Auf Leben und Tod — Die Jungs von Iraq Burin

Samstag ist Krieg in Iraq Burin. Seit mehr als einem halben Jahr kommt es jeden Samstag zu Auseinandersetzungen zwischen Siedlern, Soldaten und Palästinensern. Alles begann als Siedler von der nahe gelegenen Siedlung Bracha Bäume, auf zum Dorf gehörendem Land, pflanzten. Die Bewohner von Iraq Burin verteidigten ihren Grund und trieben die Siedler mit Steinen und Stöcken zurück. In der nächsten Woche kamen die Siedler in einer größeren Gruppe ins Dorf und griffen ebenfalls mit Steine an. Seitdem gibt es jeden Samstag um die Mittagszeit gewalttätige Zusammenstöße zwischen palästinensischen Jugendlichen und Siedlern. Meistens versucht die Israelische Armee die Kämpfer mit Tränengas, Blendgranaten und Gummigeschossen auseinander zu treiben. Seit einiger Zeit bringen die Siedler Waffen – ein ungleicher Kampf und immer wieder gibt es Verletzte. Ich habe vor einiger Zeit von Amid erzählt, der von einem Siedler ins Bein geschossen wurde. Wir haben ihn nicht nur im Krankenhaus, sondern auch in Iraq Burin besucht. 3 Wochen nach seiner Verletzung ist er wieder jeden Samstag an der Front. „It is a game“, erzählt einer seiner Freunde. Es sei nicht schön, aber sie müssten ihr Dorf verteidigen. Was seine Mutter dazu sagt, frage ich. „Sie wäre am liebsten mit an der Front“, lacht Amid. Seine Mutter schmunzelt, sie ist stolz auf ihren Sohn und seine Freunde. Wie lange soll das so weiter gehen und wohin soll das führen, will ich wissen. Keine Antwort.

Ein ungleicher Kampf

Dieses Wochenende hatten wir das neue Team zum Handover zu Besuch. Samstag bringen wir die „Neuen“ nach Iraq Burin. Als wir ankommen ist die Schlacht schon in vollem Gange. Siedler sind nicht zu sehen, aber die Jugendlichen liefern sich einen ungleichen Kampf mit den Soldaten. Reifen brennen, Schüsse sind zu hören und Tränengas liegt in der Luft. Unter den Augen der anderen Dorfbewohner bewegt sich die Menge am Rande des Dorfes vor und zurück. Wir hören nicht nur das Geräusch von Blendgranaten und Gummigeschossen. Zwischendurch ist scharfe Munition zu hören. Zu diesem Zeitpunkt wissen wir nicht, dass diese Schüsse heute noch zwei Jungen das Leben kosten werden.

Ein kleiner Junge, vielleicht 8 Jahre alt, rennt mit einem Palästinensertuch vor dem Gesicht und einem Stein in der Hand von der Menge weg. Ein Bild das einem das Herz brechen kann. Was macht diese Gewalt mit den Kindern? Es sieht aus wie ein Computerspiel, aber die Gefahr ist real. Wir beschließen zu gehen, es ist sinnlos einer solchen Veranstaltung beizuwohnen und auch alles andere als Teil unseres Auftrags. Als wir zum Auto zurückkehren, treiben die Soldaten die Menge ins Dorf. Zeit schnell zu verschwinden.

Als wir nach Hause kommen erhalten wir die schreckliche Nachricht. Muhammad (16) erlitt einen Schuss in die Brust und starb wenig später im Krankenhaus. Die Nachricht trifft uns tief. Die Jungs aus Iraq Burin sind auch einfach nur Kinder. Am nächsten Morgen der nächste Schlag: Useid (18), der schwer verletzt im Krankenhaus lag, starb an den Folgen eines Kopfschusses.

Seit Monaten dauern diese Kämpfe an, niemals wurde jemand tödlich verletzt. Es gibt mehrere unterschiedliche Versionen was vorgefallen ist. Die IDF bestritt lange Live Ammunition, also scharfe Munition, verwendet zu haben. Lediglich Riot dispersal methods (vor allem Gummigeschosse) seien angewandt worden, da Palästinenser das nahe gelegene Settlement angreifen wollten. Auch diese Geschosse können, wenn sie unglücklich auf den Körper auftreffen, tödlich sein. Röntgenaufnahmen von Useid und die Tatsache, dass es sich bei Muhammads Verletzungen um einen Durchschuss handelt, widerlegen diese Aussagen. Es gibt aber auch noch eine andere Version der Geschichte. Die Dorfbewohner erzählen, beiden Jungs seien abseits des Geschehens in der Moschee gewesen. Als sie diese verließen, hätten Soldaten, die von der Rückseite ins Dorf eingedrungen seien, auf sie geschossen. „Töte ihn“, soll einer der Soldaten auf Hebräisch gesagt haben. Der Bürgermeister des Dorfes, mit dem wir in engen Kontakt stehen, bestätigt diese Version.

Christina Beil (März 2010)

Jugendliche in Iraq Burin
Jugendliche in Iraq Burin