Aufwachsen in den besetzten palästinensischen Gebieten

Al Auja ist eine kleine Stadt im Jordantal, nördlich von Jericho. Wir besuchen dort eine Beduinenfamilie. Die Familie wurde 1948 aus En Gedi am Toten Meer vertrieben. Seit 30 Jahren wohnen sie an diesem Platz in Al Auja, aber schon dreimal wurden ihre Zelte abgerissen. Auch für das jetzige gibt es eine Abrissankündigung. Seit 2008 wohnt ein Siedler in direkter Nachbarschaft. Seine Stromleitung verläuft über dem Zelt der Familie. Im Gegensatz zu ihm haben die Beduinen keinen Strom, kein fließend Wasser und keine Straße. Bauen dürfen sie nichts, denn sie leben im C-Gebiet. Wir fragen den Vater wie viele Kinder er hat. „Viele“ ist seine kurze Antwort. Ich bohre nach, doch er meint nur mit einem Schmunzeln, dass er es nicht genau weiß, es seien so viele. „Wie viele Ehefrauen haben Sie?“ „Zwei und bald werden es drei sein, inscha`allah“. Eine seiner beiden Ehefrauen setzt sich zu uns und spricht über die Kinder. Seit einiger Zeit gibt es einen Schulbus, das ist ein großer Fortschritt. Vorher sind die Kinder auf einem Esel geritten oder einer der Väter hat alle auf einen Traktorhänger gepackt. Die Mutter meint, dass die Kinder das Leben nicht mögen, ohne Strom, Fernsehen und Computer. Unglücklich sehen die vielen Kinder nicht aus, die um uns herumtoben und sich über die mitgebrachten Kaugummis freuen. Doch einer rosigen Zukunft blickt hier keiner entgegen.

Im Jordantal
Im Jordantal

Nach dem Studium an den Herd

Mädchen sind hier (wie wohl überall in der Welt) die ehrgeizigeren Schüler. Viele machen einen guten Schulabschluss und gehen zur Universität. Für die meisten ist das der letzte Schritt in ihrer Bildungs- und Berufskarriere. Es gibt kaum Arbeitsplätze. Wer keine guten Verbindungen hat, hat kaum eine Chance. Für viele junge Frauen in der ländlichen Region ist völlig klar, dass sie nach oder während der Uni heiraten, Kinder bekommen und als Mütter und Hausfrauen zu Hause bleiben. Ich frage eine Studentin, die kurz vor ihrer Abschlussprüfung steht, ob sie sich schon für eine Stelle beworben hat. Sie schaut mich mit großen Augen an: „Für uns gibt es keine Arbeitsplätze!“ Sie ist seit einem halben Jahr verheiratet und wartet darauf schwanger zu werden. „Was motiviert dich dann auf die Prüfung zu lernen?“ frage ich etwas verdattert. Sie weiß keine Antwort. Ihre Schwägerin erklärt mir darauf, dass es mehr eine „Haltung“ ist. Junge Frauen müssen zur Uni gehen, sonst gelten sie als dumm, faul oder so arm, dass sich ihre Familie die Uni nicht leisten kann. Doch die eigentliche Erwartung der Familie ist, dass sie eine gute Mutter und Ehefrau wird.

 Mahmuds Lieblingsplatz

Mahmud ist ein hübscher Junge, 17 Jahre alt und geht in die 11. Klasse. Er ist ein ehrgeiziger Schüler. Mit seiner Familie wohnt er am Ortsrand von Qariyut, umgeben von Feldern und Olivenbaumwiesen. Unter einem Baum, mit Blick übers Tal und auf die Siedlung auf dem Hügel gegenüber, ist sein Lieblingsplatz. Dort lernt er, wenn es heiß ist. Auch letzten Montag saß Mahmud mit seinen Schulbüchern unter diesem Baum als plötzlich Soldaten auftauchen. Sie beginnen ihm Fragen zu stellen. Er versteht nichts, denn sie sprechen Hebräisch. Immer wieder sagt er auf Arabisch, dass er sie nicht versteht. Die Soldaten werden wütend, weil er nicht auf ihre Fragen antwortet. Sie fesseln ihm die Hände mit Kabelbindern auf dem Rücken. Sie verbinden ihm die Augen und befördern ihn unsanft in ihren Jeep. Im Jeep stellen sie ihm weitere Fragen. Plötzlich spricht einer der Soldaten Arabisch. „Was hast du die letzten Tage hier gemacht? Das ist eine Militärzone. Warum hast du ständig auf in eine Landkarte geschaut?“ Sie verdächtigen ihn, einen Terroranschlag zu planen. Die Soldaten wissen genau, dass es keine Militärzone ist, sondern Land, das zum Dorf gehört. Nach einiger Zeit lassen sie ihn gehen. Seine großen Brüder warten auf ihn in einiger Entfernung, näher heran an den Jeep dürfen sie nicht. Ich frage ihn zum Abschluss unseres Gesprächs, wo er zukünftig lernen wird. Seine Antwort kommt prompt: „Na da unten, unter dem Baum!“

MahmudMit Besorgnis sehe ich, wie hier die Zukunft von vielen jungen Leuten verbaut ist. Die israelische Besatzung trägt Schuld an vielen Problemen: das Wirtschaftswachstum ist beschränkt, ein Austausch von Ideen und Wissen ist durch mangelnde Bewegungsfreiheit reduziert, viele Kinder sind traumatisiert durch Übergriffe des Militärs oder von Siedlern. Doch meine Kritik gilt auch den traditionellen Vorstellungen über Geschlechterrollen, die nach wie vor verhindern, dass viele junge Frauen voll am gesellschaftlichen und wirtschaftlichen Leben teilnehmen können.

 Evi Handke (April 2012)