Atef und Saleh in Salem

Zwei junge Palästinenser vor dem israelischen Militärgericht

Militärgerichtshof Salem nördlich von Jenin am 21. April 2013 um acht Uhr morgens: Vor einem Gebäudekomplex, der wie eine Festung abgesichert ist und bei dessen Anblick der Betrachter eher an ein Gefängnis als an ein Gerichtsgebäude denkt, warten etwa hundert Menschen auf Einlass. Ein Teil von ihnen hofft auf eine neue, mit einem Chip versehene Arbeitserlaubnis für Israel, die anderen hoffen auf ein günstiges Schicksal für ihren Sohn, ihren Bruder, ihren Verlobten.

Der Eingang zum Militärgericht in Salem (Foto: Ekkehart Drost)
Der Eingang zum Militärgericht in Salem (Foto: Ekkehart Drost)

Wir vier Freiwilligen von EAPPI hoffen einfach nur, dass die Genehmigungen zur Beobachtung der Verhandlungen anerkannt werden. Addameer, die israelische Menschenrechtsorganisation „Jews for Justice in Palestine“ hatte sie für uns beantragt. Wir sind gekommen, um der Verhandlung gegen Atef Hawari, 20 Jahre alt, aus unserem Nachbarort Azzun beizuwohnen, angeklagt wegen Werfens von Steinen und in Haft seit dem 28. Mai 2012! Bereits als 16jähriger musste er wegen desselben Delikts eine einjährige Haftstrafe absitzen. Zu befürchten ist jetzt eine Haftdauer von drei Jahren.

Nach dem ersten Drehkreuz warten wir vor einem Untersuchungsraum, in den jeweils zwei Personen eintreten dürfen. Kameras und Handys haben wir in einem Kiosk vor dem Eingang gegen eine geringe Pfandgebühr zurückgelassen. Nach anderthalb Stunden Wartezeit dürfen wir eintreten, Portemonnaies, Kugelschreiber, Notizblock, Schuhe werden einem intensiven Check unterzogen.

„Have a nice day!“

Im nächsten Raum werden die Pässe überprüft und eine Leibesvisitation vorgenommen. „Warum sind Sie in Israel? Gibt es in Deutschland keine Probleme?“ fragt mich der Soldat. Von Tamer, dem verantwortlichen Offizier für Salem, werden wir anschließend auf das Verhalten während der Verhandlung hingewiesen, vor allem: Keine Gespräche mit dem Angeklagten. „Kann ich Ihnen sonst irgendwie helfen? Möchten Sie Kaffee, mit Milch, ohne Milch, Zucker?“ Der freundliche junge Mann, der uns noch gute Dienste leisten sollte, verabschiedet uns mit: „Have a nice day!“

In einem Innenhof mit den Ausmaßen von 8 X 20 Metern warten zahlreiche Angehörige darauf, dass der Name ihres Sohnes aufgerufen wird. An einer der beiden Längsseiten befindet sich ein Warteraum für fünfzig Personen, auf der anderen der Eingang zu den Verhandlungsräumen. An dieser vergitterten und von zwei Soldaten bewachten Tür drängen sich vor allem Mütter, um einen Blick in den dahinter liegenden Gang werfen zu können, an dessen etwa 30 Meter entfernten Ende die Häftlinge kurz vor Prozessbeginn erscheinen, gefesselt mit Hand- und Fußschellen, bewacht von zwei bewaffneten Soldaten.

An der Tür spielen sich herzzerreißende Szenen ab: Erblicken die Verwandten ihren Sohn, winken sie ihm zu, rufen seinen Namen, zumeist mit dem Kosewort Habibi, während die Soldaten eben diese „Kontaktaufnahme“ zu verhindern suchen. Immer wieder fordern sie die Menschen auf, fünf Meter zurückzutreten, verlassen dabei gelegentlich ihr Revier hinter der Gittertür, um ihrer Aufforderung Nachdruck zu verleihen.

Gefesselte Arme zum Gruß in die Luft

„We have a bad life. It´s a prison. And this is a prison in a prison,” erzählt mir der 45jährige Mutasin Alaun aus Sabastya bei Nablus. „Du würdest deinen Hund besser behandeln.“ Mutasin ist Fabrikant von Restaurantmöbeln, beschäftigt 40 Arbeiter und liefert auch nach Israel. Er wartet auf die Verhandlung gegen seinen 21jährigen Sohn, Student, der seit sechs Monaten in Haft ist und von der Mutter einmal pro Monat besucht werden durfte. „Die Soldaten kamen mitten in der Nacht, 30 Mann, fanden meinen Sohn nicht im Haus. Ich wusste, dass er sich bei meinem Bruder aufhielt, musste ihn anrufen, sonst hätten sie das ganze Haus durchwühlt.“

Der Eingang zum Militärgericht in Salem (Foto: Ekkehart Drost)
Der Eingang zum Militärgericht in Salem (Foto: Ekkehart Drost)

Das Schicksal der Wartenden ähnelt sich. Viele von ihnen sind bereits zum dritten Mal nach Salem angereist, jedes Mal wurde der Prozess nach kurzer Beratung auf einen späteren Termin verschoben. Auch wir sollten das in unseren „Fällen“ erleben. Berichte von Eltern, die gerade aus einer Verhandlung zurück in den Innenhof kommen, werden uns übersetzt: Ein junger Mann wollte mit seinem 16jährigen Bruder sprechen und wurde ebenso umgehend von einem Wachsoldaten aus dem Raum verwiesen wie eine Mutter, die sich zunächst bei ihrem Versuch, ein paar Worte ihrem Sohn zuzurufen, nicht einschüchtern ließ. Am folgenden Tag, als wir wieder in Salem sind, haben wir es offenbar mit einer humaneren Wachmannschaft zu tun, die derartige Gespräche nicht sofort unterbindet.

Nach vier Stunden vergeblichen Wartens auf unseren Prozess beginnt um 12 Uhr 15 eine einstündige Mittagspause. Wir können noch einen Blick in den langen Gang werfen. Aus einer der Saaltüren kommt ein gefesselter zierlicher Junge, schaut noch einmal zu seiner Mutter, lächelt zaghaft und hebt die gefesselten Arme zum Gruß in die Luft. Die Soldaten drehen ihn um und führen ihn ab.

Fast sieben Stunden Wartezeit

Ob ich den Anblick des Jungen in der braunen Häftlingskleidung, sein scheues, ängstliches Lächeln wieder vergessen werde, weiß ich nicht. Ich weiß auch keine Antwort auf die Fragen, die sich mir in der Mittagspause aufdrängen: Wer denkt sich ein derartiges Unrechtsregime aus? Wie tief verwurzelt müssen Hass und Verachtung sein, um Menschen schlimmer als Tiere zu behandeln? Warum hört man in den westlichen Ländern keinen Aufschrei des Protests gegen einen Staat, mit dem man sich doch angeblich in einer Wertegemeinschaft wähnt? Und schließlich: Was wird aus den jungen Menschen nach einer Tortur ohnegleichen? Für Monate und manchmal Jahre herausgerissen aus Familie, Schule und Studium. Können sie überhaupt noch Hoffnung auf ein selbstbestimmtes Leben haben, oder sehnen sie die nächste, die Dritte Intifada herbei?

Vater Hawari und seine Tochter hoffen auf die Freilassung von Atef
Vater Hawari und seine Tochter hoffen auf die Freilassung von Atef

Endlich, um 14 Uhr 40, nach fast siebenstündiger Wartezeit, wird Atef Hawaris Name aufgerufen. Mit Vater und Mutter wollen wir durch die Gittertür, als ein Soldat uns den Weg versperrt. Wir dürfen nicht rein! Ein Gebrüll zwischen ihm und uns ruft Tamer, den freundlichen „Officer in Charge“, auf den Plan. Er nimmt den Soldaten beiseite und lässt uns in den Saal. Dort erwarten uns: Ein Richter, sechs Beamte, vier bewaffnete Soldaten und ein Rechtsanwalt. Atef wurden die Handfesseln entfernt, immer wieder schickt er seinen Eltern ein strahlendes Lächeln zu.

Nach drei Minuten ist die Verhandlung beendet, vertagt auf den 26. Mai. Für eine Minute darf Atefs Vater in einem Abstand von drei Metern mit ihm sprechen. Ein bewaffneter Soldat steht zwischen ihnen und achtet auf die Einhaltung dieser Regel.

Zur Regel in einem Militärgericht gehören aber offenbar – nach allem, was ich und andere Beobachter erlebt haben – keine Zeugenbefragung, keine Schilderung des Falles aus Sicht des Angeklagten – er durfte lediglich seinen Namen nennen. Welche Rolle die Verteidigung spielt, ist uns nicht ganz klar. Haben sie überhaupt einen Spielraum? Im Innenhof spielten sich manchmal recht rüde und lautstarke Auseinandersetzungen zwischen Familienangehörigen und Verteidiger ab, die nicht gerade auf eine Vertrauensbasis hinweisen.

Spuren der Misshandlungen

Am Morgen des nächsten Tages finden wir uns wieder um acht Uhr vor den Toren in Salem ein, um die Verhandlung gegen den knapp 15jährigen Saleh R. zu beobachten. Saleh wurde in der Nacht des 6. März 2013 in Azzun festgenommen, zum zweiten Mal innerhalb weniger Monate. Am 6. November 2012 verhafteten ihn die Soldaten, warfen ihm vor, Steine geworfen zu haben; er sollte eine entsprechende, auf Hebräisch verfasste Aussage unterschreiben. Saleh weigerte sich mehrfach, wurde ins Gesicht geschlagen und gegen die Wand gedrückt. Die Spuren dieser Misshandlungen – auch an den Handgelenken fanden sich Schürfspuren von den Handschellen – wurden zwei Tage später, nachdem er wieder entlassen wurde, zum Ärger des israelischen Militärs dokumentiert. Wollte man ihn durch die erneute Festnahme dafür bestrafen?

Saleh
Saleh

Heute beträgt unsere Wartezeit mehr als sieben Stunden. Um 15 Uhr 05 beginnt die Verhandlung. Außer uns dürfen lediglich ein Onkel und sein Bruder anwesend sein. Vater und Mutter, mit denen wir eigentlich verabredet waren, konnten offenbar nicht nach Salem kommen. Da während der Verhandlung die Stromanlage ausfällt und es eine Zeit lang dauert, bis die Computer wieder arbeiten, haben wir Zeit, Salehs Verhalten zu beobachten.

Der zarte Junge strahlt uns immer wieder an, sucht unseren Blickkontakt, steht auf, setzt sich wieder, lacht leise wenn wir ihm zuwinken, verfällt dann wieder in einen verzweifelten Gesichtsausdruck. Er knackt mit den Fingern, trommelt mit den von Handschellen befreiten Fäusten gegen die Stirn, wühlt in seinen Haaren. Saleh setzt sich wieder und fummelt an seinen Fußschellen herum, atmet heftig und versucht irgendwie, seine Emotionen in den Griff zu bekommen.

Schließlich wird die Verhandlung auf den 26.5. vertagt. Onkel und Bruder haben noch eine Minute lang die Möglichkeit, mit ihm zu sprechen. Auch wir dürfen dabei sein. Immer wieder dreht er sein Gesicht zur Seite – er will nicht, dass man seine Verzweiflung und seine Tränen sieht. Dann kommen die Soldaten, legen ihm wieder die Handschellen an und führen den Jungen, der im Juli 15 Jahre alt wird, ab.

Ekkehart Drost (April 2013)