Erst seit wenigen Tagen sind wir als neues Team Ökumenischer Begleiter:innen im Einsatz. Der Druck jedoch, der auf den von uns bisher besuchten Gemeinden im Raum Bethlehem und in den South Hebron Hills aufgrund von Siedlergewalt und Siedlungsausbau lastet, war von Beginn an deutlich erfahrbar.
Als wir im Raum Masafer Yatta in den South Hebron Hills unterwegs sind, bemerken wir zufällig eine kleine Menschentraube nahe eines Olivenhains. Nachbarn und Freunde versammeln sich um den Olivenbauern, dessen Bäume in der Nacht zuvor gewaltvoll zerstört worden sind: Auf seinem Feld liegen nun über 50 Baumkronen sichtbar neben ihren Baumstämmen, teils per Hand niedergerissen, teils – vermutlich mit einer Axt – fein säuberlich abgehackt.

Was wir an jenem Tag sehen, ist bloß einer von vielen Vorfällen, die wir in unseren kurzen Tagen in den South Hebron Hills dokumentieren. Entkräftete Landwirte erzählen uns von ihrem zermürbenden Alltag, der von Siedlerübergriffen und deren Einschüchterungsversuchen geprägt ist. In diesem Fall zerstörten die Siedler nicht nur die Bäume und somit die Existenzgrundlage des Bauern, sondern hinterließen neben dem eingerissenen Zaun, der die Olivenbäume vor Eindringlingen schützen sollte, auch anti-arabische Graffitiparolen auf Hebräisch an den Wänden eines Schuppens: Von „Rache“, „Blut“ sowie „die Nation erhebt sich“ ist hier die Rede, so wird es uns übersetzt.
Die Siedler richten in den South Hebron Hills ihre Gewalt darauf, Palästinenser:innen zu zwingen, die Bewirtschaftung ihres Landes einzustellen und sie letztendlich von ihrem Land zu vertreiben. Gleichzeitig werden die völkerrechtswidrigen Siedlungen und die selbst nach israelischem Recht illegalen Außenposten im Westjordanland mit nie dagewesener Geschwindigkeit ausgebaut.[1]
Eskalation von Gewalt und Zerstörung
Angriffe von israelischen Siedlern auf Palästinenser:innen haben seit dem 7. Oktober 2023 deutlich zugenommen. Laut UNOCHA-OPT stellte 2025 ein negatives Rekordjahr dar: die Anzahl der Angriffe stieg im Vergleich zum Vorjahr von 1449 auf 1828 noch einmal um 26 %, während die Anzahl der betroffenen Gemeinden im selben Zeitraum von 262 auf 280 wuchs.[2]
Siedlergewalt ist also kein isoliertes und auch kein neues Phänomen, sondern Teil einer kontinuierlichen Entwicklung, die das Leben der Menschen im Westjordanland zunehmend einschränkt. Für die palästinensischen Bauern und Bäuerinnen bedeuten die Angriffe nicht nur physische und mentale Verletzung und Zerstörung ihres Eigentums, sondern vor allem den Verlust von Futter- und Anbauflächen, womit ihre Existenz direkt bedroht wird. Im Fall der Olivenbäume geht die Gewalt zusätzlich über den wirtschaftlichen Schaden hinaus – die Zerstörung der Bäume stellt einen Angriff auf kulturelle und familiäre Traditionen dar, die über Generationen weitergegeben wurden.

Die Übergriffe spielen sich vor allem in den Gemeinden ab, die in den sogenannten C-Gebieten des Westjordanlands liegen, die vollständig unter israelischer Sicherheitskontrolle und Zivilverwaltung stehen. Häufig beginnt dies mit der Errichtung illegaler Außenposten in der Nähe oder innerhalb einer palästinensischen Ortschaft, gefolgt von Einschränkungen des Zugangs für Palästinenser:innen zu Wasser und Weideflächen unter Androhung von Gewalt, gefolgt von tatsächlichen Angriffen auf Bewohner:innen, Zerstörung von Eigentum sowie Infrastruktur und Verletzung und Tötung von Nutztieren.
Im kleinen Ort Ma’in erzählen uns die Bewohner:innen von gezielten Einschüchterungsversuchen durch Siedler, die mit Quads entlang von Straßen und Feldern fahren, einzig, um mit ihrer Präsenz die Menschen im Dorf und auf den Feldern einzuschüchtern. Diese Aktionen erzeugen Angst und Unsicherheit, die weit über den Moment hinauswirken.
Von diesem niederdrückenden Alltag berichten uns auch die Bewohner:innen von Marah Rabah, einem Dorf südlich von Bethlehem. Die Hauptwasserleitung werde regelmäßig von Siedlern beschädigt, was zu immensem Wasserverlust führt. Dieser Zustand setzt die Gemeinde insbesondere in den Sommermonaten unter Druck, wenn in Hitzeperioden Wasser verknappt oder auf israelische Siedlungen umgeleitet wird.
Und im nahegelegenen Ort Kisan erleben die Einwohner:innen, wie ihre Gemeinde teils mehrfach täglich von überwiegend bewaffneten Siedlern angegriffen und die Schäfer:innen vom Land verjagt und somit davon abgehalten werden, ihre Herden zum Weiden zu führen. Da hierdurch immer weniger Land zum Weiden zur Verfügung steht, seien bereits drei Familien aus der Gemeinde weggezogen, so erzählen es uns Bewohner:innen, die in ihrem Ort die Angriffe der Siedler dokumentieren.
Der vermutlich verheerendste Vorfall unserer kurzen Zeit hier ereignete sich jedoch nur einen Tag nach dem Angriff auf den zu Beginn erwähnten Olivenbauern: In der Nacht vom 27. Januar wurden die vier Ortschaften Al Fakheit, Khirbet al-Halawa, Al-Tabban und Al Mirkez von etwa 100 Siedlern aus umliegenden Außenposten in einer konzertierten Aktion angegriffen.[3] Berichten[4] zufolge setzten die Siedler Häuser und anderes Eigentum wie Brennholz und Heu in Brand, schlugen Fenster und Autoscheiben ein, stahlen bis zu 400 Schafe und verletzten mehrere Bewohner:innen mit Stöcken. In die Gemeinden geeilte palästinensische, israelische und internationale Aktivist:innen berichteten, dass die Straßen ebenfalls von Siedlern blockiert wurden, so dass die Verletzten zunächst weder in medizinische Einrichtungen gefahren noch von Krankenwagen abgeholt werden konnten. Unterstützt wurden die Siedler laut der Aktivist:innen dabei von Soldat:innen, die die Siedler nicht nur gewähren ließen, sondern sich an der orchestrierten Aktion beteiligten, indem sie Bewohner:innen am Erreichen ihrer Dörfer hinderten, Krankenwagen blockierten und statt der Siedler angegriffene Palästinenser:innen festnahmen.
Siedlungsausbau auf Rekordstand
Parallel zu diesen Vorfällen investiert die israelische Regierung weiterhin massiv in den Ausbau der völkerrechtswidrigen Siedlungen und in die Ausweitung ihrer Infrastruktur. Während seit Beginn der Besatzung 1967 bis 2022 insgesamt 141 völkerrechtswidrige Siedlungen regierungsseitig im Westjordanland errichtet wurden, waren es in den ersten drei Jahren der aktuellen israelischen Regierung (2023-2025) bereits 68.[5] Im gleichen Zeitraum wurden mehr illegale Siedlungsaußenposten errichtet, als je zuvor: 180.[6]
Laut der israelischen NGO PeaceNow wurden zuletzt im Januar 2026 hunderte Millionen Schekel für Sicherheitsmaßnahmen und Straßenbauprojekte in den völkerrechtswidrigen Siedlungen bereitgestellt.[7] Diese Investitionen haben unter anderem zur Folge, dass neue Straßen erbaut werden, die den Zugang zu Siedlungen erleichtern soll, während Palästinenser:innen den Zugang zu oder gar ihre Ländereien selbst an diesen Straßenbau verlieren. Auch wir sehen auf unseren Fahrten von Bethlehem in umliegende Dörfer und in die South Hebron Hills die Autobahnen, deren Ausbau noch im vollen Gange ist und die zu den Siedlungen und Außenposten führen werden, die sich hinter den Baufahrzeugen auftürmen.

Strukturelle Ungleichheit und Gewalt verschärfen die Hoffnungslosigkeit
Ebenso werden Sicherheitsmaßnahmen wie Zäune und Überwachungssysteme ausgebaut, jedoch ausschließlich zum Schutz der Siedler:innen – und nicht der palästinensischen Bevölkerung. Ganz im Gegenteil: 2025 war nicht nur ein Rekordjahr in Bezug auf den Siedlungsausbau und Siedlergewalt, es wurden auch nie zuvor in einem Jahr so viele palästinensische Häuser und Infrastruktur im Westjordanland zerstört, wie 2025, aufgrund eines diskriminierenden Planungsregimes, das Palästinenser:innen in den vollständig von Israel kontrollierten C-Gebieten Baugenehmigungen verweigert.[8]
Die Kombination aus direkter Gewalt durch Siedler und struktureller Gewalt der Besatzung durch Siedlungsausbau und Zerstörungen schafft eine Realität, in der palästinensische Gemeinden systematisch unter Druck geraten. Für die Menschen vor Ort bedeutet dies nicht nur Angst, sondern auch konkret Verlust von Land, Einkommen und letztlich ihrer Existenzgrundlagen.
Als wir uns zum Olivenbauern in den South Hebron Hills stellen, betrachten wir gemeinsam die Überreste seiner Bäume. „12 Jahre“ sagt er, Tränen steigen ihm dabei in die Augen. „12 Jahre“, seine Stimme stockt. So viel Zeit kostete es, diese Bäume wachsen zu lassen. So viele Jahre Arbeit und Hoffnung auf zukünftige, ertragreiche Ernten, die ihm in nur einer Nacht geraubt wurden.
Lee, im Februar 2026
Ich nehme für pax christi – Deutsche Sektion am Ökumenischen Begleitprogramm in Palästina und Israel (EAPPI) des Ökumenischen Rates der Kirchen teil. Diese Stellungnahme gibt nur meine persönlichen Ansichten wieder, die nicht unbedingt die von pax christi oder des Ökumenischen Rates der Kirchen sind
[1] https://peacenow.org.il/en/israels-security-cabinet-decided-to-establish-19-new-settlements
[2] https://www.ochaopt.org/content/west-bank-monthly-snapshot-casualties-property-damage-and-displacement-december-2025
[3] https://www.ochaopt.org/content/humanitarian-situation-update-356-west-bank
[4] https://www.972mag.com/settler-soldier-pogrom-masafer-yatta/
[5] https://peacenow.org.il/en/israels-security-cabinet-decided-to-establish-19-new-settlements
[6] https://peacenow.org.il/en/settlements-watch/settlements-data/population
[7] https://peacenow.org.il/en/government-to-add-hundreds-of-millions-of-shekels-for-security-measures-and-road-construction-in-settlements