Was würdest du aus deinem Zuhause mitnehmen, wenn du nur fünf Minuten Zeit hättest? Diese Frage stellt sich nicht hypothetisch, sondern ganz real, wenn man von Hauszerstörungen in Masafer Yatta hört. Dokumente, um die eigene Existenz nachzuweisen. Erinnerungsstücke. Erbstücke. Praktische Notwendigkeiten wie Kleidung, Decken und Schulmaterial. Alles ist wichtig fürs Leben und doch zwingt die Situation dazu, sich zu entscheiden.
In unserem ersten Monat als EAs wurden wir zu keinen Hauszerstörungen gerufen. Das bedeutet jedoch nicht, dass sie nicht stattgefunden haben. Ein Blick in die Dokumentation von Hauszerstörungen beim UN-Büro für die Koordination Humanitärer Angelegenheiten zeigt[1], dass auch im November 2025 im Süden des besetzten Westjordanlands (Bezirk Hebron) mehrere Zerstörungen stattgefunden haben.
Anfang Dezember dann, einen Tag vor dem starken Einsetzen des Regens, der den Beginn des Winters in diesem Jahr signalisierte, wurden wir zu einem abgelegenen Ort gerufen, an dem sich nur sehr selten internationale Beobachter:innen aufhalten. Die Menschen vor Ort sagten uns, sie glaubten nicht an einen Zufall, sondern an Absicht: Hauszerstörungen genau am Tag vor heftigem Regen.
Wir werden zu einer Hauszerstörung gerufen
Gegen 9:30 Uhr, so berichteten uns die Dorfbewohner:innen später, fuhren israelische Sicherheitskräfte mit schweren Baufahrzeugen in den Ort ein und machten drei Wohnhäuser, zusammen mit Solaranlagen, zwei Brunnen und Wassertanks, dem Erdboden gleich. Die Häuser gehörten drei Brüdern und waren das Zuhause von insgesamt 24 Menschen, darunter 9 Kinder.

Das Militär habe die Familie gewarnt, dass auf jede Person geschossen werde, die sich den Soldat:innen oder den Baufahrzeugen nähere. Als Nachbar:innen versuchten, zu den Familien zu gehen, um sie moralisch zu unterstützen, hätten die Soldat:innen Schüsse abgefeuert, um sie daran zu hindern.
Die Familie lebt seit vier Jahren auf dem Land. Davor hatten sie in der einige Kilometer entfernten Stadt Yatta zur Miete gewohnt. Der Bau der Häuser war sehr teuer, erzählten sie uns. Der Kaufnachweis für das Grundstück ist ein handschriftlicher Zettel der früheren Eigentümer.
Uns wird berichtet, dass die drei Familien insgesamt 15.000 NIS (ca. 3.700 Euro) an einen Anwalt gezahlt haben, der ihnen Hoffnung auf den Stopp des Abrisses gemacht hatte. Vier Tage vor der Zerstörung zahlten sie noch 4.000 NIS (ca. 1.000 Euro).
Die Familie hatte den Abrissbescheid der israelischen Behörden ein Jahr zuvor erhalten, mit der Begründung, sie hätten ohne Baugenehmigung gebaut. Man könnte leicht zu dem Schluss kommen: selbst schuld, wer ohne Baugenehmigung baut. Doch genau hier zeigt sich tiefgreifende Ungerechtigkeit unter der Besatzung.
Baugenehmigungen im C-Gebiet des besetzten Westjordanlands: strukturelle Diskriminierung
Die Zerstörung von Häusern wie in Masafer Yatta steht nicht für sich allein, sondern ist Teil eines umfassenderen strukturellen Problems: Palästinenser:innen erhalten im gesamten C-Gebiet des Westjordanlands, das über 60 % der Fläche umfasst und vollständig unter israelischer Kontrolle steht, praktisch keine Baugenehmigungen.
Laut der israelischen NGO BIMKOM – Planners for Planning Right[2] wurden zwischen 2021 und 2024 von insgesamt 5.071 palästinensischen Bauanträgen lediglich 22 genehmigt (ca. 0,4 %). Im Oktober 2025 berichtete der Norwegian Refugee Council[3], dass keiner der seit Oktober 2023 gestellten 282 Bauanträge von den israelischen Behörden bewilligt wurde.
Gleichzeitig zerstörten die israelischen Behörden 2025 mehr Gebäude und Infrastruktur im Westjordanland auf der Grundlage fehlender Baugenehmigungen, als je zuvor: Laut UNOCHA verloren mehr als 1.700 Menschen ihr Zuhause, über 1.500 Wohn- und Nutzgebäude sowie Infrastrukturobjekte wurden zerstört, das sind etwa 250 mehr, als im bisherigen „Rekordjahr“ 2024[4].

Parallel dazu werden die völkerrechtswidrigen israelischen Siedlungen massiv ausgeweitet: Allein seit Anfang 2023, dem Start der aktuellen israelischen Regierung, wurden mehr als 50.000 neue Wohneinheiten in Siedlungen genehmigt[5]. Im gleichen Zeitraum wurden laut PeaceNow 174 Siedlungsaußenposten errichtet[6], die nicht nur nach internationalem, sondern auch nach israelischem Recht illegal sind. Im Dezember 2025 erteilte das israelische Sicherheitskabinett zudem die Genehmigung für 19 weitere Siedlungen, wodurch die Gesamtzahl der von der aktuellen israelischen Regierung genehmigten Siedlungen auf 69 stieg[7].
Diese asymmetrische Bau- und Abrisspolitik macht deutlich, dass Palästinenser:innen de facto keine Möglichkeit haben, legal zu bauen oder bestehende Strukturen zu erweitern, während israelische Siedlungen mit staatlicher Unterstützung wachsen. Die Siedlungspolitik ist ein zentraler Faktor für anhaltende Ungleichheit, Vertreibung und Zwangsumsiedlung im Westjordanland. Dabei ist das internationale Recht eigentlich eindeutig: Eine Besatzungsmacht soll das besetzte Gebiet zum Nutzen der besetzten Bevölkerung verwalten, und darf nicht ihre eigene Bevölkerung im besetzten Gebiet ansiedeln[8].
„Sogar die Hochzeitsfotos sind weg“
Zurück in die South Hebron Hills.
Den Familien wurde nicht erlaubt, persönliche Gegenstände aus den Häusern zu holen, bevor diese zerstört wurden. Ein paar Stühle, ein Kleiderschrank und einzelne Gegenstände konnten später noch aus den Trümmern geborgen werden. Natürlich gingen die meisten persönlichen Erinnerungsstücke verloren. Eine schwangere Frau sagte uns später leise: „Sogar die Hochzeitsfotos sind weg.“

In den ersten Nächten nach der Zerstörung hatte die Familie nur eine Plastikplane als Schutz. Es war bitterkalt. Die Mutter blieb wach, hielt ihre Kinder fest im Arm und machte ein kleines Feuer, um sie einigermaßen warm zu halten.
Die Kinder leiden besonders unter der Situation, erzählt uns die Mutter. Sie wachen nachts weinend auf, aus Angst, dass Siedler oder das Militär kommen könnten, und fragen, warum sie keinen Strom haben wie andere Kinder. Die jüngsten Kinder der Familie sind erst drei Jahre alt und ein Baby ist auf dem Weg. Die Mutter fragte uns verzweifelt: „Wo sollen sie hingehen? Das Haus wurde gekauft, das Land wurde gekauft. Es war alles die Frucht unserer Arbeit und unseres Schweißes. Und jetzt, wohin sollen all die Kinder gehen?“
Seit Oktober 2023 hat die Familie kein regelmäßiges Einkommen mehr und überlebt von wenigen Schekel hier und da. Die meisten der Männer hatten zuvor in Israel gearbeitet.
Am Tag der Hauszerstörung setzte ich mich zu den Frauen, die etwas abseits von den Männergruppen saßen. Obwohl sie gerade alles verloren hatten, boten sie mir schnell Tee und einen Platz zum Sitzen an. Als ich erzählte, dass ich aus Deutschland komme, antwortete eine Frau: „Was ist Deutschland im Vergleich zu dem, was wir gerade durchmachen?“ Ich erklärte ihr, dass wir nicht unter Besatzung leben und unsere Häuser nicht zerstört werden, und drückte aus, wie leid uns das Geschehene tut.
Seit wir die Familien kennengelernt haben, denke ich fast jeden Tag an sie.
Am Tag der Hauszerstörung gaben wir die Kontaktdaten einer Organisation weiter, die möglicherweise helfen könnte. Außerdem kontaktierten wir ein Netzwerk, das bekannt dafür ist, schnell und unbürokratisch Hilfe zu leisten. Die Familien teilten uns klar mit, was sie dringend benötigten: Decken, Nahrungsmittel, Winterkleidung und Zugang zu Elektrizität. Wir erklären ihnen, dass wir als EAs keine finanzielle Unterstützung leisten können. Unsere Aufgabe ist es, zuzuhören, zu begleiten, präsent zu sein, zu dokumentieren und das Erlebte später mit anderen zu teilen – Advocacy-Arbeit, wie es im Englischen heißt.
Eine humanitäre Organisation, die am Tag der Hauszerstörung Zelte zugesichert hatte, brachte schließlich ein großes Zelt pro Familie. Die Zelte wurden während unseres zweiten Besuchs 6 Tage nach den Hauszerstörungen von den Männern der Familien errichtet.

An Weihnachten kontaktiert uns eine der Frauen erneut: Außer den Zelten habe sie bisher keine Hilfe erreicht. Eine Organisation fällt uns noch ein, die wir kontaktieren, bei den anderen Organisationen haken wir nochmal nach. Wir schreiben der Familie zurück, dass wir noch einmal „an ein paar Türen geklopft“ haben.
Es fühlt sich nicht genug an.
Dass internationale und lokale zivilgesellschaftliche Organisationen in solchen Fällen auch nur wenig Handlungsspieltraum haben, liegt nicht daran, dass sie etwa ihre Arbeit nicht täten. Die Situation im Westjordanland hat sich durch Siedlergewalt, Einschränkungen der Bewegungsfreiheit und Zerstörungen in den letzten Jahren so verschärft, dass viel mehr Menschen heute auf Unterstützung angewiesen sind. Gleichzeitig sehen sich viele Organisationen und Netzwerke zunehmenden Einschränkungen ausgesetzt. Israel erschwert die Arbeit von internationalen und lokalen zivilgesellschaftlichen Akteur:innen immer stärker, etwa durch Einschränkungen des Zugangs und der Lieferung von Hilfsgütern oder der Verweigerung von Visa und Arbeitsgenehmigungen[9]. Ein besonders drastischer Schritt der israelischen Behörden wurde Ende 2025 durch Israel bekanntgegeben: 37 internationalen humanitären Organisationen, darunter Ärzte ohne Grenzen (MSF), Oxfam und Save the Children, wurde die Zulassung entzogen[10]. Ab März 2026 müssen sie ihre Aktivitäten im Gazastreifen und im Westjordanland, einschließlich Ost-Jerusalem, komplett einstellen. Dies stellt einen direkten Angriff auf die humanitäre Hilfe dar, da diese Organisationen seit Jahren wichtige Unterstützung in den betroffenen Gebieten leisten. Zudem befindet sich ein Gesetz auf dem Weg durch die Instanzen des israelischen Parlaments, das die Besteuerung und Einschränkung der juristischen Arbeit israelischer Menschenrechtsorganisationen vorsieht[11].
Ein offenes Ohr (merke: ohne Arabisch zu sprechen), die Dokumentation der Zerstörungen und die Weitergabe der Informationen an andere Organisationen können keine wärmende Decke ersetzen. Das Schreiben dieses Blogs versorgt die Familie in den South Hebron Hills nicht mit den dringend benötigten Winterklamotten für die beißende Kälte. Dieses Nicht-helfen-können im konkreten Moment ist manchmal nicht leicht auszuhalten. Das Gefühl, nicht genug zu tun, begleitet mich. Je länger wir hier sind, desto deutlicher wird: Unsere Arbeit endet nicht mit unserem Einsatz im Westjordanland: wir setzen sie fort, indem wir nach unserem Einsatz von unseren Erfahrungen des Lebens unter Besatzung und der Begegnung mit Menschen, die sich gewaltfrei und kreativ für deren Ende engagieren, berichten, im persönlichen Umfeld ebenso wie gegenüber politischen Entscheidungsträger:innen, und zu wirksamem Handeln auffordern.
Farbtupfer inmitten von Trümmern

„Ich hoffe, dass die Kinder eines Tages ein gutes Leben führen werden“, sagt uns eine der Frauen mit Zuversicht in der Stimme. Während sie mit uns spricht, spielen die Kinder in und mit den Trümmern. Wir brachten ihnen ein paar Ballons mit. Die Farbtupfer wirkten wie ein bunter Widerstand gegen das Grau des Bauschutts. Ein stärkerer Kontrast ist wohl kaum denkbar: Zerstörung und Vertreibung, die keine Unfälle oder Zufälle, sondern gezielte Staatspolitik sind, und inmitten der Trümmer Kinder, die weiterhin spielen und Familien, die trotz alledem bleiben.
Miriam, im Januar 2026
Ich nehme für das Berliner Missionswerk am Ökumenischen Begleitprogramm in Palästina und Israel (EAPPI) des Ökumenischen Rates der Kirchen teil. Dieser Bericht gibt nur meine persönlichen Ansichten wieder, die nicht unbedingt die des Berliner Missionswerkes oder des Ökumenischen Rates der Kirchen sind.
[1] https://www.ochaopt.org/data/demolition
[2] https://bimkom.org/wp-content/uploads/west-bank-data-2021-2024-22.5.25.pdf
[3] https://www.nrc.no/news/2025/october/west-bank-record-number-of-demolitions-over-building-permits-as-israel-furthers-annexation-agenda
[4] https://www.ochaopt.org/data/demolition Unter dem Link „Click for more breakdowns” öffnet sich eine Maske, in der unter „Context“ – Lack of Permits ausgewählt werden kann
[5] https://peacenow.org.il/en/settlements-watch/settlements-data/construction
[6] https://peacenow.org.il/en/settlements-watch/settlements-data/population
[7] https://www.bbc.com/news/articles/cqjg18xe0wwo
[8] https://ihl-databases.icrc.org/en/ihl-treaties/gciv-1949/Introduction/commentary/2025
[9] https://www.oxfam.org/en/press-releases/israels-new-ingo-registration-measures-are-grave-threat-humanitarian-operations
[10] https://www.medico.de/presse/2025/israel-entzieht-37-deutschen-internationalen-hilfsorganisationen-die-registrierung
[11] https://www.haaretz.com/israel-news/2025-12-11/ty-article/.premium/israel-seeks-to-ban-ngos-getting-more-than-30k-in-foreign-funding-from-protesting/0000019b-0a66-dda6-a7fb-3e67f85c0000