Im Oktober 2025 verzeichnete das lokale Büro der UN für die Koordination Humanitärer Angelegenheiten (UNOCHA-OPT) mehr Siedlerübergriffe auf Palästinenser:innen und ihr Eigentum (260)[1] als je zuvor seit Beginn der systematischen Erfassung im Jahr 2006. Viele dieser Gewalttaten hängen mit der Olivenerntesaison zusammen, die Anfang Oktober startete. Im Zeitraum von 1. Oktober bis 10. November 2025 erfasste UNOCHA 167 Fälle von olivenerntebezogener Siedlergewalt[2]. Die heutzutage gut dokumentierten Vorfälle legen nahe, dass nicht nur die Zahl, sondern auch die Brutalität der Übergriffe stark zugenommen hat, wie etwa dieser Videobeitrag der ZEIT nachdrücklich zeigt. Strafrechtliche Verfolgung müssen die Siedler kaum fürchten, laut der israelischen Rechtshilfeorganisation Yesh Din führen nur etwa 6% aller Anzeigen hinsichtlich nationalistisch motivierter Siedlergewalt zu Anklagen und nicht mehr als 3% zu einer Verurteilung der Täter[3].
Wie in keinem Jahr zuvor wurden zudem israelische und internationale Solidaritätsgruppen bei Ernteaktionen von Siedlern attackiert bzw. von der Armee davon abgehalten, die Dörfer, in denen sie bei der Ernte unterstützen wollten, überhaupt zu erreichen. Während extremistische Siedler ohne jegliche Konsequenz randalieren, zerstören und verletzen konnten, wurde der Solidarität mit den betroffenen vielerorts ein Riegel vorgeschoben.
Doch nicht nur das: Immer stärker wird die Bewegungsfreiheit der Palästinenser:innen innerhalb der Westbank eingeschränkt, immer häufiger wird den Bauern und Bäuer:innen der Zugang zu ihrem Land verwehrt. 2025 trugen die Olivenbäume aufgrund klimatischer Bedingungen sehr wenige Früchte, es war daher absehbar, dass die Ernte vergleichsweise schlecht ausfallen würde. In dieser Situation aufgrund von Gewalt und Zugangsbeschränkungen noch schlechtere Ernteergebnisse zu erzielen, ist für die Menschen im Westjordanland, die von der Olivenwirtschaft abhängen, eine Katastrophe.
Olivenernte in einem abgeschnittenen Ort – EA Martina
Wir waren gespannt auf die Olivenernte, die wir eigentlich zentral koordiniert mit weiteren, vor allem israelischen Organisationen an mehreren Orten in der Westbank aktiv begleiten wollten. Aufgrund der vielen, zum Teil brutalen Angriffe von Siedlern auf Solidaritätsgruppen und der Tatsache, dass die israelische Armee den Zugang zu den Olivenhainen für viele dieser Ernteaktionen kurzfristig verwehrte, konzentrierten wir uns auf die Unterstützung kleiner Gemeinden, die wir generell regelmäßig begleiten.
So konnten wir z.B. in An Nabi Samwil, einem Ort nördlich von Jerusalem, bei der Ernte helfen. Nabi Samuel liegt eingeschlossen in der sogenannten seam zone, dem Bereich direkt an der offiziellen Waffenstillstandslinie („Grüne Linie“) zwischen Westjordanland und Israel, der durch den völkerrechtswidrigen Bau der israelischen Trennbarriere heute vom Westjordanland abgeschnitten ist. Die Bewohner:innen der Dörfer in der seam zone benötigen israelische Genehmigungen, um auf ihrem eigenen Land und in ihren eigenen Häusern leben zu dürfen. Ohne diese Permits dürfen sie die Checkpoints nicht passieren, die sie von Schulen, Arbeitsplätzen, Gesundheitsversorgung und Geschäften im übrigen Westjordanland trennen[4].

Zudem ist An Nabi Samwil von Siedlungen umgeben. Direkt am Dorfrand entstand 2001 der Außenposten eines einzelnen Siedlers. Im Ort gibt es eine Moschee, die der sich der Überlieferung nach die Grabstätte des Propheten Samuel befindet soll, sowie die Ausgrabungsstätte einer alten Synagoge. Viele der Olivenbäume des Dorfes liegen bei der Moschee des Ortes und der Ausgrabungsstätte, die auch Besuchsorte für Israelis sind. Auch viele Siedler kommen hier her. Die Bewohner von An Nabi Samwil haben zwar das verbriefte Recht, ihre Oliven zu ernten, doch oft werden sie dabei von Siedlern bedrängt und bedroht. In diesem Jahr versuchten Siedler, die Oliven der palästinensischen Familien zu ernten. Ein engagierter Einwohner des Dorfes konnte den Sicherheitsdienst der Moschee informieren, der die Siedler von ihrem Übergriff abhielt – doch die Bewohner des Dorfes mussten dann sofort ernten, um einen erneuten Angriff der Siedler auf ihre Ernte zu unterbinden.
Eine Woche später durften mein Team und ich beim Abernten von Bäumen helfen, die im Dorf selbst stehen. Gemeinsam mit Dorfbewohner:innen und deren Freunden pflückten und schüttelten wir (auch mit einer kleinen dafür entwickelten Maschine) die Oliven von den Bäumen auf die darunter ausgebreiteten Planen. Dann wurden die Früchte am Boden von Zweigen und Blättern getrennt und in großen Säcken gesammelt.

Es war ein Erlebnis des Miteinanders und eine Freude, die Früchte der gemeinsamen Arbeit zusammen zu tragen. Auch die Kinder und Jugendlichen ließen sich dieses Ereignis nicht entgehen. Anschließend gab es für alle Helfer:innen ein reichliches Essen in großer Runde.
Ein ganz normaler Tag aus früheren Zeiten – EA Beate
Jasmin* ist eine kleine drahtige Frau, die immer ein Lächeln auf den Lippen hat. Man sieht ihr dennoch die harten Zeiten an, die ihr viel abverlangen: vor einem Jahr hat sie ihren Mann an Krebs verloren und seitdem zieht sie ihre 7 Kinder allein auf. Sie lebt etwas außerhalb des Dorfes Al Khader, unweit von Bethlehem. In ihrem Dorfteil gibt es insgesamt noch 7 Familien, viele sind bereits weggezogen und haben ihr Land aufgegeben. Grund dafür ist ein in nächster Nähe gegründeter Außenposten, der mittlerweile rückwirkend als neue Nachbarschaft der Siedlung Efrat legalisiert wurde, sich weiter ausbreitet und zunehmend mehr Land vereinnahmt. Jasmins Grundstück liegt, genau wie die völkerrechtswidrigen Siedlungen, im vollständig von Israel kontrollierten C-Gebiet des Westjordanlands. Da die Palästinenser:innen hier keine Baugenehmigungen der israelischen Behörden bekommen, droht neuen Wohn- und Nutzgebäuden früher oder später der Abriss. Auch Jasmins Familie hat schon mehrere Abrisse auf dem eigenen Grundstück erlebt, auch aktuell stehen zwei Abrissverfügungen aus.
Eine neue Straße, die überwiegend von Siedler:innen genutzt wird, führt direkt von der Hauptstraße in die Siedlung. Jasmins Grundstück grenzt an diese Straße. Sie berichtet uns von einem neuen Plan, die Straße weiter zu verbreitern, was sie einen Großteil ihres Gartens kosten würde. Genau hier stehen fünf alte Olivenbäume, die selbst in diesem dürren Jahr prachtvolle Oliven tragen. Die Olivenernte ist eine der wichtigsten Einnahmenquellen für Jasmin und ihre Familie. Einen Großteil des Olivenöls verwendet sie für den eignen Konsum, einen geringeren Teil verkauft Jasmin. Aber nicht nur, dass im Falle einer Zerstörung die Einnahmen wegfallen würden: Für Jasmin würde ein großer Teil ihrer Identität verloren gehen, wenn die Bäume dem Straßenausbau weichen müssen.

Neben den am Haus stehenden Olivenbäumen besitzt die Familie weitere sieben Bäume auf einem Stück Land, das ca. 1 Kilometer entfernt liegt. Früher, so erzählt uns Jasmin, brauchte man für die Strecke 20 Minuten mit dem Esel; heute sind es gute 1.5 Stunden. Die neuen Außenposten und Siedlungserweiterungen vereinnahmen nicht nur das Land, sondern erschweren auch massiv die Zugangswege für die Palästinenser:innen. Aufgrund der massiv gestiegenen Gewalt hatte Jasmin in diesem Jahr besonders große Sorge, von Siedlern oder Militär gestoppt, bedrängt und vertrieben zu werden. Deswegen wollte sie die Oliven dort erst gar nicht pflücken, obgleich sie die Ernte dringend benötigt. Lange hat sie hin und her überlegt, ob der geringe Ernteertrag im Verhältnis zum Risiko für sie und ihre Familie steht.
Schließlich konnte sie sich dazu durchringen, mit ihrem Schwager, einem ihrer jungen Söhne und mit unserer Begleitung per Esel auf das Land zu gehen und zu ernten. Wir haben versucht, so wenig wie möglich aufzufallen, waren alle auf der Hut und haben so schnell wie möglich gearbeitet. Die Sorge, vom Militär aus dem Olivenhain vertrieben zu werden oder gar am Ende die komplette Ernte an die Siedler zu verlieren, war die ganze Ernte über spürbar.

Und dennoch war es letztlich ein guter Tag, ein Tag voller Freude und Hoffnung, ein Tag, an dem wir alle die Situation um uns herum schließlich für einen Moment vergessen konnten. Ein Tag, der trotz aller Angst und Gefahren auch Zeit zum Innehalten und Zelebrieren hatte. Ein ganz normaler Tag aus früheren Zeiten.
Angst und Sorge statt Freude an der Ernte – EA Marvin
Die Olivenernte in Masafer Yatta ist in vollem Gange. War die Vorfreude auf die gemeinsame Ernte und das anschließende Feiern des Ertrags früher groß, beherrschen nun Sorge und sogar Angst den Erntemonat Oktober.
Die Geschichten aus dem Norden der Westbank verunsichern viele Bauern in Masafer Yatta. In den sozialen Medien sehen sie Videos, in denen palästinensische Familien, internationale und israelische Aktivist:innen und sogar Rabbiner von gewalttätigen national-religiösen Siedlern bedrängt, bedroht und geschlagen werden[5]. Fahrzeuge und Produktionsgebäude wurden in Brand gesteckt, der Zugang zu den Hainen verhindert oder blockiert, Armee und Polizei bleiben meist untätig[6] oder bestrafen Palästinenser:innen, etwa indem sie deren Olivenhaine zu militärischen Sperrzonen erklären.
Dieses Jahr wird es keine gute Ernte geben, es hätte längst anfangen sollen zu regnen. Doch der Sommer hält sich hartnäckig, mit rund 30C° im November. Das Wenige, was an den Bäumen hing, wurde teils von den Herden der Siedler gefressen. Jeden Tag treiben sie ihre Tiere in die palästinensischen Olivenhaine, jeden Tag müssen palästinensische Bauern ihre Landrechte aufs Neue verteidigen. Doch die Angst vor den häufig bewaffneten Siedlern ist groß, und so haben viele der hiesigen Familien keine andere Wahl, als das Unrecht geschehen zu lassen.
Unser Team ist mit Yahya* unterwegs, der einen kleinen Olivenhain an den Flanken des Tel Ma’in besitzt, einem in der Region für seine alten Ruinen und weiten Aussichten bekannten Hügel. Wir treffen Yahya und seine Familie am Feldweg und begrüßen uns. Trotz der allgegenwärtigen Sorgen wird viel gescherzt. Sofort wird auch Kaffee ausgeschenkt und die Männer teilen Zigaretten untereinander aus. Ein Festmahl wie sonst am Ende eines Erntetags wird es wohl nicht geben, die aufgrund von Siedlergewalt und Zugangsbeschränkungen prekäre ökonomische Situation vieler Familien lässt dies nicht mehr zu.
Wir laufen in Richtung des Olivenhains, auf der gegenüberliegenden Seite des Tals sehen wir die Siedlung Ma’on und den Siedlungsaußenposten Avigayil. Die völkerrechtswidrigen Siedlungen und Außenposten in dieser Region sind bekannt für gewaltvolle Übergriffe gegen Palästinenser:innen.

Schon erspähen wir einen Siedler mit seiner Schafherde unten im Tal und hoffen, dass heute nichts passieren wird. Wir beginnen mit der Ernte und fühlen uns, als würden wir kleine Schätze zwischen den Blättern und Ästen ausgraben. Yahya erklärt mir den Unterschied zwischen den Olivensorten – große, kleine, lilafarben mit weißen Punkten: „Wie der Sternenhimmel“ sagt er stolz und hält eine besonders große Olive hoch. Ich lache, muss aber sofort an den Siedler denken, der immer noch ganz in unserer Nähe seine Schafe weidet. „Keine Sorge“ sagt Yahya, „die Siedler drohen viel, aber wenn du standhaft bleibst und keine Angst zeigst, verschwinden sie wieder“. Wir beide wissen, dass das oft nicht wahr ist. Doch heute bleibt alles ruhig und Yachyas Familie kann unbehelligt mit ein paar Säcken frischer Oliven nach Hause gehen.
Ein paar Tage später sind wir zu Besuch im nahen palästinensischen Dorf Susyia. Die Familien hier müssen bei der sogenannten israelischen Zivilverwaltung, einer Behörde der Armee für zivile Angelegenheiten in den besetzten palästinensischen Gebieten, Genehmigungen beantragen, um ihre Oliven auf ihrem eigenen Land zu einer von der Behörde festgelegten Zeit ernten zu dürfen[7]. Die Berechtigung wurde in diesem Jahr zwar erteilt, aber nur für einen Tag. In der Nacht vor der Ernte kamen Siedler und zerstörten etwa 30 Olivenbäume. Die Gemeinde vermutet, dass der Zeitpunkt kein Zufall war.
Die Ernte der restlichen Bäume konnte schlussendlich doch stattfinden, unter anderem, weil internationale und israelische Gruppen als schützende Präsenz vor Ort waren. Leider findet die Gewalt der Siedler in solchen Fällen häufig zu einer anderen Zeit oder an einem anderen Ort statt. Noch am selben Tag griff eine Gruppe von Siedlern das nahegelegene Dorf Mantiqat Shi’b al Butum an, sie verwüsteten unter anderem das Haus eines älteren Ehepaars und schrieben mit Sprühfarbe „Grüße von der Susyia Ernte“ an eine Hauswand[8]. Der ältere Mann wurde von den Siedlern schwer verletzt und musste die Nacht im Krankenhaus verbringen.
Yachya bittet uns inständig darum, die Situation in Masafer Yatta in unseren Heimatländern zu schildern: „Wir alle haben die Verantwortung, Gewalttaten zu stoppen. Bitte bewegt eure Länder dazu, sich für ein Ende dieses Unrechts einzusetzen.“
*Name geändert
Beate, Martina und Marvin, im November 2025
Wir haben für pax christi – Deutsche Sektion bzw. Berliner Missionswerk am Ökumenischen Begleitprogramm in Palästina und Israel (EAPPI) des Ökumenischen Rates der Kirchen teil. Diese Stellungnahme gibt nur unsere persönlichen Ansichten wieder, die nicht unbedingt die von pax christi, Berliner Missionswerk oder des Ökumenischen Rates der Kirchen sind.
[1] https://www.ochaopt.org/content/humanitarian-situation-update-337-west-bank
[2] https://www.ochaopt.org/content/humanitarian-situation-update-339-west-bank
[3] https://www.yesh-din.org/en/data-sheet-law-enforcement-on-israeli-civilians-in-the-west-bank-settler-violence-2005-2024/
[4] https://www.haaretz.com/middle-east-news/palestinians/2025-11-10/ty-article/.premium/hundreds-of-palestinians-in-3-villages-havent-received-a-permit-to-stay-in-their-homes/0000019a-6e09-d0d1-a9bb-ff2ba89a0000
[5] https://www.youtube.com/watch?v=6JupvY66vXo Reuters 9.11.2025
[6] https://www.yesh-din.org/en/urgent-petition-the-army-and-police-must-publish-contact-information-for-parties-tasked-with-providing-urgent-response-in-emergency-situations-when-palestinians-in-the-west-bank-are-harmed/
[7] https://www.yesh-din.org/en/summary-of-the-2024-olive-harvest-season/
[8] https://www.timesofisrael.com/liveblog_entry/elderly-palestinian-said-injured-in-settler-attack-in-south-hebron-hills/