Verzweiflung, Solidarität, Hoffnung

Mehr als zehn Jahre Ökumenische Begleiter in Jayyous

Als  EAPPI im Jahre 2002 begonnen wurde, war das palästinensische Dorf Jayyous mit seinen damals 3000 Einwohnern eine der ersten Ortschaften, in denen Teilnehmerinnen und Teilnehmer des Friedensdienstes ihre Arbeit aufnahmen. Ihre Aufgabe war es, Menschen in einer Situation zu begleiten, die durch den Bau der israelischen Sperranlage täglich bedrückender wurde. Diese Sperranlage wurde nicht – wie es zu erwarten gewesen wäre – auf der Waffenstillstandslinie von 1949 (der “Green Line”) geplant und gebaut, sondern weit hinein in palästinensisches Gebiet, so dass viele Ortschaften von ihren Feldern und Obstplantagen westlich dieser Anlage abgetrennt wurden. Im Falle von Jayyous waren es etwa 75% des nutzbaren Landes, das für die meisten Benutzer nur schwer zugänglich und für viele gänzlich unerreichbar blieb.

Durch eine fast ununterbrochene Präsenz des Ökumenischen Friedensdienstes seit 2002 in dieser muslimischen Gemeinschaft haben Teilnehmerinnen und Teilnehmer dieses Programms unmittelbar miterlebt, wie sich das Leben der Einwohner dieses Ortes von Monat zu Monat verschlechtert hat.

Sie wurden dabei Zeugen einer Entwicklung, die immer tiefer in die Verzweiflung und Hoffnungslosigkeit geführt hat. Sie erlebten aber auch, mit welchem Mut und welcher Ausdauer sich Frauen und Männer in Jayyous dieser Entwicklung entgegengestellt haben und sich auch durch immer neue Maßnahmen der israelischen Militärverwaltung des besetzten Westjordanlandes nicht davon abbringen ließen, auf ihrem Recht auf ihr Land zu bestehen.

Jayyous steht auch für die ermutigende Geschichte einer breiten Solidarität, die seine Einwohner durch die Jahre der Besatzung aus aller Welt erhielt. In den letzten Jahren war es insbesondere der Ökumenische Friedensdienst (EAPPI), der die internationale Solidarität repräsentierte, die auch israelische Menschenrechts- und Friedensgruppen einschloss. In Jayyous lebten und arbeiteten angesichts einer übermächtigen israelischen Militärmacht Menschen aus allen drei abrahamitischen Religionen zusammen, um ein Zeichen des Friedens und der Versöhnung zu setzen.

Jayyous ist ein kleiner Ort, auf einem Bergrücken gelegen, an dessen Abhängen Olivenbäume wuchsen. Auf der Karte sieht man, dass dieser Berg zu den letzten Erhebungen des Westjordanlandes gehört, bevor weiter nach Westen die Küstenebene beginnt. Die Einwohner von Jayyous können bei klarem Wetter bis Netanya im Nordwesten und bis zu den Vororten von Tel Aviv im Südwesten sehen. Und das Mittelmeer, in dem zu baden für die meisten Menschen aus Jayyous ein unerfüllter Traum bleiben wird, blinkt am Horizont.

In den Ort hinein geht es durch einen Doppelbogen, den die Einwohner stolz errichtet hatten. Die Hauptstraße verläuft auf dem Bergrücken, links und rechts gehen kleine Wege ab. Im Ortskern liegen die drei Moscheen, die Schule, der Kindergarten und ein Gemeinschaftszentrum. Ruinen von älteren Häusern aus Natursteinen stehen neben vielen neueren Häusern aus Beton, einige von ansehnlicher Größe, viele mit einem weiten Blick in die umliegende Landschaft. Am Ende der Hauptstraße schließlich liegt das Rathaus, vor nicht langer Zeit mit Unterstützung ausländischer Regierungen gebaut. Der Bürgermeister hat dort seinen Amtssitz, es gibt darin auch eine Gesundheitsstation.

Jayyous zur Zeit des Baus der Trennungsbarriere
Jayyous zur Zeit des Baus der Trennungsbarriere

Jayyous hat heute ca. 4000 Einwohner, die meisten von ihnen sind Kinder und Jugendliche. Die Familien sind groß, überall trifft man spielende Kinder. Auch der fremde Besucher wird von allen Seiten freundlich gegrüßt. Fast jeden Tag kommen Besucher, viele in Gruppen.

Autos gibt es weniger als Traktoren und Eselskarren. Ein Bus fährt täglich nach Nablus. Sammeltaxis fahren in die Distrikthauptstadt Qalqiliya oder nach Nablus. Wie lange man für diese Fahrten braucht, hängt davon ab, durch wie viele israelische Straßensperren man hindurch muss und ob man die verschiedenen Erlaubnisscheine hat, die für jede Reise nötig sind.

Viele Menschen sind Angestellte der Palästinensischen Behörde, Lehrer, Verwaltungsangestellte und Polizisten. Natürlich gibt es auch Kaufleute, Fahrer, Bäcker und Schmiede – viele Handwerke sind in Jayyous vertreten, vor allem aber Familien, die von der Produktion landwirtschaftlicher Güter leben.

Bis zum Beginn der zweiten Intifada im Jahre 2000 arbeiteten viele Einwohner aus Jayyous in Israel. Das wurde in den letzten Jahren immer schwieriger, immer weniger Männer bekamen die dafür nötigen Genehmigungen. Und immer mehr Menschen wurden dadurch wieder auf den Broterwerb in der Landwirtschaft zurückgeworfen.

Nicht wenige Familien von Jayyous haben Verwandte, die im Ausland leben und arbeiten, zum Beispiel in den Golfstaaten, viele sind in die USA ausgewandert. Sie unterstützen ihre Familien, die in Jayyous geblieben sind, mit regelmäßigen Überweisungen. Etliche unter ihnen haben sich mit dem Ersparten schöne Häuser gebaut, in die sie irgendwann einmal zurückkehren wollen.

Erstaunlich ist, wie viele Menschen in Jayyous Englisch sprechen. Das hat sicher mit den Auslandsbeziehungen vieler Familien zu tun, aber auch damit, dass viele junge Leute, junge Frauen und Männer, an einer der palästinensischen Universitäten studieren oder auch lehren. Etwa 500 der 4000 Einwohner haben einen Universitätsabschluss. Sie arbeiten und leben nicht alle in Jayyous, haben dort aber ihren Familienmittelpunkt.

Der Zusammenhalt der Gemeinschaft ist stark. Das liegt an den weitgehend intakten sieben großen Familienverbänden, den verschiedenen Vereinigungen und Verbänden, dem Imam des Ortes und dem Bürgermeister und an der gewachsenen Autorität einflussreicher Frauen und Männer, auf die man hört. Es gibt im Ort keine Polizeistation. Streitigkeiten untereinander regelt man auf der örtlichen Ebene, Diebstähle werden intern aufgeklärt.

Nach den Regelungen der Vereinbarungen von Oslo aus den Jahren 1993/1995 gehört der Ort zur Zone B. Das bedeutet: Die Einwohner regeln in einer begrenzten Autonomie ihre Angelegenheiten selbständig, ihr Wahlrecht bezieht sich sowohl auf die Gemeinderatswahl als auch auf die Wahl des Gesetzgebenden Rates der Palästinensischen Behörde in Ramallah. Das Land der Bauern von Jayyous gehört zur Zone C, dort gilt uneingeschränkt israelisches Besatzungsrecht. Die Zivilverwaltung der israelischen Besatzungstruppen hat ihren Sitz in Qedumim, einer israelischen Siedlung westlich von Jayyous, etwa eine Autostunde entfernt.

Nicht weit entfernt nach Westen liegt – wie eine Insel auf dem Land von Jayyous – die israelische Siedlung Zufin (auch Zufim geschrieben), die im Jahr 1989 gegründet wurde und die zur Zeit aus etwa 200 Häusern besteht. Geplant ist der Bau weiterer 400 Häuser für Zentral-Zufin sowie 1134 Häuser für Nord-Zufin. Als Vorbereitungsmaßnahme wurde im Frühjahr 2012 mit ersten Rodungsarbeiten begonnen. Seit September 2012 haben sich zunächst zwei, inzwischen (2013) sechs Caravans auf dem Gelände von Jayyous niedergelassen: Sie bilden einen neuen, illegalen Outpost, der mit Zufin zusammenwachsen und Jayyous einkreisen soll.

Ihre Müllhalde hatten die Siedler möglichst weit weg gen Osten ganz in die Nähe von Jayyous gelegt. Sie wurde geschlossen, als der Gestank selbst den Siedlern von Zufin zu viel wurde. In Jayyous ist er immer noch zu riechen. Außerdem gehört zu Zufin ein großer Steinbruch, der sich immer weiter in die ersten Erhebungen des Westjordanlands frisst.

Das von den Bauern bewirtschaftete Land geht bis zur sechs Kilometer entfernten Waffenstillstandsgrenze (Green Line) im Westen – festgelegt 1949 nach dem Krieg von 1948. Unmittelbar bis an diese Linie heran haben die Einwohner von Kokhav Ya’ír und Tsur Yig’al vom Westen her ihre Gärten angelegt. Diese Waffenstillstandsgrenze ist gesichert durch einen hohen Maschendrahtzaun.

Etwa 300 Familien sind Bauernfamilien. Sie leben von Kleintierhaltung, vor allem Schafe und Ziegen, vom Ertrag ihrer Olivenbäume, vom Anbau von Zitrusfrüchten, Guavas und vor allem vom Anbau von Tomaten, Gurken und Paprika in Gewächshäusern.

Für die Arbeit der Bauern in Jayyous ist es von großer Bedeutung, dass die Öffnungszeiten für die drei landwirtschaftlichen Tore (Nord-Tor, Süd-Tor und Falamya-Tor) korrekt eingehalten werden; länger andauernde Schikanen kamen allerdings in den vergangenen Jahren nicht vor.

Durch den Bau der Sperranlage befinden sich 8600 Dunum auf der westlichen, „israelischen“ Seite – für den Großteil der Bevölkerung, die von der Landwirtschaft lebt, eine unvorstellbare tagtägliche Belastung.

Jayyous - Blick vom Ort auf die Sperranlage
Jayyous – Blick vom Ort auf die Sperranlage

Ein Teil der ursprünglichen Anlage wurde im Jahr 2008 teilweise neu verlegt („re-routed“), was die Rückgabe eines kleinen Teiles der Fläche an die Eigentümer zur Folge hatte. Die Kehrseite: Diese neue Trasse wird die Errichtung des „Qedumim-Finger“ um die gleichnamige Siedlung herum wesentlich erleichtern. Dieses Areal schneidet tief ein in die Westbank und wird einen ungewöhnlich großen Teil palästinensischen Landes beanspruchen.

Bürgermeister aus Jayyous und den Dörfern der Umgebung berichteten uns von einer besonders perfiden Strategie der Vertreibung der Palästinenser von ihrem Land: Die Siedler öffnen ihre ansonsten hermetisch verschlossenen und bewachten Tore und lassen Schweine heraus, wobei sie darauf achten, dass es ausreichend weibliche und männliche Tiere sind. Die Schweine nehmen Besitz vom Land der palästinensischen Bauern, durchwühlen und zerstören es und vermehren sich in kurzer Zeit. Die Tiere zu töten würde unweigerlich das israelische Militär auf den Plan rufen: Waffenbesitz in der Hand von Palästinensern ist strikt verboten. Und da Muslims – ebenso wie die jüdischen Siedler – kein Schweinefleisch essen dürfen, verursacht dieser ungewollte Besuch zusätzliche Kosten durch die Errichtung stabiler Schutzzäune bzw. durch eine anschließende Re-Kultivierung des Bodens.

Wer weitere Informationen über Jayyous lesen möchte, kann diese im Buch „In Jayyous wachsen Bäume auch auf Felsen. Friedensdienst in einem palästinensischen Dorf“ von Rudolf Hinz und Ekkehart Drost nachlesen. Das Buch kann im Internet bestellt werden.

Rudolf Hinz und Ekkehart Drost, beide zwischen 2002 und 2013 mehrfach Ökumenische Begleiter in Jayyous (2012)