Aktuelles & Berichte

Erinnerungskultur

Janusz Korczak und die Ghettokinder – Skulptur in Yad Vashem
Janusz Korczak und die Ghettokinder – Skulptur in Yad Vashem

Yad- Vashem – das Denkmal der Namen, das Museum des Holocaust. Der Besuch, gemeinsam mit unserer gesamten EAPPI- Gruppe, war eindrucksvoll. Die Historie ist mir weitgehend bekannt, aus dem Geschichtsunterricht, von den Besuchen in KZ- Gedenkstätten, aus Büchern. Auch in Herford haben wir uns mit den Namen der Opfer beschäftigt, die die Nationalsozialisten aus dem Gedächtnis der Menschheit tilgen wollten. Am eindrücklichsten war mir hier das „Denkmal für die Kinder“ – in völliger Dunkelheit brennen fünf Kerzen, deren Lichter durch viele Spiegel unzählbar oft reflektiert werden – wie ein Sternenhimmel. Dazu werden die Namen, die Nationalität und das Alter der ermordeten Kinder vorgelesen – drei Monate braucht das Tonband für alle. Erinnerungskultur weiterlesen

Tent of Nations – „Wir weigern uns, Feinde zu sein“

Daoud Nasser - Tent of Nations
Daoud Nasser – Tent of Nations

Daoud Nasser ist ein eindrucksvoller Mensch: Er scheint gleichzeitig an mehreren Orten sein zu können: wenn Studenten helfen beim Bäume pflanzen und abernten, je nach Jahreszeit. Wenn sie dort praktizierte Müllvermeidung organisieren, als gelte es zu beweisen, dass Palästina ganz viel weniger schädlichen und landschaftszerstörenden Abfall produzieren könnte. Wenn sie anfangen, das Regenwasser in ihrem Zentrum in einem großen unterirdischen Becken aufzufangen, und es dann auf andere Stellen umpumpen, mit Sonnenenergie natürlich, die intensiv genutzt wird. Wenn seine Frau und er wo auch immer gebraucht werden. Sie sind bekannt und geschützt durch ihre Bekanntheit in den neuen Medien und die stete internationale Präsenz. Tent of Nations – „Wir weigern uns, Feinde zu sein“ weiterlesen

Mauergebete

Das "car gate" am Checkpoint 300 (Gilo)
Das „car gate“ am Checkpoint 300 (Gilo)

Fast schon trotzig angesichts von Mauer, Ungerechtigkeiten, Schikanen und Brutalität schicke ich Friedensgrüße aus Bethlehem, wo es im Alltag durchaus auch normal, festlich, (un)aufgeregt und uns gegenüber sehr freundlich zugeht. Man kennt „uns“ hier seit vielen Jahren, erkennbar an unseren beigefarbenen Jacken mit der Friedenstaube des ÖRK, die „ökumenischen Begleiter“, „EAs“ genannt. Mauergebete weiterlesen

Konfiszierung der Solaranlage von Jubbet adh Dhib

Karte UNOCHA
Karte UNOCHA

Am 13.Juli besuchten wir die kleine Gemeinde Jubbet adh Dhib nahe Bethlehem. Wir kamen in ein auf den ersten Blick verlassenes Dorf. Aber dann sammelten sich doch Frauen und Kinder um uns. Hier also war das israelische Militär am Mittwoch, 28.6.2017 um 8 Uhr morgens  eingedrungen und hatte ohne Vorwarnung und vorher auszuhändigende “Stop work order” die vor gerade acht Monaten installierte große Solaranlage konfisziert, teilweise zerstört und abtransportiert. Konfiszierung der Solaranlage von Jubbet adh Dhib weiterlesen

Frische Trümmer

„Vor zwei Wochen haben wir die Fenster und Türen eingesetzt und den Bau damit fertiggestellt“, erzählt ein Handwerker, der wie wir kurzfristig von der Hauszerstörung gehört hat. Jetzt ist alles nur noch ein Trümmerhaufen. Als wir ankommen, sind die Bulldozer gerade fertig mit ihrem Zerstörungswerk. Sie haben den Zugang zum Grundstück mit Flatterband abgesperrt – es liegt mitten im Ost-Jerusalemer Stadtteil Beit Hanina, in direkter Nähe zur Hauptstraße, die vom Qalandia Checkpoint ins Stadtzentrum führt.

Trümmer in Beit Hanina, Foto EAPPI
Trümmer in Beit Hanina, Foto EAPPI

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„Meine Heimat ist kein Koffer…“

An einer Wand im Jerusalemer Stadtteil „Silwan“ habe ich diesen Satz gelesen, auf Englisch: „My homeland is not a suitcase and I am not a traveller“ stand dort geschrieben, wo aufgrund von Ausgrabungen auf dem Gebiet des ersten, des kanaanitischen Jerusalems viele palästinensische Häuser abgerissen werden sollen.

Graffiti in Silwan
Graffiti in Silwan

Aus dem Koffer können und wollen auch die Beduinen nicht leben, die nach 1948 von dem neu gegründeten Staat Israel aus dem Negev vertrieben wurden oder flohen, und im Osten von Jerusalem neue Weideplätze fanden. Inzwischen sind aber israelische Siedler in diese Gegend gekommen, haben die Bergspitzen besiedelt und sie zu ganzen Städten ausgebaut – illegal, weil ohne völkerrechtliche Grundlage auf palästinensischem Gebiet. Ost-Jerusalem wurde 1980 von Israel annektiert, die Annexion blieb ohne internationale Anerkennung. Nun beansprucht die israelische Führung ein weiteres großes Gebiet mitten in der Westbank, zwischen Jerusalem und Jericho, ebenfalls für das eigene Land. Noch mehr Siedlungen sollen gebaut werden – die Planungen laufen unter dem Kürzel „E1“. Darum sollen die Beduinen noch einmal umgesiedelt werden, wogegen sie sich heftig wehren.

Wir haben jetzt schon zwei Dörfer der Beduinen vom Stamm der Jahalin besucht. Über gut ausgebaute Straßen, die zu den Siedlungen führen, kommen wir mit dem Taxi in die kahle und karge Bergregion in das eine, Khan al Ahmar genannt – die Straße müssen wir verlassen, indem wir über die Leitplanken klettern, dann stehen wir vor dem Dorf. Es besteht aus Hütten, die aus Wellblech und Plastikplanen gebaut sind. Als wir in eine der Hütten eingeladen werden sehen wir auch ihre Konstruktion aus Holzbalken. Der Winter ist hier in 800 m Höhe recht kalt – Abu Khamis, der Leiter der Gemeinschaft, der uns empfängt und Tee anbietet, erzählt, dass er mit Holz heizt.

Aber wichtiger ist ihm, dass er hier überhaupt ein Zuhause haben kann – das ist nicht sicher, weil die Hütten nicht genehmigt sind. Es werden in dieser Gegend auch keine Genehmigungen durch die israelischen Behörden erteilt – und die palästinensische Verwaltung ist in diesem, nach den Oslo- Verträgen als „C-Gebiet“  ausgewiesenen Bereich, nicht zuständig. Deshalb nimmt sich die israelische Seite das Recht, Bulldozer zu schicken und Hütten wie Häuser abzureißen.

Die Beduinen leben also in ständiger Angst vor den Bulldozern. Sie haben in Khan al Ahmar eine Schule gebaut, mit Autoreifen und Erde als Baumaterial – die Idee dazu kam aus Südamerika, erzählt Abu Khamis – in seiner prekären Situation hat er internationale Unterstützung erleben können. Hier werden über 150 Schülerinnen und Schüler aus fünf Beduinendörfern betreut. Aber auch sie hat eine „Demolition-Order“, eine Zerstörungsaufforderung. Insbesondere in den langen Sommerferien – von Juni bis September, wenn die Schule nicht genutzt wird, sei sie bedroht. Deshalb hat er versucht, Summer-school- Projekte, bei uns würde man vielleicht „Ferienspiele“ dazu sagen, anzuregen. Die UN – Organisation für humanitäre Angelegenheiten (UN OCHA) hat zwei Wochen übernommen, und die Al-Quds- Universität will vom 15. bis 25. Juli einige Studenten schicken.

Abu Khamis, der Dorfvorsteher von Khan al Ahmar
Abu Khamis, der Dorfvorsteher von Khan al Ahmar

Abu Khamis erzählt, dass ihnen Wohncontainer angeboten worden wären – als Geschenk, um die alten Hütten verlassen zu können. Sein Dorf habe das abgelehnt. Das Nachbardorf sei darauf eingegangen, was sie jetzt sehr bedauerten: Denn auch die Wohncontainer waren trotz EU-Finanzierung nicht genehmigungsfähig und wurden von den israelischen Behörden zerstört. Das Wiederaufbauen der alten Hütten war dann aber auch nicht mehr möglich – sie wurden als illegale Neubauten sofort zerstört. Die Menschen dort wären jetzt obdachlos, müssten in selbstgebauten Zelten ausharren.

Abu Khamis erzählt auch, dass immer wieder Siedler aus den Siedlungen herabkommen, um Angst zu verbreiten. Neulich seien sie nachts mit Autos in das Dorf gefahren, hätten dort eine Stunde gewartet, aber als alle in ihren Hütten blieben, seien sie wieder gefahren. Früher seien sie vor allem an Samstagen, ihrem freien Tag, gekommen – seit die Teams von EAPPI regelmäßig an den Samstagen zu Besuch gekommen wären, hätte das aufgehört. Er bittet uns, doch diese schützende Präsenz aufrecht zu erhalten.

Ermutigender ist der Besuch bei den Jabal al Baba- Beduinen. Wir fahren spätabends dorthin, weil sie über Tag wegen des Ramadanfastens keinen Besuch empfangen wollen. Hier sitzen wir in einem garagenähnlichen Gebäude aus Beton. Die kleine Gemeinschaft besteht aus gut 300 Menschen in 55 Häusern. Der jordanische König hatte 1964 dem damaligen Papst Paul VI. bei einem Besuch ein Stück Land auf diesem Hügel als Willkommensgeschenkt übertragen. Deshalb heißt der Berg auch „Dschebel al Baba“, Hügel des Papstes. Der Dorfälteste plant auf einer Europareise auch einen Besuch beim Papst. Das aber hindert die israelischen Behörden nicht, Hauszerstörungen anzudrohen und umzusetzen. Die Beduinen bauen die Häuser jedoch wieder auf, immer wieder.

In ihrem Widerstand sind sie kreativ, aber gewaltfrei: So haben sie z.B. viele tausende von Steinen ihres Berges zusammengesucht und zu einem riesigen Schriftzug gelegt: „Wir bleiben hier“ – Der war für die auf dem gegenüberliegenden Berg liegende israelische Siedlung gut zu lesen. Deshalb kamen Soldaten – es mussten 200 sein, um die vielen Steine wieder auseinander zu ziehen.  Die Beduinen haben die Steine noch einmal zusammengelegt, und einen zweiten (friedlichen) Militäreinsatz provoziert, dann hatten sie zunächst einmal genug öffentliche Wirkung erreicht.

Jüngst haben sie mit der Unterstützung der amerikanischen Internetkampagnenorganisation „Avaaz“ eine Unterschriftenaktion[1] gestartet. Fast 900.000 Unterstützer aus der ganzen Welt haben gegen ihre Vertreibung unterzeichnet – jetzt haben sie die Namen nach Ländern geordnet und wollen die jeweiligen Nationalfarben an die Häuser kleben, und die Flaggen darauf hissen. Ein internationales Beduinendorf, das sich so gegen die Hauszerstörung wehrt. Ich freue mich schon auf die Fotos, die ich hoffentlich machen kann.

Es ist schwer, sich vorzustellen, mit der Angst vor der Hauszerstörung leben zu müssen. Aber die Beduinen haben schon viel erlitten – ihre Weidegebiete wurden durch die Siedlungen, ihre Straßen und durch neue Grenzen immer weiter eingeschränkt. Das Dorf auf dem Papstberg ist von der Trennmauer fast rundherum eingekreist – nur am Dorfeingang wurde sie noch nicht fertig gestellt. Wenn das geschieht, können die Kinder nicht mehr in die Schule in der nahen Stadt Al- Eizariya gehen. Auch das ist eine ständige Bedrohung, mit der die Beduinen schon länger leben. Sie geben nicht auf, weil sie ihre Heimat eben nicht in einen Koffer packen können.

Berthold, Juni 2017

[1] https://secure.avaaz.org/en/stop_the_bulldozers_loc/

Jerusalem – Stadt der Gegensätze

Blick über die Altstadt von Jerusalem zum Ölberg
Blick über die Altstadt von Jerusalem zum Ölberg

Drei Monate in Jerusalem zu sein, zu leben, Menschen in ihrem Alltag zu begleiten, das muss doch ein Traum sein. Oder eher eine große Herausforderung? Jerusalem, Al-Quds, Yerushalayim – wohl kaum eine Stadt ist von solch einer Aura umgeben, aber auch so umstritten, ja umkämpft im wahrsten Sinne des Wortes. Jerusalem – Stadt der Gegensätze weiterlesen

Besatzung muss ein Ende haben!

George Handal
George Handal

„Unter Besatzung zu leben bedeutet, viele Dinge zu verlieren. Freiheit und offenes Gelände, auf dem man sich bewegen kann. Man kann nicht arbeiten, wo man möchte und reisen können wir nur unter schwierigen Bedingungen. Mit meinem Auto kann ich nicht mehr nach Israel und Jerusalem fahren und sogar nach Jordanien zu reisen bereitet viele Probleme. Ich sehe leider kaum eine Hoffnung für mich oder kommende Generationen, dass sich daran etwas ändert. Israel wird in der Westbank bleiben, daran arbeiten sie 24 Stunden am Tag, indem sie zum Beispiel die Siedlungen ausbauen. Wir erwarten uns mehr Hilfe von anderen Ländern, bisher haben alle immer nur geredet, aber es müssen Taten folgen. Für mich als Christ ist es besonders bedrückend, dass viele meiner Glaubensbrüder und –schwestern aufgrund dieser deprimierenden Besatzungssituation emigrieren. Die Geburtsstadt Jesu ohne uns Christen, das darf doch nicht sein!“

George Handal ist 65 Jahre alt und lebt in Bethlehem, direkt neben dem Checkpoint 300. Er ist katholischer Christ und arbeitete vor seinem Ruhestand als Arabisch-Lehrer an der Terra-Sancta-Highschool Bethlehem. Besatzung muss ein Ende haben! weiterlesen

Besatzung muss ein Ende haben!

Sarah und Suar, die Kinder von Ahmed und Halima
Sarah und Suar, die Kinder von Ahmed und Halima

„Das ist unsere Botschaft an die Welt: Ihr habt Gerechtigkeit und Freiheit, nicht solch ein ärmliches Leben wie wir. Helft uns, unser Land vor der Übernahme durch Siedler und Armee zu bewahren. Damit unsere Kinder Sarah und Suar eine bessere und sichere Zukunft haben, in Frieden und Gerechtigkeit.“

Ahmed und Halima leben in einem kleinen Dorf in den Hügeln südlich von Hebron. Seit ihr Heim, eine ausgebaute Höhle, vor 5 Jahren von den israelischen Behörden zerstört wurde, wohnen sie in einem Zelt. Sie leben mit und von ihren Tieren, die Ahmed tagsüber in die umliegenden Wiesen führt. Besatzung muss ein Ende haben! weiterlesen

Besatzung muss ein Ende haben!

Nomika Zion
Nomika Zion

„Nicht in meinem Namen und nicht für mich seid Ihr in diesen Krieg gezogen. Das Blutbad in Gaza geschieht nicht in meinem Namen und dient nicht meiner Sicherheit. Zerstörte Häuser, zerbomte Schulen, tausende neue Flüchtlinge – nicht in meinem Namen, nicht für meine Sicherheit.“ (Auszug aus War Diary from Sderot, Nomika Zion 2009)

Die Friedensaktivistin Nomika Zion lebt seit vielen Jahren in Migvan bei Sderot, einer Kibbutz-Siedlung in unmittelbarer Nachbarschaft zum Gazastreifen. Sie gehört zu den Mitbegründer*innen der Gruppe “The Other Voice“. Mit Informationsveranstaltungen und Touren in der Region Sderot, Publikationen und Petitionen wollen sie aufklären über die physischen und psychologischen Auswirkungen der immer wieder aufflammenden Auseinandersetzungen zwischen Israel und Gaza. Über Telefon und Internet halten die Mitglieder den Kontakt zu Mitstreiter*innen im Gazastreifen. Sie wollen der Gewalt und dem Hass eine „andere Stimme“ der Menschlichkeit, der Vernunft und der Hoffnung entgegensetzen.

Nomika Zion selbst wurde weltweit bekannt durch ihr „War diary from Sderot“, das sie während des Gaza-Krieges 2009 als Appell gegen den Krieg verfaßte, und aus dem das oben genannte Zitat stammt. Zusammen mit dem Arzt Dr. Izzeldin Abuelaish aus Gaza, der drei Töchter im Krieg verlor, erhielt sie 2009 den Niarchos-Preis in New York. Im Jahre 2012 verfaßte sie ein weiteres Statement gegen den Krieg, das in der New York Times veröffentlicht und besprochen wurde.[3] Besatzung muss ein Ende haben! weiterlesen