Gibt es noch Hoffnung für Yanoun?

Abed in Yanoun
Abed in Yanoun

„Sie wollen unser ganzes Dorf zu einem Gefängnis machen.“, antwortet mir Abed achselzuckend auf die Frage, wie es denn nun mit seinen Schafen weitergehen wird. Was war passiert? Heute Vormittag kam ein Fahrzeug mit vier Siedlern die schmale Strasse zu unserem Dorf Yanoun hoch, stoppte vor ihm, seinen Schafen und Ziegen.

Die Tiere nutzen das frische Grün abseits des Weges. Das Dorf liegt am Ende eines wunderschönen Tales, mit Oliven und Mandelbäumen bestanden. Frisch gepflügte kleine Felder wechseln sich ab, aber oben auf den Bergkämmen haben sich hufeisenförmig um das Dorf herum israelische Siedler festgesetzt, z.T. noch in Wohncontainern wohnend, aber auch feste Häuser und landwirtschaftliche Stallungen sind neben militärischen Einrichtungen gut sichtbar. Abed blickt zurück: Ab Mitte der 90er Jahre kamen immer wieder bewaffnete Siedler aus

Eine Ökumenische Begleiterin beobachtet bewaffnete Siedler*innen auf dem Weg nach Yanoun
Eine Ökumenische Begleiterin beobachtet bewaffnete Siedler*innen auf dem Weg nach Yanoun

den umliegenden Außenposten mit Hunden in das Dorf, gingen von Haus zu Haus, schlugen auf die Männer ein und drohten, wiederzukommen, wenn die Bewohner nicht verschwänden. Angesichts der brutalen Gewalt zogen die Menschen im Oktober 2002 die Konsequenzen, die Schule wurde geschlossen, die letzten noch verbliebenen Einwohner verließen das Dorf. Es war das erste Mal, dass aufgrund von Übergriffen radikaler Siedler ein ganzer Ort aufgegeben wurde.

Doch schon nach wenigen Tagen kehrten die ersten Männer unter der Begleitung von israelischen und internationalen Aktivisten zurück. Ziel war es, durch die Präsenz von Beobachtern gewalttätige Übergriffe zu verhindern und Informationen über die Vorgänge in Yanoun zu verbreiten. 2003 lud Rashid, der Dorfvorsteher, das Ökumenische Begleitprogramm in Palästina und Israel (EAPPI) ein, mit einer durchgehenden vierundzwanzigstündigen Präsenz, sieben Tage die Woche, der Bevölkerung Schutz zu gewähren („protective presence“). Seitdem wechseln sich alle drei Monate internationale EAPPI-Teams hier in Yanoun ab. Viele der Bewohner kehrten in ihre Häuser zurück, die akute Bedrohung nahm ab, aber über die Jahre gab es immer wieder Versuche, die Lebensgrundlagen und damit die Zukunftsfähigkeit des Dorfes und seiner Bewohner infrage zu stellen: so wurde die Generatorstation, ein UN-Projekt, dreimal in Brand gesetzt. Besonders in Zeiten der Ernte nimmt die Zahl der Zwischenfälle, verursacht von aggressiven Siedlern und sie begleitendes Militär, regelmässig zu: Olivenbäume werden zerstört, Felder in Brand gesetzt, die Arbeiter auf den Feldern bedroht.

Yanouns Schicksal ist es, in der Zone C zu liegen, die der vollständigen Kontrolle Israels untersteht. Mit seinen ca. 80 Einwohnern, davon die Hälfte Kinder, steht es der Expansion der sechs Siedlungsaußenposten, die es umgeben, im Wege. 70% seines Landes hat es inzwischen an die Siedlungen verloren.

Und heute nun drohten die Siedler Abed und seinem Dorf, dass eine Beweidung der Berghänge und Hügel nicht hingenommen werde. Dann verliessen sie das Tal. Dieses „Verbot“ ist nicht ganz neu, die Angst vor um sich schießenden Siedlern ist gross. „What can we do“? fragt Abed achselzuckend. Bevor die ersten Siedlungen entstanden, hatte er, so berichtet er mir, mehr als 200 Schafe und Ziegen, Pferde zum Pflügen der kleinen Felder. Als junger Mann zog er mit seiner Herde den ganzen Tag über die Berge und Täler, ein Teekessel war ständiger Begleiter für ein Feuerchen und guten Tee. Den Bestand an Schafen und Ziegen musste er aber angesichts enteigneter Weideflächen reduzieren. Noch im letzten Jahr waren 50 Schafe sein Besitz, in diesem Jahr sind es nur noch 35, weil Schafe verkauft werden mussten, um teures Futter zuzukaufen. Dabei gehören die Schafe neben den Olivenbäumen und etwas Getreideanbau zur Lebensgrundlage des Dorfes. Abed teilt sein Schicksal mit allen Familien von Yanoun und auch mit denen der anderen Dörfer in Zone C.

In Abeds Familie gibt es einen Hoffnungsträger, seinen Sohn: er hat 12 Jahre die Schule im Nachbarort Akraba besucht und dann in Qalqilia Ingenieurswissenschaften studiert. Nun arbeitet er erfolgreich in Ramallah und kann so die Familie finanziell unterstützen. Welche Auswirkung die zunehmende Abwanderung der Kinder des Dorfes für die Zukunft von Yanoun hat, wird man jedoch abwarten müssen.

Reinhard, Januar 2015