Wie kann man lernen, wenn das Herz vor Angst rast?

Soldaten beobachten die Schüler auf dem Schulweg
Soldaten beobachten die Schüler auf dem Schulweg

„Wie kann man lernen, wenn das Herz vor Angst rast?“, fragt mich ein sorgenvoller Vater. Sein Sohn Leith, 12 Jahre, besucht in AsZawyya die Oberschule (Secondary School). Sie liegt an der zentralen Verbindungsstrasse Nr. 60, die vom Norden Israels , quer durch die Westbank, in den Süden Israels führt. Es gelten die Gesetze der Zone C, palästinensische Behörden haben keine Zuständigkeit. Auf Bitten des Schulleiters sind wir sofort gekommen, als wir von dem Zwischenfall hören. Das war gestern, heute sind wir erneut vor Ort.

Was war passiert? Soldaten sind von drei Seiten auf den Schulhof vorgedrungen, um Jungen habhaft zu werden, die auf vorbeifahrende Siedlerautos Steine geschmissen haben sollen, erzählt uns Schulleiter Adnan, 54 Jahre alt. Beweise, Indizien gebe es nicht. Es reiche offensichtlich die Beschuldigung eines vorbeifahrenden Siedlers, um das Militär in die Schule zu schicken. Dabei ist die Schule von einer hohen Mauer und großen Bäumen umgeben; gezielt auf einzelne vorbeifahrende israelische Autos zu werfen ist nahezu ausgeschlossen. Der Unterricht musste laut Anweisung der Soldaten abgebrochen werden, die 420 Schüler wurden nach Hause entlassen, eine kollektive Strafe!

Alle erinnerten sich nur zu gut an einen Vorfall im vergangenen Monat, am 4. Februar, als sich Soldaten ebenfalls zur Unterrichtszeit mit ihrem Jeep gewaltsam Zutritt verschafften, eine Knallgranate warfen und durch die gewaltige Explosion Schüler und Lehrer in Angst und Schrecken versetzten. Diese Art der Auseinandersetzung hat eine lange Tradition. Siedler aus den umliegenden Siedlungen Ma’ale Levona, Eli, Rechalim und den Außenposten Talfi, Kabalan, Sawiza haben sich immer wieder zusammen mit Soldaten gewaltsam Zutritt zur Schule verschafft. Sie forderten, die Schule sei zu schliessen.

Zurück zu Leith. Als der zwölfjährige Leith die Soldaten sah, lief er weg, verlor seinen Ranzen. Nun hatten die Soldaten Namen und Adresse. Werden sie womöglich nachts kommen? Zur grossen Erleichterung kamen sie bisher nicht. Sein Vater erzählt: „Leith wollte nicht mehr zur Schule gehen.Ich habe ihm gesagt: `Hab keine Angst vor den Soldaten, geh langsam, nicht weglaufen. Wenn du wegläufst, dann laufen sie hinter dir her.` Ich hoffe, er wird weiter Erfolg in der Schule haben. Er will zur Universität. Alle Väter und alle Mütter, überall in der Welt, sind nicht begeistert, wenn die Kinder Probleme in der Schule bekommen. Soldaten müssen doch genau so fühlen wie ich. Sie haben doch auch Kinder. Heute bin ich glücklich, ich sehe meinen Sohn wieder lächeln. Gestern war er noch sehr ängstlich, heute zeigt er, dass er stark sein kann!“

In der Schule von Assawiya
In der Schule von Assawiya

Stark zu sein, das ist und bleibt für viele das Motto in dieser aussichtslosen Situation. Zwei Intifadas mit ihren Toten, Verletzten, Verhafteten liegen hinter ihnen. Kinder und Jugendliche sind in Zeiten der Besatzung aufgewachsen, kennen keine andere Realität. Wenn Soldaten kämen, so sagt mir Adnan, der Schulleiter, sei immer alles möglich. Keiner wisse, was jetzt passiere.

Wir sitzen in seinem provisorischen Büro, weil sein Verwaltungstrakt am 10. September 2014 einem Brandanschlag zum Opfer fiel. Ob es Siedler waren, lässt sich nicht beweisen. Eine (israelische) polizeiliche Ermittlung hat nicht stattgefunden, die palästinensischen Behörden haben, wie oben erwähnt, keine Befugnis in der C-Zone. Zum jüngsten Ereignis befragt, erklärt er: „Meine Schule ist kein sicherer Platz mehr. Mich selbst haben die Soldaten sogar nachts in meinem Haus aufgesucht, um mir zu drohen. Ich soll verhindern, dass die Jungs Steine auf Siedlerautos werfen. Die Siedler seien doch Freunde. Wie soll ich das den Kindern erklären? Die Kinder sehen doch, was passiert. Sie wissen, dass ihre Familien ihr Land verloren haben, sie sehen die Siedlungen wachsen. Sie haben uns die Strasse so vor die Nase gebaut, dass wir nicht mehr zu unserem Sportplatz rüber können. Solange es eine Besatzung gibt, können wir nicht lernen zusammen zu leben.“

Und weiter: Seit 2005 habe es 10 Auseinandersetzungen zwischen den Soldaten und Schülern gegeben, zwölf Schüler seien in Haft genommen, sieben verletzt worden. Ein Lehrer sei erschossen worden, als er versuchte, eine Strassensperre auf kleinen Wegen zu umfahren. In einem Plastikbeutel zeigt er uns seine Sammlung abgefeuerter Knallgranaten und Tränengas-Granaten, eingesammelt auf seinem Schulhof nach gewaltsamen Ereignissen. Die israelische Menschenrechtsorganisation B`Tselem hat auch dieser Schule Videokameras geschenkt, mit der Schulleiter Adnan die Aktivitäten von Siedlern und Soldaten dokumentiert. Auf seinem Computer zeigt er uns eine Auswahl.

Als ökumenische Begleiter besuchen wir die Schule zweimal wöchentlich und begleiten die Kinder und Jugendlichen auf ihrem Weg entlang der Hauptstrasse in die Schule. Gelegentlich stehen Soldaten mit ihrem Fahrzeug auf der Strassenseite gegenüber; die kleinen Kinder sind ängstlich, eingeschüchtert, wenn sie an ihnen vorbei müssen, die grossen wären da schon eher zu Auseinandersetzungen bereit.

"Tod in Arabern" - Graffiti an der Schule von Urif
„Tod in Arabern“ – Graffiti an der Schule von Urif

Insgesamt betreuen wir drei Schulen. In gleicher Woche rief uns der Schulleiter der Schule in Urif an. Sie liegt in der Zone B, also unter palästinensischer Verwaltung. Siedler haben in der Nacht neben dem Haupteingang ein Graffiti angebracht: einen Davidstern mit der Aufschrift: „Tod den Arabern“. Auch diese Schule hat eine lange Leidensgeschichte mit gewalttätigen Angriffen, hier vorwiegend von Siedlern. Die Fenster sind vergittert, die Schule mit einer hohen Mauer umgeben. Sicherheitskameras sind installiert, Fluchtwege aus der Schule heraus angelegt. Dennoch sind immer wieder Siedler eingedrungen. Wir spüren die Nervosität der Lehrer und des Schulleiters. Verhindern konnten wir diesen Anschlag nicht, aber ein offenes Ohr haben, um zuzuhören, die Verängstigten ernst zu nehmen, ist wichtig, wie uns immer wieder bestätigt wird. Zwei Wochen später: Vom Dach der Schule werden uns sorgenvoll die neuen Außenposten der gegenüberliegenden Siedlung gezeigt. „Sie breiten sich rasend aus, wann sind sie hier?“, fragt uns ein Lehrer.

Überreste von Tränengas- und Knallgranaten, von Soldaten auf den Schulhof von Burin
Überreste von Tränengas- und Knallgranaten, von Soldaten auf den Schulhof von Burin geschossen

In Burin liegt die Jungenschule leider auch in der Zone C. Deutschland hat im Ort eine nagelneue Mädchenschule errichtet (B-Zone), aber „unsere“ Schule erhält von der israelischen Zivilverwaltung keine Genehmigung für einen Ausbau, der dringend benötigt wird. Deutschland hat die Mittel schon zugesagt, die Chancen stehen aber schlecht. Der Schulhof mit seinem Sportplatz kann aufgrund der Übergriffe seitens der Siedler aus den umliegenden Außenposten und des Militärs nicht genutzt werden. Auch der Schulleiter in Burin verfügt über eine Sammlung von gebrauchten Tränengas-Hülsen und Knallgranaten, die in den Schulhof abgeschossen wurden.

Zurück zur Schule in AsZawyya. Wie soll man keine Angst haben, wenn heute wieder ein Helikopter in niedriger Höhe mehrfach über der Schule kreiste und erneut alle in Angst und Schrecken versetzt, fragt Schulleiter Adnan. Wie gesagt: „Everything is possible“ – und die einschüchternde Macht des Militärs zeigt, dass die Wahrung von Menschen- und Kinderrechten unter den Bedingungen der Besatzung kaum eine Chance hat.

Reinhard, März 2015