Susiya: Archäologie als Mittel von Enteignung und Vertreibung

Wir sind auf dem Weg in das kleine Dorf Susiya, einem Ort in den South Hebron Hills, der im sogenannten C-Gebiet liegt und somit unter vollständiger israelischer Kontrolle steht. Wie an vielen anderen Orten im Westjordanland werden die Bewohner:innen von Susiya von radikalen Siedler:innen belästigt, bedroht und auch körperlich angegriffen. Die Angriffe geschehen regelmäßig, teils mehrfach täglich. Am 24. Februar griffen etwa 20 Siedler das Dorf in der Nacht an, steckten Häuser und Stallungen in Brand, die israelische Menschenrechtsorganisation B’Tselem dokumentierte den Übergriff samt Video. Israelische Sicherheitskräfte greifen i.d.R. nicht ein oder tun dies zu Ungunsten der Angegriffen, die Täter müssen keine strafrechtliche Verfolgung durch die israelischen Behörden fürchten. Mit 1.828 Übergriffen, die Schaden an Personen oder Sachen zur Folge hatten, war 2025 ein neues negatives Rekordjahr in Bezug auf Siedlergewalt[1]. Die South Hebron Hills sind eines der Gebiete im Westjordanland, die am meisten von dieser Gewalt betroffen sind.

Ökumenische Begleiter:innen auf dem Weg nach Susiya; © WCC-EAPPI/Lee
Ökumenische Begleiter:innen auf dem Weg nach Susiya; © WCC-EAPPI/Lee

Als ökumenische Begleiter:innen dokumentieren wir solche Vorfälle und zeigen durch unsere Präsenz Solidarität mit den betroffenen palästinensischen Gemeinden. Susiya ist klein: Hier leben geschätzt 350-400 Personen, hauptsächlich von der Landwirtschaft. Neben einigen Wohnhäusern und einer Schule gibt es hier nicht sehr viel – denn ursprünglich waren dies die landwirtschaftlichen Flächen des Dorfes, die Einwohner:innen lebten etwas weiter entfernt. Was die Ausgrabung einer antiken Synagoge mit der aktuellen Situation der Bewohner:innen von Susiya zu tun hat, möchte ich in diesem Bericht beschreiben.

Susiyas jüngere Geschichte

Das bis in die 1980er Jahre existente Susiya war ein muslimisch geprägter Ort, in dem sich bereits vor hunderten Jahren die ersten Bewohner:innen niederließen. Die ansässigen Familien gehörten zu einer Hirtenvölkergemeinschaft, die in natürlichen oder teils bereits vor tausenden Jahren gegrabenen Höhlen lebten.[2] Noch heute steht die Landwirtschaft im Zentrum des Lebens der Dorfgemeinschaft, führen die Schäfer:innen die Schafe auf das Land, das sie rechtmäßig besitzen. Die Dokumente, die ihr Eigentum bestätigen, stammen aus osmanischer Zeit und belegen, dass die Bewohner:innen tief verwurzelt mit dem Land sind, auf dem sie leben. Nach der israelischen Besetzung 1967 veränderte sich das Leben der Menschen von Susiya schlagartig.

Ausgrabung der antiken Synagoge: Einschnitt in die palästinensische Lebensrealität

Regelmäßig kommen uns hier Busse mit hebräischer Aufschrift entgegen, sie transportieren israelische Tourist:innen zur nahegelegenen Ausgrabungsstätte, in deren unmittelbarer Nachbarschaft die Menschen von Susiya bis 1986 lebten.

Die Forschungsgeschichte rund um die Synagoge reicht weit bis ins 19. Jahrhundert zurück, als das Ruinengelände als antike Stätte anerkannt wurde. Doch erst 1969 fand man heraus, dass es sich bei einer der antiken Strukturen um eine Synagoge handelte.[3] Nach dem Beginn der israelischen Besatzung 1967 wurde in den 1970er Jahren im Auftrag des israelischen Erziehungs- und Kultusministeriums archäologische Grabungen durchgeführt. Diese archäologischen Untersuchungen mündeten schließlich in umfangreichen Restaurierungsarbeiten der antiken Synagoge ab 1983, um sie für Tourist:innen zugänglich zu machen.[4] 1986 waren die letzten Familien gezwungen, den Ort Susiya zu verlassen, sie siedelten sich auf ihren landwirtschaftlichen Flächen an und sind dort weiterhin von Vertreibung bedroht und von Hauszerstörungen und Siedlergewalt betroffen.

Die Ausgrabungsstätte 2016, aufgenommen während eines privaten Besuchs eines späteren Ökumenischen Begleiters © A.P.
Die Ausgrabungsstätte 2016, aufgenommen während eines privaten Besuchs eines späteren Ökumenischen Begleiters © A.P.

Unser Fahrer stammt aus dem alten Susiya und erzählt uns unterwegs seine Familiengeschichte: Seit osmanischer Zeit und bis in die 1980er Jahre lebte die Familie friedlich in Susiya. Seine Mutter hat ihn in den dortigen Höhlen zur Welt gebracht. Er erzählt von der emotionalen Verbindung zwischen seinen Familienmitgliedern und zu ihrem Dorf über Generationen und über Distanzen bis weit über die Grenzen der South Hebron Hills hinaus. Auch er uns seine Familie wurden schlussendlich aus dem alten Susiya vertrieben.

Mit Beginn der Ausgrabungen kamen die Siedler:innen

Die israelische Zivilverwaltung erklärte das Gebiet rund um die Synagoge und damit auch das palästinensische Dorf Susiya zur archäologischen Stätte und beschlagnahmte das Land für „öffentliche Zwecke“.[5] Die Höhlen, in denen bis kurz zuvor noch Menschen gelebt hatten, wurden Teil der Ausgrabungsstätte. Das Gelände wurde dem South Hebron Hills Regional Council übergeben, einer Art Regionalverwaltung der völkerrechtswidrigen israelischen Siedlungen im südlichen Westjordanland. Dieser errichtete dort ein Besucherzentrum und seither wird der Ort als historische jüdische Siedlungsstelle präsentiert, ohne die jahrhundertelange Präsenz der palästinensischen Einwohner:innen zu erwähnen.[6]

Parallel zu den Ausgrabungen entstand nur wenige Kilometer entfernt 1983 die völkerrechtswidrige israelische Siedlung Suseya, die heute etwa 1.600 Einwohner:innen hat.[7] 2002 entstand ein Siedlungsaußenposten bei der Ausgrabungsstätte. Das Gebiet rund um die archäologische Stätte, das so kontrolliert wird, ist zehnmal größer ist als die bebaute Fläche dieser beider Siedlungen, wobei es sich größtenteils um palästinensisches Privatland handelt.[8] Weitere sechs Außenposten wurden zwischen 2001 und 2024 in der unmittelbaren Umgebung errichtet.[9]

Häuser im Dorf Susiya, auf dem Hügel im Hintergrund liegt die völkerrechtswidrige Siedlung Suseya © WCC-EAPPI/Theo 2022
Häuser im Dorf Susiya, auf dem Hügel im Hintergrund liegt die völkerrechtswidrige Siedlung Suseya © WCC-EAPPI/Theo 2022

Politische Instrumentalisierung

Die Ausgrabungen ergaben, dass Susiya etwa zwischen dem 4. und 8. Jahrhundert n. Chr. eine bedeutende jüdische Stadt in den South Hebron Hills war. Schon zuvor soll es Ansiedlungen an diesem Ort gegeben haben, und ab dem 9. Jahrhundert sind Spuren muslimischer Bewohner:innen zu finden, etwa anhand der Überreste einer Moschee, die man im Hof der Synagoge fand. Laut der israelischen NGO Emek Shaveh verlor der Ort an Bedeutung und an Einwohner:innen, wurde schließlich aufgegeben, bis sich etwa im Zeitraum zwischen dem 11.-13. Jahrhundert eine auf Landwirtschaft basierte Dorfgemeinschaft neu gründete, die bis in die Moderne erhalten blieb.[10]

Wer die antike Synagoge in Susyia besucht, wird über die muslimische Präsenz nicht informiert – stattdessen fokussiert der Ort anhand archäologischer Überreste ausschließlich auf die jüdische Identität des Ortes.[11] Hierdurch wird Geschichte künstlich erzeugt: Anstatt über die ganze Bandbreite der Besiedlung des Ortes Susiya zu erzählen, wird hier nur ein Teil des Gesamtbildes gezeigt. Das Herausstellen der historischen jüdischen Identität des Ortes wird genutzt, um die völkerrechtswidrige Besiedlung der Region durch israelische Siedlungen und Außenposten zur rechtfertigen. Dadurch, dass die palästinensischen Bewohner:innen in dieser Geschichtsschreibung nicht vorkommen, wird ihr Anspruch auf das Land, auf dem sie über Generationen gelebt haben, negiert und ihre Vertreibung gerechtfertigt.

Während unser Fahrer uns seine Geschichte erzählt, ist die Verbitterung in seinem Gesicht nicht zu übersehen. Als ich ihn fragte, wieso in seiner Erzählung nie die Synagoge vorkam und er mir antwortete, dass die Ausgrabung der Synagoge sogar jünger als er selbst sei, konnte ich es irgendwie nicht glauben – so antik diese Stätte ist, so „jung“ ist doch ihre Wiederentdeckung und ihre Präsenz in der heutigen Zeit. Mir wird bewusst, wie in dieser relativ kurzen Zeit das Leben hunderter Menschen auf den Kopf gestellt wurde, indem sie dazu gezwungen wurden, aufgrund von Ausgrabungen ihre Wohnstätten zu verlassen. Mit den Auswirkungen müssen sie noch bis heute leben.

Die Bewohner:innen von Susiya wurden mehrfach vertrieben – nicht nur in den 1980er Jahren, sondern auch in den Folgejahren: Hierbei zerstörten Soldaten u.a. ohne Vorwarnung das Eigentum sowie die Unterkünfte und verstopften Wasserzisternen.[12] Dennoch blieben die Menschen weiter vor Ort, errichteten neue Häuser und Ställe für ihr Vieh, immer wieder gab es Zerstörungen durch die israelischen Behörden. Die Menschen klagten mehrfach gegen das Vorgehen der israelischen Zivilverwaltung vor dem Israelischen Obersten Gerichtshof, jedoch wurden ihre Klagen mehrfach abgewiesen, darunter auch ein Flächennutzungsplan, der durch die israelische Nichtregierungsorganisation Rabbis for Human Rights im Namen der Bewohner:innen bei der Zivilverwaltung eingereicht wurde.[13] In der Begründung hieß es u.a., dass die palästinensischen Dörfer in den South Hebron Hills zu abgelegen seien, um ihre Versorgung dauerhaft zu sichern. B’Tselem stellte heraus, wie erstaunlich dieses Urteil sei angesichts der vielen illegalen Siedlungsaußenposten, die gleichzeitig im Westjordanland errichtet und vom israelischen Staat versorgt und geschützt werden.[14]

Susiya ist kein Einzelfall

Am 3. Februar 2026 befürwortete ein Ausschuss des israelischen Parlaments ein Gesetzgebungsvorhaben, dass die Gründung einer neuen zivilen israelischen Behörde für die Verwaltung der über 6.000 archäologischen Stätten im Westjordanland vorsieht, von denen viele in palästinensischen Gemeinden liegen. Sofern umgesetzt, wäre dies der erste Fall direkter israelischer ziviler Gesetzgebung in den besetzten Gebieten und ein weiterer klarer Verstoß gegen internationales Recht, da ein solcher Schritt einen Akt der Annexion darstellen würde, wie die Organisationen PeaceNow Israel, Emek Shaveh und Geneva Initiative in einem gemeinsamen Statement unterstrichen.[15]

Nicht nur Susiya ist hiervon betroffen, sondern auch Orte wie Sebastia (biblisches Samaria, bedeutende antike Stadt) oder Battir (UNESCO-Weltkulturerbe, bekannt für seine antiken Terrassen und palästinensische Landwirtschaft). Dort, wo selektive Geschichtsnarrative politisch aufgeladen sind, können sie als Werkzeug dienen, territoriale Ansprüche zu unterstützen. Die Rolle von Archäologie als umfassendes kollektive Gedächtnis muss vor einer solch problematischen Vereinnahmung geschützt werden.

Umso wichtiger ist es, in diesen Zeiten die Aufmerksamkeit auf die Menschen vor Ort zu richten, die sich trotz des erneuten Krieges und der voranschreitenden de-facto Annexion des Westjordanlands durch ihre Standhaftigkeit und ihr Bleiben weiter gegen ihre Verdrängung durch die Besatzung wehren und ihre politischen und engagierten Aktivitäten fortsetzen. Nasser Nawajah, Einwohner von Susiya und palästinensischer Field Worker der israelischen Menschenrechtsorganisation B’Tselem, schrieb 2012: „Man bezeichnet mein Dorf als illegalen palästinensischen Außenposten. Doch dieses Land gehörte uns schon vor der Gründung des Staates Israel. Mein Vater ist älter als euer Staat, und ich soll auf meinem eigenen Land nicht rechtmäßig leben dürfen? Ich frage euch: Wo bleibt da die Gerechtigkeit?“[16]

Bis heute lebt er in und engagiert sich für Susiya, alle Ökumenischen Begleiter:innen, die in den South Hebron Hills im Einsatz waren, haben ihn kennengelernt. Aber wie lange können die Menschen noch durchhalten, wenn nicht nur die Verdrängung durch die Besatzung droht, sondern sie auch zunehmend durch die Gewalt der Siedler unter Druck gesetzt werden?

Die Dringlichkeit ist unübersehbar, und solange Menschen hinschauen, sich einmischen und Solidarität zeigen, bleibt die Hoffnung auf eine gerechtere Zukunft bestehen.

Lee, im März 2026

Ich habe für pax christi – Deutsche Sektion am Ökumenischen Begleitprogramm in Palästina und Israel (EAPPI) des Ökumenischen Rates der Kirchen teilgenommen. Diese Stellungnahme gibt nur meine persönlichen Ansichten wieder, die nicht unbedingt die von pax christi oder des Ökumenischen Rates der Kirchen sind.


[1] https://www.ochaopt.org/content/west-bank-monthly-snapshot-casualties-property-damage-and-displacement-december-2025

[2] https://emekshaveh.org/en/susiya-2016/ Ausführliche Hintergrundinformationen zu den Ausgrabungen können unter diesem Link bei der israelischen NGO Emek Shaveh gefunden werden, die sich dafür einsetzt, dass archäologische Stätten als Brücke zwischen Menschen genutzt werden, und nicht für Rechtsverletzungen

[3] ebenda

[4] https://de.wikipedia.org/wiki/Khirbet_Susiya

[5] https://www.btselem.org/south_hebron_hills/susiya

[6] https://emekshaveh.org/en/susiya-2016/

[7] https://peacenow.org.il/en/settlements/settlement95-en

[8] https://www.ochaopt.org/sites/default/files/ocha_opt_susiya_factSheet_march_2012_english.pdf

[9] https://peacenow.org.il/en/settlements-watch/israeli-settlements-at-the-west-bank-the-list erkennbar beim Heranzoomen auf das südliche Westjordanland

[10] https://emekshaveh.org/en/susiya-2016/

[11] https://emekshaveh.org/en/susiya-2016/

[12] https://www.btselem.org/south_hebron_hills/susiya

[13] https://www.972mag.com/palestinian-village-of-susya-faces-imminent-demolition-threat/

[14] https://www.btselem.org/south_hebron_hills/susiya

[15] https://emekshaveh.org/en/wp-content/uploads/2026/02/Joint-statement-on-antiquities-bill-law-3-February-2026.pdf

[16] https://www.972mag.com/palestinian-from-area-c-describes-life-in-constant-need-of-rebuilding/ Übers.d.A.