Beten, glauben, Mensch sein in Jerusalem – drei Szenen aus einer geteilten Stadt 2026

‚Wünschet Jerusalem Frieden! Es möge wohlergehen denen, die dich lieben. Es möge Friede sein in deinen Mauern und Glück in deinen Palästen.‘ Psalm 122,6-7

„Ich möchte einfach wieder in der Al Aksa Moschee beten dürfen…. frag deinen Bundeskanzler, was er für mich tun kann!“ Fadwa*, Beduinin aus Al Eizariya

Szene 1: Wir sitzen in Al Eizariya bei Fadwa im Wohnzimmer. Überall ist Teppich ausgelegt, bequeme Sitzsofas an allen vier Wänden, kleine Beistelltische für die Teegläser. Ansonsten atmet der Raum Leere und die Anmutung eines Beduinenzeltes, auch wenn die Betonmauern, das grelle elektrische Licht und die Tür mit Rahmen eine andere Sprache sprechen.

Kennengelernt haben wir Fadwa über ihre Tochter, mit der wir uns über die Situation von jungen Beduinenfrauen ausgetauscht haben. Fadwa ist weit über siebzig Jahre alt und kennt im Gegensatz zu ihren Töchtern noch das Leben in der Natur im Zelt und vor allem noch die Zeit vor 1967, in der sie problemlos im Ramadan nach Jerusalem laufen konnte, um am Felsendom in der Al Aksa Moschee zu beten.

Blick auf den Felsendom und die Al Aksa Moschee, Altstadt Jerusalem; © WCC-EAPPI/Dorothee
Blick auf den Felsendom und die Al Aksa Moschee, Altstadt Jerusalem; © WCC-EAPPI/Dorothee

Daran erinnert sie sich gerne. Damals gehörten sowohl Ost-Jerusalem als auch die Kleinstadt Al Eizariya wenige Kilometer östlich von Jerusalem zu Jordanien und es gab keine Grenze, die sie am Gebet hindern würde. Nach der Besatzung 1967 erweiterte Israel völkerrechtswidrig die Verwaltungsgrenzen Jerusalems nach Osten und gemeindete 28 palästinensische Dörfer ein. Zwischen Ost-Jerusalem und Al Eizariya gab es zunächst keine physische Grenze. Diese entstand mit den ersten Checkpoints und dem Bau der Mauer ab 2002. Schon Anfang der 1990er Jahre wurde das System der Passierscheine eingeführt, das den Zugang nach Ost-Jerusalem für Menschen aus dem Westjordanland deutlich schwieriger bis unmöglich machte.[1]

Erst unsichtbare Grenze, dann die Einführung von Zugangsbeschränkungen, schließlich die Mauer. Seit dem 7. Oktober 2023 ist diese Grenze deutlich hermetischer abgeriegelt, denn je. Die meisten Menschen aus der Westbank, die ihre Arbeit in Jerusalem hatten, haben ihre Arbeitsgenehmigung und damit ihren Arbeitsplatz verloren. Die Möglichkeit für Menschen aus der Westbank, in der Al Aksa Moschee oder dem Felsendom zu beten, ist für die meisten in weite Ferne gerückt. Laut UN-Angaben konnten 2024 und 2025 im Vergleich zu den Jahren vor dem 7.Oktober 2023 nur etwa ein Zehntel der Gläubigen die Al Aksa Moschee während der Freitage im Ramadan erreichen.[2]

Nun hat erneut der Ramadan begonnen. Fadwa hätte gern vorher auf dem Haram al Sharif gebetet, wenn es auf dem Gelände von Felsendom und Al Aksa Moschee noch nicht so eng ist, wie während des Ramadans durch Pilger:innen aus aller Welt. Aber einen Antrag auf Sondergenehmigung für einen Moscheebesuch, so erzählt sie uns, kann man derzeit nur für den Ramadan stellen und ob dieser genehmigt wird, bleibt unsicher. Auch in diesem Jahr wurde die Anzahl der Gläubigen aus der Westbank wieder auf 10.000 Personen beschränkt, nur Frauen über 50 und Männer über 55 Jahren können eine Genehmigung beantragen und darauf hoffen, diese auch zu bekommen. Und deshalb wendet sie sich in unserem Gespräch in ihrem leeren Wohnzimmer ganz konkret an mich: „Du bist aus Deutschland – Ich möchte einfach wieder in der Al Aksa Moschee beten dürfen…. Frag deinen Bundeskanzler, was er für mich tun kann!“.

Freiheit, beten zu dürfen, wo ich will und Freiheit, mich bewegen zu dürfen, wie ich es brauche, das sind zwei Bedürfnisse und Menschenrechte, deren Wert und deren Bedeutung ich in dieser Region ganz besonders verstehe, weil die bewusste Nichteinhaltung dieser Rechte durch die anhaltende, vom Internationalen Gerichtshof 2024 als völkerrechtswidrig eingestufte Besatzungssituation so viel Sehnsucht, Wut und Verzweiflung bei den Menschen in der Westbank verursacht.

In seiner Rede anlässlich eines Empfangs von Diplomat:innen durch die Kirchenoberhäupter von Jerusalem Anfang Februar 2026, brauchte der Griechisch-Orthodoxe Patriarch Theophilos III seine Wünsche für die Menschen der Region zum Ausdruck: Dass krebskranke Kinder aus Gaza Zugang zur Behandlung im Auguste-Victoria-Krankenhaus auf dem Ölberg in Jerusalem erhalten, dass die ungehinderte Gewalt von radikalen Siedlerorganisationen in der Westbank aufhört und dass freie Gebetsausübung, menschliche Würde und der Zugang zur kommenden Karwoche nicht durch aggressives Verhalten seitens der Polizei eingeschränkt wird.[3]

Szene 2:  Wir sitzen in der Church of the Holy Sepulchre, der Grabeskirche mitten in der Jerusalemer Altstadt in der überfüllten oberen Kapelle. Menschen sitzen und stehen dichtgedrängt, erfahrene Mönche sitzen auf der Brüstung und lassen die Beine baumeln. Nonnen verschiedenster Ordensgemeinschaften zwischen einheimischen und eingereisten Christ:innen aus der weltweiten Ökumene, alle wollen sie dabei sein, bei der Eröffnung dieser besonderen Woche.

Gottesdienst in der griechisch-orthodoxen Gemeinde, anlässlich der Gebetswoche für die Einheit der Christen und Christ:innen; © WCC-EAPPI/Dorothee
Gottesdienst in der griechisch-orthodoxen Gemeinde, anlässlich der Gebetswoche für die Einheit der Christen und Christ:innen; © WCC-EAPPI/Dorothee

Jedes Jahr im Januar treffen sich Menschen weltweit, um gemeinsam die Gebetswoche für die Einheit der Christen und Christinnen zu feiern. So auch in Jerusalem, wo jede Konfession mit einer Kirche, einem Kloster einem Krankenhaus, einem Tagungshaus etc. zeigen möchte, dass sie an diesem Ort von Jesu Kreuz und Auferstehung dazugehören und präsent sind. In der Stadt, in der Juden und Jüdinnen die Trauer um die Zerstörung ihres Tempels und Muslime die Himmelfahrt des Propheten Mohammeds erinnern. Ein Ort, an dem alle präsent sein, beten und erinnern wollen.

Hier treffen sich auch in diesem Jahr acht Tage lang jeden Abend Christ:innen in acht verschiedenen Kirchen zum Gebet und erfahren Gemeinschaft mit unterschiedlichsten Glaubensgeschwistern: bei den Anglikanern in St George, bei den Protestanten in der Erlöserkirche, bei den Armeniern in St. James, in der Römisch-Katholischen Kirche und bei den Katholiken auf dem Zionsberg, bei den Kopten in der Grabeskirche, den Äthiopisch Orthodoxen in West-Jerusalem, bei den Melkiten in der Verkündigungskirche.

Auch in der evangelisch-lutherischen Erlöserkirche trafen sich die Gläubigen in Rahmen der Gebetswoche; © WCC-EAPPI/Dorothee
Auch in der evangelisch-lutherischen Erlöserkirche trafen sich die Gläubigen in Rahmen der Gebetswoche; © WCC-EAPPI/Dorothee

Wir begegnen Patriarchen, Kardinälen, Bischöfen, Pröpsten, Erzdiakonen, Pfarrern, Priestern aus den diversen Denominationen, Nonnen und Mönchen aus den zahlreichen Klöstern dieser Stadt. Ein paar wenige Frauen im theologischen Amt sind auch zu sehen, sie sind deutlich die Ausnahme und nur bei den Protestanten aktiv als Pfarrerinnen beteiligt. Seit zwei Jahren gibt es in der hiesigen Lutherischen Kirche eine erste palästinensische Pfarrerin, die sich auch in diesen Tagen an verschiedenen Orten mit Gebeten und Lesungen an dem ökumenischen Geschehen beteiligt. Doch nicht alle Mitglieder ihrer Gemeinde haben einfachen Zugang zu dieser Gebetswoche, da ihre Kirche sowohl in Jerusalem als auch in der Westbank und in Jordanien aktiv ist.

Auch Christ:innen, die in der Westbank leben, können nicht ohne weiteres nach Jerusalem kommen. Selbst wer als Bürger:in der Stadt eine sogenannte Jerusalemer ID hat, aber hinter einem Checkpoint lebt, muss in diesen Tagen mit unberechenbaren Wartezeiten an den Checkpoints rechnen, sodass niemand sicher sein kann, pünktlich anzukommen.

Für Menschen jüdischen Glaubens ist der Zugang zum Gebet an der Klagemauer durch einen Tunnel oder durch die Altstadt ohne sichtbare Einschränkungen möglich, ihre Sicherheit soll durch eine starke militärische Präsenz in der Altstadt gewährleistet werden. Dennoch gehen viele jüdische Gläubige durchaus sehr raschen Schrittes und/oder bewaffnet zum Gebet.

Glauben, beten und Mensch sein in einer geteilten Stadt und Region, in der Menschen ungleich mit Rechten ausgestattet sind, in der es vielen Menschen schwerfällt, das Leid der jeweils anderen wahrnehmen und anerkennen zu können, bleibt eine Herausforderung, die zwei menschenrechtsorientierte Gruppen nun ganz konkret annehmen wollen.

Faithful Futures – Das Projekt zielt darauf ab, Religion, Glauben und Menschenrechte miteinander zu verbinden, basierend auf der Überzeugung, dass Religionen eine Brücke für moralische Partnerschaft sein können – und nicht eine Barriere der Spaltung.“[4] Rabbis for Human Rights und Sabeel

Szene 3: Wir sitzen in einem Tagungsraum nahe der Jerusalemer Altstadt. „Faithful Futures: Religion, human rights & international law – Working together for a just peace for all“ – das Roll-Up für die Auftaktveranstaltung ist im Foyer für alle Gäste gut sichtbar.  Sabeel – Ecumenical Liberation Theology Center und Rabbis for Human Rights, zwei starke palästinensische und israelische Gruppen mit internationaler Anbindung, luden Vertreter:innen aus Judentum, Christentum und Islam, denen Menschenrechtsfragen am Herzen liegen, Anfang Februar zum Start ihres gemeinsamen neuen Projekts ein. 

Die Rabbis for Human Rights schlossen sich 1988 zusammen und sind mittlerweile ein Netzwerk von 170 Rabbiner:innen und weiteren Verbündeten aus Israel, die sich ganz konkret durch Baumpflanzungen und Hilfe bei der Olivenernte in der Westbank, für soziale Gerechtigkeit und ein Ende der Besatzung einsetzen und das durch ihre Auslegung der Thora begründen. Bei Sabeel arbeiten palästinensische Theolog:innen an einer christlichen Befreiungstheologie im Kontext von Besatzung. Beide Gruppen verstehen sich zudem als interreligiöse Lernorte, an denen die muslimischen Stimmen dazugehören.  

„Faithful Futures“ – alle Religionsgemeinschaften und auch säkulare Gruppen sind eingeladen, die aktuelle Situation in Jerusalem und der Region unter den Aspekten Menschenrechte und internationales Recht zu betrachten, um neue Perspektiven für eine gemeinsame Zukunft zu erarbeiten. Auf dieser Basis wollen Sabeel und Rabbis for Human Rights gemeinsam in den nächsten drei Jahren engagierte Menschen in den jeweiligen Religionsgemeinschaften zu Multiplikator:innen für Fragen des interreligiösen Zusammenlebens, der Menschenrechte und des internationalen Rechts ausbilden.

Bei der Einführungsveranstaltung zum Projekt „Faithful Futures“ verteiltes Infomaterial; © WCC-EAPPI/Dorothee
Bei der Einführungsveranstaltung zum Projekt „Faithful Futures“ verteiltes Infomaterial; © WCC-EAPPI/Dorothee

Dieser gemeinsame Weg wird vor dem Hintergrund der andauernden Besatzungssituation und besonders nach dem durch den Überfall der Hamas am 7. Oktober 2023 ausgelösten Krieg und dessen Folgen nicht einfach sein. Hier wird es sicher auch darum gehen, den Schmerz der jeweils anderen wahrzunehmen und Macht- und Diskriminierungsstrukturen zu erkennen 

Was kann werden, wenn sich in Jerusalem die Mitglieder der Religionsgemeinschaften in einem dreijährigen Lernprozess zu Multiplikator:innen von Menschenrechtsarbeit ausbilden lassen? Könnte auf diese Weise wieder Hoffnung von Jerusalem ausgehen, so wie es sich die Psalmbeter:innen von Psalm 122 in ihrem visionären Statement wünschen? Mich beeindruckt es sehr, dass sie es in Jerusalem gemeinsam wagen wollen.

Ich wünsche Fadwa, dass sie wieder in der Al Aksa Moschee beten kann, dass die krebskranken Kinder aus Gaza im Auguste-Victoria-Krankenhaus erfolgreich behandelt werden können, dass die radikalisierte Siedlerjugend keine materielle und ideologische Unterstützung mehr erhält und ihre jugendliche Kraft stattdessen in konstruktive Projekte steckt, und dass die Polizeikräfte in Jerusalem dafür sorgen, dass alle an dem gewünschten Ort sicher und frei beten können. Vor allem wünsche ich den Rabbis for Human Rights und den Theolog:innen von Sabeel Glück und Segen zum Gelingen ihres langfristigen Veränderungsprozesses für eine gemeinsame und gleichberechtigte Zukunft.

*Name geändert                

Dorothee, im Februar 2026

Ich nehme für das Berliner Missionswerk am Ökumenischen Begleitprogramm in Palästina und Israel (EAPPI) des Ökumenischen Rates der Kirchen teil. Dieser Bericht gibt nur meine persönlichen Ansichten wieder, die nicht unbedingt die des Berliner Missionswerkes oder des Ökumenischen Rates der Kirchen sind.


[1] https://www.btselem.org/freedom_of_movement/copy%20of%20closure

[2] https://www.ochaopt.org/content/humanitarian-situation-update-279-west-bank 

[3] https://en.jerusalem-patriarchate.info/articles-speeches/patriarch-theophilos-iii-urges-diplomatic-corps-to-defend-freedom-of-worship-and-human-dignity-in-jerusalem/  

[4] https://www.rhr.org.il/en/interfaith-department/ Übersetzung d.A.