„Solange die Welt von uns weiß, verlieren wir nicht die Hoffnung auf Gerechtigkeit“

Seit April 2026 nehme ich am virtuellen Begleitprojekt von EAPPI teil. Es ist ein Modellversuch, wir wollen schauen, ob in Situationen, in denen die physische Präsenz Ökumenischer Begleiter:innen nicht möglich ist, eine virtuelle Begleitung von gefährdeten Gemeinden gelingen kann und sinnvoll ist.

Ich selbst war 2023 im Einsatz mit EAPPI in den South Hebron Hills, zuvor und auch danach habe ich immer wieder Zeit vor Ort verbracht. Ich habe also schon viel gesehen und erlebt. Aber es ist nur schwer auszuhalten, was uns unsere Gesprächspartner in den South Hebron Hills uns bei unseren virtuellen Besuchen berichten. Die Übergriffe von Siedler, die sie auf ihren Höfen und in ihren Dörfern mittlerweile nahezu permanent erleiden, sind flächendeckend und geprägt von einer schier unvorstellbaren Verachtung für die Menschen, ihre Existenzgrundlagen, ihre Gesundheit und in vielen Fällen ihr Leben.

Der Kartenausschnitt zeigt das Ausmaß der Siedlergewalt (blaue Kreise) in den South Hebron Hills. Schwarz markierte Gemeinden wurden zwischen 2023 und 2025 vollständig, rot markierte teilweise vertrieben; Quelle https://www.ochaopt.org/content/west-bank-impact-settler-attacks-january-2023-december-2025
Der Kartenausschnitt zeigt das Ausmaß der Siedlergewalt (blaue Kreise) in den South Hebron Hills. Schwarz markierte Gemeinden wurden zwischen 2023 und 2025 vollständig, rot markierte teilweise vertrieben; Quelle https://www.ochaopt.org/content/west-bank-impact-settler-attacks-january-2023-december-2025

Da ist zum Beispiel der Fall des Bauern Karim*. Er lebt mit seiner Frau und sechs Kindern in Wadi Rahim, einem kleinen Weiler in der Nähe des Dorfes Susiya. Bei unserem virtuellen Besuch am 29.6.2026 ist er gerade dabei, an Stallungen, Garage und Wohnhaus alle brennbaren Materialien zu entfernen und durch nicht brennbare Baustoffe zu ersetzen. Zu groß, so sagt er, ist die Angst, dass er nächtlicher Brandstiftung von Siedlern zum Opfer fallen könnte, bei einem Nachbarn hätten Siedler erst vor Kurzem Feuer gelegt.

Er erzählt, dass am Vortag um 2:30 Uhr morgens 10 Siedler aus der nahen Siedlung Suseya und einem bei Wadi Rahim neu errichteten Außenposten seinen Hof mit Knüppeln, Eisenstangen und Messern überfallen haben. Die Siedler hätten die Wasserversorgung, elektrische Installationen und die Umzäunung des Hofes zerstört, Fenster seien eingeschlagen und Tränengas in das Wohnhaus gesprüht worden. Sein Sohn, sein Vater und ein Onkel hätten Verletzungen erlitten. Zum Glück, so Karim, hielten die Stahltüren und die Siedler konnten nicht in das Haus eindringen. Von der Familie herbeigerufene Nachbarn aus Wadi Rahim und Susiya konnten die Angreifer schließlich zurückdrängen. Karim berichtet, dass er während des Angriffs auch den nahe gelegenen israelischen Armeeposten angerufen habe. Soldat:innen seien zwar gekommen, hätten aber lediglich bemerkt, dass sie bei Straftaten von Israelis nicht zuständig seien. Die israelische Polizei erschien ebenfalls, habe sich aber nur mit den Siedlern unterhalten, die sich in der Zwischenzeit ein Stück zurückgezogen hatten.

Zu allem Überfluss kam später am Tag ein Siedler mit etwa 40 Ziegen zurück auf das Land von Karim und ließ diese nicht nur auf der nahen gelegenen Weide grasen, sondern auch in den reifenden Weizen- und Gerstenfeldern der Familie. Während der Siedler seine Ziegen über den Grund der Familie führte, sicherten laut Karim 10 weitere junge Siedler vom nahegelegenen Außenposten den Weidegang ab.

Ein Siedler lässt Schafe und Ziegen in einem palästinensischen Olivenhain in den South Hebron Hills weiden; © WCC-EAPPI/Christiane
Ein Siedler lässt Schafe und Ziegen in einem palästinensischen Olivenhain in den South Hebron Hills weiden; © WCC-EAPPI/Christiane

Die Menschen hier wollen sich nicht unterkriegen lassen, aber die Lebensumstände werden stetig unerträglicher. Karim erzählt, dass er und sieben Nachbarn vor drei Wochen noch einmal versucht hätten, in einer konzertierten Aktion mit ihren rund 200 Schafen auf die Weide zu gehen. Bewaffnete Siedler seien daraufhin mit geländegängigen Fahrzeugen gekommen und in die Herde gefahren, wobei einige Tiere verletzt wurden. Einer der Siedler bedrohte ihn direkt und verwies auf das Schicksal des Schafhirten Amir, der Anfang März in Wadi Rahim von Siedlern erschossen worden war.[1] Wie in den allermeisten Fällen, musste der Siedler keine Konsequenzen für seine Gewalttat fürchten.

Weiter führt Karim aus, dass die Siedler die Wege in die nahe gelegene palästinensische Stadt Yatta versperrt haben und die Menschen aus den Hirtengemeinden nun die dreifache Zeit benötigen, um zur Versorgung nach Yatta zu fahren. Allerdings trauen sich die Männer sowieso kaum, die Höfe zu verlassen, aus Angst, dass in ihrer Abwesenheit die Siedler die Höfe überfallen oder gar übernehmen.

Wadi Rahim ist mittlerweile von Siedlungen, Außenposten und einem Armeeposten umringt, ja abgeschnürt. Die Siedler aus Suseya haben laut Karim ihrerseits in den letzten Monaten eine große Rinderherde und eine Herde mit kleinen Wiederkäuern von über 200 Tieren aufgebaut und übernehmen mit ihrem aggressivem Weideverhalten immer mehr palästinensisches Land. Auf die Frage, was Karim noch auf seinem Hof hält, antwortet er: „Es ist mein Land, das Land meines Vaters, das Land meines Großvaters. Von diesem Land konnten Generationen unserer Familie leben – wir haben keine Alternative, als zu bleiben.“

Zerstörte Olivenbäume und Vandalismus an einem Schuppen: Siedlergewalt in den South Hebron Hills; © WCC-EAPPI/Lee
Zerstörte Olivenbäume und Vandalismus an einem Schuppen: Siedlergewalt in den South Hebron Hills; © WCC-EAPPI/Lee

Tariq* aus Khaled al Homs, einem Weiler, der bereits zu Yatta gehört und zum Teil im palästinensisch verwalteten B-Gebiet des Westjordanlands liegt, erzählt am gleichen Tag bei meinem virtuellen Besuch sehr Ähnliches. Nur 100 m von seinem Gehöft entfernt haben Siedler einen Außenposten errichtet, nun werde die Nachbarschaft Tag und Nacht terrorisieren. Die Wasser- und Stromversorgung von Tariqs Farm wurde abgeschnitten, die Zäune eingerissen, die Wohnstätte der Familie nachts attackiert. Seit einem Monat findet Tariq keinen Schlaf, er bewacht seine Schafherde. Diese ist wie die der Nachbarn um die Hälfte geschrumpft. Um Lebensmittel und Viehfutter kaufen zu können, werden Tiere verkauft, wird die wirtschaftliche Basis schrittweise aufgelöst. Er ist völlig übermüdet, aber sagt, es darf ihm nicht wie seinem Nachbarn ergehen. Diesem wurden vor ein paar Wochen nachts seine 40 Schafe von Siedlern entwendet, ohne Chance, diese zurückzubekommen: In einer Nacht eine wirtschaftliche Existenz zerstört.

Moussa* und seine Frau Amal* lernte ich bei meinem Einsatz mit EAPPI 2023 kennen[2]. Sie bewirtschafteten eine Hofstelle in Qawawis, die seit Generationen in Familienhand war: Gersten- und Weizenfelder, Weideland, ein kleiner Olivenhain, ein Hausgarten, Hühner, 20 Schafe, ein Esel sowie der obligatorische Hofhund. Moussa ist mittlerweile 65 Jahre alt, ein Viehhalter mit ganzem Herzen. Ich erinnere mich noch sehr gut, wie wir im Ramadan im April 2023 bei ihm zum Fastenbrechen waren und er uns das System beschrieb, nach dem das Land von der Familie durch Weidemanagement und Fruchtwechsel mit Linsen, Kichererbsen, Gerste und Weizen früher nachhaltig bewirtschaftet wurde. Etwa 200 Schafe habe die Familie früher gehalten, durch die Besatzung und die Begrenzung der Weideflächen durch den Siedlungsbau, den Bau der Trennbarriere und die zunehmende Siedlergewalt wurde die Herde immer kleiner.

Moussa und Amal mit ihren Tieren im Frühjahr 2023; © WCC-EAPPI/Rudolf
Moussa und Amal mit ihren Tieren im Frühjahr 2023; © WCC-EAPPI/Rudolf

Im Jahr 2000, so erzählte uns Moussa damals, sei die Familie von Siedlern von ihrem Hof vertrieben worden, er aber habe vor dem Obersten Gerichtshof Israels Recht bekommen, seine Eigentumsdokumente aus der Zeit des osmanischen Reichs wurden anerkannt. Nach einem Jahr konnten er und seine Familie zurückkehren. Inzwischen waren aber in Rufnähe seines Landes die illegalen Siedlungsaußenposten Mizpe Yair und Avigal errichtet worden.

Und so erlebten wir von Januar bis April 2023, wie Leben und Wirtschaften für die Familie zur immer größeren Herausforderung wurde. Die Siedler versuchten ständig, Moussa vom Weidegang mit seinen Schafen abzuhalten und die Bewirtschaftung des Landes zu verhindern. Zusammen mit der internationalen jüdischen Organisation Center for Jewish Non Violence (CJNV) und der israelischen Gruppe Ta’ayush waren wir EAPPI-Teilnehmenden regelmäßig vor Ort und begleiteten die Familie bei Weidegängen und anderen landwirtschaftlichen Tätigkeiten.

Moussas Hof 2023, ein Jahr vor der Zerstörung; © WCC-EAPPI/Rudolf
Moussas Hof 2023, ein Jahr vor der Zerstörung; © WCC-EAPPI/Rudolf

Jedoch: Es half alles nichts. Im Schatten des Überfalls der Hamas auf israelische Gemeinden am 7.10.2023 und dem anschließenden Krieg in Gaza wurde seine Hofstelle nach einer langen Phase der Schikanen durch Siedler und Armee im Juli 2024 von den israelischen Behörden zerstört. Als Begründung wurde eine fehlende Baugenehmigung angegeben, die jedoch von Palästinenser:innen in den vollständig von Israel kontrollierten C-Gebieten des Westjordanlands nicht zu bekommen ist.

Ich traf Moussa im November 2024 auf einer privaten Reise und er bilanzierte: Seit dem 7.10.23 sei er 10mal festgenommen worden, obwohl ihm keine Vergehen vorgeworfen wurden, auch sei es nie zu einer Verurteilung gekommen. 130 seiner rund 40 Jahre alte Olivenbäume wurden abgeholzt, sein Agrarwerkzeug entwendet, Haus und Solaranlage zerstört, seine Behelfsunterkunft abgerissen, Schafe getötet worden. Aber…. Er hielt mit seinen restlichen Schafen vor Ort durch, einquartiert bei einem Nachbarn.

Auch im September 2025 besuchte ich Moussa, inzwischen war er mit seiner Restherde und dem Esel bei Verwandten im A-Gebiet provisorisch untergekommen. Zu dem Zeitpunkt hatte er schwere Verletzungen und musste mehrere Brüche auskurieren. Bei einem Siedlerüberfall war er brutal mit Knüppeln zusammengeschlagen worden.

Im Rahmen des virtuellen Begleitprojekts besuchte ich ihn nun im Mai 2026 erneut. Ich war überrascht: Moussa war zurück in Qawawis mit seinem Esel und seinen restlichen 15 Schafen. Auf meine Frage, wie es dazu gekommen sei, antworte er: „Ich habe mich erholt und bin zurück, um für mein Land und meine Rechte zu kämpfen. Ich bin Viehhalter und Hirte, hier ist seit Generationen unser Familiensitz, den wir um keinen Preis aufgeben.“

Wird Moussa seine Tiere irgendwann wieder unbeschwert auf die Weide führen können? © WCC-EAPPI/Rudolf
Wird Moussa seine Tiere irgendwann wieder unbeschwert auf die Weide führen können? © WCC-EAPPI/Rudolf

Mit dieser Einstellung steht er nicht allein. Aber der Preis ist hoch, denn mit ihren täglichen Übergriffen und Schikanen versuchen die Siedler permanent, den Menschen in den South Hebron Hills das Leben unmöglich zu machen, damit möglichst viele von ihnen auf Dauer wegziehen.

Moussa betont, wie wichtig für ihn in diesem Ausnahmezustand der Kontakt zur Außenwelt ist: „Solange die Welt von uns Kenntnis hat, verlieren wir nicht die Hoffnung auf Gerechtigkeit.“

Rudolf, im Juni 2026

*Namen geändert

Ich habe für pax christi – Deutsche Sektion am Ökumenischen Begleitprogramm in Palästina und Israel (EAPPI) des Ökumenischen Rates der Kirchen teilgenommen. Diese Stellungnahme gibt nur meine persönlichen Ansichten wieder, die nicht unbedingt die von pax christi oder des Ökumenischen Rates der Kirchen sind.


[1] https://www.972mag.com/israeli-settler-terror-west-bank-iran-war/

[2] https://www.eappi-netzwerk.de/verhinderung-nachhaltiger-landwirtschaft-unter-besatzung/