Berichte aus dem Einsatz

Jabal al Baba – Standhaftigkeit angesichts drohender Umsiedlung

Es ist das zweite Mal, dass wir die Beduinengemeinschaft Jabal al Baba besuchen. Das Dorf  befindet sich auf einem Hügel in der Westbank, zwischen der israelischen Siedlung Ma’ale Adumim und der palästinischen Stadt Al-‘Eizariya. Die Siedlung Ma’ale Adumim wurde 1975 gegründet und befindet sich ca. sieben Kilometer östlich von Jerusalem[1]. Mittlerweile leben hier etwa 38.000 Menschen. Der Bau von Siedlungen und Siedlungsaußenposten in den besetzten palästinensischen Gebieten verstößt gegen humanitäres Völkerrecht.[2]

Jabal al Baba liegt zwischen der völkerrechtswidrigen Siedlung Ma‘ale Adumim und Al Eizariya; © UNOCHA-OPT, Kartenausschnitt aus Humanitarian Atlas 2019

1994, unter dem damaligen Ministerpräsidenten Yitzhak Rabin, wurde der Siedlung das sogenannte „E1“-Gebiet (East 1) zugeschlagen, das die Fläche der Siedlung verdoppelte.[3] Durch internationalen Druck, vor allem seitens der Vereinigten Staaten, konnte die Umsetzung der Baupläne in E1 (etwa 3.500 Wohneinheiten[4])  in den folgenden Jahren verhindert werden. Auch für die EU sind die Bauvorhaben in E1 eine der „roten Linien“, die nicht überschritten werden sollen, da sie die Schaffung eines palästinensischen Staats verhindern würden.[5] Nichtsdestotrotz wurde 2008 das neu gebaute Hauptquartier der israelischen Polizei in E1 eröffnet. 2012 wurde der Planungsprozess für die Bebauung von E1 wieder aufgenommen, u.a. als Reaktion auf die Entscheidung der Vereinten Nationen zur Anerkennung des Staates Palästina als Beobachterstaat. Auch aktuell gibt es wieder Bemühungen, die Planungsverfahren weiter voranzutreiben, eine nächste Anhörung ist laut der israelischen Organisation PeaceNow für Mitte Juli geplant.[6]

Nicht größer könnte der Kontrast zur palästinensischen Gemeinde Jabal al-Baba sein. Sie ist eine von 46 Beduinengemeinden in der Gegend zwischen Jerusalem und dem Jordantal, die von erzwungener Umsiedlung bedroht sind[7] und in den letzten Jahren und Jahrzehnten immer wieder von Hauszerstörungen betroffen waren. Während die benachbarten israelischen Siedlungen wachsen, bekommen die Menschen in Jabal al Baba keine Baugenehmigungen von den israelischen Behörden.

Attalah, der Vorsteher der Gemeinde Jabal al Baba, begrüßt uns mit einem freudigen Lächeln. Er kennt unser Programm sehr gut, seit Jahren besuchen Ökumenische Begleiter:innen das Dorf regelmäßig.

Bei unserem ersten Treffen mit Attalah sitzen wir in seinem Büro, trinken Tee und Attalah gibt uns einen Überblick über die Herausforderungen seiner Gemeinde: Im Jahr 2014 wurden ihm zufolge sieben Häuser und zwei Tierunterkünfte zerstört, 2016 wurden fünfzehn Gebäude zerstört, u.a. EU-finanzierte Wohngebäude. Elf Gebäude und die Moschee des Dorfes bekamen einen Abbruchbefehl, so Attalah. UNOCHA listet insgesamt 17 weitere Zerstörungen in den Jahren 2017-2019 auf.[8] Die Zerstörungen sind eine der Herausforderungen, mit denen die Einwohner:innen von Jabal al Baba zu kämpfen haben: „Einige von uns waren im Gefängnis, einige von uns wurden erschossen“, erzählt uns Attalah. Immer wieder habe das Dorf in der Vergangenheit mit Gewalt von israelischen Sicherheitskräften zu kämpfen gehabt.

Jabal al Baba, Attalah; © WCC-EAPPI

Attalah wuchs gemeinsam mit seinen vier Geschwistern und seiner Mutter auf. Sein Vater starb, als er vier Jahre alt war. Er erinnert sich bis heute, wie die ersten Häuser in Ma‘ale Adumim gebaut wurden. Damals fragte er sich selbst: „Wer sind diese Menschen und warum dürfen Sie Häuser bauen“? Als er sechs Jahre alt war, sah er Soldaten auf seinem Schulweg und musste an Checkpoints anhalten. Er begann, die Nachrichten zu verfolgen, und beschäftigte sich in seiner Freizeit immer mehr mit dem Nahostkonflikt. Mit fünfzehn besuchte er seine erste Demonstration. Während eines Protest wurde er verhaftet und für fünf Monate eingesperrt: Attalah nutzte die Zeit im Gefängnis und studierte die Geschichte von Israel und Palästina. Nach seiner Freilassung begann er, wieder auf Demonstrationen zu gehen. Er öffnet sein Hemd und zeigt uns eine Narbe auf der rechten Schulter: Bei einer Demonstration wurde er angeschossen und musste ins Krankenhaus, wo er eine Woche später erwachte. Weitere drei Monate musste er zuhause bleiben, um sich zu erholen. Das, so erzählt er uns, hinderte ihn aber nicht daran, weiterhin für seine Recht einzustehen.

Auch wenn es in den letzten Monaten keine physische Konfrontation mit israelischen Sicherheitskräften gab, erzählt uns Attalah, so fliegen doch fast jede Nacht Drohnen über dem Dorf, israelische Militärjeeps patrouillieren in der Gegend bis zu zweimal pro Woche.

Auf unsere Frage, wohin die israelische Regierung die Beduinengemeinden umsiedeln will, antwortet Attalah müde: „Sie wollen uns in eine Gegend in der Nähe von einer Müllhalde umsiedeln. Diese Gegend passt nicht in den Lebensstil von Beduinen“. Er erzählt uns weiter, dass die Beduinengemeinden in Palästina und Israel den gleichen Ursprung haben, die Wüste Negev, arabisch Naqab. Während des Kriegs von 1948 mussten die Großeltern von Attalah ihre Heimat verlassen und siedelten sich am heutigen Ort des Dorfes an: „Wir lehnen es ab, noch einmal gewaltsam vertrieben zu werden“, meint Attalah zu uns.

Jabal al Baba; © WCC-EAPPI

Attalah leistet seit Jahren Advocacyarbeit, um auf die Probleme und Herausforderungen der Gemeinde unter israelischer Besatzung aufmerksam zu machen: Vor einigen Jahren fuhr er nach Rom, um mit dem Papst über das Schicksal des Dorfes zu sprechen. Ein Großteil des Hügels, auf dem die Gemeinde liegt, ist Eigentum des Vatikans. Das Grundstück wurde 1964 Papst Paul VI während eines Besuchs des Heiligen Landes vom damaligen jordanischen König geschenkt, daher auch der Name Jabal al-Baba – Papsthügel. Attalah, so erzählt er uns, erhielt die Zusage des Vatikans, dass die Gemeinde auch weiterhin auf dem Grundstück bestehen bleiben könne. „Ich habe viele Menschen auf der ganzen Welt kennengelernt und mit ihnen über die Besatzung und unsere Gemeinde gesprochen. Ich habe Vorträge an Universitäten und in Parlamenten gehalten, und durfte unterschiedlichste Menschen als Gäste unserer Gemeinde empfangen“. Für Attalah ist es ebenfalls wichtig, mit Israelis zusammenzuarbeiten. Er möchte ihnen das Leben und die Realitäten für Palästinenser:innen zeigen. Durch die Zusammenarbeit mit internationalen Organisationen hat das Dorf Zugang zu Wasser, Elektrizität und konnte ebenfalls ein kleines Gesundheitszentrum und einen Kindergarten aufbauen.

Trotz Attalahs Bemühungen meint er zu uns: „Wir sehen keine konkreten Erfolge unseres Engagements, wenn es um die Sicherstellung unserer Existenz hier geht. Weiterhin sind wir von Hauszerstörungen und Umsiedlung bedroht.“

Jabal al Baba; © WCC-EAPPI

Um die finanzielle Situation des Dorfes zu sichern, bietet Attalah Übernachtungen für Tourist:innen an. Während der Pandemie konnten Sie keine Gäste empfangen, Attalah ist sehr glücklich, dass dies jetzt wieder möglich ist. Während unseres ersten Besuchs erzählte er uns, dass seine Zelte für Übernachtungen bereits gebucht seien. Das Tourismusprojekt ist für Attalah zudem eine weitere Möglichkeit, Menschen aus aller Welt das Leben der Beduinengemeinde unter der Besatzung näher zu bringen.

„Ich habe erst fünfzig Prozent von dem erreicht, was ich für die Zukunft unseres Dorfes und für die Menschen in Palästina tun will“, meint Attalah zu uns, als wir uns von ihm und Jabal al Baba verabschieden.

Tabea, im Juli 2022

Ich nehme für das Berliner Missionswerk am Ökumenischen Begleitprogramm in Palästina und Israel (EAPPI) des Ökumenischen Rates der Kirchen teil. Diese Stellungnahme gibt nur meine persönlichen Ansichten wieder, die nicht unbedingt die von/des Berliner Missionswerks oder des Ökumenischen Rates der Kirchen sind.

[1] https://peacenow.org.il/en/settlements/settlement70-en

[2] Genfer Konvention IV, Artikel 49 „Die Besetzungsmacht darf nicht Teile ihrer eigenen Zivilbevölkerung in das von ihr besetzte Gebiet deportieren oder umsiedeln.“

[3] Ir Amim „E1 report“ Dezember 2012, S. 2 https://www.ir-amim.org.il/en/report/e1-report

[4] https://peacenow.org.il/en/objection-to-building-a-new-settlement-in-e1

[5] https://www.haaretz.com/eu-seeks-talks-with-israel-over-red-lines-in-west-bank-1.5318523

[6] https://peacenow.org.il/en/despite-its-promise-the-government-is-promoting-the-e1-plan-which-is-considered-deadly-for-the-future-of-two-states

[7] https://www.ochaopt.org/atlas2019/wbthematic.html

[8] https://www.ochaopt.org/data/demolition, Breakdown nach “Communities”

Hoffnungsträger Bildung

Besuch der Bethlehem University

Unser dreimonatiger Aufenthalt in Bethlehem neigt sich dem Ende entgegen. Unsere Erlebnisse waren häufig herausfordernd: Lange Schlangen an Checkpoints, Hauszerstörungen, Kinder, die auf dem Schulweg mit ständiger Militärpräsenz konfrontiert sind. Und dennoch gab es auch immer wieder Lichtblicke.

Wir könnten uns gerne einer der nächsten Gruppen bei einer Führung durch die Universität anschließen, wurde unserer Kollegin Nina vom EAPPI-Team Bethlehem auf ihre Anfrage mitgeteilt – doch dann verlief unser Besuch der Bethlehem University of the Holy Land doch überraschend anders. Am Eingangstor wusste man schon Bescheid über unser Eintreffen. Nach ein paar Minuten, in denen wir, von der lauten, staubigen Straße kommend, die unverhoffte Blütenpracht und die Ruhe und Schönheit des Uni-Innenhofs genossen hatten, wurden wir von Besuchskoordinatorin Amjaad in Empfang genommen. Sie erklärte uns gleich, dass wir einen eigenen Termin mit dem Vizekanzler der Universität, Bruder Peter Bray, und „student ambassadors“ haben würden und brachte uns in den weiträumigen, holzgetäfelten Konferenzsaal. Dort nahm uns sehr herzlich Bruder Peter in Empfang. Er stammt aus Neuseeland, gehört zur christlichen Bruderschaft nach De La Salle und leitet die Universität seit 14 Jahren. Später wird er uns erzählen, dass dies aufgrund all der Unwägbarkeiten die schwierigste Stelle sei, die er je hatte, aber auch die erfüllendste.

Im Gespräch mit Bruder Peter, dem Leiter der Universität; © Bethlehem University

Von Bruder Peter und aus einem kleinen Einführungsfilm, den wir vor Ort schauen, erfahren wir, dass die Gründung der katholischen Universität Bethlehem des Heiligen Landes auf eine Initiative von Papst Paul VI. zurückging. 1964 hatte der Papst das Heilige Land besucht, und in der Folge dieses Besuchs wurde es ihm ein Anliegen, ein Projekt anzustoßen, das nachhaltig etwas für das palästinensische Volk verändern könnte.[1] Viele junge Leute haben damals das Land nach der Sekundarschule verlassen, da es im Umkreis keine Universität gab. Nicht nur habe dies die Familien vor äußerst hohe Kosten gestellt, auch kehrten viele der Student:innen nicht in ihre Heimat zurück, brachten ihr Wissen und ihr Können nicht in Palästina ein.

Vertreter katholischer Bildungseinrichtungen im Heiligen Land schlugen schließlich dem Papst vor, eine Universität einzurichten. 1973 wurde die Universität, gefördert vom Vatikan – „Joint venture with the Vatican“, sagt Peter – mit 112 Studierenden eröffnet. Heute studieren etwa 3.400 junge Frauen und Männer an der Bethlehem University. Es gibt fünf Fakultäten und eine große Zahl an Fächern und möglichen Abschlüssen. Man blickt auf fast 20.000 Absolventinnen und Absolventen zurück.

Die jungen, noch unsicheren Studierenden zu Beginn ihres Studiums zu sehen und dann die Persönlichkeiten, zu denen sie sich entwickelt haben, wenn sie die Uni verlassen, gebe ihm eine große Zufriedenheit, so Bruder Peter. Die Abschlüsse sind auch in Israel anerkannt, was vor allem wichtig ist für Studierende aus Ost-Jerusalem. Zurzeit seien 78% weibliche Studierende an der Uni eingeschrieben – Palästina habe die höchste Rate an Akademikerinnen im Nahen Osten, so Peter.

Auf der Webseite ist zu lesen, dass die Bethlehem University insgesamt 12mal vom israelischen Militär geschlossen wurde, unter anderem von 1987 bis 1990, also während der Zeit der ersten Intifada. Ein wichtiges Ziel der Universität sei es, so Bruder Peter, trotz der Besatzungssituation eine gute Atmosphäre des Lernens zu schaffen und den Studierenden einen sicheren Ort für ihr Studium zu bieten. Viele Studierende haben eine beschwerliche Anreise, müssen Checkpoints passieren und sind dort häufig Schikanen durch Soldat:innen ausgesetzt. Die beim Betreten des Universitätsgeländes zu bewundernde Gartenpracht soll dazu dienen, dass die Studierenden sich wohlfühlen, sich entspannen und so besser lernen können.

Die Studierenden berichten aus ihrem Alltag und von ihren Hoffnungen für die Zukunft; © Bethlehem University

Und das tun sie, erfahren wir von den vier anwesenden Vertreter:innen der Studentenschaft. Alle vier studieren Englisch mit verschiedenen Schwerpunkten, etwa Literatur-wissenschaft oder Übersetzung und Dolmetschen, oder haben einen wirtschaftlichen Schwerpunkt. Sie alle beherrschen die englische Sprache fließend und berichten uns von ihren täglichen Herausforderungen, von Jerusalem aus, wo drei von ihnen zu Hause sind, überhaupt durch den Checkpoint nach Bethlehem und zur Uni zu gelangen. Sie berichten von Schikanen und Belästigungen durch die diensthabenden Soldaten oder Soldatinnen, oder auch schlichten Zurückweisungen. Dann fällt die Uni für sie an dem Tag aus. Eine der vier lebt in Hebron und berichtet, wie sie als Bewohnerin der West Bank einmal den umgekehrten Weg versucht hat, nämlich während des Ramadan zum Fest  Lailat al-Qadr nach Jerusalem zu kommen, um in der Al Aqsa Moschee zu beten. Es ist ihr nicht gelungen – sie durfte nicht passieren.

Sie alle haben bestimmte Hoffnungen und Vorstellungen bzgl. ihrer Karrieren: Eine von ihnen will Lehrerin werden, die andere hofft, im Ausland einen PhD machen zu können, dann aber zurückzukommen. Eine möchte an die Uni zurück als Dozentin. Einer würde gerne in einem internationalen Unternehmen in Palästina arbeiten. Was ihnen gemeinsam ist: Sie wollen in Palästina leben und ihr Land voranbringen.

Warum sie die Bethlehem University ausgesucht haben? Weil hier neben dem Fachlichen eine gute Atmosphäre für alle Palästinenser:innen herrsche, die Religionszugehörigkeit spiele überhaupt keine Rolle, sie interessiere hier niemanden. Und, sehr wichtig, betonen sie nochmals: Die Uni bietet eine sichere Umgebung, „a safe environment“. 2002 habe es den letzten Zwischenfall mit Soldaten auf dem Campus gegeben, fügt Brother Peter hinzu.

Die Uni freue sich immer über Besucher,  weil das zeige, dass man nicht vergessen werde in Palästina, und das sei entscheidend, um die Hoffnung am Leben zu erhalten, so Brother Peter. Da wir von unserer Rolle als EAs hier und später nach unserer Rückkehr in unsere Heimatländer berichtet haben, fragt er die vier: Was möchtet ihr, dass sie zu Hause erzählen? Ihre Antwort: „Dass wir normale Menschen sind, normale Studenten, keine Terroristen, wie es oft im Fernsehen dargestellt wird.“ Und sie möchten, dass wir von den Hindernissen durch die Besatzung in ihrem Leben berichten, und uns dafür einsetzen, dass auch ihre Menschenrechte respektiert und geachtet werden.

Die Geschichte der Universität ist eine Geschichte von Menschen, die sich für ihre Hochschulbildung einsetzen – mit Ausdauer und Mut angesichts von Widrigkeiten und Ungerechtigkeit –, die hoffnungsvoll mit einem immer größer werdenden internationalen Kreis von Kollegen zusammenarbeiten, um eine bessere Zukunft aufzubauen.“[2] Was auch immer „they“, die Besatzer, ihnen tun würden, so betonen die Studierenden am Ende unsere Begegnung, „they cannot take my education.“ So wird die Bildung, und das ist auch das Postulat der Universität, zum „Beacon of hope“, zum Leuchtfeuer der Hoffnung.

EA Kerstin, im Juni 2022

Ich habe für pax christi – Deutsche Sektion am Ökumenischen Begleitprogramm in Palästina und Israel (EAPPI) des Ökumenischen Rates der Kirchen teilgenommen. Diese Stellungnahme gibt nur meine persönlichen Ansichten wieder, die nicht unbedingt die von pax christi oder des Ökumenischen Rates der Kirchen sind

[1] https://www.bethlehem.edu/aboutbu/#more-info

[2] https://www.bethlehem.edu/aboutbu/#more-info Übersetzung der Autorin

Begegnungen mit palästinensischen Frauen und Mädchen

Schülerinnen in der Altstadt von Jerusalem; Foto © WCC-EAPPI

Jeden Tag sehen wir Mädchen und Frauen unterwegs in den Straßen von Ost-Jerusalem: Schülerinnen auf dem Weg zur Schule – meist in kleinen Gruppen zu zweit oder zu dritt, lachend und schwatzend, junge Frauen mit ihren kleinen Kindern, ältere Frauen unterwegs beim Einkaufen, oft mit großen Tüten, Geschäftsfrauen und die alten Bäuerinnen, die am Damaskustor sitzen mit großen Bergen von Weinblättern und Gewürzen, die sie verkaufen. In manchen Restaurants sitzen, nach wie vor, unten im „öffentlichen“ Saal die Männer und im ersten Stock die Frauen und Familien. Dort herrscht meist eine fröhliche lebendige Stimmung. Gestern waren wir in einem schicken Café auf der Terrasse im ersten Stock – zusammen mit vielen jungen Frauen – manche arbeiten an Laptops, manche unterhalten sich, andere rauchen Wasserpfeife.

Auf der Straße kommen wir mit den Frauen kaum ins Gespräch. Ich möchte jedoch mehr erfahren über die Lebenssituation der Frauen hier. Vielfach höre ich, dass palästinensische Frauen einer zweifachen Belastung ausgesetzt sind: durch kulturelle Normen und die Auswirkungen der israelischen Besatzung. Auf der anderen Seite wird mir immer wieder erzählt, dass Frauen das starke Element in der Familie seien.

Bewegungsfreiheit

Die Auswirkungen der Besatzungssituation betreffen nicht selten die Bewegungsfreiheit von Frauen in Palästina. Ich höre immer wieder, dass Frauen mehr zuhause bleiben. Viele Frauen machten sich Sorgen, was bei der Fahrt durch die besetzten Gebiete alles passieren könnte. Viele zögerten, allein die Checkpoints zu passieren. Begegnungen mit palästinensischen Frauen und Mädchen weiterlesen

Schulkinder vor besonderen Herausforderungen

Eine der ersten Schulen, die wir EAs vom Team Bethlehem besuchten, war die Al Minya Schule im gleichnamigen Dorf. Das Vorgängerteam hatte uns berichtet, dass es dort oft Schikane der Kinder durch Siedler gegeben hatte und schützende Präsenz durch EAs dringend notwendig sei und von der Schule ausdrücklich gewünscht werde. Auch israelische Soldat:innen seien regelmäßig präsent und sogar schon in die Schule eingedrungen.

Al Minya (hier al-Maniyah) liegt zu beiden Seiten der Umgehungsstraße, in der Nähe der Siedlungen Tekoa und Ma’ale Amos mit ihren jeweiligen Außenposten. Karte © B’Tselem https://www.btselem.org/map

Die Schule liegt direkt an einer viel (und schnell) befahrenen Umgehungsstraße, die auch von Siedler:innen genutzt wird, im C-Gebiet der Westbank[1] und in der Nähe der israelischen Siedlungen Ma’ale Amos und Tekoa. Wir kommen an verschiedenen Tagen je zweimal zu den kritischen Zeiten, zu Schulbeginn und zu Schulende, um sogenannte schützende Präsenz zu zeigen. Im Ramadan beginnt die Schule erst um 9 Uhr und endet um 11 Uhr. Als der Monat des Ramadan Anfang Mai zu Ende ist, findet der Unterricht von 7.45 bis 10.10h statt, die Lehrer:innen bleiben bis 11 Uhr.  Der Unterricht ist während der gesamtem Zeit unseres Einsatzes verkürzt: die Lehrer:innen der öffentlichen Schulen befinden sich im Streik, da sie seit fünf Monaten kein oder ein reduziertes Gehalt bekommen haben. Schulkinder vor besonderen Herausforderungen weiterlesen

Standhafte Frauen und internationaler Druck

Eine fragile Erfolgsgeschichte aus Jubbet Adh Dhib

Fadia in ihrem Garten; Foto © WCC-EAPPI

Nach einer halbstündigen Fahrt aus Bethlehem kommen wir in Jubbet Adh Dibh an. Es ist eines der entlegensten Dörfer im Verwaltungsgebiet der Stadt Bethlehem. Wir betreten das mit Klimaanlage gekühlte Wohnzimmer von Fadia, die uns freundlich mit Wasser und arabischem Kaffee begrüßt. Wir sind hier mit Hamed, der für die UNOHCHR arbeitet und zwei seiner Kolleg:innen. Hamed ist im Dorf bekannt, schon häufig konnte er unterstützen und vermitteln, wenn Hilfe im Dorf benötigt wurde.

Erst seit ein paar Jahren hat das Dorf rund um die Uhr Zugang zu Elektrizität und ausreichend Wasser. Lokale und internationale Organisationen haben bei der Umsetzung geholfen, aber es ist vor allem auch ein Verdienst von Frauen wie Fadia, die unermüdlich für ihre Rechte und die des Dorfs eintreten[1]. Standhafte Frauen und internationaler Druck weiterlesen

Gemeinsames Gedenken – Die israelisch-palästinensische Joint Nakba Remembrance Ceremony

Nach dem Joint Memorial Service am 3.5. (für die Opfer von Gewalt auf beiden Seiten, siehe auch Bericht von EAs hier) lud die israelisch-palästinensische Gruppe Combatants for Peace ein, um eines weiteren Aspekts der gemeinsamen Geschichte zu gedenken: Der palästinensischen Nakba. Die dritte „Joint Nakba Remembrance Ceremony“ fand am 15. Mai 2022 in einem Festsaal außerhalb von Beit Sahour statt und wurde live auf Facebook und YouTube übertragen.

Das arabische Wort Nakba[1] – Katastrophe – bezeichnet die Flucht und Vertreibung von etwa 700.000 palästinensischen Menschen aus der Gegend des früheren britischen Mandatsgebiets Palästina im Zeitraum zwischen dem Beschluss der UN zur Teilung Palästinas (UN-Teilungsplan November 1947) und dem Waffenstillstand von 1949 nach dem israelischen Unabhängigkeitskrieg, der in Folge des Einmarschs arabischer Armeen nach der Staatsgründung Israels am 14. Mai 1948 begann.

Das Erinnern an und das Sprechen über die Nakba sind für das kollektive palästinensische Gedächtnis von großer Bedeutung. In Israel haben wir Zeugen dieser Ereignisse gesehen, die Überbleibsel palästinensischer Dörfer: Steinmäuerchen, Olivenbäume, Kaktushecken. In Israel selbst ist die Aufarbeitung der Nakba ein schwieriges Thema. 2011 etwa wurde ein Gesetz verabschiedet, wonach öffentlich finanzierten Einrichtungen Gelder gestrichen werden können, wenn sie „den israelischen Unabhängigkeitstag oder den Tag, an dem der Staat gegründet wurde, als Tag der Trauer begehen.“[2]

„Wir müssen über die Nakba sprechen – nicht nur auf Arabisch, sondern auch auf Hebräisch“ sagt der israelische Moderator in seiner Begrüßung. Gemeinsames Gedenken – Die israelisch-palästinensische Joint Nakba Remembrance Ceremony weiterlesen

Restriktive Stadtplanung in Ost-Jerusalem

Warum sehen so viele palästinensische Stadtteile in Ostjerusalem so heruntergekommen aus? Warum ist so vieles kaputt? Warum der herumliegende Müll, die schlechten Straßen?

Vorwahrlosung in Ost-Jerusalem, direkt an der Mauer; Foto © WCC-EAPPI

Diese Fragen haben wir EAs uns des Öfteren in unseren ersten Wochen in Jerusalem gestellt.  Anfangs habe ich keine Bilder davon gemacht. Ich wollte nicht die Vorstellung stärken, dass solche Zustände typisch für die palästinensische Kultur / Eigenart / „way of life“ seien. Denn so formulierte es z.B. ein Teilnehmer auf einer Studientour der Organisation Ir Amin[1] durch Ostjerusalem. Er sagte: „Aber so wollen die Palästinenser doch leben.“

Ein Besuch bei BIMKOM – Planners for Planning Rights  hilft uns, wichtige Hintergründe hinsichtlich der Stadtplanung in Jerusalem zu verstehen. „Bimkom“, so ist auf der Webseite zu lesen, „ist eine israelische Menschenrechtsorganisation, die 1999 von einer Gruppe professioneller Planer und Architekten gegründet wurde, um Demokratie und Menschenrechte im Bereich der Raumplanung und Wohnungspolitik in Israel und in der Zone C des Westjordanland, das unter israelischer Kontrolle steht, zu stärken.“

Unsere Gesprächspartnerin Sari Kronisch ist zuständig für Projekte in Ost Jerusalem. BIMKOM, so erzählt sie uns, arbeitet an der Schnittstelle zwischen Stadtplanung und Menschenrechten: Welche Auswirkungen hat Stadtplanung auf die Lebensbedingungen der palästinensischen Bewohner:innen in Ost Jerusalem – auf die Wohnsituation, Baurecht, Gesundheitsfürsorge, Bildungschancen etc. Wie verbindet sich israelische Stadtplanung in den palästinensischen Wohngebieten mit dem Besatzungsrecht und welche enormen Auswirkungen hat das auf die Lebensqualität der palästinensischen Bevölkerung, auf Männer, Frauen und Kinder? Restriktive Stadtplanung in Ost-Jerusalem weiterlesen

Von Schäfern und Siedlern im Heiligen Land

Wir EAs (Ecumenical Accompaniers oder Ökumenische Begleiter:innen des Ökumenischen Begleitprogramms in Palästina und Israel des Weltkirchenrats) begleiten am Nachmittag in den South Hebron Hills den Schäfer Hajj Jibrin und seine Herde auf seinem Land in der Gegend des Dorfes Qawawis – und in der Nähe des israelischen Siedlungsaußenpostens Avigayil. Ich bin eigentlich Teil des Teams in Bethlehem und nur für drei Tage auf Besuch im Einsatzort in den South Hebron Hills. Ich genieße den Blick über die Hügel in die weite Landschaft, auf die wilden Pflanzen, die rötliche Erde, die mit verschiedenen Flechten überzogenen Felsen und Steine  – und das ruhige, würdevolle Voranschreiten des Schäfers mal hinter, mal inmitten seiner grasenden Schafherde. Auch einige Ziegen sind dabei. Wenn einige Tiere sich zu weit entfernen, hebt er einen der in großer Zahl herumliegenden Steine auf und wirft sie hinter die abseits gebliebenen Schafe – und sie laufen rasch zurück zur Herde. So ziehen wir gemächlich voran, queren auch ein-, zweimal eine schmale Straße. Es ist so friedlich.

Der Kartenausschnitt zeigt palästinensische Gemeinden und israelische Siedlungen in den South Hebron Hills, in der Mitte Qawawis und Avigayil; © UNOCHA-OPT

Doch wir nähern uns langsam dem Sichtbereich des Außenpostens auf dem Hügelkamm. Nicht mehr weit von der Herde entfernt sehen wir in einer Talmulde – nach wie vor auf dem Land von Hajj Jibrin – frisch gepflanzte Olivenbaumschösslinge, geschützt durch eine grüne Plastikumhüllung. Und wir sehen eine sehr westlich wirkende Zweierschiffschaukel aus Holz. Wir erfahren von Hajj Jibrin, dass die Siedler hier am Werk waren und das Land beanspruchen.

Oben auf dem Hügelkamm tauchen plötzlich drei Gestalten auf und beobachten uns  – dann stürmen sie den Hügel hinunter auf uns zu. Von Schäfern und Siedlern im Heiligen Land weiterlesen

Gemeinsames Gedenken: Die israelisch-palästinensische Joint Memorial Day Zeremonie

Am Mittwoch, dem 04.Mai, wird in diesem Jahr in Israel der Yom HaZikaron begangen, der Tag der Erinnerung für Israels gefallene Soldaten und für Opfer von Terrorismus. Ein Tag, der tief eingewoben ist in die Erinnerungskultur der jüdischen Menschen in Israel. Am Vorabend um 20 Uhr klingen durchdringende Sirenen in ganz Israel. Eine Minute Gedenken an verlorene Angehörige.

Die Einladung zur israelisch-palästinensischen Gedenkzeremonie wurde weltweit geteilt; © CfP

Zur gleichen Zeit findet in Beit Jala und in Tel Aviv zum bereits 17. Mal die Joint Memorial Day Ceremony statt. Die Aufzeichnung wurde inzwischen hier veröffentlicht [1]. Palästinenser:innen und Israelis begehen diesen Abend gemeinsam, sie erinnern an ihre geliebten Toten auf beiden Seiten und wollen so Samen der Hoffnung und des Friedens säen. Die Idee zu dieser gemeinsamen Zeremonie stammt ursprünglich von Boma Inbar, dessen Sohn 1995 als Soldat im Libanon gefallen ist, und anderen Friedensaktivist:innen. Heute wird die Veranstaltung von Combatants for Peace[2] und  Parents Circle Families Forum[3] durchgeführt. Gemeinsames Gedenken: Die israelisch-palästinensische Joint Memorial Day Zeremonie weiterlesen

Unruhige Feiertage in Jerusalem

Dieses Jahr werden Ramadan, Ostern und Pessach im April gefeiert. Ein Zusammenfallen der Feiertage der drei monotheistischen Weltreligionen kommt nur etwa alle 30 Jahre vor und ist an keinem Ort der Welt so spürbar wie in Jerusalem. Die Erwartung ist groß – endlich darf nach Corona wieder gefeiert werden. Gleichzeitig ist steigende Spannung spürbar.

Festlicher Schmuck zu Ramadan nahe des Damaskustors; © WCC-EAPPI

Am Abend des 1. April hat der Ramadan begonnen – eine Zeit, die das öffentliche Leben in Ost-Jerusalem sehr verändert. Tagsüber ist das Leben ruhiger.  Nach Sonnenuntergang – und damit nach dem täglichen Fastenbrechen – ist mehr los. Die muslimisch geprägten palästinensischen Viertel Ost-Jerusalems sind in der Nacht geschmückt mit bunten Lichtern, die mich an bunte weihnachtliche Lichterspiele an Häusern in Deutschland erinnern.

Dazu haben am Sonntag, den 10.04., mit dem lateinischen Palmsonntag die christlichen Osterwochen begonnen. Die Christ:innen in Palästina und Israel sind nur eine kleine Minderheit neben den großen muslimischen und jüdischen Religionsgruppen[1]. Eine Teamkollegin schickte mir vor kurzem einen Artikel aus der New York Times, in dem eine palästinensische Pfadfinderleiterin mit den Worten zitiert wird: “We are like a potato mashed between everyone.”[2]Wir sind wie eine Kartoffel, zwischen allen zerdrückt. Unruhige Feiertage in Jerusalem weiterlesen