Archäologie gegen Menschen

Ein Bericht aus den South Hebron Hills

Familie Nawaja in Susya
Familie Nawaja in Susya

Langsam und müde geht Muhammad Nawaja auf den Ausgang der Ausgrabungsstätte zu. Dicht hinter ihm, wie eine Drohkulisse, der Militärjeep, der ihm im Schritttempo folgt, bis er das Gelände endgültig verlassen hat. Eine absurde Szene aus dem 2010 von Dani Rosenberg und Yoav Gross gedrehten Dokumentarfilm „Susya“. Er zeigt, wie Muhammad Nawaja mit seinem Sohn Nasser nach fast 25 Jahren zurückkehrt nach Susya. In das Dorf, das einmal seine Heimat war, aus der er vertrieben wurde. Für das er nun eine Eintrittskarte kaufen muss.

Susya – ein Dorf mit Geschichte

Der Name Susya taucht auf der Karte der South Hebron Hills gleich dreimal auf. Zum einen bezieht sich der Name auf den Ausgrabungsort einer antiken jüdischen Siedlung und damit auch  auf das Gebiet, das nach dem Abzug der Kreuzritter ab dem 13.Jh. von muslimischen Familien  besiedelt wurde. 1983 hat sich die angrenzende israelische Siedlung bei ihrer Gründung den gleichen Namen gegeben. Die von der Ausgrabungsstätte vertriebenen Palästinenser, die sich zwischen diesen beiden Orten ansiedelten, nahmen ihren Namen mit und nannten ihr neues Dorf wieder Susya.

Muhammad Nawaja (66) und seine Frau Zahreha (64) lebten mit etwa 60 weiteren Familien seit Generationen im Gebiet des antiken Susya.

„Wie viele  andere auch lebten wir dort in einer der großen Höhlen“, erzählt Muhammad. „Die waren im Winter ein Schutz gegen die Kälte, im Sommer angenehm kühl. Es gab dort reichlich Wasser für uns, unsere Schafe und die Felder. Unser Leben war einfach, aber wir waren zufrieden. Wir bekamen 9 Kinder, 4 Mädchen und 5 Jungen. Alle konnten von hier aus nach Yatta in die Schule gehen. 1986, mein jüngster Sohn Abed war 6 Monate alt, wurden wir über Nacht von hier vertrieben. Wegen der Ausgrabungen, wurde uns gesagt. Genaueres erfuhren wir nicht. Die Soldaten kamen einfach ohne Ankündigung, zerstörten die Zelte für die Schafe, dann verschlossen sie die Höhle mit Felsblöcken. Es gelang uns noch, heimlich einige Felsblöcke beiseite zu räumen und das Nötigste, wie z.B. Decken, herauszuholen. Danach wurde ein Zaun um das Gelände gezogen“.

Höhle in Susya
Höhle in Susya

„Ich bin nachts noch ein paarmal durch ein Loch unter dem Zaun gekrochen und habe einige wichtige Geräte für die Landwirtschaft  über den Zaun geworfen“, sagt Zahreha.

Archäologie in Susya

Schon im 19.Jahrhundert hatten Archäologen in Susya Ruinen einer antiken Siedlung entdeckt. Ab Anfang der 1970er Jahre gab es verstärkte Anstrengungen Israels, vor allem unter Führung Moshe Dajans, in Gaza und der Westbank nach Spuren jüdischer Besiedelung zu suchen, um  ihr historisches Recht auf dieses Land zu untermauern. Dabei verstießen sie gegen internationales Recht, das archäologische Grabungen in besetzten Gebieten ohne Einverständnis der dort ansässigen Bevölkerung untersagt.

In Susya begannen die Ausgrabungsarbeiten 1971. Man fand dort eine Siedlung, die zwischen 400-900 nach Christus bewohnt war: eine Synagoge mit einem Mosaikboden, Ruinen von Wohnhäusern, Wohnhöhlen, Reinigungsbäder und eine Ölmühle. Insgesamt gibt es in dem Dreieck Hebron – Beer Sheva – Arad sechs Ausgrabungsstätten.

Synagoge in Susya
Synagoge in Susya

Vertreibung – und keine Entschädigung

Seit ihrer Vertreibung lebt ein Teil der Nawajas in Zelten auf  dem Rest ihres Landes, der ihnen noch gelassen wurde. Von den 8000 Donum (1 Donum=1000m2), die sie einmal besaßen, wurden 6000 Donum von den Siedlern konfisziert oder zur militärischen Sicherheitszone erklärt. „Wir haben nie eine Entschädigung für unsere Verluste erhalten“, sagt Muhammad Nawaja verbittert. „ Ein Teil unserer Familie lebt nun in Yatta, in der A-Zone, wo es sicherer für uns ist. Der andere Teil bleibt in Susya, auf unserem Land, damit wir nicht noch alles verlieren, weil wir nicht regelmäßig dort sind. Allerdings droht uns ständig die Zerstörung unseres Dorfes.“

Dieser Gefahr sind alle Bewohner der C-Zone ausgesetzt, die gemäß den Osloer Verträge unter israelischer Kontrolle steht. Hier werden gleichzeitig verschiedene Gesetze angewendet. So nutzt Israel ein osmanisches Gesetz von 1858. Danach fällt das Land, das drei Jahre lang landwirtschaftlich nicht genutzt wird, an den Staat zurück, in diesem Fall an Israel. Das kann schnell passieren, wenn die Bauern wegen Wassermangels ihr Land nicht oder nicht vollständig bewirtschaften können.

Außerdem beruft sich Israel auf den Entwicklungsplan der britischen Mandatsregierung aus den Vierzigerjahren. Er erklärte den größten Teil der C-Gebiete zu Agrarflächen, in denen nicht gebaut werden darf. So werden 95% aller Bauanträge abgelehnt. Alle Gebäude, die wegen der Vergrößerung der Bevölkerung so zwangsläufig „illegal“ entstehen, erhalten Abrissbescheide.

Susya – die drohende Zerstörung

Nachdem 1998 113 Zelte in Susya zerstört wurden, sollen unter dem Druck einer Petition der rechtsgerichteten, nationalistischen Organisation Regawim alle Zelte und Gebäude, einschließlich der Schule, Krankenstation und des Kulturzentrums abgerissen werden. Alle 320 Einwohner, davon 150 Kinder, würden wiederum vertrieben. Am 6. Juni soll vor dem Israelischen Obersten Gerichtshof die Entscheidung fallen.

Israelische Soldaten in Susya
Israelische Soldaten in Susya

Alle Entscheidungen können aber grundsätzlich durch Militärverordnungen ausgehebelt werden. So wurde das Gebiet um die archäologische Ausgrabungsstätte zur militärischen Sicherheitszone erklärt. Am 3. April werden wir Zeugen, wie die gesamte Neubepflanzung auf dem Land der Familie Al Idschbar in einer vom Militär geleiteten Operation ausgerissen wird. Bereits im Vorjahr, 2011, sind ihre 13 Zelte und 3 Zisternen zerstört worden, und die Familie wurde nach Yatta vertrieben. Diesmal präsentiert der Leiter der Operation  ein Dokument, wonach bis (vorerst?) 2014 das Gelände nicht mehr betreten werden darf, unter Androhung der Verhaftung.

Die immer stärkere Vertreibung  aus der C-Zone mit gleichzeitigem Rückzug in die größeren Städte unter palästinensischer Kontrolle führt zu einem stetigen Verlust von Hinterland. Land, das die Palästinenser dringend brauchen: für natürliches Wachstum, Landwirtschaft, Müllkippen, Kläranlagen und Verbindungsstraßen zwischen den Dörfern.

Susya – eine Mikrokosmos von Problemen

Während der drei Monate in dem Hügelgebiet südlich von Hebron erscheint mir Susya wie ein Mikrokosmos aller Probleme, die die Besatzung durch Israel für die palästinensische Bevölkerung mit sich bringt. In den vielen Geschichten der Menschen und als Augenzeugin habe ich von Landverlust und Zerstörung von Dörfern erfahren; von häufigen Verhaftungen mit hohen Kautionssummen, oft nur wegen Überschreitung von willkürlich gezogenen Grenzen zu jüdischen Siedlungen; von ständigen Schikanen  und Bedrohungen durch die Siedler, oft ohne  Schutz durch Polizei oder Militär und ohne gerichtliche Verfolgung. So wurde am 11. April in Susya eine Frau beim Schafehüten von mehreren jugendlichen Siedlern mit Metallstangen attackiert und am Kopf und Oberkörper schwer verletzt.

Die Palästinenser, mit denen ich in Hebron, Bethlehem und den South Hebron Hills sprechen konnte, wollen eine friedliche Lösung des israelisch-palästinensischen Konflikts, viele haben aber die Hoffnung auf  eine Beendigung der Okkupation  in naher Zukunft aufgegeben. Auch von der Palästinensischen Autonomiebehörde erhoffen sich die meisten nichts, denn sie glauben ihre Interessen durch diese nicht mehr vertreten und sie fühlen sich mit ihren alltäglichen Problemen allein gelassen. Dasselbe gilt für ihr Bild von der Hamas.

Von den Europäern, speziell uns Deutschen, erwarten sie wirkungsvollere Maßnahmen, um Israel zu veranlassen, die Besatzung zu beenden.

Vor unserer Aussendung in die einzelnen Einsatzorte sagte Bischof Munib Younan, Oberhaupt der Evangelisch Lutherischen Kirche in Jordanien und dem Heiligen Land: „Das Ende der Besatzung ist eine Befreiung für die Palästinenser und Israelis. Es ist inzwischen alles gesagt, Lösungen liegen bereit. Es fehlt nur der Wille, sie auch endlich umzusetzen“.

 Magdalene Schwan-Storost (2012)

Der Film Susya wurde 2011 auf der Berlinale und in Jerusalem gezeigt. Einen zweiminütigen Trailer gibt es by You Tube.