Nach der Arbeit ist vor der Arbeit – Die Bedeutung des Pflügens in den South Hebron Hills

“Nach der Arbeit ist vor der Arbeit”, heißt es so schön. Die symbolträchtige Olivenernte ist seit ein paar Wochen vorbei. Als identitätsstiftende, palästinensische Kultursymbole erhalten Oliven, Olivenbäume und die dazugehörige Olivenernte viel lokale und internationale Aufmerksamkeit. Auch in diesem Jahr war die Ernte begleitet von zahlreichen An- und Übergriffen durch Siedler – vor, neben und während der Erntesaison. Gleichzeitig gab es viele Solidaritätsaktionen – von schützender und solidarischer Präsenz internationaler und israelischer Aktivist:innen, über Medienberichte bis hin zu gemeinsamen Ernteaktionen. Doch was passiert eigentlich danach? Angriffe vorbei, Solidarität vorbei, Arbeit vorbei?

Pflügen zwischen Landnutzung und Risiko

Nach den ersten Regenfällen beginnt im südlichen Hebron-Hügelland traditionell das Pflügen. Für palästinensische Dorfgemeinschaften markiert diese Zeit den Übergang in ein neues landwirtschaftliches Jahr – und zugleich eine Phase erhöhter Anspannung. Denn das Pflügen der Felder ist hier längst nicht mehr nur eine landwirtschaftliche Tätigkeit, sondern ein Akt permanenter Selbstbehauptung: gegenüber Siedlern, Militär und einer Realität, in der selbst alltägliche Arbeiten kriminalisiert werden können.

Frisch gepflügtes Land in den South Hebron Hills; © WCC-EAPPI/R.
Frisch gepflügtes Land in den South Hebron Hills; © WCC-EAPPI/R.

Pflügen gehört wohl nicht zu den attraktivsten landwirtschaftlichen Tätigkeiten. Es ist weder fotogen noch symbolisch aufgeladen. Doch ist es essentiell: Der Boden wird gelockert, die Wasseraufnahme für die Regenfälle verbessert, Nährstoffe verteilt, die Grundlage für Aussaat und Ernte gelegt – Wintergetreide, Futterpflanzen, Hülsenfrüchte. Gleichzeitig ist es auch die Vorbereitung auf die kommende Pflanz- und Weidesaison. Welche Pflanzen wachsen, wie viel Futter für die Herden verfügbar ist, hängt direkt von der Bodenbearbeitung ab. Für viele Gemeinden, deren Lebensgrundlage auf einer Kombination von Ackerbau und Viehhaltung beruht, wirkt sich eingeschränktes Pflügen daher doppelt aus: auf die Felder und auf die Herden. 

In vielen Orten der Welt entscheidet das Pflügen über Ernährungssicherheit. Im besetzten Westjordanland bedeutet es darüber hinaus die Sicherung des Zugangs zu Lebensgrundlagen und Land – unveräußerliche Menschenrechte. In einem anderen Kontext wäre das Pflügen eine reine Selbstverständlichkeit. In den South Hebron Hills ist es heutzutage ein Risiko. 

Bei einem unserer Besuche im Dorf Umm al Kheir erfahren wird, dass Siedler einen der Dorfbewohner daran gehinderten hatten, sein Land zu pflügen. Sie kamen mit einem Messer und drohten, die Reifen seines Traktors aufschlitzen, sollte er nicht gehen. Eid Hathaleen, ein Menschenrechtsaktivist aus Umm Al Kheir, fasst nüchtern zusammen: Siedler würden überall im Westjordanland pflügen, palästinensischen Bauern hingegen werde genau das verwehrt. Die Olivenernte und das Pflügen seien gleichermaßen betroffen.

Drohungen, Arrest und Anpassungen

“Warum fragt ihr nach diesem Jahr? Ich zähle in Monaten”, antwortet Mahmoud* aus Mantiqat Shib Al Butum auf die Frage, wie oft er in diesem Jahr schon festgenommen wurde. Viermal im letzten Monat – für die Bearbeitung seines eigenen Landes.

Anfang Dezember flog eine Drohne über ihn, als er pflügte. Er entschied sich sofort, aufzuhören. Zu groß ist die Sorge, wieder verhaftet zu werden. Er erzählt uns, dass er erst eine Woche zuvor für sechs Stunden festgenommen wurde, weil er pflügte. Die uniformierten Männer seien aber keine Soldaten gewesen, sondern Siedler. Nach dem Beginn des Gaza-Krieges waren die Sicherheitsdienste in Siedlungen ausgebaut und „regional defense battalions“ gegründet und mit Waffen ausgerüstet worden. Deren Gewalt gegen Palästinenser:innen ist dokumentiert.[1] Für Mahmoud bedeutet das an diesem Tag: Hände und Beine gefesselt, die Augen verbunden, ohne Gespräch oder Erklärung. Abgesetzt vor den Toren eines militärischen Postens in Susiya.  “Sechs Stunden in dieser Situation – da wird man verrückt”, sagt er. Irgendwann freigelassen, als wäre nichts gewesen. Kein Recht, keine Rechenschaft, keine Konsequenzen.

Seitdem pflügt Mahmoud wieder, aber anders. Vorsichtig. Stück für Stück. Oftmals nachts für kurze Intervalle. Was früher zwei Tage mit einem Traktor dauerte, zieht sich nun über siebzehn Tage mit einem Esel. Seinen Traktor nutzt er kaum noch. Die Angst, er könne konfisziert werden, ist groß. Die Sorge ist nicht unbegründet: In Wadi Al Rakhim wurden bei einer nächtlichen Siedlerattacken zwei Traktoren gezielt mit Molotowcocktails in Brand gesetzt. Nur durch schnelles Eingreifen konnte ein vollständiges Ausbrennen verhindert werden. Die Botschaft ist klar: Nicht nur die Arbeit soll unterbunden werden, sondern auch die Mittel, sie zu ermöglichen.

Esel sind in den South Hebron Hills essentiell für das Pflügen in unwegsamen Regionen, aber sie kommen vermehrt auch dort zum Einsatz, wo Menschen die Konfiszierung ihrer Traktoren fürchten; © WCC-EAPPI/R.
Esel sind in den South Hebron Hills essentiell für das Pflügen in unwegsamen Regionen, aber sie kommen vermehrt auch dort zum Einsatz, wo Menschen die Konfiszierung ihrer Traktoren fürchten; © WCC-EAPPI/R.

Ähnliche Geschichten hören wir in fast allen Gemeinden: Festnahmen, militärische Sperrungen, Drohungen oder Siedlerpräsenz. Landwirtschaft wird so zu einer Tätigkeit unter permanenter Beobachtung, in der jede Entscheidung – weiterpflügen oder abbrechen – auch eine Sicherheitsabwägung ist.

In Amnir zeigt sich eine weitere Konsequenz dieser Einschränkungen. Khaled* und seine Familie leben isoliert auf hügeligem Land. Siedler verhindern systematisch, dass er sein Land pflügt. In den vergangenen Tagen führten starke und langanhaltende Regenfälle dazu, dass das Wasser ungehindert den Hang hinunterfloss. Ohne bearbeitete Böden, ohne vorbereite Gräben, sammelte sich das Wasser und drohte in das Haus zu laufen. Nachts mussten die Männer der Familie Gräben ausheben, um ihr Haus zu schützen. Pflügen wäre hier nicht nur landwirtschaftliche Vorbereitung gewesen, sondern eine grundlegende Maßnahme zum Schutz der eigenen Wohnräume. Dass selbst dies nicht möglich ist, macht deutlich, wie eng Landnutzung, Sicherheit und Alltag miteinander verwoben sind. 

Rechtliche Mechanismen der Enteignung

Diese Vorfälle sind kein Zufall, sondern Teil einer Struktur, einer Systematik der Verunmöglichung von menschenwürdigen Lebensbedingungen, die in der Konsequenz darauf abzielt, Menschen zu vertreiben. Und es funktioniert: viele Palästinenser:innen trauen sich nicht mehr, ihr Land zu bestellen. 

„Pflügen ist eine Frage der Landkontrolle”, sagt Eid Hathaleen aus Umm al Kheir und sein Cousin Tariq ergänzt: Ein Teil des Problems mit den Siedlern sei, dass mache Palästinenser:innen, die Land besitzen, es nicht bewirtschaften oder schützen [können]. „So können die Siedler sich freier bewegen, von Gemeinde zu Gemeinde”, sagt er. Land zu nutzen – durch Pflügen, Anpflanzen oder Bauen – sei zugleich Schutz und Strategie. „Dann könnten die Siedler das Land nicht für sich beanspruchen.”

Die Konsequenzen nicht-genutzten Landes können einschneidend sein: Denn nicht bestellte Felder können als „ungenutzt“ deklariert und von den israelischen Behörden zu Staatsland erklärt werden, welches israelischem Nutzen zugutekommt.

Diese Regelung wird zurückgeführt auf das vor mehr als einem Jahrhundert in der Region angewandte osmanische Landrecht, nach dem Land, das nicht als privat registriert ist und das über mehrere Jahre nicht bearbeitet wird, als Staatsland deklariert werden konnte, damals mit dem Ziel, es für andere Bauern und Bäuerinnen nutzbar zu machen[2].

Für viele Palästinenser:innen ist die Bearbeitung des Landes Familiensache, oft sind schon die Kleinsten dabei, wenn die Eltern und Großeltern das Land bestellen; © WCC-EAPPI/Miriam
Für viele Palästinenser:innen ist die Bearbeitung des Landes Familiensache, oft sind schon die Kleinsten dabei, wenn die Eltern und Großeltern das Land bestellen; © WCC-EAPPI/Miriam

Nach internationalem Recht darf eine Besatzungsmacht Land nicht zugunsten der eigenen Bevölkerung konfiszieren. Israel kann daher palästinensisches Privatland nicht offiziell enteignen, um darauf Siedlungen zu errichten. Stattdessen bedient sich der Staat dieser juristischen Umgehung: Land wird nicht konfisziert, sondern als „Staatsland“ deklariert.

Große Teile des Privatlandes im Westjordanland sind nicht offiziell registriert. Die langwierigen Prozesse wurden unter osmanischer und britischer Herrschaft bzw. Verwaltung nicht abgeschlossen. Nach der Besetzung 1967 stoppte Israel den Prozess der Landregistrierung per Militärverordnung vollständig, da dieser einer Besatzungsmacht nach internationalem Recht im besetzten Gebiet untersagt ist.  Durch die Staatslanddeklarationen konnten gleichzeitig dennoch große Flächen für den Ausbau von Siedlungen de-facto enteignet werden. Im Mai 2025 entschied die israelische Regierung, Landregistrierungen im Westjordanland wieder aufzunehmen, mit dem offen formulierten Anspruch, „die jüdische Besiedlung in Judäa und Samaria zu stärken, zu festigen und auszuweiten.“[3]

Pflügen ist daher auch Dokumentation: ein sichtbarer Beweis dafür, dass dieses Land genutzt wird, dass jemand hier lebt und arbeitet. Dass Palästinenser existieren. In einem Kontext jedoch, in dem Menschen durch Drohungen, Gewalt, Festnahmen oder die Zerstörung von Arbeitsmitteln faktisch daran gehindert werden, ihr Land zu nutzen, wird die Deklaration von nicht genutztem Land zu Staatsland zu einem Hebel der Enteignung.

Dokumentation spielt in diesem Zusammenhang eine doppelte Rolle. Einerseits geht es um Besitznachweise, andererseits um die Dokumentation von Übergriffen. Beides ist entscheidend, beides ist oft lückenhaft oder wird nicht anerkannt. Hinzu kommen die Hürden bei der Einreichung von Beschwerden: Angst vor Repressionen, hoher Aufwand, fehlende Konsequenzen. Viele entscheiden sich, ihre knappen Ressourcen lieber in Saatgut, Tiere oder Reparaturen zu investieren.

Ein weiteres Mittel der Kontrolle ist die Erklärung von Flächen zu militärischen Sperrgebieten. Offiziell aus Sicherheitsgründen, praktisch mit sehr ungleichen Auswirkungen: Palästinenser:innen wird der Zugang zu ihrem Land verwehrt, während Siedler:innen weiterhin Zugang haben.[4] Die israelische Organisation Kerem Navot dokumentierte bereits 2015, dass etwa ein Drittel des Westjordanlands als militärisches Sperrgebiet deklariert ist, jedoch ein Großteil nicht für militärische (Trainings)Zwecke genutzt wird. Die Organisation schlussfolgerte: „Es scheint also, dass das Hauptziel dieses Regimes darin besteht, die Möglichkeiten der palästinensischen Bevölkerung, das Land zu nutzen, drastisch einzuschränken und so viel Land wie möglich an israelische Siedler zu übertragen.“[5]

Pflügen als politische Handlung

Vor diesem Hintergrund erscheinen nächtliches Pflügen, der Wechsel vom Traktor zum Esel oder das ständige Abbrechen der Arbeit beim Anblick von Siedlern nicht als Ausnahme, sondern als Anpassungsstrategien. Landwirtschaft wird zu einer täglichen Abwägung zwischen Sichtbarkeit und Risiko. Pflügen ist hier keine rein agrarische Tätigkeit mehr, sondern eine politische Handlung – eine Entscheidung darüber, ob Land genutzt werden kann, im eigenen Besitz bleibt oder schrittweise verloren geht.

Nach der Arbeit ist vor der Arbeit. Doch in den South Hebron Hills ist Arbeit nie nur Arbeit. Sie ist Voraussetzung für Ernte, Weide, und Schutz für das Überleben ganzer Familien. Sie ist verbunden mit Angst, Unterbrechung und ständiger Wachsamkeit – und mit der Hoffnung, dass all die Mühe nicht vergebens ist.

Mahmoud formuliert diese Hoffnung leise. „Ich hoffe nur, dass die Siedler uns nach all der Arbeit des Pflügens und Aussäens nicht die ganze Ernte nehmen”, sagt er und lächelt dabei leicht – damit genug für die Schafe bleibt. 

R., im Dezember 2025

Ich nehme für das Berliner Missionswerk am Ökumenischen Begleitprogramm in Palästina und Israel (EAPPI) des Ökumenischen Rates der Kirchen teil. Dieser Bericht gibt nur meine persönlichen Ansichten wieder, die nicht unbedingt die des Berliner Missionswerkes oder des Ökumenischen Rates der Kirchen sind.


[1] https://acleddata.com/report/civilians-or-soldiers-settler-violence-west-bank

[2] https://peacenow.org.il/en/what-is-a-declaration-of-state-land

[3] https://peacenow.org.il/en/cabinet-decision-land-registration

[4] https://www.972mag.com/firing-zone-masafer-yatta-settlers/

[5] https://www.keremnavot.org/a-locked-garden, Übersetzung d.A.