Khirbet Tana – Farisas Lachen

Farisa, Mutter von elf erwachsenen Kindern, hat fast ihr gesamtes Leben in Khirbet Tana, einem kleinen landwirtschaftlichen Dorf südöstlich von Nablus, verbracht. Sie musste zusehen wie ihr Zuhause zwei Mal zerstört wurde und wurde viele Male von den Einwohnern der benachbarten Siedlung bedroht. 2001 wurde ihr Sohn während der Olivenernte von einem dieser Siedler erschossen. Sie hat einen ihrer Söhne und zwei Häuser verloren, aber niemals ihren Mut und ihren Humor.

Fragliche Sicherheitsrisiken

Früh am Morgen des 10. Januars 2010 kamen fünf Bulldozer und mehrere Soldaten in das Dorf, um erneut die Häuser und die Schule zu zerstören. Farisa und ihre Nachbarn bekamen fünf Minuten, um ihre Habseligkeiten in Sicherheit zu bringen – nicht mal annähern genug, um alles zu retten. Trauriger weise ist diese Situation nicht neu für die Bewohner: 2005 wurde das Dorf zum ersten Mal zerstört, nur die alte Moschee blieb erhalten. Die Begründung für diese Abrissbefehle sind offiziell “Sicherheitsrisiken”, weil das Dorf an ein militärisches Sperrgebiet grenzt. Die benachbarte und weitaus neuere Siedlung Makhora unterliegt erstaunlicherweise nicht diesem Risiko, und wurde, ungeachtet davon, dass offiziell ein Baustopp in allen Siedlungen gilt, erst neulich erweitert. Das Sicherheitsrisiko in Khirbet Tana ist also höchst fragwürdig. Wahrscheinlicher ist es, dass das ganze Dorf vertrieben werden soll, um mehr Platz für die Siedlung zu schaffen. Siedler kommen regelmäßig in das Dorf, bedrohen die Einwohner oder versuchen im Trinkwasserbrunnen zu schwimmen.

In Khirbet Tana
In Khirbet Tana

Zusätzlich erschwert das israelische Militär das Leben in Khirbet Tana: Ein Monat vor der Zerstörung im Januar 2010 wurden vier Traktoren konfisziert. Ein unmöglich hoher Betrag wurde gefordert, um die Traktoren wieder auszulösen. Die Maschinen sind für den Lebenserhalt der Menschen unerlässlich. Als EAs darüber mit Arik Asherman von Rabbis for Human Rights (RHR) sprachen, zeigte er sich besorgt, dass diese Vorfälle ein Zeichen für eine bevorstehende Zerstörung sind. RHR war schon 2005 aktiv im Wiederaufbau des Dorfes involviert und bemühte sich im Anschluss darum, dass die Häuser eine offizielle Erlaubnis, auf Grundlage der Besitzrechte, bekommen. Dieser Versuch scheiterte vor einem israelischen Gericht und gleichzeitig wurden neue Abrissbefehle ausgestellt. Arik‘s Sorge, dass die Beschlagnahmung der Traktoren ein ernster Hinweis auf eine erneute Zerstörung sei, stellte sich nun leider als richtig heraus.

Ungebrochener Widerstand

Obwohl die Dorfbewohner bereits zwei Mal die Zerstörung ihres Dorfes mit ansehen mussten, bleiben sie auf ihrem Land und trotzten der schwierigen Situation. Schon nach der ersten Zerstörung fingen sie sofort an die Häuser wieder zu errichten. Ahnend was ihnen noch bevorsteht erzählten die Bewohner: „Wenn sie unsere Zuhause wieder zerstören, dann bauen wir sie eben wieder auf!“ – und das taten sie. Farisa erzählt mit einem verschmitzten grinsen im Gesicht, dass sie noch während das Militär ihre Häuser und Zelte abriss damit begannen, sie wieder zu errichten. Farisa bot den Soldaten sogar Süßigkeiten an und fuhr unbeirrt fort, Käse herzustellen, wie sie es an jedem anderen Tag auch gemacht hätte. Sie lacht mehrere Male laut auf, als sie uns die Geschichte erzählt. Jeder um sie herum lässt sich anstecken. So sitzen wir lachend zwischen zerbrochenen Ziegeln und Dächern eines ganzen Dorfes.

Zerstörtes Gebäude in Khirbet Tana
Zerstörtes Gebäude in Khirbet Tana

Der Eindruck des Dorfes ist tatsächlich noch sehr chaotisch – die Schule liegt in Trümmern, einige Dachteile bedecken das Gras. Aber auch wenn ihre Häuser zerstört wurden, ihr starker Wille bleibt erhalten. Das Dorf wirkt sogar noch viel lebhafter als zuvor. Noch mehr Menschen sind aus benachbarten Dörfern nach Khirbet Tana gekommen, da die landwirtschaftliche Saison gerade begonnen hat. Viele Zäune und Zelte wurden errichtet – viele finanziert von internationalen und nationalen Hilfsorganisationen, die das Dorf häufig besuchen. Medizinische Versorgung, Wasserversorgung und Schafställe wurden durch verschiedene Organisationen bereitgestellt. Eine neue Schule wurde errichtet und sogar die erste geteerte Straße wurde Khirbet Tana versprochen. Da die Tage langsam wärmer werden und die Natur um das Dorf zum Leben erwacht, kommen sogar viele Besucher aus der benachbarten Stadt, um zu picknicken – und Farisa begrüßt jeden mit ihrem warmen Lächeln.

Es scheint als würden Soldaten und Siedler alles dafür tun, dass das kleine Dorf von der Landkarte verschwindet. “Als wir euch eure Traktoren nahmen, haben wir euch ein Bein gebrochen. Jetzt brechen wir euch das andere!“, soll ein Soldat während der Zerstörung des Dorfes gesagt haben. Aber Khirbet Tana steht immer noch. Seine Geschichte ist beeindruckend: Der Druck, der durch das Militär verübt wird, ist massiv, aber dennoch haben die Bewohner niemals ihren Widerstand aufgegeben. Diese Haltung macht einen nachhaltigeren Eindruck auf jeden Besucher als die Bedrohung. Farisas Lachen könnte die Herzen vieler erwärmen, die unter der Besatzung leiden. Wenn es nur von mehr Menschen gehört werden könnte.

Christina Beil (Januar 2012)