„Dies ist unser Land. Gott hat es uns gegeben. Geht weg!“
„Nein, es ist unser Land. Auf diesem Land hat schon mein Großvater Schafe geweidet. Lasst uns einfach in Ruhe!“
Dieser Dialog zwischen einem jungen israelischen Siedler und einem jungen palästinensischen Hirten fand vor kurzem nahe einer palästinensischen Hirtengemeinde im Jordantal statt. Bei unserem Besuch vor Ort erzählte uns der Vater des Hirten davon. Die Worte wurden gewechselt, als der Siedler dabei war, den Hirten mit seiner Herde von dessen angestammtem Weideland zu verdrängen. Ein typischer Dialog, dieser Tage häufig so oder so ähnlich im Westjordanland zu hören, wo zwei ungleiche Welten aufeinandertreffen.
In kaum einer Gemeinde, die wir bisher im Jordantal besucht haben, werden diese zwei Welten so deutlich sichtbar wie hier in Al Farisiya: Am Fuß des kleinen Hügels die Zelte und Schafe der Palästinenser:innen, oben auf dem Hügel ein Teil der Siedlung Mehola, in dem sich eine Internatsschule für Mädchen befindet. Die Bewohner:innen berichten uns, dass regelmäßig Steine von oben auf Menschen und Tiere heruntergeworfen werden, oft werden Beschimpfungen geschrien, sowohl von Erwachsenen als auch von Schülerinnen.

Zudem kommen Siedler aus nahen Siedlungen in das Dorf und bedrängen die Leute. Schafe werden schon lange nicht mehr auf die Weide getrieben, zu gefährlich sei das für Tiere und Schäfer. Manchmal, so wird uns berichtet, setzen Siedler sich einfach auf Stühle vor den Zelten und beobachten die Familien. Kürzlich attackierte eine Gruppe von Siedlern Hirten auf dem Feld: Einem Hirten seien dabei 5 Zähne ausgeschlagen worden. Die Siedler kommen und gehen in das Dorf, beleidigen, scheuchen die Schafe, häufig auch nachts. Die Bewohner:innen lassen sich durch die vielfältigen Provokationen nicht zu verbalen oder handgreiflichen Reaktionen hinreißen, denn das würde sofort Polizei oder Armee auf den Plan rufen. Die Siedler hingegen können sich Übergriffe in der Regel folgenlos erlauben.
Was machen die offenen Drohungen und ständigen Demütigungen mit den Menschen? Aus dem, was uns berichtet wird, hören wir heraus, wie verängstigt viele sind: Eine Frau machte ein kleines Feuer, um Müll zu verbrennen. Ein Erwachsener filmte sie vom Schulgelände aus: Das genügte, um vorsichtshalber das Feuer zu löschen – aus Angst, Siedler könnten in das Dorf eindringen.
Das Büro der Vereinten Nationen für die Koordination humanitärer Angelegenheiten in den besetzten palästinensischen Gebieten berichtet[1], dass es von Januar bis Mitte September 2026 bereits mehr als 1.600 Übergriffe von Siedlern auf Palästinenser:innen gab, bei denen es zu Verletzungen und/oder der Zerstörung von Eigentum kam. Diese Gewalttaten fanden in 275 palästinensischen Gemeinden statt, über 2.600 Menschen sahen sich aufgrund dieser Übergriffe gezwungen, ihr Zuhause zu verlassen und an anderen Orten Sicherheit zu suchen.
Omar* steht vor der Wahl: mit seiner Familie zusammenzuleben oder sein Land zu verteidigen. Vorerst will er bleiben.
Omar harrt mit seinem Bruder Khaled* aus – seine gesamte Familie hat die Gemeinde Khirbet Samra im Jordantal mit mehreren Zelten und Behausungen für die Schafe und Ziegen schon verlassen: Richtung Tubas, der nächsten größere Stadt. Sie haben es nicht mehr ausgehalten: Das fast tägliche Eindringen von Siedlern mit Angriffen auf Schafe. Die permanente Beobachtung von einem Siedlungsaußenposten direkt in Sichtweite auf dem Hügel. Die Drohnen der Siedler, die zwischen den Zelten fliegen und ihnen ihre Privatsphäre rauben. Die Bedrängung der Kinder auf dem Schulweg durch Siedler und die Checkpoints, durch die Schülerinnen und Schüler verspätet oder oft gar nicht in die Schule kommen.

Die erwachsenen Söhne wurden, als sie noch hier wohnten, von Siedlern beim Weiden der Schafe immer wieder angegriffen, Schafe wurden von Siedlern gestohlen, einige gegen die Zahlung einer willkürlich erhobenen Forderung wieder zurückgegeben, andere blieben verschwunden. Trächtige Tiere verloren ihre Jungen durch den Stress, wenn sie von Siedlern auf der Weide auseinandergetrieben und mit Geländefahrzeugen verfolgt wurden.
Die Tiere weiden seitdem nicht mehr auf ihrem Weideland, sondern werden in den Schafställen gehalten, mit erheblichen Auswirkungen: Sie werden häufiger krank durch die unnatürliche Enge. Weibliche Schafe haben kaum noch Zwillings- oder Drillingsgeburten. Früher brauchten sie lediglich im Winter für 3 Monate Gerste und Heu, jetzt müssen die Brüder das gesamte Jahr hindurch extra Futter kaufen.
Aber die LKWs, die das Futter bringen, wie auch der dringend gebrauchte Tierarzt oder die Handwerker zur Reparatur von Infrastruktur fahren die Gemeinde fast nicht mehr an – aus Angst vor Übergriffen und wegen der teilweise stundenlangen Wartezeiten am nahegelegenen Checkpoint. Letztlich gaben die Kinder den Ausschlag: Sie sollen in Sicherheit leben und lernen können. Deswegen zogen die Mütter mit ihnen zu Verwandten in die Stadt.
Omar steht vor einer unmöglichen Wahl: mit seiner Familie zusammenzuleben oder sein Land zu verteidigen. Vorerst will er bleiben. Allen ist bewusst, dass die Siedler das Land übernehmen, sobald die noch ausharrenden Bewohner das Dorf und ihr Land verlassen. Omar erzählt uns, dass er sich noch sehr deutlich an die laute Musik erinnern könne, mit der die Siedler des nahen Außenpostens in der verlassenen Siedlung die ganze Nacht lautstark die Vertreibung seiner Nachbarn von ihrem seit Generationen bewohnten und bewirtschafteten Land gefeiert hätten.
Die israelische Menschenrechtsorganisation B’Tselem zählt insgesamt 92 Gemeinden, die seit 2018 und vor allem nach dem 7. Oktober 2023 aufgrund von Siedlergewalt ganz oder teilweise vertrieben wurden.[2]
„Warum schlägst Du mich?“ – „Wegen des 7.Oktobers!“
Generell hat die Gewalt der Siedler nach dem 7. Oktober 2023 erheblich zugenommen. Immer wieder sprechen die Menschen, die wir begleiten, von der Zeit davor und danach. In einer Gemeinde hören wir, dass ein Siedler auf die Frage „Warum schlägst Du mich?“ geantwortet habe: „Wegen des 7. Oktobers.“ Doch nicht nur die furchtbare Gewalt, die Menschen in israelischen Gemeinden beim Massaker der Hamas am 7. Oktober 2023 erlitten, wird benutzt als Rechtfertigung für Demütigung, Gewalt und Vertreibung von Hirtengemeinden im Jordantal. Israelische Flaggen, aufgestellt entlang Straßen, rund um so manches palästinensische Dorf, auf palästinensischen Weiden und auch direkt neben palästinensischen Häusern und Geschäften, markieren den exklusiven Anspruch der nationalreligiösen Siedler:innen auf das gesamt Land.

„Wenn ich könnte, würde ich dieses Land verlassen“
Das sagte uns Samir*, nachdem wieder einmal sein Obst- und Gemüsestand an der Schnellstraße, die von Norden nach Süden das gesamte Jordantal durchquert, von Siedlern zerstört worden war. Wie viele Palästinenser:innen in ähnlichen Situationen setzt Samir nicht darauf, die Polizei zu rufen, Anzeige zu erstatten oder sich juristischen Beistand zu holen. Es ist hinlänglich bekannt, was die israelische Rechtshilfeorganisation Yesh Din seit ihrer Gründung vor 21 Jahren dokumentiert: In 93,6% der von Yesh Din untersuchten Fälle, in denen Palästinenser:innen Siedlergewalt zur Anzeige gebracht hatten, wurde nicht einmal Anklage erhoben. Nur 3% der Fälle führten zu einer Verurteilung.[3]

Zivilgesellschaftliche Organisationen, die im Jordantal tätig sind – palästinensische, israelische und internationale – leisten praktische Unterstützung, z.B. mit der Lieferung von Wasser und Tierfutter, mit Berichterstattung und schützender Präsenz. Noch sind sie ein gewisses, wenn auch kleines Gegengewicht zu Siedlergewalt, Siedlungsausbau, Besatzung und Annexion. Sie verkörpern die Hoffnung, dass ein von Gerechtigkeit, Gleichberechtigung, Sicherheit und Frieden geprägtes Zusammenleben durchaus eine Realität sein könnte, auch wenn dies derzeit eine Utopie zu sein scheint. Doch auch dieses Engagement steht zunehmend unter Druck.[4]
Ein israelischer Kunde von Samir sah am Tag nach dem Überfall das Ausmaß der Zerstörung. Er konnte nicht glauben, dass diese Tat ohne Konsequenzen bleiben sollte und rief die hier zuständige israelische Polizei an. Nachdem diese sich weigerte, aktiv zu werden, forderte der Israeli laut Samir die Polizei am Telefon erneut lautstark auf, umgehend zu erscheinen und den Schaden aufzunehmen.
Zu einer Anzeige ist es dennoch nicht gekommen: die Polizei ist nie erschienen.
Burkhard, im September 2026
*Namen geändert
Ich nehme für pax christi – Deutsche Sektion am Ökumenischen Begleitprogramm in Palästina und Israel (EAPPI) des Ökumenischen Rates der Kirchen teil. Diese Stellungnahme gibt nur meine persönlichen Ansichten wieder, die nicht unbedingt die von pax christi oder des Ökumenischen Rates der Kirchen sind.
[1] https://www.ochaopt.org/content/humanitarian-situation-report-18-september-2026
[2] https://www.btselem.org/settler_violence_updates_list?importance=1
[3] Data Sheet: Law Enforcement on Israeli Civilians in the West Bank (Settler violence) 2005-2025 – Yesh Din
[4] https://www.bmz.de/de/aktuelles/aktuelle-meldungen/siedlergewalt-im-westjordanland-297850; https://truah.org/press/armed-settlers-attack-rabbis-other-volunteers-assisting-with-olive-harvest-in-west-bank/