Ein Bild sagt mehr als tausend Worte

Ein Haus, ein Baum, eine Sonne mit lachendem Gesicht: so haben meine Kinderbilder früher ausgesehen. In A Seefer, einer kleinen Siedlung in der Westbank, bekomme ich einen Eindruck davon, dass das keine Selbstverständlichkeit ist. Ein ungefähr 10-jähriger Junge, nennen wir ihn hier Kadar, zeichnet ein Bild, das mir nicht mehr aus dem Kopf geht.

Die sogenannte „Nahtzone“ (seam-zone) bei A Seefer; durch die Abweichung von der Grünen Linie wird die Siedlung Mezadot Yehuda auf die „israelische“ Seite der Trennbarriere gebracht; die Menschen von A Seefer jedoch haben keine Erlaubnis, Israel zu betreten; sie müssen für jegliche Bedürfnisse den Beit Yatir Checkpoint passieren, um in die Westbank zu gelangen. Kartenausschnitt © UNOCHA
Die sogenannte „Nahtzone“ (seam-zone) bei A Seefer; durch die Abweichung von der Grünen Linie wird die Siedlung Mezadot Yehuda auf die „israelische“ Seite der Trennbarriere gebracht; die Menschen von A Seefer jedoch haben keine Erlaubnis, Israel zu betreten; sie müssen für jegliche Bedürfnisse den Beit Yatir Checkpoint passieren, um in die Westbank zu gelangen. Kartenausschnitt © UNOCHA

Doch zurück zum Anfang der Geschichte: ein bis zwei Mal pro Woche begleiten wir die Kinder aus A Seefer auf ihrem ungewöhnlichen Schulweg. Ihre Schule liegt in Imneizil, im äußersten Süden der Westbank, fast schon im Negev. Ihr Zuhause, der Ort A Seefer, liegt in der sogenannten Nahtzone. Dazwischen liegen nur ein paar Gehminuten und gleichzeitig Welten.

Als „Nahtzone“ (seam-zone) wird ein Gebiet bezeichnet, das sich erst aus dem Bau der Trennbarriere zwischen Israel und der Westbank ergeben hat. An vielen Stellen weicht die Trennbarriere von der „Grünen Linie“, also der Waffenstillstandslinie aus dem Jahr 1949, ab. Die Barriere schlängelt sich durch das Land und schneidet hier und da palästinensische Orte wie A Seefer von der restlichen Westbank ab. Diese „Taschen“, die in der Westbank und gleichzeitig jenseits der Trennbarriere liegen, sind die Nahtzone. Für Kadar und die anderen Kinder bedeutet das, dass sie als Teil ihres Schulweges einen israelischen Checkpoint überqueren müssen. Anschließend führt ihr Weg vorbei an einer israelischen Siedlung bis sie den heimischen Olivenhain erreichen.

Beit Yatir Checkpoint;© EAPPI
Beit Yatir Checkpoint;© EAPPI

Unsere „schützende Präsenz“ beginnt an einer Straßenecke kurz vor dem Checkpoint. Hier treffen wir die Kinder. Die Jüngeren sind zuerst da und begrüßen uns freudig. Die Kinder erzählen, dass die Tage, an denen wir mit ihnen am Checkpoint stehen, deutlich entspannter sind. Es geht fix, sie werden weniger streng kontrolliert und kommen schneller nach Hause. 45 Minuten später kommen auch die Älteren und treten ihren Heimweg an. Wir gehen mit ihnen, weil wir eine der Familien in A Seefer besuchen wollen.

Die Kinder von A Seefer malen ihren Alltag; © EAPPI
Die Kinder von A Seefer malen ihren Alltag; © EAPPI

Dort angekommen ist der Hof voller Leben. Vertreterinnen einer Hilfsorganisation sind da und auch einige der Nachbarinnen mit kleineren Kindern. Die Hilfsorganisation ist gerade dabei eine Bedarfsanalyse durchzuführen. Was brauchen die Leute im Ort besonders? Welche Probleme haben sie? Hat sich ihre Situation verbessert oder verschlechtert? Was ist am wichtigsten? Dazu steigen sie jetzt mit den Kindern in eine Gesprächsrunde ein, denn sie wollen auch direkt von den Kindern hören, wie sie die Situation wahrnehmen. Wir dürfen dabei bleiben und freuen uns über die fließende Übersetzung aus dem Arabischen.

Als die Sprache auf die Schule und den Schulweg kommt, horche ich auf, denn es geht mitnichten nur um den Checkpoint. Die Kinder erzählen vielmehr, dass sie von den israelischen Siedlern eingeschüchtert werden. An kalten Tagen, so die Berichte der Kinder,  bekommen sie schon mal kaltes Wasser übergeschüttet. Entlang der Straße fahren die Autos Schlenker. So dicht an sie heran, dass sie ausweichen müssen, gefährlich nahe an einen Stacheldrahtzaun heran. Kadar, der lebhaft teilnimmt, berichtet von einem Siedlerjungen, der sie mit einem Prügel bedroht, aus dem Nägel ragen.

Kadars Bild; © EAPPI
Kadars Bild; © EAPPI

Mittlerweile haben die Kinder die Aufgabe bekommen, gemeinsam auf einem großen Plakat ihren Schulweg zu malen. Es ist eine spielerisch, freudige Atmosphäre: ein sonniger Tag, ein angenehmes Lüftchen weht, Kinder rufen und erzählen bunt durcheinander, Mütter stehen beieinander und unterhalten sich. Längst haben wir alle eine Tasse Tee vor uns stehen und es ist schwer sich vorzustellen, dass diese Kinder auf dem täglichen Schulweg bedroht werden. Das Bild vom Schulweg wächst und ist erstaunlich akkurat. Ich sehe die Schule, die Straße in geschwungenem Bogen bis zum Checkpoint, den Checkpoint selbst und dann die Straße nach Hause, gesäumt von den Häusern der Siedler. Und dann sehe ich Kadars Teil des Bildes, das mich umtreibt, denn der Prügel mit den Nägeln ist eindeutig zu erkennen.

Auf dem Schulweg in der „Nahtzone“ werden wir in den nächsten Tagen häufiger Präsenz zeigen; © EAPPI
Auf dem Schulweg in der „Nahtzone“ werden wir in den nächsten Tagen häufiger Präsenz zeigen; © EAPPI

An diesem Tag beschließen wir, die Schulwegbegleitung auszuweiten und auf der Prioritätenliste nach oben zu rücken. Noch zwei Wochen sind es bis zu den Ferien, in dieser Zeit wollen wir so häufig wie möglich beim Schulweg präsent sein. Im Stillen wünsche ich Kadar und den anderen Kindern schon jetzt einen erholsamen Sommer, in dem die Bilder verblassen können.

Britta, April 2018