„Wir müssen stark bleiben, das ist unsere einzige Chance!“

Zerstörte Gebäude in Qusra
Zerstörte Gebäude in Qusra

Wir besuchen Abdul Hadim, den im Dorf hoch angesehenen Bürgermeister des Ortes Qusra, ca. 6.000 Einwohner. Wir sind jetzt das zweite Mal hier, heute aus aktuellem Anlass. Die Leidensgeschichte seines Ortes, umgeben von Siedlungen, die mit ihren roten Dächern herüberlugen, kennen wir schon. So gab es in den vergangenen vier Jahren 64 Attacken von Siedlern, 74 Bewohner sind im israelischen Gefängnis. Viele EAPPI‐Teams haben diese Geschichte fortlaufend dokumentiert.

Als wir Abdul Hadim das erste Mal kennen lernen, sitzt er in seinem Büro, ein Mann mittleren Alters, dynamisch und kraftvoll, hinter sich wie üblich Fotos von Arafat und Abbas, eine Landkarte Palästinas, und dann die Fotoserie schwer verletzter Menschen seines Dorfes, die Bilanz von Angriffen radikaler Siedler, in der Regel unter den Augen des Militärs Die israelische Polizei ist zwar theoretisch zuständig, alle Straftaten in Zone C zu bearbeiten. Nachforschungen der israelischen Menschenrechtsorganisation Yesh Din haben jedoch ergeben, dass nur in etwa 7% aller angezeigten Fälle von Siedlergewalt gegen palästinensisches Leben, Hab und Gut, Anklage gegen Tatverdächtige erhoben wird. Es ist noch Winter, wir alle in Mäntel und Jacken gehüllt, ein bitterer schwarzer Kaffee wird gereicht und im Qualm vieler Zigaretten haben wir Anteil genommen an den Drangsalierungen der vergangenen Jahre.

Heute wird diese Geschichte fortgeschrieben. Wir sind hier, um zusammen mit ihm, der israelischen Menschenrechtsorganisation B`Tselem und den Rabbis for Human Rights hinaus zu gehen auf die angrenzenden Felder, um die Schäden der letzten 24 Stunden anzusehen. Gegen 5 Uhr in der Frühe, so erzählt Abdul Hadim noch sichtlich erschüttert, sind 5 Jeeps, ein Mannschaftswagen und ein Bulldozer der israelischen Armee gekommen und haben die neue Zisterne sowie zwei Gerätehäuschen in Trümmer gelegt. Eigentümer sind zwei Brüder der Familie Tayseer. Die Felder waren neu hergerichtet, sie sollten auch im Sommer über Wasservorräte verfügen, und die kleinen, aber massiven Unterstände hätten es den Bauern erlaubt, Gerätschaften für die Feldarbeit zu lagern, alles mitfinanziert von der französischen Regierung. Danach wurde das zerstörerische Werk an anderer Stelle fortgesetzt und eine aus Zementsteinen errichtete Mauer, die der Abgrenzung eines noch unbefestigten Weges diente, auf 30 m in Trümmer gelegt.

Aber Bürgermeister Abdul Hadim aus Qusra will nicht aufgeben. Seit einiger Zeit werden im Dorf junge Männer als Beobachter ausgebildet, die die Siedleraktivitäten im Auge behalten sollen. Doch er gesteht: „Wir sind müde, ja, wir haben diverse Demolition Orders oder Stop work orders bekommen. Allein im vergangen Jahr waren es 27 neue Verfügungen, die uns einen Baustopp oder die Zerstörung durch die eigene Hand auferlegt haben. Wir sind ja den Rechtsweg gegangen, haben Widerspruch eingelegt. Gerade erst haben wir unsere Besitzurkunden eingereicht, die uns als rechtmässige Eigentümer dieses Landes ausweisen. Noch bevor das Gericht entschieden hat, werden hier Fakten geschaffen. Wir haben keine Kraft mehr, erneut vor Gericht zu gehen. Das Gesetz und das Gericht können uns nicht helfen.“

Der grösste Teil des Ortes liegt in der eigentlich vor Zerstörungen sicheren Zone B, aber die angrenzenden Flächen sind der Zone C zugeordnet. Die dort gebauten Häuser, alle notgedrungen ohne Genehmigung für die drei Söhne einer Familie aus dem Ort errichtet, wurden bald darauf ebenfalls mit Stop Work Order oder Demolition Order belegt. Sie müssen im unvollendeten Zustand verharren. Die Strasse darf nicht asphaltiert, die Häuser nicht mit Wasser versorgt werden. Die amerikanische staatliche Entwicklungsorgisation US AID und die deutsche Entwicklungsbank KFW, die sich die Bereitstellung von Infrastruktur für die Wasserversorgung vieler Dörfer hier in der Umgebung zur Aufgabe gemacht haben, stossen bei israelischen Behörden auf taube Ohren. Einer der Söhne, Hamid, ist Besitzer dieser Häuser; zusammen mit seiner frisch angetrauten Frau kann er nur die zwei fertiggestellten Räume bewohnen, die anderen darf er nicht fertigstellen. Als er den Bulldozer hörte, ergriff ihn Panik und er versuchte schnell seine Habseligkeiten ausser Haus in Sicherheit zu bringen, vermutend, dass jetzt sein Haus zerstört wird. Denn wie hatte der Security‐Chef des nahen Siedlungsaußenposten Esh Kodesh ihnen einst gedroht: „Eure Häuser sind für mich wie der Dolch in meinem Körper“. Und gestern die Drohung eines Offiziers: „Dein Tag wird auch bald kommen!“

Die Folgen dieser Zoneneinteilung, die eigentlich nach dem Oslo‐Vertrag 1995 eine fünfjährige Übergangszeit bis zur Gründung eines palästinensischen Staates einleiten sollten, sind unübersehbar: Wir treffen Rashid, Menschenrechtsaktivist aus dem Nachbarort Qatyr, 35 Jahre alt, unverheiratet, weil er dafür keine Zeit hat, wie er augenzwinkernd zugibt, hat für sein Dorf ein Beispiel: von 29.000 ha sind 14.000 ha enteignet. Auch die verbliebenen 15.000 ha liegen fast ausschliesslich in der Zone C, in der ausschliesslich Israel das Sagen hat. Hiervon sind 60% der Westbank betroffen. Hier sind keinerlei Veränderung erlaubt. Lediglich sage und schreibe 360 ha liegen in der Zone B und sind für das bebaute Dorf ausgewiesen. Er beschreibt die Folgen: Söhne wollen heiraten, müssen Wohnraum anbieten können, die Grundstückspreise steigen ins Extrem, die Häuser wachsen zwangsläufig in die Höhe. Genehmigungen gibt es nicht.

Der Oslo‐Vertrag ist zum Enteignungsvertrag verkommen, er ruft nur noch ein müdes Lächeln hervor, das Lächeln zerstörter Hoffnungen auf einen Friedensprozess. Ratlos fragt Abul Hadim sich und uns: „Wie kann es sein, dass einerseits uns jede Bautätigkeit untersagt wird, aber die Siedlung sich immer weiter über die Hügel erstrecken?“ Diese Frage würde ich gern an alle Regierungen und Parteien weitergeben, die diese nun schon fast 50jährige Entwicklung hinnehmen und von „westlichen Werten“ und „Menschenrechten“ reden.

Reinhard, Februar 2015