas Daraghma, der Schulleiter. Er freut sich sehr über unseren Besuch und stellt uns erst einmal die anderen Lehrkräfte vor. Die Schule hat 22 Schüler*innen, die von zwei Lehrern und drei Lehrerinnen unterrichtet werden. Wir lernen auch die Jungen und Mädchen kennen, die hier zur Schule gehen, sie haben gerade Pause. Mir gefällt, wie bunt bemalt der Schulhof ist. An einem der Wände entdecke ich ein Graffiti in arabischer Schrift. Ich lasse es mir übersetzen. Es bedeutet: ,,Das Graphit in unseren Bleistiften ist stärker als die Kugeln in euren Waffen.’’

Eine Weile sitzen wir für ein Gespräch mit den Schüler*innen und Lehrer*innen zusammen. Anschliessend zeigt uns Firas die Räumlichkeiten. Er erklärt uns, dass ein Teil der Schule in einem Gebäude aus der Zeit des osmanischen Reiches untergebracht ist. Gebäude, die vor Beginn der Besatzung 1967 erbaut wurden, dürfen auch nach israelischem Recht nicht abgerissen werden. Das alte Gebäude bot jedoch nicht genug Platz für alle Schüler*innen und Lehrer*innen. Obwohl ein Anbau dringend notwendig war, um eine Schule in Ibzig zu eröffnen und so den Zugang zu Bildung für die Kinder der umliegenden Gemeinden zu erleichtern, wurde für den Ausbau des vorhandenen Gebäudes keine Genehmigung von den israelischen Behörden erteilt.

Überreste des Klassenraums nach dem Abriss © EAPPI
Überreste des Klassenraums nach dem Abriss © EAPPI

Mit finanzieller Unterstützung der palästinensischen Autonomiebehörde hat die Schule dennoch eine Art Caravan aus Blech, errichten lassen, der als Klassenraum und Büro für die Lehrkräfte dienen sollte. Sechs Wochen nach der Gründung der Schule,  am 23.Oktober 2018, wurde der Caravan aber bereits durch das israelische Militär abgerissen und konfisziert. Firas zeigt uns die Stelle, an der der Caravan stand. Er erzählt uns, dass auch die provisorischen Zelte, die danach als Klassenraumersatz durch eine Hilfsorganisation gespendet wurden, zwei Wochen später wieder durch das israelische Militär konfisziert wurden. Die Grundschule wurde an diesem Tag vorübergehend zu einem militärischen Sperrgebiet erklärt, berichtet er uns. Den Schüler*innen sei der Zutritt zur Schule verwehrt worden und ihn und den Fahrer des Schulbusses habe man für die Dauer des Militäreinsatzes in einem der Räume eingesperrt. Erst am nächsten Tag durften die Kinder die Schule wieder betreten, so Firas.

Schülerinnen in der Grundschule von Ibziq © EAPPI
Schülerinnen in der Grundschule von Ibziq © EAPPI

Nach Angaben der EU kam es im Westjordanland bis zum Ende des Jahres 2018 in  fünf Fällen zu einem Abriss oder der Konfiszierung von Schul- und Kindergartenstrukturen durch israelische Behörden.[2] Die EU spricht von insgesamt 50 Schulen, die in den C-Gebieten und in Ostjerusalem eine konkrete Abrissverfügung- oder eine Anordnung zur Einstellung von Baumassnahmen erhalten haben.[3] Obwohl Staaten nach internationalem Recht die Verpflichtung haben, einen Zugang zu Bildung zu gewährleisten[4], sind mehr als 5.000 palästinensische Schüler von diesen Einschränkungen betroffen.[5]

Umso wichtiger ist es, dass es Menschen wie Firas gibt, die sich unermüdlich für ein Recht auf Bildung einsetzen. Der Schulleiter strahlt Entschlossenheit aus, obwohl die Schule in Ibziq seit ihrer Gründung noch mit weiteren Problemen konfrontiert ist. Sie verfügt über keinen Zugang zu Strom und fließend Wasser, da auch dafür eine Genehmigung notwendig wäre. Bisher kann der Unterricht nur im Tageslicht erfolgen. Das ist vor allem im Hinblick auf die Wintermonate problematisch. Firas erklärt uns, dass er versuchen wird, Solarzellen anzuschaffen, um die Schule zukünftig mit Licht ausstatten zu können.

Melanie, Dezember 2018

 

Ich nehme für das Berliner Missionswerk (BMW) am Ökumenischen Begleitprogramm in Palästina und Israel (EAPPI) des Ökumenischen Rates der Kirchen teil. Diese Stellungnahme gibt nur meine persönlichen Ansichten wieder, die nicht unbedingt die des BMW oder des Ökumenischen Rates der Kirchen sind.

 

[1] https://www.ochaopt.org/content/rise-incidents-disrupting-schooling-across-west-bank

[2]https://eeas.europa.eu/delegations/palestine-occupied-palestinian-territory-west-bank-and-gaza-strip/55768/eu-local-statement-dismantling-palestinian-school-simiya_en

[3] Ebd.

[4] Convention on the Rights of the Child Artikel 28 (https://www.ohchr.org/en/professionalinterest/pages/crc.aspx)

[5]  https://eeas.europa.eu/delegations/palestine-occupied-palestinian-territory-west-bank-and-gaza-strip/55768/eu-local-statement-dismantling-palestinian-school-simiya_en

Target – für Freiheit, Gerechtigkeit und Gleichberechtigung

Familien beim Drachenfestival in Burin © TRDA
Familien beim Drachenfestival in Burin © TRDA

“Gib einem Menschen einen Fisch, und du ernährst ihn einen Tag, lehre ihn das Fischen, und du ernährst ihn ein Leben lang“. Für Ghassan, Mitbegründer der Organisation Target (Target Association for Rural Development)[1], ist dies ein zentrales Motto in seiner täglichen Arbeit mit den Jugendlichen in seiner Heimat Burin, einem Dorf südlich von Nablus. Target – für Freiheit, Gerechtigkeit und Gleichberechtigung weiterlesen

„Der letzte Tag der Besatzung ist der erste Tag des Friedens“

An einem kühlen Novemberabend sitzen wir zusammen mit dem Dorfvorsteher Rashed und seiner Familie um ein knisterndes, wärmendes Feuer. Der obere Teil des kleinen Ortes Yanoun liegt beschaulich in einem Tal nahe Nablus. Olivenhaine, Schafweiden und Felder prägen das hügelige Landschaftsbild, die nächste größere Ortschaft ist 5 Kilometer entfernt. Als es dunkel wird gehen auf dem gegenüberliegenden Hügel die Scheinwerfer an, die für den Rest der Nacht auf Yanoun gerichtet sein werden. „Der letzte Tag der Besatzung ist der erste Tag des Friedens“ weiterlesen

Die letzten Schäfer des Jordantals

Hayell Mahmoud in seinem Zuhause in Humsa; © EAPPI
Hayell Mahmoud in seinem Zuhause in Humsa; © EAPPI

Bereits am zweiten Tag meines Einsatzes als Ökumenische Begleiterin für das EAPPI-Programm des Weltkirchenrats lerne ich „Tornado“ kennen. Wir haben den Schäfer in der Gemeinde Humsa im Jordantal besucht, wo er seit 45 Jahren lebt. „Tornado“ heißt eigentlich Hayell Mahmoud, aber weil er so lebhaft ist wird er von allen als Wirbelwind bezeichnet. Ich treffe einen unglaublich freundlichen Mann, der unablässig lächelt und lacht. Und das, obwohl seine Lebensumstände und die seiner Familie alles andere als einfach sind.

Hayell Mahmoud ist 73 Jahre alt, hat zwölf Kinder und unzählige Enkelkinder. Seine Familie hat über Jahrzehnte die Auswirkungen der Besatzung auf unterschiedliche Art und Weise selbst erleben müssen. Für seine Familie hat Mahmoud auf seinem Land in Humsa vor über 20 Jahren  ein Haus gebaut und war seit dem wiederkehrenden Hauszerstörungen ausgesetzt. Die letzten Schäfer des Jordantals weiterlesen

Keine leichte Ernte

Frisch geerntete Oliven in Yanoun; © EAPPI
Frisch geerntete Oliven in Yanoun; © EAPPI

Die letzten Wochen waren an vielen Orten in unserer Umgebung von der Olivenernte geprägt. Schon in meinen ersten Tagen hier sind mir bei unseren Fahrten in der Gegend die zahlreichen Olivenbäume aufgefallen, die für viele palästinensische Familien eine besondere Bedeutung haben und eine wichtige Einkommensquelle darstellen. Laut einem aktuellen Bericht von UNOCHA-OPT[1] werden etwa 10 Millionen Olivenbäume in Palästina bewirtschaftet. Leider ist die Zeit der Olivenernte auch eine Zeit, in der die Auswirkungen der Besatzung besonders sichtbar werden, zum Beispiel in Form von Zugangsbeschränkungen oder gewaltsamen Übergriffen. Auch in diesem Jahr ist die Ernte für die Menschen hier nicht immer leicht. Keine leichte Ernte weiterlesen

Nachbarn

Mein Aufenthalt in Palästina und Israel ist nun schon seit 2 Monaten vorbei, doch ich kann die letzten Wochen vor Ort nur schwer vergessen. Daher möchte ich rückblickend von den Ereignissen berichten, die wir in den letzten drei Wochen unseres Einsatzes dokumentiert haben.

Ausschnitt interaktive Karte www.btselem.org
Ausschnitt interaktive Karte www.btselem.org

Besonders häufig wurden wir in die palästinensischen Dörfer gerufen, die in der Nähe der Siedlung Yitzhar liegen. Yitzhar gilt als besonders ideologisch motivierte Siedlung. Seit vielen Jahren dokumentieren Mitarbeitende von UN und NGOs Übergriffe von Siedlern aus Yitzhar auf die umliegenden palästinensischen Dörfer. Erst vor einigen Tagen hat die israelischen Menschenrechtsorganisation Yesh Din eine Fallstudie zu Siedlergewalt und Landnahme rund um Yitzhar herausgegeben [1].  Nach internationalem Recht ist eine Besatzungsmacht verpflichtet, die lokale Zivilbevölkerung in den besetzten Gebieten vor Übergriffen zu schützen. Nachbarn weiterlesen

“Es gibt einen anderen Weg”

Olivenernte mit den Combatants for Peace

Im Oktober beginnt hier in Palästina die Olivenernte. Die ganze Familie begibt sich zu ihren Olivenhainen und verbringt dort den Tag mit Arbeit und Picknick. Es ist nicht nur eine schwere, sondern an manchen Orten auch eine gefährliche Arbeit.

EAs bei der Olivenernte in Haris, © EAPPI
EAs bei der Olivenernte in Haris, © EAPPI

Eine der vielen Aufgaben im Rahmen unseres Einsatzes mit EAPPI besteht darin, dass wir durch unsere Anwesenheit eine „schützende Präsenz“ bieten können. Unser Kontakt Issa hatte uns daher zur Olivenernte nach Haris eingeladen. Die Dorfbewohner hatten Unterstützung angefordert, da die abzuerntenden Bäume nahe der Siedlung Revava stehen und die Bauern bei der Arbeit auf ihren Grundstücken in der Vergangenheit von Siedlern bedroht und angegriffen worden waren. In den vergangenen Wochen hatte es bereits zahlreiche Berichte über Vandalismus gegen palästinensische Olivenhaine gegeben[1]. “Es gibt einen anderen Weg” weiterlesen

Eine persönliche Geschichte von “Sumud”

Während meines ersten Einsatzes mit EAPPI im Jahr 2013 gehörte es zu unseren Aufgaben, Familien in besonders schwierigen Lebenssituationen zu besuchen, ihre Belange anzuhören und in Form von Berichten an die Öffentlichkeit weiterzutragen. Im Rahmen dieser Tätigkeit besuchte ich 2013 auch mehrere Familien in Hebron, genauer in H2, dem Gebiet unter vollständiger israelischer Kontrolle. Die Familie von Hashem Al Azzeh gehörte damals zu den von uns sehr häufig besuchten Familien. Eine persönliche Geschichte von “Sumud” weiterlesen

New Profile – für eine entmilitarisierte Gesellschaft

Ruth Hiller, Foto: Albin Hillert/WCC
Ruth Hiller, Foto: Albin Hillert/WCC

Nun ist auch unsere „Halbzeitpause“, das Zwischenseminar in Haifa und Jerusalem, schon wieder einige Tage vorbei. Ein buntes und volles Programm hat diese Woche geprägt und wir hatten nicht nur Gelegenheit, einige Tage etwas anderes zu sehen, sondern vor allem auch, mit verschiedenen israelischen Friedensaktivist*innen und -organisationen ins Gespräch zu kommen. Besonders in Erinnerung ist mir der Vortrag von Ruth Hiller geblieben. Ruth hat die feministische Organisation New Profile mitgegründet, die sich für eine Entmilitarisierung der israelischen Gesellschaft sowie für das Recht auf Verweigerung des Militärdiensts einsetzt[1].

Ruths Vortrag beginnt sehr persönlich: Sie berichtet uns, wie sie in eine tiefe Sinnkrise gestürzt sei, als ihre älteste Tochter zum Militär musste. New Profile – für eine entmilitarisierte Gesellschaft weiterlesen