Im Dreieck der Besatzung: Checkpoints, Siedlergewalt und eine neue Trennbarriere im Jordantal

Durch die Frontscheibe unseres Taxis blicken wir in den Lauf eines Maschinengewehrs. Es ist auf einen Betonklotz aufgestützt und auf die Autos gerichtet, die im Schneckentempo durch den Checkpoint schleichen. Hinter dem Gewehrlauf steht ein rothaariger israelischer Soldat in voller Montur, höchstens 20 Jahre alt. Wir passieren den Hamra Checkpoint nahe der gleichnamigen, 1971 errichteten völkerrechtswidrigen israelischen Siedlung, und setzen unsere Fahrt fort durch die bergige Landschaft, vorbei an kleinen palästinensischen Hirtengemeinden. Der Boden leuchtet in einem tiefen Rot und hüllt alles in ein surreales Licht. Vielleicht verdankt die Gegend ihren Namen genau diesem auffälligen, roten Erdboden, der hier so allgegenwärtig ist, „hamra“ bedeutet „rot“ auf Arabisch.

Kurz vor dem Ortseingang des palästinensischen Dorfs Ein Shibli blicken wir durch die verdunkelten Scheiben unseres Taxis auf den Grund unseres Besuchs: eine Baustelle. An der Straße, die Ein Shibli mit den Städten Nablus und Tubas verbindet, und damit den Zugang zu Bildung, Gesundheitsversorgung und Arbeitsplätzen darstellt, wird ein neuer Checkpoint errichtet.

Vorbereitende Bauarbeiten für den neuen Checkpoint nahe Ein Shibli; © WCC-EAPPI/Madita
Vorbereitende Bauarbeiten für den neuen Checkpoint nahe Ein Shibli; © WCC-EAPPI/Madita

Doch nicht nur das: Die Baustelle ist der Beginn der Umsetzung eines neuen Plans der israelischen Behörden: eine 22 km lange Trennbarriere, die sich von Ein Shibli durch palästinensisches Ackerland in nördlicher Richtung bis nach Tayasir erstrecken soll. Anfang Dezember veröffentlichte die israelische Tageszeitung Haaretz[1] eine Karte der erwarteten Route der Barriere, die zahlreiche palästinensische Gemeinden von ihren landwirtschaftlichen Flächen trennen wird und für deren Bau Häuser und landwirtschaftliche Gebäude und Infrastruktur weichen werden müssen.

Karte der geplanten neuen Trennbarriere mitten im Jordantal; ©Haaretz
Karte der geplanten neuen Trennbarriere mitten im Jordantal; ©Haaretz

300 Meter Luftlinie entfernt sitzt Khalid*, Mitglied des Dorfrats von Ein Shibli, in seinem abgedunkelten Büro hinter einem Schreibtisch im grauen Trainingsanzug und tippt auf seinem Computer. Mohammed*, der Trauben anbaut, schenkt Kaffee aus. An der Wand hängt ein Flachbildschirm, auf dem Khalid die Live-Aufnahmen der CCTV-Kameras in Ein Shibli laufen lässt. Gebannt schauen wir auf den Bildschirm, sehen zwei Männer mit Bauhelmen gestikulierend Anweisungen geben, während ein Bagger einen großen Betonblock von einem Haken baumeln lässt: Derzeit errichten sie die Mauer, die den Checkpoint umgeben wird. Ein weiteres Stück Beton, das im Westjordanland in den Boden gerammt wird. Ein weiteres Stück Realität, das völkerrechtswidrige Tatsachen schafft.

Schon heute be- und verhindernd Zäune, Erdwälle und Tore im gesamten Westjordanland die Bewegungsfreiheit von Palästinenser:innen und den Zugang u.a. zu landwirtschaftlichen Flächen, wie hier nahe dem Hamra-Checkpoint; © WCC-EAPPI/Madita
Schon heute be- und verhindernd Zäune, Erdwälle und Tore im gesamten Westjordanland die Bewegungsfreiheit von Palästinenser:innen und den Zugang u.a. zu landwirtschaftlichen Flächen, wie hier nahe dem Hamra-Checkpoint; © WCC-EAPPI/Madita

Wie genau die neue Trennbarriere aussehen wird, ist noch unklar. Der Bericht in Haaretz zitiert ein Dokument aus israelischen Militärkreisen, wonach es sich um einen 50 Meter breitem Streifen bestehend aus einer Barriere und eine militärische Straße handeln soll. Laut eines Artikels[2], der Mitte Dezember im britischen Guardian erschien, machte das israelische Verteidigungsministerium deutlich, dass dies nur der erste Abschnitt einer neuen 5,5 Milliarden Schekel (ca. 1,5 Milliarden Euro) teuren Barriere sein würde, die fast 500 Kilometer lang sein wird und sich von den Golanhöhen an der syrischen Grenze im Norden bis hinunter zum Roten Meer bei Eilat erstrecken soll. Vom israelischen Verteidigungsministerium wird das Projekt als „Crimson Thread“ (purpurner Faden) bezeichnet.

Offiziell soll die Trennbarriere das Schmuggeln von Waffen verhindern und die völkerrechtswidrigen Siedlungen sicherer machen. Für die palästinensischen Gemeinden in der Gegend ist das Projekt eine reine Katastrophe: Die Menschen in den Dörfern entlang der geplanten Route haben in den vergangenen Wochen dutzende Abrissbefehlen erhalten, viele werden den Zugang zu ihrem Farmland verlieren bzw. wird dieser durch lange Umwege unrentabel werden. Zudem besteht die Sorge, dass Siedler auf den abgetrennten Flächen neue Außenposten errichten.  

Blick über die Gemeinde Ein Shibli, die durch die neue Barriere in zwei Teile geteilt würde; © WCC-EAPPI/Madita
Blick über die Gemeinde Ein Shibli, die durch die neue Barriere in zwei Teile geteilt würde; © WCC-EAPPI/Madita

Khalid und Mohammed nehmen uns mit auf das Dach des Gemeindegebäudes. Von dort hätten wir eigentlich einen perfekten Blick nach Süd-Osten, wo die Bagger arbeiten, aber die beiden haben Bedenken, dass wir an exponierter Stelle zu viel Aufmerksamkeit erregen und es Probleme geben könnte, wenn das israelische Militär uns auf dem Dach sieht. Stattdessen begeben wir uns auf die andere Seite des Dachs und blicken nach Norden. Über die goldene Kuppel der Dorfmoschee hinweg zeigen uns Khalid und Mohammed den Punkt, an dem die Trennbarriere beginnen soll. Weil der Platz des neuen Checkpoints bereits mit Mauerteilen gesichert wird, gehen die beiden davon aus, dass die Barriere auch im Ort selbst eine Mauer sein könnte. Sie wird Ein Shibli in zwei Teile spalten. Die Menschen auf der einen Seite werden höchstwahrscheinlich den Zugang zu ihrem Ackerland verlieren, die Menschen auf der anderen Seite den Zugang zu zentralen Dienstleistungen wie Gesundheitsversorgung und Bildung. Vor allem Kinder aus umliegenden Beduinen- und Hirtengemeinden werden eventuell nicht mehr in den örtlichen Schulen unterrichtet werden können. Khalid sagt, dass es bisher in Ein Shibli zwei Abrissbescheide für Gebäude gibt, aber wo genau die Trennbarriere verlaufen soll, habe die israelische Zivilverwaltung dem Dorfrat nicht mitgeteilt.

Druck von allen Seiten

Während wir auf dem Dach stehen, schauen wir in die ferne, hügelige Landschaft auf Moshes Außenposten. Moshe Sharvit ist ein extremistischer Siedler, der laut Khalid im Umland von Ein Shibli mittlerweile etwa 5.000 Dunum Land kontrolliere. Im Juli 2024 belegte die EU Moshe Sharvit selbst und seinen Außenposten mit Sanktionen[3]. Dennoch hätten sich seine Belästigungsaktionen gegen die benachbarten palästinensischen Gemeinden nur verstärkt. Khalid und Mohammed berichten uns davon, wie der Siedler den Zugang der Gemeinde zu Wasser verhindert, Hirten beim Weidegang bedroht und Kinder auf dem Schulweg bedrängt, er habe einmal sogar eine Knallgranate nach Kindern geworfen. 

„Moshe verbietet den Leuten, aus der Quelle in Ein Shibli zu trinken, nicht weil er die Wasserressourcen für sich selbst braucht, sondern weil er weiß, dass die Menschen ihr Land aufgeben müssen, wenn sie keinen Zugang zum Wasser mehr haben. Er nutzt das Wasser als Druckmittel, um uns von unserem Land zu vertreiben. Wir sind Bauern. Wir brauchen das Land, und die Siedler wissen, dass wir gehen müssen, wenn wir es nicht mehr bewirtschaften können“, erzählt Mohammed. „Vor einem Jahr hat Moshe die Wasserrohre meiner Farm direkt vor meinen Augen durchgeschnitten. Kannst du dir vorstellen, wie schmerzhaft das ist, das zu sehen und nicht einmal etwas sagen zu dürfen?“

Vom Dach aus nicht sichtbar ist der Hamra-Checkpoint. Schon jetzt stellt dieser ein großes Problem für die Bewohner:innen von Ein Shibli und andere Palästinenser:innen aus benachbarten Gemeinden dar, die den Checkpoint passieren müssen, um zur Arbeit und zur Schule zu gelangen, ihre Felder zu bewirtschaften oder Familienmitglieder zu besuchen.

Lange Schlangen am Hamra-Checkpoint; © WCC-EAPPI/Madita
Lange Schlangen am Hamra-Checkpoint; © WCC-EAPPI/Madita

„Mein 70-jähriger Vater wurde von den Soldaten am Hamra-Checkpoint angewiesen, sich auf den Boden zu legen, trotz eines kaputten Knies“, berichtet Mohammed. „Erst nach zehn Minuten Diskussion willigten die Soldaten schließlich ein, dass das nicht möglich war. Am nächsten Tag erkannten sie das Auto meines Vaters und warfen einen Stein darauf.“

„Jeder hier hat solche Checkpoint-Geschichten in seiner Familie und im Freundeskreis“, sagt Khalid. Die beiden berichten uns von stundenlangen Wartezeiten, entwürdigenden Anweisungen, von Soldaten, die Fotos von Palästinenser:innen machten und diese untereinander teilten und von Vorfällen, bei denen Waffen oder Munition in Fahrzeugen platziert worden sei, um die Fahrer anschließend zu verhaften. 

Noch sei unklar, ob der jetzige Hamra-Checkpoint bestehen bleiben wird oder er durch den jetzt im Bau befindlichen ersetzt wird. „Ein Shibli ist das Zentrum eines Dreiecks zwischen der Mauer, Checkpoint und Moshe. All das ist ein einziger Schmerz für unsere Herzen. Eigentlich warten wir nur darauf, dass unser Ende kommt“, sagt Khalid, während wir die Stufen vom Dach heruntersteigen. Als Folge des immensen Drucks auf Ein Shiblis haben seit dem 7. Oktober 2023 bereits 7-8 Familien das Dorf verlassen, 4 weitere Familien ziehen laut Khalid in Erwägung, ebenfalls wegzuziehen. Insgesamt leben noch etwa 120 Familien in Ein Shibli. Mohammeds Vater lebt nun in Russland, auch Khalid spielt mit dem Gedanken, nach Norwegen auszuwandern, dort wohnt einer seiner Brüder.

Die Verzweiflung der Menschen im Jordantal und den ländlichen Gebieten im Westjordanland spiegelt sich in den aktuellen Zahlen von UNOCHA[4] wider: Seit Januar 2023 haben etwa 3.900 Menschen aus 85 Gemeinden im Westjordanland aufgrund von Siedlergewalt und Beschränkungen der Bewegungsfreiheit ihr Zuhause aufgeben müssen. Insgesamt haben die Auswirkungen der anhaltenden völkerrechtswidrigen Besatzungssituation, einschließlich Zerstörungen, Gewalt von Siedlern und Armee, Verlust von Land und Lebensgrundlagen laut UNOCHA zur Vertreibung von etwa 6.400 Palästinenser:innen aus den vollständig von Israel kontrollierten C-Gebieten des Westjordanlands geführt.

Die internationale Gemeinschaft muss wirksam handeln, um weitere Vertreibungen zu verhindern

Wir erkundigen uns nach den Öffnungszeiten des Checkpoints. „Jetzt aber los“, sagt unser Fahrer, „sonst bleiben wir hier stecken.“ Hände werden geschüttelt, und ein müdes Schulterzucken zum Abschied: „Nichts kann diese Mauer stoppen“, murmelt Khalid. Wieder fahren wir an den Bulldozern vorbei, die unermüdlich am neuen Checkpoint arbeiten, die kurvige Straße entlang, die sich durch die Beduinendörfer schlängelt, eingebettet im roten Stein. Dann heißt es wieder warten. Wir stehen in der Schlange am Hamra-Checkpoint. Menschen verlassen ihre Autos, gehen auf und ab, unterhalten sich. Auf den Feldern in der Ferne sehen wir zwei Jungen, die mit Fahrrädern über den holprigen Acker ruckeln, um den Checkpoint zu umgehen. Heute öffnet dieser zum Glück nur mit 15 Minuten Verspätung. Wieder ein offener Gewehrlauf und angespannte Stille im Auto. Diesmal schaut uns die israelische Soldatin gelangweilt an, kein Wort, keine Reaktion. Mit einem Blinzeln werden wir auf die andere Seite beordert.

Hamra-Checkpoint; © WCC-EAPPI/Madita
Hamra-Checkpoint; © WCC-EAPPI/Madita

Und während wir den Checkpoint verlassen, stellen wir uns vor, wie Ein Shibli und die ganze Gegend wohl in ein paar Wochen aussehen wird. Im Juli 2024 urteilte der Internationale Gerichtshof, dass die israelische Präsenz in den besetzten palästinensischen Gebieten gegen das Völkerrecht verstößt und schnellstmöglich beendet werden muss. Es liegt in den Händen der internationalen Gemeinschaft, Druck auszuüben auf die israelische Regierung, ihre Annexionsbestrebungen im Westjordanland aufzugeben, wirksam tätig zu werden gegen Siedlergewalt und gemäß den Vorgaben internationalen Rechts die besetzte Bevölkerung zu schützen, bis die Besatzung beendet wird.

*Namen geändert

Madita, im Januar 2026

Ich nehme für pax christi – Deutsche Sektion am Ökumenischen Begleitprogramm in Palästina und Israel (EAPPI) des Ökumenischen Rates der Kirchen teil. Diese Stellungnahme gibt nur meine persönlichen Ansichten wieder, die nicht unbedingt die von pax christi oder des Ökumenischen Rates der Kirchen sind


[1]https://www.haaretz.com/israel-news/2025-12-03/ty-article-magazine/.premium/new-idf-fence-in-jordan-valley-is-cutting-off-palestinians-from-11k-acres-of-their-land/0000019a-e3be-db4d-a99b-f3bec7f00000

[2]https://www.theguardian.com/world/2025/dec/13/new-israeli-barrier-slice-through-precious-west-bank-farmland

[3]https://www.consilium.europa.eu/en/press/press-releases/2024/07/15/extremist-israeli-settlers-in-the-occupied-west-bank-and-east-jerusalem-as-well-as-violent-activists-blocking-humanitarian-aid-to-gaza-five-individuals-and-three-entities-sanctioned-under-the-eu-global-human-rights-sanctions-regime/

[4] https://www.ochaopt.org/content/humanitarian-situation-update-350-west-bank