Umzingelt: Yanoun

Der Tag beginnt früh in Yanoun. Spätestens um 6 Uhr ist der Hahn, der einen neuen Tag ankündigt, nicht mehr zu überhören. Schon früh spielen Kinder auf der Straße oder warten auf den Schulbus. Während die meisten Männer gemächlich ihre Schafe durch den Ort treiben, backen die Frauen Brot und melken die Schafe. Hier und da sitzt jemand vor dem Haus und trinkt Tee oder Kaffee. Obwohl es Januar ist und es eigentlich kühl und regnerisch sein sollte, scheint die Sonne seit Wochen und begleitet uns täglich auf unserem Morning Walks durch das Dorf. Jeden früh um sieben laufen wir vom Internationalen Haus in Upper Yanoun in das etwa 2 km entfernte Lower Yanoun und weiter nach Nabi Nun, einer heiligen Stätte in den umliegenden Feldern. Oliven- und Mandelbäume säumen den Weg. Esel, Schafe und Ziegen kreuzen die Straße. Wenn wir nach etwa eineinhalb Stunden zurückkommen, haben wir so gut wie alle der etwa 100 Yanounis (davon 60 Kinder) getroffen und werden, wenn wir Glück haben, sogar schon früh zum Tee oder Kaffee eingeladen. Fast täglich bekommen wir Brot geschenkt. Zu Hause wartet dann schon die andere Hälfte unseres Teams mit einem herrlichen Frühstück auf uns. So schön ist das Leben in Yanoun! Wenn wir uns zu unserer abendlichen Runde, dem Evening Walk, durch die beiden Ortsteile aufmachen, ist das Bild nicht weniger idyllisch. Die Hunde, die hier keiner so richtig leiden kann, streunen durch die Felder, vor einigen Häusern brennt ein Feuer um das sich die Familie schart. Einige Frauen machen Käse und hier und da hört man die Esel, Schafe und Ziegen. Die schummrige Straßenbeleuchtung, die auf die Steinhäuser scheint, tut ihr übriges. Schön und beschaulich ist es in Yanoun!

Schafhaltung spielt eine wichtige Rolle in Yanoun
Schafhaltung spielt eine wichtige Rolle in Yanoun

Die Siedlung

Blickt man aber ein paar wenige hundert Meter die Hügel hoch, sieht man die Häuser, die Yanoun überragen. Tagsüber sind die Gebäude gut zu erkennen. Nachts kann man die Siedlungen auf den Hügeln dann unmöglich übersehen, denn die schummrige Straßenbeleuchtung im Dorf wird von blendenden Flutlichtern überstrahlt. Yanoun ist umgeben von Outposts des Itamar Settlements, einer jüdischen Siedlung, die 1984 unweit von Yanoun gegründet wurde. Als Israeli, hier im besetzen Palästina zu siedeln, dafür gibt es viele Gründe. Leider sind es bei den Siedlern, die sich das palästinensische Land auf den Hügeln von Yanoun einverleibt haben, fundamentalistische. Die Siedler vertreten die Auffassung, dass das Heilige Land auf dem seit Jahrhunderten Palästinenser leben, dem israelischen Volk versprochen ist und mit allen Mitteln zurück erobert werden muss. Für diesen Zweck wollen die Siedler eine flächendeckende Siedlung schaffen, deren Beginn die Outposts sind. Seit 1996 wird somit auf den Hügeln rund um Yanoun gebaut. Illegal nach internationalem und sogar nach israelischem Recht und dennoch unter dem Schutz des israelischen Militärs. Das Jahr 1996 ist es auch, in dem die Probleme in Yanoun begonnen.

Konflikt und Flucht

Die Siedler verleibten sich nach und nach immer mehr Land ein. Es flogen Steine und fielen Schüsse. Schafe wurden verletzt und verstümmelt, Männer zusammengeschlagen. Felder konnten nicht mehr bestellt werden, weil dies zu gefährlich schien. Olivenbäume wurden zerstört, die Wasser- und Stromversorgung sabotiert. Als während der zweiten Intifada 2000 elf Siedler aus Itamar starben, eskalierte der Terror im Dorf, obwohl die Bewohner Yanouns von keiner Seite für die Morde verantwortlich gemacht wurden. Gruppen von zum Teil maskierten Männern mit der üblichen M 16 Bewaffnung und Hunden kamen regelmäßig nach Yanoun, drangen in die Häuser ein, schlugen Männer, bedrohten Frauen. Tag und Nacht, vor allem an Samstagen, dem jüdischen Feiertag Shabbat. Viele Familien flüchteten vor der Gewalt ins nahe gelegene Aqraba. Im Oktober 2002 eröffneten Siedler während der Olivenernte in Lower Yanoun das Feuer und töteten einen Palästinenser. Den Höhepunkt erreichte der Konflikt wenig später. Bei einem der üblichen Überfälle am Samstag den 12. Oktober 2002 machten die Siedler deutlich, dass sie binnen einer Woche keinen Bewohner mehr in Yanoun sehen wollen. Das Dorf aufgeben stand für die meisten Familien lange nicht zur Debatte, aber der Konflikt war mit der ausgesprochenen Drohung nicht mehr tragbar. Am darauf folgenden Freitag verließen die letzten sechs Familien Upper Yanoun.

Internationale Reaktion

Seit der Staatsgründung Israels 1947/48 und dem 6-Tage-Krieg ’67, war Yanoun das erste Dorf, dessen Bewohner vertrieben und dessen Häuser komplett aufgegeben wurden. Diesen Umstand ist es paradoxerweise zu verdanken, dass es Yanoun heute noch gibt. Denn die Nachricht verbreitete sich in Windeseile und löste auf allen Seiten Bestürzung aus. Die israelische Friedensorganisation Ta’ayush reagierte als erste. Es folgten die UN Civilian Mission, ISM (International Solidarity Group) und wenig später die Medien. Unter dem Schutz der Internationalen und der Aufmerksamkeit der Presse kehrten bereits wenig später die ersten Bewohner zurück nach Yanoun. Die Organisationen garantierten eine permanente Präsenz und patrouillierten stündlich durchs Dorf. Zwischenzeitlich waren etwa 150 Internationale im Einsatz, was in Anbetracht der ursprünglich etwa 150 Einwohner (davon mehr als die Hälfte Kinder) eine beachtliche Zahl ist. Dem Terror tat das keinen Abbruch, denn immer wieder wurden Dorfbewohner und bald auch Internationale angegriffen. Dennoch erreichte die internationale Präsenz und vor allem die Aufmerksamkeit der Medien eine gewisse Stabilität, so dass nach und nach die meisten Dorfbewohner zurückkehrten. Einige Familien brauchten mehrere Jahre bis sie es wagten, zurück zu kommen, andere kamen nie wieder.

Yanoun heute

Bis heute garantieren „Internationale“ rund um die Uhr Präsenz für Yanoun. Seit 2003 hat dieses Mandat EAPPI übernommen und so leben wir vier EAs nun hier im Dorf. Gewalt von Seiten der Siedler ist nicht mehr an der Tagesordnung, dass liegt sowohl an der Präsenz vor Ort, als auch an der Aufmerksamkeit die Yanoun erfahren hat. “You are not armed, but they fear your pens and cameras more than guns”, ermutigt uns Admad, stellvertretender Bürgermeister aus Lower Yanoun. Die Siedler kommen immer noch fast jeden Samstag, gewöhnlich bewaffnet, versuchen im Trinkwasserbrunnen zu baden oder trampeln durch die Felder. Oft laufen sie auch einfach nur durchs Dorf und zeigen Präsenz, so wie wir es tun jeden Tag. Keine physische Gewalt vielleicht, aber eine andere Art der Bedrohung, der die Dorfbewohner täglich ausgesetzt sind. Das Trauma, das die Menschen durch die permanente Bedrohungssituation erlitten haben, ist immer spürbar. Nicht nur die Kinder sind verängstigt, auch wenn die Zwischenfälle und Konfrontationen mit Siedlern fast schon Normalität geworden sind. Die wirtschaftliche Situation hat sich durch die Siedlungen sehr verschlechtert. Vor allem das Land, das den Dorfbewohner genommen wurde, fehlt. Die flachen Hügelebenen, auf denen die Yanounis früher Vieh weideten, gehören jetzt den Siedlern. Vor kurzem kamen Siedler mit Traktoren ins Tal, pflügten ein Feld der Dorfbewohner und erklärten es kurzer Hand zu Siedlungsgebiet. Staatsland sagen sie – Rechtsstreit aussichtslos. Für die Olivenernte brauchen die Bewohner Genehmigungen, da die meisten Bäume nahe von Siedlungsland stehen und sich Upper Yanoun in Area C befindet, was eine vollständige israelische Kontrolle bedeutet. Straßen, die an Siedlungen vorbei führen, dürfen nicht mehr benutzt werden. Ihr Übriges trägt die israelische Besatzung bei, die mit ihren Checkpoints, nächtlichen Militäraktionen und Restriktionen das Leben in der West Bank ständig überschattet.

Christina Beil (Januar 2010)