Ist der tägliche Kampf um die Existenz bald verloren? – Palästinensische Gemeinden im Siedlungsgebiet E1

Wir besuchen Khan al Ahmar zum zweiten Mal. Das Dorf liegt in der Nähe der völkerrechtswidrigen Siedlung Maale Adumim und im Einzugsgebiet des Siedlungsausbaugebiets „E1“.

Khan al Ahmar ist eine kleine Beduinengemeinde, die 22 Familien mit rund 160 Einwohner:innen umfasst. Diese gehören der Beduinengemeinschaft Jahalin an, die im Zuge des israelischen Unabhängigkeitskrieges 1948 aus der Wüste Negev vertrieben wurde und sich an verschiedenen Orten im Westjordanland niederließ.  Die Menschen leben von ihren Tieren.  In den 1990er Jahren waren es noch etwa 1.600 Schafe und fast 30 Kamele. Heute sind nur noch 140 Schafe übrig. Das erzählt uns der Sprecher von Khan al-Ahmar, Abu Khamis, während wir im Versammlungsraum des Dorfes sitzen. Obwohl zwei Stromleitungen an Khan al-Ahmar vorbeiführen, haben die Menschen hier keinen Anschluss. Sie beziehen ihren Strom von einem Generator und einigen Solarpaneelen. Auch einen Wasseranschluss gibt es nicht, das Wasser wird in Tankwagen angeliefert und muss entsprechend teuer bezahlt werden.

Wohngebäude des Dorfes Khan al Ahmar; © WCC-EAPPI/M.
Wohngebäude des Dorfes Khan al Ahmar; © WCC-EAPPI/M.

Jahrzehntelanger Druck

Nach Beginn der israelischen Besatzung 1967 wurde das Dorf Khan al-Ahmar nicht anerkannt, was dazu führte, dass die Bewohner:innen keine Baugenehmigungen erhielten. Im Laufe der Jahre wurden Zerstörungsanordnungen gegen sämtliche Gebäude des Dorfes verhängt, sporadisch wurden Zerstörungen durchgeführt. 2018 urteilte der Oberste Gerichtshof Israels, dass das Dorf zerstört und die Einwohner:innen zwangsumgesiedelt werden dürfen.[1] Internationaler Protest, u.a. auch seitens der deutschen Bundesregierung, hat die Umsetzung seither verhindert, so auch nach der erneuten Anordnung des israelischen Ministers Smotrich im Mai 2026 zur Räumung und Zerstörung des Dorfes.[2]

Immer wieder legten die israelischen Behörden Pläne für eine Umsiedlung der Gemeinde vor, z.B. in die Nähe einer großen Mülldeponie. Doch die Menschen in Khan al Ahmar lehnen eine weitere Umsiedlung kategorisch ab. „Land“ bedeutet ihnen mehr als nur Eigentum oder Besitz, das bzw. den man bei Bedarf veräußern oder mit dem man gar spekulieren kann. „Land“ ist für sie Heimat, Geschichte, Erwerbs- und Lebensgrundlage und vor allem: Identität.

Von den ersten Siedlungen zum E1-Projekt

Bereits in den 1970er Jahren entstanden die ersten völkerrechtswidrigen israelischen Siedlungen nahe Khan al-Ahmar. 2011 wurde die israelische Schnellstraße gebaut, die das Gebiet des Dorfes zerteilte und die ersten Einwohner:innen zwang, ihre Zelte weiter oberhalb der Straße aufzuschlagen. Zudem wurde es schwieriger, zu den Nachbardörfern und den Weideplätzen zu gelangen.

Unser Gespräch in Khan al Ahmar führen wir direkt neben der Schnellstraße; © WCC-EAPPI/M.
Unser Gespräch in Khan al Ahmar führen wir direkt neben der Schnellstraße; © WCC-EAPPI/M.

Dann folgten die ersten illegalen Siedlungsaußenposten in unmittelbarer Nachbarschaft und mit ihnen die sich stetig verschärfende Siedlergewalt. Abu Khamis erzählt uns, dass es erst wenige waren, die auf den Kuppen der umliegenden Hügel ihre Zelte aufschlugen und, weit sichtbar, die israelische Fahne hissten. Es folgten über die Jahre weitere Siedler, 2024 entstand ein Außenposten direkt oberhalb des Dorfes. Die Gewalt der Siedler reicht von verbalen Drohungen und Handgreiflichkeiten über gefährlichen Fahrten durch das Dorf, Bedrängen der Kinder auf dem Schulweg bis zu Diebstahl, Verletzung oder Tötung von Tieren. Die israelische Polizei bleibt in der Regel untätig, so Abu Khamis.

Eine nahe gelegene Weide mit viel sattem Grün, auf die im Frühling die Tiere getrieben werden, ist heute nicht mehr zugängig, weil das Gebiet von der Armee beansprucht wird. Futter muss zugekauft werden, für viele ist das zu teuer und so werden mehr und mehr Tiere verkauft, was zum Verlust der Lebensgrundlage der meisten Einwohner:innen von Khan al Ahmar führt.

Und jetzt wird es auch noch mit dem E1-Projekt Ernst.

Dieses seit den 1990er Jahren geplante israelische Siedlungsbauprojekt zwischen Ostjerusalem, der israelischen Siedlung Maʿale Adumim und dem Jordantal umfasst etwa 3.400 Wohneinheiten sowie Straßen und weitere Infrastruktur. Wie alle anderen Siedlungen im Westjordanland ist auch dieses Projekt völkerrechtswidrig. Die Umsetzung von E1 würde einen Landkorridor zwischen Jerusalem, Maʿale Adumim und den umliegenden Siedlungen Richtung Jericho bilden und die Bewegungsmöglichkeiten der Palästinenser:innen zwischen dem nördlichen und südlichen Westjordanland einschränken oder verunmöglichen. Kritiker befürchten, dass eine Bebauung von E1 das Westjordanland praktisch in einen nördlichen und einen südlichen Teil zerschneiden und Ostjerusalem vom übrigen Westjordanland abtrennen könnte. Die Zwei-Staaten-Lösung wäre dann endgültig nicht mehr umsetzbar.[3]

Karte des Gebietes östlich von Jerusalem, das noch heutigem Planungsstand zukünftig für Palästinenser:innen geschlossen sein soll; © PeaceNow Israel https://peacenow.org.il/en/sovereignty-road-announcement
Karte des Gebietes östlich von Jerusalem, das noch heutigem Planungsstand zukünftig für Palästinenser:innen geschlossen sein soll; © PeaceNow Israel https://peacenow.org.il/en/sovereignty-road-announcement

Die jetzige israelische Regierung hat E1 deutlich stärker vorangetrieben, als frühere Regierungen. Obwohl die internationale Kritik am Projekt sehr groß ist und israelische Menschenrechtsgruppen Klage gegen die Ausführung eingereicht hatten, hat die israelische Regierung im August 2026 eine Teil-Ausschreibung für die erste Tranche von 1.234 Wohnungen veröffentlicht.[4]

Die Europäische Kommission und mehrere Staaten, darunter Deutschland, verurteilten die Ausschreibung scharf und forderten die israelische Regierung auf, die Pläne zurückzunehmen.[5]

Wenn eine Straße zur Mauer wird

Im Dorf Jabal al Baba sind die Auswirkungen des E1-Projekts ebenso deutlich spürbar. Hier treffen wir Attalah, den Sprecher der Beduinengemeinde. „Jabal“ bedeutet Hügel, das Wort „baba“ – Vater – bezieht sich auf Papst Paul VI., der einen Teil des Hügels 1964 vom jordanischen König geschenkt bekam, damals stand das Westjordanland noch unter jordanischer Verwaltung. Auch die Menschen, die sich in Jabal al Baba ansiedelten, waren 1948 aus der Negev-Wüste vertrieben worden.

Ein Schild weist auf die Verbindung zum Vatikan hin; © WCC-EAPPI/M.
Ein Schild weist auf die Verbindung zum Vatikan hin; © WCC-EAPPI/M.

Jabal al Baba liegt nur wenige Kilometer von Jerusalem und unserer Unterkunft entfernt. Gäbe es die israelische Trennbarriere zwischen Ost-Jerusalem und dem Westjordanland nicht, dann wäre der Ort mit dem Auto für uns in 10 Minuten erreichbar, immer vorausgesetzt, die Straße ist nicht durch einen Checkpoint gesperrt. Wir aber haben erneut einen Umweg von über 20 Kilometern bzw. 30 Minuten in Kauf nehmen müssen, um nach Jabal al Baba zu gelangen.  Schon seit Jahren können die Menschen in Jabal al Baba zudem ihre Tiere nur noch eingeschränkt weiden oder umherziehen lassen, zu groß ist die Sorge auf ein Aufeinandertreffen mit Siedlern.

Attalah befürchtet, dass nun, da die ersten Ausschreibungen für Siedlungen in E1 veröffentlicht wurden, mit den seit Jahren wie ein Damoklesschwert über ihnen schwebenden Abrissverfügungen für die Gebäude in ihrer Gemeinde Ernst gemacht wird.

Darüber hinaus ist Jabal al Baba durch eine weitere, von der Öffentlichkeit weniger beachtete Maßnahme bedroht: der Bau der sogenannten „Sovereignty Road“ direkt zwischen dem Dorf und der gegenüberliegenden palästinensischen Stadt Eizariya. Diese ist Teil der Umsetzung des E1 Projekt: Während heute der palästinensische Verkehr zwischen Bethlehem und Ramallah mitten durch das für E1 veranschlagte Gebiet führt, soll dieser mithilfe der neuen Straße westlich an E1 vorbeigeleitet werden. Letztlich wirkt sich auch diese Straße auf Jabal al Baba wie eine weitere Mauer aus: das Dorf wird weiter isolieren, die Versorgung und der Handel werden noch stärker beeinträchtigt werden. Die israelische NGO PeaceNow erklärt in einem Anfang des Jahres veröffentlichten Bericht[6], dass so der Weg freigemacht werde für die Annexion von E1 und die Umsiedlung der heute dort noch ansässigen Bewohner:innen.

An dieser Stelle soll die geplante Straße an Jabal al-Baba vorbeiführen, der Weg ins wenige 100 Meter entfernte Eizariya wäre, wie durch eine Mauer, dann endgültig abgeschnitten; © WCC-EAPPI/M.
An dieser Stelle soll die geplante Straße an Jabal al-Baba vorbeiführen, der Weg ins wenige 100 Meter entfernte Eizariya wäre, wie durch eine Mauer, dann endgültig abgeschnitten; © WCC-EAPPI/M.

Der 19jährige Sohn von Attalah führt uns zum höchsten Punkt des Dorfes, von dem aus wir die geplante Route der Straße nachvollziehen können. In Eizariya waren im Mai zahlreiche Geschäfte und Autowerkstätten zerstört worden, die nahe der geplanten Baustelle lagen.[7]

Geplante Route der „Sovereignty Road“ direkt neben Jabal al Baba; © PeaceNow Israel https://peacenow.org.il/en/sovereignty-road-announcement
Geplante Route der „Sovereignty Road“ direkt neben Jabal al Baba; © PeaceNow Israel https://peacenow.org.il/en/sovereignty-road-announcement

Und auch die Siedler wagen sich immer näher heran an Jabal al Baba. Attalahs Sohn erzählt uns, dass wenige Tage vor unserem Besuch zwei Siedler in unmittelbarer Nähe der Bewohner:innen von Jabal al Baba unter einem Baum „entspannten“. Die Frauen und Kinder schlossen sich in ihren Häusern ein, auch weil sie befürchten, die Siedler könnten diese besetzen, wenn sie leer stünden. Er zeigt uns Fotos von dem Vorfall. Die Polizei hätten sie erst gar nicht gerufen, denn Hilfe wäre, so die Erfahrung, wohl sowieso nicht zu erwarten gewesen.

In Jabal al Baba und Khan al Ahmar herrscht eine große Verunsicherung. Abu Khamis erwartet Unterstützung aus Europa, die ihnen immer wieder zugesagt wurde.

Alltag in Jabal al Jaba. Die Menschen hier und im ganzen E1 Gebiet hoffen auf Unterstützung der internationalen Gemeinschaft für ein Leben in Gerechtigkeit und Frieden; © WCC-EAPPI/M.
Alltag in Jabal al Jaba. Die Menschen hier und im ganzen E1 Gebiet hoffen auf Unterstützung der internationalen Gemeinschaft für ein Leben in Gerechtigkeit und Frieden; © WCC-EAPPI/M.

Wir werden gebeten, regelmäßig zu kommen. Die Solidarität mit den Gemeinden sei ungemein wichtig. Wir sagen zu, Khan al Ahmar und Jabal al Baba jeweils einmal pro Woche zu besuchen. Zudem erklären wir uns bereit, von Zeit zu Zeit Schulkinder aus dem Nachbardorf zur Schule in Khan al Ahmar zu begleiten. Der Weg durch den Tunnel unter der Schnellstraße hindurch zum Unterricht ist nicht ungefährlich. Immer wieder werden Übergriffe von Siedlern befürchtet. Bald enden die Ferien, und wir werden vor Ort sein.

M., im September 2026

Ich nehme für pax christi – Deutsche Sektion am Ökumenischen Begleitprogramm in Palästina und Israel (EAPPI) des Ökumenischen Rates der Kirchen teil. Diese Stellungnahme gibt nur meine persönlichen Ansichten wieder, die nicht unbedingt die von pax christi oder des Ökumenischen Rates der Kirchen sind.


[1] https://www.timesofisrael.com/high-court-okays-demolition-of-west-bank-bedouin-village/

[2] https://peacenow.org.il/en/minister-smotrich-the-evacuation-of-khan-al-ahmare1

[3] Weiterführende Informationen finden sich im Bericht „E1 Settlement Project: Cementing West Bank Annexation in Jerusalem Vicinity“ der israelischen NGO Ir Amim https://ir-amim.org.il/en/report/e1-settlement-project-cementing-west-bank-annexation-in-jerusalem/?context=category/reports

[4] https://peacenow.org.il/en/e1-tender-published-and-open-for-bidding

[5] https://www.bundesregierung.de/breg-en/news/statement-uk-france-germany-italy-netherlands-canada-norway-2449910

[6] https://peacenow.org.il/en/sovereignty-road-announcement

[7] https://peacenow.org.il/en/planned-demolitions-in-aleizariya