Checkpoints entlang der Trennbarriere – Teil 3

Ausharren in der Seam Zone

Mahmoud Abu Qbeita und sein jüngster Sohn
Mahmoud Abu Qbeita und sein jüngster Sohn

„Die letzten zehn Jahre meines Lebens waren dunkel“, resümiert Mahmoud Abu Qbeita seine Situation im südlichen Westjordanland. Mit seiner Großfamilie lebt der Landwirt in dem Dorf As Seefer, das in der sogenannten Seam Zone liegt. Es ist zu einer Art Niemandsland geworden, weil es im Süden von der Grünen Linie (Waffenstillstandslinie von 1949) und seit einigen Jahren nun auch im Norden von Israels Trennbarriere eingeschlossen ist. Die Trennbarriere verläuft hier ca. 2km innerhalb der Westbank, um die jüdische Siedlung Mezadot Yehuda auf die „israelische“ Seite zu bringen.

1948 haben Mahmoud Abu Qbeitas Eltern nach der Vertreibung aus dem heutigen Israel in As Seefer Land gekauft und sich eine neue Existenz aufgebaut. In dem kleinen Dorf leben heute 40 Menschen, davon 20 Kinder.

Blick auf den Beit Yatir Checkpoint vom Land der Abu Qbeitas (Foto: A.Lopez)
Blick auf den Beit Yatir Checkpoint vom Land der Abu Qbeitas (Foto: A.Lopez)

2006 wurde – unmittelbar vor der „Haustür“ der Familie – der Checkpoint Beit Yatir gebaut. Seitdem müssen sie alle drei Monate einen neuen Passierschein beantragen, um ihr Zuhause für alltägliche Dinge wie Arbeit oder Einkauf Richtung Westbank verlassen bzw. um wieder in ihr Haus zurückkehren zu können. Besuche von Verwandten oder Freunden sind nicht mehr möglich, weil diese keine Erlaubnis bekommen, den Checkpoint zu passieren. Die Familie ist quasi eingeschlossen in ihrem eigenen Zuhause – umzingelt vom Trennzaun, dem Checkpoint, der Siedlung Mezadot Yehuda, dem Außenposten Nof Nesher, einem Militärstützpunkt und der Grünen Linie.

Der Traktor der Familie, im Hintergrund der Zaun zur Siedlung Mezadot Yehuda
Der Traktor der Familie, im Hintergrund der Zaun zur Siedlung Mezadot Yehuda

„Wenn ich in Yatta Lebensmittel einkaufe, brauche ich für alles, was ich durch den Checkpoint transportiere, eine Genehmigung. Ich darf nur eine begrenzte Menge Lebensmittel „einführen“ und Arbeitsgeräte werden schon gar nicht erlaubt“, erzählt uns Mahmoud. Wenn in den Sommermonaten die Wasservorräte der eigenen Regenwasserzisternen verbraucht sind, ist der Landwirt auf den Zukauf von Wasser angewiesen. Er muss dafür mit seinem Traktor und dem Wasserfass nach Yatta oder As Samu‘ fahren. „Ich brauche dann zunächst einen Passierschein für das Wasserfass, den ich vorher beantragen muss. Die Wassermenge wird ebenfalls reglementiert. 6000 Liter Wasser sind für die israelischen Behörden zu viel. Aber was ist das schon für 100 Schafe und meine große Familie?“

Die Kinder von As Seefer passieren morgens und mittags den Checkpoint, um die Schule im Nachbarort Imneizel zu besuchen. Dabei sind sie – insbesondere beim Rückweg – häufig Befragungen sowie Taschen- und Körperuntersuchungen ausgesetzt.

Ökumenische Begleiterinnen im Gespräch mit Mahmoud Abu Qbeita
Ökumenische Begleiterinnen im Gespräch mit Mahmoud Abu Qbeita

Der Schulleiter führt „Tagebuch“ über die Schikanen, die den Kindern widerfahren. Uns sagt er: „Wenn Ihr die Kinder begleiten, gibt es keine Probleme. Sind die Kinder am Checkpoint alleine, haben sie Probleme.“ Wir sind – wenn möglich – zweimal in der Woche am Checkpoint, um den Kindern einen reibungslosen Heimweg zu ermöglichen und sie an der nicht ungefährlichen Hauptstraße, wo sie gelegentlich zu Zwischenfällen mit Siedlern kommt, zu begleiten.
„Einmal hatte ich meinen Ausweis zu Hause vergessen“, erzählt uns Mahmouds 16-jährige Tochter. „Da haben die vom Sicherheitsdienst mich nicht durch den Checkpoint gelassen. Ich hatte keine Chance nach Hause zu kommen, dabei sehen sie uns doch jeden Tag hier.“

Trotz Großfamilie sind die Kinder zu Hause sehr isoliert. Sie fühlen sich sozial ausgegrenzt, können außerhalb der Schule keine Freunde treffen oder anderen Aktivitäten nachgehen. Die Eltern machen sich große Sorgen. Aber ein Umzug in die Stadt ist keine Alternative für sie. Abu Qbeita ist stolz auf das, was seine Familie unter diesen Bedingungen geschaffen hat. “Unser Land gibt uns alles, was wir brauchen,” sagt Mahmoud, “Öl von den Oliven, Milch, Käse und Fleisch von den Schafen und Weizen zum Brot backen.“ Er liebt seinen Beruf und das Fleckchen Erde, auf dem sie leben.

„ Ich hoffe auf eine bessere Zukunft. Aber mit dem Checkpoint ist meine Zukunft betrübt. Ich versuche trotzdem jeden Tag das Gute zu sehen und ich gebe die Hoffnung auf Frieden in dieser Gegend nicht auf. Deshalb bin ich mit meiner Familie noch hier – auch wenn der Preis hoch ist.“

Elke, im Juli 2016