Gefällte Bäume – israelische Siedler machen Palästinensern das Leben schwer

Ein Bericht aus Betlehem

Von israelischen Siedlern gefällte Olivenbäume in dem palästinensischen Dorf Nahhalin
Von israelischen Siedlern gefällte Olivenbäume in dem palästinensischen Dorf Nahhalin

Als Rabah Fenoon, ein palästinensischer Bauer aus Nahhalin in der Nähe von Betlehem  am Dienstagmorgen zu seinem Olivenhain geht, steht er erschüttert vor achtzig frisch gefällten Bäumen. Auf einen Schlag ist das ein Verlust von ca. 25 000 NIS, umgerechnet 5 000 Euro, für den diesjährigen Ernteausfall. Der langfristige Schaden ist viel schwerwiegender. In den nächsten 15 Jahren wird die Familie dort keine Oliven mehr ernten können, denn so lange braucht ein Baum, um Früchte zu tragen. Der Familie wurde über Nacht der Hauptquelle ihres Lebensunterhaltes beraubt. Viele Familien in Nahhalin sind als Verwandte oder Nachbarn von diesem Überfall mit betroffen.

Wer die Täter sind, ist schnell herausgefunden. Nahhalin ist umgeben von israelischen Siedlungen. Die Olivenplantage von Rabah Fenoon liegt zwischen den Siedlungen Beit Ayn und Geva’ot. Anders als viele Palästinenser, die sich nur auf traditionelle Landrechte berufen können, kann Fenoon amtliche Dokumente über seinen Landbesitz vorweisen. Die israelische Besatzungsmacht erkennt diese Besitztitel formal an und kann demzufolge das Land nicht ohne weiteres enteignen.

Vielfältige Übergriffe von Siedlern

Das heißt allerdings nicht, dass die Felder in Frieden gelassen werden. Israelische Siedler, besonders religiös-motivierte, sind für ihre Übergriffe auf Palästinenser und deren Hab und Gut bekannt. Es ist auch kein Geheimnis, dass die israelische Armee und Polizei ihre Aufgabe in erster Linie darin sehen, die Siedler zu schützen. Diese haben demzufolge kaum Strafe zu befürchten, wenn sie palästinensische Nachbarn und Dörfer überfallen.

Das Dorf Nahhalin leidet seit Jahren und auf vielfältige Weise unter den aggressiven Nachbarn. Zum Beispiel wird das Trinkwasser häufig durch das Abwasser der Siedlungen verseucht. Man weiß nie, wann die nächste Schmutzflut kommt. Das Abwassersystem der israelischen Wohnanlagen ist für eine bestimmte Zahl von Anwohnern ausgelegt. Doch die Siedlungen wachsen stetig. Somit ist die Abwasseranlage von Zeit zu Zeit überfordert, und es ist die einfachste Lösung, die Klappen zu öffnen und das Abwasser ins Tal laufen zu lassen, also auf die Felder und Straßen von Nahhalin.

Gezielte Siedlungspolitik

Nahhalin ist nur eines von unzähligen Dörfern, die von der israelischen Siedlungspolitik betroffen sind. Im gesamten Westjordanland werden immer mehr siedlungsstrategisch wichtigen Höhen von Aktivisten der israelischen Siedlungsbewegung besetzt. Palästinensische Dörfer und Städte werden bewusst eingekesselt. Auf der einen Seite bedeutet dies, dass die Bewohner dieser Dörfer Checkpoints passieren müssen, wenn sie ihr Dorf verlassen wollen. Anderseits schafft das eine günstige Position für gewaltsame Übergriffe und fortschreitenden Landraub. Wenn man sich eine Karte von Bethlehem und Umgebung ansieht, kann man das Grundprinzip erkennen: Bethlehem hat für die Stadtentwicklung keinen Platz mehr. Die Mauer, bzw. die Sperranlage, und die Siedlungen, teilweise bereits umfangreiche Neubauviertel mit perfekt ausgebauter Infrastruktur, umschließen die historische Stadt fast komplett und behindern nicht nur den Wohnungsbau, sondern auch die wirtschaftliche Entwicklung.

Als wir uns betroffen die gefällten Bäume von Rabah Fenoons Familie und das umliegende Land ansehen, werden wir etwa eine Stunde lang von Siedlern aus ihren Autos beobachtet. Dann fahren sie ganz langsam an uns vorbei, so als wollten sie sich an der Wirkung ihrer Untat ergötzen.

Die israelische Polizei tut nichts

Die Taktik ist unverhohlen, Bauern wie Fenoon das Leben so unerträglich zu machen, dass sie freiwillig aufgeben und ihre Land im Stich lassen. Doch den Palästinensern ist die Bewahrung ihres Erbes von vielen Generationen vor ihnen heilig. Fenoon hat Anzeige erstattet bei der Polizeistation des Gush Ezion Blocks. Ein Strafverfahren, so wurde er beschieden, wird nicht eingeleitet werden.

Nächste Woche wird die Familie Fenoon neue Olivenbäume pflanzen – für einen Neuanfang im Geschäft mit Olivenöl in 15 Jahren.

 Anne Lachmann (März 2013)