Burin – es ist unser Zuhause

Die Soufan Familie lebt in Burin, südlich von Nablus. Ihr Haus liegt auf dem Hang eines kleinen Hügels, in der Mitte eines Olivenhains, umgeben von wunderschönen Wiesenblumen. Ein friedvoller Ort, auf den ersten Blick, aber auf den umgebenden Hügeln erhebt sich Yitzhar, eine Siedlung. Um Ahmad, Mutter von neun Kindern, bereitet das Essen mit einigen ihrer Töchter vor, während die Jungs im Garten nach den Schafen sehen. Plötzlich entsteht Lärm: “Mustawtanin!” (Siedler), rufen die Männer. Jeder weiß was das bedeutet. Es ist schon viele Male passiert. Obwohl die Hügel unübersichtlich sind, fällt es nicht schwer, die Menschenmenge zu sehen, die sich in Richtung Haus bewegt.

Menschen in Burin
Menschen in Burin

 Leid und Verzweiflung

Im Haus zittern der 22-jährigen Iman die Hände, als sie die Kamera justiert, die die Familie von B’Tselem, einer israelischen Friedensorganisation bekommen hat, um Übergriffe zu dokumentieren. Sie hat diese Besuche schon oft erlebt und die Konsequenzen zu spüren bekommen. Vor 2000 war das Verhältnis zu den Nachbarn eigentlich recht gut. Die illegale Siedlung Yitzhar wurde bereits 1984 auf palästinensischem Land errichtet, nur ein paar hundert Meter weg von Haus, in dem Iman jetzt steht. Obwohl die Wut über das verlorene Land groß war, lebten Siedler und Palästinenser friedlich nebeneinander. Die Zerbrechlichkeit dieses Zustands wurde mit Ausbruch der zweiten Intifada plötzlich deutlich, als sich alles änderte. Im Februar 2002 drangen Siedler in das Haus der Familie ein und brannten einen Teil nieder. Iman war gerade 15 als sie ihr Zuhause in Flammen stehen sah. Als ihr Vater sah, was geschehen war, brach er vor ihren Augen zusammen und starb wenig später an den Folgen eines Herzinfarktes. Wenn Iman über ihr Leben vor diesem Tag erzählt, leuchten ihre Augen. Redet sie über die Siedler, spiegelt sich nur Leid und Verzweiflung darin. “Es ist schwierig, sehr schwierig”, sagt sie immer wieder. Schafe werden gestohlen, Tiere abgeschlachtet und Olivenbäume zerstört.

Die Siedler kommen immer näher und man erkennt etwa zwanzig Männer, einige von ihnen maskiert und mit Steinschleudern und Stöcken bewaffnet. Die Familie ist in höchster Alarmbereitschaft: Nicht nur Iman hat ihren Platz an der Kamera eingenommen – jeder scheint eine bestimmte Aufgabe zu haben. Die Männer telefonieren oder bringen die Schafe nach innen während die Mutter die gesamte Situation überwacht. Ihre Töchter kümmern sich um die kleinen Kinder und bald kommen immer mehr Menschen aus dem Dorf, um die Familie zu unterstützen.

Schutz durch Militär?

Nach wenigen Minuten treffen Soldaten ein. Gerade zur richtigen Zeit postieren sich fünf Militärfahrzeuge um das Haus. Burin befindet sich in den Gebieten C und B, was bedeutet, dass die israelische Armee für die Sicherheit aller Bewohner verantwortlich ist. Und dennoch ist es regelmäßig der Fall, dass die Soldaten bei Siedlerangriffen parteiisch erscheinen. Auch wenn sie in einigen Fällen die palästinensischen Familien beschützen, würden sie es nie wagen, die Siedler anzugehen. Ein Soldat sagte der Familie: „Was sollen wir machen? Wir können überhaupt nichts machen! Schließt euch einfach im Haus ein, wenn sie angreifen!“ Doch heute scheint die militärische Präsenz den sich anbahnenden Konflikt zu lösen. Die Siedler, die bereits den halben Berg hinunter gekommen sind, bleiben stehen und kehren nach und nach zur Siedlung zurück, ob es am Militär, den Kameras oder uns Internationalen lag?

Es dauert seine Zeit, bis die Familie zum Alltag zurückkommen kann. Die Männer bleiben vor dem Haus sitzen und beobachten die Hügel. Selbst der Bürgermeister des Dorfes kommt, um seine Unterstützung zu zeigen. Im Haus machen sich die Frauen wieder daran zu kochen, aber der Vorfall beschäftigt sie weiter. Um Ahmad fühlt sich plötzlich schwach. Gegen die Küchenmöbel gelehnt sitzt sie im Boden. Sie ist müde, erschöpft von andauernden Stress und der ständigen Bedrohungssituation. Auch wenn heute niemand verletzt und nichts zerstört wurde, die Situation ist unerträglich. Alles kann jederzeit passieren. Die ständige Angst, ohne zu wissen was als nächstes passiert, traumatisiert die ganze Familie. “Das einzige was fehlt ist, dass sie uns umbringen”, sorgt sich die Mutter.

Ihr Haus in Burin ist ihr Zuhause. Wohin sollten sie sonst gehen? Die Familie hofft immer noch darauf, dass sich alles ändert. Aber diese Hoffnung schwindet mit jeden Mal, wenn die Siedler wieder ins Dorf kommen.

Christina Beil (Februar 2010)